Der Clown

Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, fragte mich mein Vater, was ich mal beruflich machen wolle. Ich feierte die ersten Erfolge mit meiner Band und schrieb jeden Abend entweder Songs oder Geschichten. Bei einem unserer letzten Auftritte hatte ein Mädchen vor der Bühne angefangen zu weinen. Wir spielten gerade ein Lied, das in einer meiner nächtlichen Pathosklausuren entstanden war. Da der Vorfall mich immer noch zutiefst bewegte, antwortete ich:

„Ich möchte Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen.“

„Na fein“, antwortete mein Vater, „dann werd‘ Clown.“

Der Affront traf mich hart, kam aber nicht überraschend. Natürlich hatte er kein Verständnis für die Genialität meiner Kunst. Wie sollte er auch? Rückblickend empfinde ich die Aussage nicht mehr als despektierlich. Ich hatte damals eine tiefsitzende Abneigung gegen Clowns. Weißgeschminkte, rotnasige Spaßmacher jagten mich zähnefletschend durch meine schlimmsten Alpträume. Stephen King war nicht daran Schuld. Ausgelöst hatte die Possenreißer-Paranoia eine Folge der ZDF-Vorabendserie Sherlock Holmes, die ich im Grundschulalter gesehen hatte. Noch heute mache ich in der Fußgängerzone einen großen Bogen um Pantomimen, lebende Statuen und alles was bunt ist und große Schuhe hat. Ich habe keine Angst mehr vor Clowns, aber so richtig grün sind wir uns nicht.

An jenem Tag rangierte ein Clown-Vergleich jedoch unter den Top-3-Grausamkeiten, die man mir antun konnte. Also regte ich mich furchtbar auf, beschimpfte meinen Vater, jagte ihn aus dem Zimmer und beklagte allein leidend die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und die meines Erzeugers im Besonderen. Ich war kein Clown, und ich würde auch keiner werden.

In den folgenden Jahren legte ich mich mit der Musik und dem Schreiben umso mehr ins Zeug. Ich ging nach Berlin, um Tontechnik zu studieren, unterschrieb einen Vertrag bei einem Musikverlag und komponierte und probte und tourte. Ich volontierte bei einer Zeitung, unterschrieb einen Vertrag bei einem Buchverlag und schrieb ein Buch und probte und tourte. Wie besessen jagte ich das Gefühl, das ich gehabt hatte, als das Mädchen vor der Bühne weinte. Das tat ich damals natürlich nicht bewusst. Erst nachdem mir weitere ähnliche Ereignisse vergleichbare Hochgefühle beschert hatten, wurde mir klar, dass es das ist, was mich antreibt: Menschen mit Dingen, die ich tue oder geschaffen habe, berühren und bewegen.

Die Musikkarriere hielt nicht das, was sie versprochen hatte. Möglicherweise habe ich es nicht konsequent genug versucht. Möglicherweise war ich einfach nicht gut genug. Um mich weiterhin als freier Autor zu verdingen, war ich zu feige. Also ließ ich mich von einer ordentlichen Arbeit finden und nahm dankbar die Fünfziger, die sie mir jeden Morgen auf den Nachttisch legte. Ich weiß nicht, ob es Glück oder Fügung war oder ob mein inneres Streben ins Rampenlicht zu stark war, aber die Arbeit führte mich immer wieder auf Bühnen. Der, der auf der Bühne steht, bekommt Applaus, wenn er seine Sache gut macht. Dabei ist es egal, ob er über ein Stöckchen springt oder eine selbstverfasste Rede hält. Die Intensität mag unterschiedlich sein, die Qualität ist es auf jeden Fall. Stöckchen-Applaus bedeutet mir nichts. Applaus dafür, dass ich etwas von mir preisgebe, das Menschen so bereichert oder begeistert, dass sie mit Klatschen, Lachen, Weinen oder Händeschütteln reagieren, schon. Sicher kann man das eitel nennen. Ich nenne es einen Tauschhandel, der wechselseitig Bedürfnisse befriedigt. Beim Publikum das Bedürfnis danach, intellektuell oder emotional berührt zu werden. Beim Auftretenden das, die Wirkung seines Werks, seines Wirkens hautnah zu erleben. Die Energie, die vom Publikum zurück kommt, füllt meinen Vorrat an Blut, Schweiß, Tränen und Liebe auf, den ich brauche, um wieder etwas zu Schaffen, das berührt. Dabei ist es egal, ob das Auditorium aus 5 oder 500 Personen besteht.

Schreiben verschafft mir Befriedigung. Sowohl das nicht zweckgebundene Schreiben, als auch das Schreiben von Strategien, Werbetexten und Briefen. Es hat für mich dieselbe Funktion, wie das Komponieren von Songs. Allerdings sorgt der Schaffensprozess nicht für eben jenes Hochgefühl, das ich zum ersten Mal empfand, als das Mädchen in der ersten Reihe weinte. Das Entwickeln einer smarten Strategie hat für mich keinen Wert, wenn ich sie nicht beim Kunden präsentieren und erleben darf, wie meine Gedanken und Worte wirken. Live. In dem Moment, in dem sie ausgesprochen werden und somit real werden. Das Schreiben einer Kurzgeschichte hat für mich keinen Wert, wenn ich sie nachher einfach auf der Festplatte ablege. Ich erschaffe Dinge, die für Menschen bestimmt sind. Sie existieren nur, wenn Menschen sie hören, sehen, lesen und auf sie reagieren. Ihre Rückmeldung ist der Blitz, der das Herz des Monsters zum Schlagen bringt.

Kreatives Schaffen ist niemals eine Monolog, sondern stets ein Dialog – zumindest, wenn man es darauf anlegt, Menschen zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Mich treibt nicht das „gut gemacht“ an. Mich treiben die Emotionen des Publikums an, die das Werk erst vollständig machen.

Nimmt man all diese Erklärungen, Beteuerungen und Bekenntnisse zusammen, muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass mein Vater ein kluger Mann war.

Ich bin ein Clown.

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