Aushalten

Nein, ich muss gar nichts aushalten. Ich muss nicht aushalten, dass Frauen mehr von mir wollen, als ich geben kann. Ich muss nicht aushalten, dass eine dahergelaufene Club-Bekanntschaft The Weekend als den neuen heißen Scheiß verkaufen will. Und ich muss nicht aushalten, dass Menschen, die den Staat in dem ich geboren bin und lebe für ein Unrechtssytem halten und bekämpfen. Ich muss weder mit den einen noch den anderen darüber diskutieren. Ich muss noch nicht einmal mit ihnen reden. Ich muss einen Scheiß. Ich muss einen verfickten Scheißdreck mit nervigen Tussen, Vollpfosten mit schlechtem Musikgeschmack oder mit demokratiephobem Reichsbürger-Abschaum diskutieren. Ich muss einen Scheiß. Ich diskutiere mit Menschen, mit denen ich einen Konsens suche. Ich suche keinen Konsens mit Menschen, die gut heißen, dass auf den Stufen des Reichstags im Jahr 2020 Reichsflaggen geschwenkt werden. Ich suche keinen Konsens mit Menschen, die offenbar glauben, dass „die Eliten“ Kinder essen, um Bill Gates und der jüdischen Weltverschwörung freien Zugang zu noch mehr Kinderfleisch, Infusionsspritzen und Open-Source-Code zu ermöglichen, um die Gehirne „des Volkes“ zu kontrollieren.

Ich suche keinen Konsens mit Menschen, die meine Freunde als Bedrohung ansehen. Ich suche keinen Konsens mit Menschen, die Umut, Petar, Ankita, Nish, David, Aylin und Maria in ein geeignetes Lager nearby schicken wollen. Ich suche keinen Konsens mit Arschlöchern. Ich suche keinen Konsens mit emotional ausgehöhlten Nazipissern. Warum? Weil ich mit Arschlöchern niemals einen Konsens finden werde. Warum das so ist? Weil ich kein Arschloch bin. Muss ich mich jetzt dafür schämen? Muss ich mir Gedanken darüber machen, warum ich kein Verständnis für eine Horde Sackgesichter habe, die meinen, den Sitz des deutschen Bundestages zu stürmen? Muss ich über die Leidensgeschichte einer verdreadlockten Heilpraktikerin aus der Eifel nachdenken, die meint, einem österreichischen Postkartenmaler nacheifern zu müssen?

Muss ich einem mittelmäßig begabten Koch, der sehr viel Chuzpe (das Wort würde er hassen, so er es versteht…) und sehr viel Berlin im Rücken hatte, dafür applaudieren, dass er seine Medikamente absetzt und durchdreht? Nein. Nein, das muss ich nicht. Ich muss mich mit dem ganzen Geschmeiß weder unterhalten, noch muss ich sie aushalten, noch muss ich über sie nachdenken. Jetzt nicht, morgen nicht und in Zukunft nicht. Was ich machen muss, ist, sie zu bekämpfen. die Holocaust-Leugner, die Demokratie-Feinde, die elenden Sympathisanten von überkommenen Systemen, von Faschismus und Nationalsozialismus. Die Revisionisten. Die Maden im Speck. Die Kaputtmacher, die Zerstörer, die Hassenden. No one is left behind. Zu fallen ist keine Entschuldigung. Zurückgelassen werden ist keine Entschuldigung. Versagen ist keine Entschuldigung, Selbsthass ist keine Entschuldigung. Es gibt keine Entschuldigung. Es gibt keine Entschuldigung dafür, was – dem Vernehmen nach – 40.000 Vollidioten diesem Land antun. Was sie mir antun. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Es gibt keinen Weg für Dialog, weil ihr ihn nicht wollt. Es gibt keinen Weg zu Frieden, weil ihr ihn nicht wollt. Es gibt keinen Weg zurück zu Liebe, weil ihr nur Hass sucht. Ihr seid Abschaum. Ihr sät Zwietracht, ihr tut mir in schwachen Momenten leid. In ganz schwachen Momenten, ganz selten.

Menschen des gesamten politischen Spektrums versuchen seit Jahren, einen Konsens zu finden, auf Basis des Grundgesetzes, auf Basis unserer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung. Das machen sie ganz okay, wohlgemerkt. Die Linken sind von passiv-aggressivem Häkeln dahin gekommen, dass sie Auslandseinsätze der Bundeswehr gut heißen, und die Rechten gestehen ein, dass Frauen mehr sind, als Schmuck am Herd und dass Kohlestrom vielleicht keine so Bombenidee war.

Wir haben so viel geschafft. Wir haben uns wiedervereint – leidlich, aber nicht schlecht. Wir haben die Eurokrise überstanden, wir haben in großen Teilen Corona überlebt, und jede von euch dämlichen Fascho-Hackfressen kann sich nach wie vor mehr als genug Bratwurst und Bier leisten. Weil es euch dufte geht. Weil das „System“, das ihr abschaffen wollt, eure bescheidene Existenz bezahlt. Wixxer.

Das, was wir haben fußt auf Freiheit. Das, was wir haben fußt auf Gleichheit. Das, was wir haben fußt auf „scheiß auf die verfickte Religion und Hautfarbe und komm mit deiner Homophobie klar“. Das, was wir haben fußt auf einem Mindestmaß von Verstand. Das, was wir haben, fußt auf einem Sticker der Band „Rausch“ (die älteren werden sich erinnern), auf dem stand „Keine Macht den Doofen“. Das, was wir haben fußt auf Verständnis, Liebe und Zuversicht.

Verständnis für das, wo wir herkommen und das, was das für uns bedeutet.

Liebe für alle Menschen, die uns akzeptieren und mit uns den Weg gehen wollen.

Zuversicht, dass wir als diverse, aufgeklärte Europäer einer besseren Zukunft entgegen streben.

Zuversicht, dass ihr Wichser irgendwann euer Hirn entdeckt.

Das System ist nicht perfekt. Man ändert es nicht, indem man es zerstört. Wir ändern es, indem wir es Schritt für Schritt besser machen. Jeden Tag. Zusammen mit Umut, Petar, Ankita, Nish, David, Aylin und Maria. Für uns alle. In Verständnis, Liebe und Zuversicht.

P.S.: Ich hasse Faschisten. Ich hasse Antisemiten. Ich hasse Rassisten. Ich hasse religiöse Eiferer. Ich hasse Dogmatiker. Ich hasse Menschen, die hassen.

P.P.S.: Nazi punks fuck off!

2 Gedanken zu “Aushalten

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