Das kleine Haus hinterm Deich: Draculanja und die 3-Kammer-Klärgrube des Schreckens (Halloween-Spezial)

Es ist bereits früh Dunkel geworden. Der Nebel, den die Mittagssonne nur für wenige Minuten verdrängen konnte, hat sich wieder über die Marschen gelegt. Er deckt auch die Hauptstraße zu, auf der noch vereinzelte Pfützen stehen. Ein graues Tuch, das das Licht der Laternen absorbiert und kalt von Innen glüht. Es ist still. Die Kinder der Nachbarschaft scheinen ausgeflogen zu sein. Hier wird heute niemand klingeln und Süßes haben wollen. Ich nutze die wenigen ruhigen Stunden, die mir bleiben, bevor Lotti mit ihren Freundinnen vom Villenviertel-Raid zurückkommt, um Arbeit zu erledigen, die schon länger liegen geblieben ist.

Mir fröstelt. Ich ziehe die Strickjacke fester um die Schultern und hauche Leben in meine kalten Finger. Irgendein Tier stimmt vor meinem Fenster eine laute Klage an. Wahrscheinlich eine Katze. Wo sind überhaupt die Katzen? Es ist viel zu still. In meinem Inneren macht sich das Gefühl breit, dass ich gerade das einzige lebende Wesen im Haus bin. Eigentlich müssten sie um meine Beine streichen und nach Futter verlangen. Das anhaltende Geschrei des Tieres draußen trägt nicht dazu bei, die aufsteigende Nervosität zu dämpfen. Was, wenn da eine von meinen Katzen schreit? Ich klappe den Laptop zu und gehe die Treppe herunter, um nachzusehen.

Ich zucke zusammen. Ein hohles Brummen brüllt mich aus der lichtlosen Grabesstille des Erdgeschosses an. Das Handy. Es liegt auf dem Tresen. Froh eine Ausrede zu haben, dem markerschütternden Geschrei draußen nicht sofort auf den Grund zu gehen, schalte ich das Licht ein und gehe in die Küche. Das iPhone vibriert abermals. Ein Banner auf dem Screen verkündet den Eingang von zwei WhatsApp-Nachricht. Sie kommen von Anja.

„Hallo“

„Ich schleiche unter deinem Fenster entlang“

Mein Gehirn tut sich schwer damit, die Information zu verarbeiten. Wahrscheinlich sollte ich die Botschaft verstehen. Bestimmt bezieht sie sich auf ein Gespräch, das wir geführt, ich aber vergessen habe. Nein, es gelingt mir beim besten Willen nicht, mir einen Reim auf die Nachricht zu machen. Gerade als ich geist- und wortreich mit einem Fragezeichen antworten will, brummt das Telefon noch einmal. Eine weitere Nachricht erscheint:

„Ich stehe hinter dir“

Was soll das denn jetzt? Ich will auf Senden drücken, doch meine Hand erstarrt in der Bewegung. Ich bin nicht mehr allein in der Küche. Erregt von der kalten Intimität eines Atmers richten sich meine Nackenhaare auf. Eine Stimme flüstert viel zu dicht an meinem Ohr:

„Dreh dich nicht um.“

Mein Herz rast. Selbst wenn ich wollte, ich wäre nicht in der Lage, mich umzudrehen. Das Blut pocht so laut in meinen Ohren, dass ich die folgenden Worte nur mit Mühe verstehen kann.

„Wir gehen jetzt zu den anderen.“

Eine Hand packt mich am Arm. Hart und kalt. Sie zwingt mich, mich umzudrehen. Zwingt mich, dem Eindringling ins Gesicht zu sehen. Es ist Anja. Nein, es ist nicht Anja. Es ist etwas, das Anja ähnlich sieht. Blutunterlaufene blassblaue Augen starren mich aus einer Fratze an, die allenfalls eine groteske Imitation des Gesichts meiner Nachbarin ist. Sie ist schmutzig. Die Ärmel ihres Longsleeves hängen in Fetzen. Getrocknetes Blut kontrastiert das Grau ihrer eingefallenen Wangen. Doch die größte Monstrosität sind die beiden spitzen Eckzähne, die aus ihrem Oberkiefer ragen. Fast berühren sie das feuchte, leicht zitternden Kinn, mit dem sie mir den Weg zur Tür weißt.

„Anja, ich…“

„Sei still. Wir gehen jetzt zu den anderen.“

Draculanja schiebt mich in den Flur. Ihr Schraubstockgriff lässt mir keine Möglichkeit zur Flucht.

„Mach‘ die Tür auf“, befiehlt sie. Mein Körper gehorcht, als hätte ich keine Macht mehr über ihn. Ohne Signale aus meinem Großhirn abzuwarten, legt sich meine rechte Hand auf die Klinke und drückt sie. Anja stößt mich nach draußen. Das wäre nicht nötig gewesen, denn auch meine Beine verrichten ihren Dienst völlig selbständig. Wir gehen weiter über den Hof, durch das Carport und über das schmale Rasenstück, das unser Grundstück von dem von Anja und Thorben trennt. Anja, schiebt mich durch die Kirschlorbeer-Hecke. Dann stehen wir auf ihrer Auffahrt. Auch hier kann man wegen des Nebels kaum etwas sehen. Im trüben Licht der Außenbeleuchtung erkenne ich jedoch, dass einer der beiden Betondeckel, die die Kammern der Klärgrube verschließen, geöffnet ist.

„Gleich sind wir da“, sagt Draculanja und drängt mich weiter. Vor dem schwarzen Loch, das sich im Pflaster des Garagenvorplatzes auftut, bleiben wir stehen. Mit einer blitzschnellen Bewegung reißt sie meinen Kopf an den Haaren nach hinten. Ihr Kiefer schnellt vor. Ein unvorstellbarer Schmerz fährt durch meinen Körper, als sie die Zähne in meinen Hals schlägt. Ich will schreien, kann aber nicht. Schmatzend saugt sie das Leben aus mir heraus. Schluck für Schluck. Innerhalb von Sekunden bin ich zu schwach, mich zu wehren. Meine Beine knicken ein, doch Anja hält meine Haare umklammert und trinkt.

Plötzlich ist es vorbei. Draculanja lässt von mir ab. Die Schmerzen bleiben. Mein Herz schlägt noch. Pumpt Blut aus der geöffneten Halsschlagader nach draußen. Warum bin ich noch bei Bewusstsein?

„Töte mich, bitte“, flehe ich sie an, doch Anja lacht nur und stößt mich in die Grube.

Die Landung ist weich. Der Boden quittiert meinen Aufprall mit einem Stöhnen. Wenige Sekunden später schließt sich unter lautem Kratzen der Betondeckel. Die versiegelte Stille ist ohrenbetäubend. Ich schaffe es mit Mühe, mich aufzurichten. Im hinteren Teil der Kammer fängt ein Kind an zu weinen. Kurz darauf setzt ein mir unbekanntes Geräusch ein. Es übertönt die Klagelaute, lässt die Wände der Kammer erzittern.

„Was ist das?“, frage ich

„Die Pumpe“, antwortet eine Stimme aus der Dunkelheit.

„Thorben?“

„Ja“

„Was für eine Pumpe?“

„Die Wasserpumpe.“

Ich höre ein Plätschern. Es wird lauter. Meine Füße werden nass. Dann meine Knöchel. Schreie gellen durch die Kammer, hallen wider in einem nicht enden wollenden Echo des Grauens. Schon reicht das Wasser an meine Knie.

„Warum tut sie das?“, frage ich Thorben, „warum bringt sie uns nicht einfach um?“

„Je mehr wir strampeln, desto mehr Sauerstoff gelangt ins Wasser“, antwortet Thorben, „je mehr Sauerstoff ins Wasser kommt, desto schneller bilden sich Bakterien. Je mehr Bakterien sich bilden, desto schneller sind wir weg.“

„Weg?“, frage ich erstaunt über die technisch einwandfreie Erklärung meines Nachbarn im Angesicht des sicheren Todes. „Was meinst du mit weg?“

„Zersetzt in Klärschlamm und Wasser. Der Klärschlamm bleibt hier. Ende des Jahres pumpt Firma Schroeder das, was von uns übrig ist, dann einfach ab. Das Wasser geht in die nächste Kammer und schließlich in den Graben.

Dieser verdammte Graben, denke ich. Mit kalten Fingern greift das Wasser nach meinem Bauch. Das Kind weint nicht mehr.

„Thorben, gib mir deine Hand“, sage ich, finde sie und halte sie fest. Es ist gut, wenn man nicht allein ist, wenn man stirbt, schießt es mir durch den Kopf. Dann hört mein Herz auf, zu schlagen.

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