Das kleine Haus hinterm Deich: Töchter und Totengräber

Im Oktober des vergangenen Jahres hat das kleine Haus hinterm Deich Zuwachs bekommen. Seitdem zählt der aufmerksame Passant zwei Menschen und drei Tiere, die das klinkerne Trutzburglein durch Öffnungen verschiedener Lage, Form und Größe betreten und verlassen. Ein Mensch ist nicht richtig groß, der andere nicht richtig klein. Die Tiere sind alle recht klein, wobei eines denkt, es sei größer als es ist. Auf, über und um die Schuhbank im Flur herum hängen, liegen und stehen wahnsinnig viele Schuhe, Leinen, Geschirre, Jacken, Mützen, Futtergefäße und Kotbeutel. Zumeist leere. Voll sind die Wäschekörbe. Ständig.

Meine Tochter ist bei mir eingezogen. Offenbar hat ihr das Wiederschiffbarmachen des Grabens so gut gefallen, dass sie in den kommenden Jahren unbedingt noch mehr Modder, Matsch, Marschen, Mäuse und Mathe möchte. Mathe wahrscheinlich nicht, aber selbst hier am Deichgymnasium geht’s offenbar nicht ohne. Ohne einen konkreten Plan, wie wir das hier gemeinsam hinkriegen sollen, sind wir Hals über Kopf in kombinierte Findungs- und Alltagsbewältigungsturbulenzen hineingestolpert, in denen die Stimmung im kleinen Haus stetig zwischen Villa Kunterbunt und Castle Wolfenstein schwankte. Eine Testphase gab es nicht und auch kein Rückgaberecht bei Nicht-Gefallen. Für keinen von uns beiden. Von den tierischen Mitbewohnern mal ganz zu schweigen. Inzwischen haben wir uns ganz gut zusammen gerauft. Es herrscht zwar immer noch mehr Chaos, als ich Elternratsvorsitzender, Dorfpolizisten und Gemeindepastor beichten möchte, aber es wird. Und so schlimm war es dann auch wieder nicht. Es wurde niemand verletzt. Auch nicht körperlich.

Fakt ist, dass ich die Aufgabe gehörig unterschätzt habe. Fakt ist auch, dass die große Lütte Fahrfehler ganz gut verzeiht und beizeiten sogar korrigiert. Zudem wurde uns unser Kickdown ohne Trainingsrunde deutlich von unseren famosen Nachbarn erleichtert. Die Macht der Community ist stark hinterm Deich. Jeder übernimmt gemäß seiner Fähigkeiten Aufgaben für die Aufrechterhaltung und Pflege der Gemeinschaft. Sogar ich, der ich weder schweißen, noch mauern oder zimmern kann, habe auf wundersame Weise meine Rolle als Quelle für Eier, Backpulver, Mehl und tröstende Worte gefunden. Offenbar gab es da eine Marktlücke. Die Reihe der höchst wundersamen, jedoch glücklicherweise selten betrüblichen, Ereignisse ist indes nicht abgerissen. Es fühlt sich eher so an, als rasselten noch mehr skurrile Perlen die Schnur zu unserer Haustür herunter, seit wir zu fünft sind.

Leider sind wir vor lauter Beschäftigung mit neuem Wir, altem Haus, neuer Schule, jungem Hund und altem Bulli nicht dazu gekommen, all die sozialen Bonmots aufzuschreiben, die uns vor die mutig voran stolpernden Füße gefallen sind. Daher möchte ich den jüngsten, unverhofften Besuch, der vor einigen Tagen seinen feingliedrigen Zeigefinger auf den Klingelknopf zu legen geruhte, durchaus als Glücksfall, ja als Erweckungserlebnis bezeichnen.

Meine eigenen Sterblichkeit sollte mir von einem Mann vor Augen geführt werden, der an einem Mittwochmorgen vor unserem Carport aus einem Jaguar stieg. Der Jaguar war schwarz, ebenso wie die Kleidung des Fahrers, der kurz darauf die niedrige Treppe zur Haustür hinauf stieg. Wenige Sekunden später war der Zeitpunkt gekommen, an dem er den besagten feingliedrigen Zeigefinger auf den besagten Klingelknopf zu legen geruhte. Er klingelte. Erst durch das leise scheppernde Ding-Dong, das in diesem Augenblick durch den Hausflur schallte, wurde ich seiner Anwesenheit gewahr. Alles, was vorher passiert ist, habe ich erfunden. Bis auf den Jaguar. Ich eilte die Treppen hinunter, um zu sehen, was der Amazon-Bote wohl dieses Mal bringen mochte, öffnete schwungvoll die Tür und erstarrte sogleich misstrauisch die Stirn runzelnd in der Bewegung. Das war nicht der DHL-Mann. Der ist schwarz und trägt ein weißes Hemd. Der Typ vor der Tür war weiß und trug ein schwarzes Hemd. Entweder gab es also keine Pakete oder jemand hatte vergessen, den Tag entwickeln zu lassen.

„Hey, hallo, warum so negativ?“, improvisierte ich einen Gruß, der der Situation angemessen zu sein schien.

„Guten Tag“, sagte der nicht Amazon-Mann.

„Moin“, erwiderte ich, inzwischen wieder halbwegs gefasst.

„Sind Sie Herr Becker?“

„Nein. Ich bin nicht Herr Becker.“

„Ach.“

„Herr Becker ist vor zwei Jahren verstorben.“

„Ich weiß.“

„Also ich bin nicht tot.“

„Ja, aber das weiß ich doch.“

„Sagen Sie, wer sind Sie eigentlich?“

„Ich bin der Bestatter.“

„Aha. Und was kann ich für Sie tun?“

„Ist Frau Becker zu Hause?“

„Glauben Sie mir, hier gibt es niemanden, der Becker heißt.“

„Sie sind also nicht der Freund der jungen Frau Becker?“

„Nein, bin ich nicht. Frau Becker ist in die Stadt gezogen.“

„Ach so ja, ich erinnere mich. Ich suche auch eigentlich die alte Frau Becker.“

„Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen.“

„So. Naja, dann muss ich nochmal nachfragen. Bis bald!“

„Besser nicht. Tschüs!“

Der Mann, der sich „der Bestatter“ nannte stieg in den schwarzen Jaguar und fuhr den Blick starr durch die Frontscheibe auf mich gerichtet zügig rückwärts vom Hof. Kies spritzte auf, als die viertürige Raubkatze aus dem Stand auf die Hauptstraße sprang. Ich schloss die Haustür hinter mir, ging in die Küche und goss mir einen Be-Happy-Tee ein.

Ich hoffe, Frau Becker geht es gut.

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