Tüte, Beutel, Sack und Tasche

Die deutsche Sprache ist reich an Mysterien. Über eines stolperte ich heute auf dem Weg zum Einkaufen. Ich benutze eine Einkaufslisten-App, in die ich an einer roten Ampel schnell „Müllbeutel“ eintippte, um nicht einen weiteren Tag bar jedweder Entsorgungsbehältnisse für Restabfall zu sein. Zu meinem Erstaunen konnte die praktische Applikation das Wort in ihrem von klugen Entwicklern vorkonfigurierten, digitalen Gedächtnis nicht finden. „Mülltüte“ schlug sie mir vor. Was soll ich mit einer Mülltüte, dachte ich mir, die ist doch viel zu klein. Ein Müllsack wiederum wäre zu groß. Der Plastikeimer unter meiner Spüle fasst Kunststoffinlays zwischen 20 und 35 Litern Volumen, aber doch keinen Sack. Ein Sack hat nach meinem Verständnis ein Fassungsvermögen von 50 Litern und mehr. Es sei denn, es handelt sich um einen Rucksack, der kann durchaus auch kleiner sein.

Ich kam ins Grübeln. Entscheidet über den Gebrauch von Tüte, Beutel oder Sack tatsächlich das Fassungsvermögen des fraglichen Behältnisses? Wenn ja, gibt es klare Volumengrenzen, an denen eine Tüte zum Beutel und ein Beutel zum Sack wird? Und welche Rolle spielt eigentlich die Tragetasche in diesem teuflischen Spiel? Meine intuitive Skala für die größenbasierte Unterscheidung ist:

  • Alles bis 19 Liter = Tüte
  • alles zwischen 20 und 49 Litern = Beutel
  • alles zwischen 50 und 79 = Sack
  • alles ab 80 Liter = deutlich zu weicher Container

Ein kurzer Blick auf Professor Google’s Ergebnisliste zum Thema bestätigt meine Vermutung: Es gibt keine eindeutige Lösung. Gleich der erste Artikel proklamiert, dass Tüte und Sack sich, wie angenommen, durch ihre Größe unterscheiden, Beutel jedoch ein Oberbegriff sei, den man sowohl auf Tüten als auch Säcke anwenden könne. So ein Blödsinn. Beutel ist auf gar keinen Fall ein Oberbegriff für Säcke, sondern ein Ding von eigenständiger Natur. Ein Turnbeutel ist ein Turnbeutel – keine Turntüte oder gar ein Turnsack. Andere Stimmen behaupten, Beutel sei ein DDR-Begriff. Auch das ist natürlich völliger Mumpitz. Den Tabaksbeutel gab es lange bevor irgendjemand auch nur einen Gedanken an die Errichtung eines Arbeiter- und Bauernstaates verschwendete.

Viel wird spekuliert zur stofflichen Beschaffenheit als Unterscheidungskriterium. Beutel seien in der Regel aus Naturfaser. Nice try. Meine Rewe-Müllbeutel aus Plastik sehen das anders. Einleuchtender scheint mir der Erklärungsversuch, dass sich die Verwendung von Tüte als Bezeichnung für eine Einkaufstragetasche aus der Spitztüte, also der papiernen Verpackung für Obst- und Gemüse, herleitet. Die Tüte wurde größer, irgendwann fiel die Spitze weg und hernach existierte die Spitztüte, ihrer ersten Silbe beraubt, gleichberechtigt mit dem Beutel und der Tragetasche. Letztere zeichnet sich nach meinem Dafürhalten übrigens dadurch aus, dass sie aufgesetzte Henkel hat. Heißt:

  • Plastikeinkaufsbeutel mit ausgestanzten Grifflöchern = Tüte
  • Plastikeinkaufsbeutel mit angeschweißten Griffen = Tragetasche.

Wie genau die Unterscheidung jetzt funktioniert, da es keine Plastikeinkaufsbeutel mehr gibt, vermag ich nicht zu beantworten. Sowohl Jutebeutel, als auch Jutetüten kommen mit aufgesetzten Henkeln, wobei das Wort Jutetüte wohl eher selten verwendet wird. Es erscheint mir wahrscheinlich, dass der Begriff „Tüte“ zumindest in der Einkaufserlebniswelt in naher Zeit aussterben wird. Spitz- und Obsttüten weichen langsam aber sicher praktischen, wiederverwendbaren Obst- und Gemüsenetzen. Die Tüte wird in ihrer ursprünglichen Form mit Spitze bald nur noch bei Geschlechtsakt und Marihuana-Konsum zum Einsatz kommen, ihre modifizierte spitzenlose Gestalt beim Portionieren von Schüttgut wie Mehl, Zucker und Linsen. Dem Beutel wird es nicht viel besser ergehen: Vorbei sind die Zeiten des Geld- und Tabaksbeutels. Allein der stetig anwachsende Teekonsum und die anhaltende Popularität von Kängurus in Fauna, Buchhandlung und Kino vermögen ihn vor dem drohenden Exitus zu bewahren. Fest steht indes, dass er Zeitlebens kleiner und unbedeutender bleiben wird, als der Sack. Nichts fasst Kleider, Müll, Schlaf und Leichen besser, als ein ordentlicher Sack. Alles vier wird es auf absehbare Zeit zur Genüge geben. Vielleicht stehen wir sogar an der Schwelle zu einer Renaissance des Sacks.

Allein die Tasche bekomme ich immer noch nicht so richtig gegriffen. Sie kommt nicht nur als Tragetasche, sondern auch als Hand-, Reise-, Sattel-, Brief-, Haut-, Versand- und Parktasche des Weges. Offensichtlich ist sie keinerlei Normierung hinsichtlich Größe, Material und allgemeiner Beschaffenheit unterworfen. Tasche darf sich somit beinahe alles nennen, in das man etwas hineinsteckt oder hineinstecken könnte, und dabei hinreichend von einem Köcher, Halfter, Etui oder Ranzen zu unterscheiden ist. Das reicht mir als Definition, denke ich. Bevor mir bei der intellektuellen Beschäftigung mit der Beuteltasche meiner Nachbarin das Hirn überkocht, haue ich mal lieber in den Sack.

Lustig ist übrigens, dass man die Überschrift dieses Artikels völlig korrekt wie folgt ins Englische übersetzen könnte: bag, bag, bag and bag.

Ich denke, ich hatte genug Sprache für heute.

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