Schreiben: Der erste Satz

„Der Mann saß am Ufer des Flusses und wünschte sich fort.“ So beginnt eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Der Mann vom Fluss“, die ich 2018 begonnen und bislang noch nicht vollendet habe. Ich weiß nicht, ob der Einstieg sonderlich aufsehenerregend ist, aber zumindest versetzt er den Leser direkt in die Situation und führt zugleich Hauptakteur und zentralen Ort der Handlung ein. Kurz: Ich finde ihn ziemlich okay.

Zugegeben, er ist nicht ganz so auf den Punkt wie „Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen“. Thomas Mann vermag in der Eröffnung von „Der Zauberberg“ die Hauptperson, ihr Alter, ihren Geburtsort, die Jahreszeit, die aktuelle Tätigkeit (Reisen), sowie den Zielort unterzubringen. Das ist die hohe Schule. Kopiert von vielen, hinsichtlich der Informationsfülle sogar übertroffen von Douglas Coupland in dem vierzeiligen ersten Satz, der den Leser in „Generation X“ hinein katapultiert.

Achtung, der ist wirklich zum Genießen:

„Damals in den späten Siebzigern, als ich fünfzehn war, gab ich den letzten Penny dafür aus quer über den Kontinent nach Brandon, Manitoba, tief in die kanadische Provinz zu fliegen, um Zeuge einer totalen Sonnenfinsternis zu werden.“

Was für ein Brett von einem Opener. Ein komplettes Buch in einem Satz – da ist beinahe alles drin:

  • Zeitalter
  • Alter des Hauptdarstellers
  • Finanzielle Verhältnisse
  • Lebensgefühl
  • Aktuelle Tätigkeit (Reise)
  • Dauer der Reise
  • Ziel der Reise
  • Beschaffenheit/ Vibe des Zielortes
  • Grund für die Reise

Coupland stellt von Anfang an klar, dass der Roman Vollgas gibt. Die folgenden Sätze bauen konsequent auf den fulminanten Einstieg auf. Auf nur einer Seite gibt der Autor seinem Hauptcharakter mit einem Blick in die Vergangenheit („damals in den späten Siebzigern“) genug Background, um ihn vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben zu erwecken. Mein erster Satz „Der Mann saß am Ufer des Flusses und wünschte sich fort“ wirkt dagegen natürlich blass. Ich möchte jedoch behaupten, dass er zumindest in einer Liga mit „Wir liegen neun Kilometer hinter der Front“ (Wer zum Teufel ist „wir“, Erich Maria?!), „Aus dem Radio des Taxis ertönte das Klassikprogramm eines UKW-Senders“ und „Es war spät abends als K. ankam“ spielt. Also nur der erste Satz versteht sich. Alle anderen Vergleiche wären vermessen oder würden sogar von fortgeschrittenem Wahnsinn zeugen. Dennoch: Der erste Satz ist wichtig. Er entscheidet zwar nicht darüber, ob ich das Buch weiterlese, bzw. überhaupt erst anfange, aber sehr wohl darüber, mit welcher Erwartung, in welcher Stimmung und mit wieviel Spannung ich mich ins Prosagetümmel schmeiße.

Ks Hauptdarsteller K. ist inkognito unterwegs, als er sich dem Schlossberg nähert. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Und ja, natürlich erzeugt das Spannung und ist im weiteren Kontext mehr als verständlich und zielführend. Das Ziel dieser Übung ist auch mitnichten, Romananfänge überzubewerten oder gar den ersten Satz über die tausend und mehr nachfolgenden zu stellen.

Hier ist Lang-hängen-lassen im Nerdisten Camp, Darß-Didaktik für Dramatiker, progressive Prora-Poesie für Alliterations-Allergiker. Im Kern: Ich beschäftige mich seit ein paar Wochen wieder mit der schöpferischen und nicht nur der konsumierenden Seite der Literatur und bin derzeit glücklich gefangen in der Bewunderung erster Sätze. Jeder der selbst schreibt oder schon einmal geschrieben hat, wird es nachvollziehen können: Dem ersten Satz einer Geschichte wohnt ein ganz besonderer Zauber inne. Wenn alles andere, alle Sätze, Absätze und Kapitel längst fertig geschrieben und lektoriert sind, tüftelt man nochmal am ersten Satz. Ist er stark genug? Ist er anders? Eigenständig? Nimmt er den Leser auf dem kürzesten Weg mit in die Geschichte?

Was rede ich von „man“. Ich habe es gemacht, und ich mache es noch immer. Mein 2006 erschienener Roman „Hotel Europa“ beginnt mit dem Satz „Alles tat weh“. Eindeutig keine Meisterleistung. Der Satz verrät nichts über den Inhalt des Buches, nichts über das Setting, in das sich der Leser einfühlen soll, er gibt keine Informationen preis, die hilfreich sein könnten. Wahrscheinlich hat der Satz einfach knackig zusammengefasst, wie ich mich gefühlt habe, als ich ihn überarbeitet habe. Somit macht er nicht das, was ein hervorragender erster Satz kann – nämlich in den Bann ziehen, Spannung aufbauen, Lust auf mehr machen.

Im besten Fall macht er neugierig. Genauso neugierig wie „Was ist das – Was – ist das…“, der mit Abstand beschissenste erste Satz, den ich jemals gelesen habe.

Es gibt keine Regeln für erste Sätze. Außer, dass sie Menschen berühren sollten. Nicht alle. Das gelingt niemandem. Es reicht, wenn sie einige berühren.

Auf meinem Instagram-Profil poste ich in den kommenden Tagen die Romaneröffnungen, die mich in der letzten Zeit am meisten berührt und begeistert haben sowie erste Sätze einschlägiger Klassiker als Ratespiel für Kanoniker. Ich verwende zum Zitieren die gedruckten Ausgaben, die ich hier im Regal stehen habe, heißt, Sprache und gegebenenfalls Übersetzung der zitierten Textstellen sind zu einhundert Prozent der Güte meiner Heimbibliothek unterworfen.

Feel free to blame me later.

Welcome to the Nerdist Camp

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