Was wir gelernt haben

Groden, Polder oder Koog heißen Gebiete, die der See abgetrotzt wurden. Fedderwardergroden – da bin ich aufgewachsen. Südlich davon. Da haben wir gelernt, was Hoch- und Niedrigwasser ist, was das Watt für uns ist und welchen Respekt wir vor dem Meer zu haben haben. Neulandgewinnung. Buhnen ins Meer hinaus geflochten, um Sand zu fangen und neues Leben zu ermöglichen. Zäune, die nicht dafür das sind, zu trennen, sondern zu neuer Scholle zu vereinen – neues Leben zu schaffen. Priele, die dir die Beine wegreißen, wenn du durchläufst. Die Notwendigkeit immer hinter dich zu schauen, wenn du das Meer vor dir gefunden hast. Das Wissen, dass all die Ruhe und Schönheit um dich herum tödlich ist, sobald du leichtsinnig wirst. Die Erkenntnis, dass die See größer ist als du, dass Mond, Sonne, Sterne, Ebbe und Flut dein Leben bestimmen, forever and ever Amen.

Das alles haben wir damals gelernt. In der Grundschule. Ich kann das alles noch hoch- und runter beten. Nach wie vor. Ich kann Himmelsrichtungen am Stand der Sonne und an Sternbildern bestimmen. Ich kann mich nicht ohne Seife waschen und frage mich immer noch, welcher Seeman bei Nelli im Bett liegen bleiben kann, während Lale Andersen Lili Marleen besingt. Nach dem Abtanzball im Cafe Columbus am Südstrand in Wilhelmshaven waren die Autos weg und die Tänzer baff.

Jedes Jahr. Jahr für Jahr. Die edelste Pflicht, und das wurde uns immer und immer wieder gesagt, sei, dass wir die Menschen, ebenso wie das Land, dem Meer abtrotzen. Wir überleben. Wir Menschen überleben.

Das Spendenboot des DGzRS war allgegenwärtig. In der Schule, im Rathaus, im Museum, im Souvenirladen. Das Spendenboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Uns allen war von klein auf klar: wenn du ein paar Pfennig übrig hast, dann schmeißt du die da rein. Warum? Weil die Typen Menschen vorm Ertrinken retten. Das ist wichtig für uns alle, die hier an der Nordsee leben.

Gestern war ich in St. Peter-Ording und habe seit langer Zeit durch Zufall wieder solch ein Spendenboot gesehen, und ich dachte mir, verdammte Axt, was haben wir alles verlernt. Wir haben verlernt, dass jeder Mensch gerettet gehört, wir haben verlernt, dass jeder Mensch der See abzutrotzen ist. Denn genauso war das immer gemeint. Da ging es nicht um Hautfarbe, es ging nicht um Religion, nicht um Weltanschauung. Es ging um das Meer, das uns ernährt, das Meer, dass uns zusammenflechtet, das Meer, das uns eins macht.

Es ging um Menschenliebe und um gesunden Menschenverstand. Es ging um die Notwendigkeit, Mädchen und Jungs für das Leben in Friesland fit zu machen.

Heute geht es um Parteipolitik und menschenverachtende wirtschaftliche Interessen. Es geht nicht darum, Leben zu schützen – im Meer und an Land. Es geht darum, den Tod von Kindern billigend in Kauf zu nehmen und zu befördern, um nicht hinsehen zu müssen. All das, wofür wir Schüler in Wilhelmshaven gespendet haben, interessiert keinen mehr. Wir haben unsere letzten Pfennige in das DGzRS-Boot geschmissen, damit Menschen vor dem Ertrinken gerettet werden. Menschen, die unsere Eltern, unsere Geschwister, unsere Freunde, Menschen, die hätten wir sein können. Es ging nicht um uns. Wir haben beigebracht bekommen, dass es gilt, jeden Menschen zu retten. Wir haben beigebracht bekommen, dass die See unberechenbar und mächtig ist, und dass es jeden treffen kann. Deswegen haben wir unser Taschengeld gespendet. Immer und immer wieder.

Heute tolerieren wir, dass Frontex und die griechische Küstenwache Menschen aus dem Wasser fischen, um sie später außerhalb der griechischen Hoheitsgewässer wieder ins Wasser zu setzen, damit sie möglichst schnell ertrinken. Heute tolerieren wir, dass europäische Küstenwacht-Boote Schlauchboote rammen, damit unser Nordafrikaproblem bitte nicht ernsthaft unser Problem wird. Nachvollziehbar. Was haben wir auch mit ersaufenden Negern zu tun.

Was haben wir mit Humanität zu tun. Was haben wir mit Gerechtigkeit zu tun. Was haben wir damit zu tun, Menschen aus schäumender See zu retten, sie dem Meer abzutrotzen, was haben wir damit zu tun, Leben zu schützen. Leben zu retten.

Ich muss schäumend brechen, wenn ich wahrnehme, wie die Aufnahme von 150 Jugendlichen aus 11.500 als humanitärer Akt verkauft wird. Ich schäme mich für jede Spende an die DGzRS, die ich als Kind immer mal wieder nebenbei getätigt habe und die mich jetzt in meiner Gutgläubigkeit Lügen straft. Wir retten nicht, wir töten, Wir trotzen nicht dem Meer, wir trotzen der Verantwortung.

Kein Mensch muss ertrinken.

Das habe ich auf der Schule in Wilhelmshaven gelernt. Einfaches Prinzip.

Ein Gedanke zu “Was wir gelernt haben

  1. Menschlichkeit- ist es die fehlt. Und ganz oft die verantwortungslose Antwort „erst Mal die anderen, die können ja auch mal.. dann mache ich auch mit . Mit-gemeint ist aber nicht mit-gemacht oder besser ist gar nichts. Ich frage mich , wie ich die Antwort finden würde- kurz vor dem Ertrinken auf dem offenen Meer 🌊., ..
    Globalisierung verbindet ungefragt zur Schicksalsgemeinschaft und importiert Probleme, die andere herbeige-wirtschaftet haben .
    Keine einfache Lage, aber vielleicht kann jeder seine persönlichen „Pfennige „ in das Rettungsboot werfen .. so wie früher ..auch die Unternehmen und Regierungen und und .,

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