Short Cuts: Mosambik (Söldner #2), 2003

Sein Kopf ist schwer und der Pelz auf seiner Zunge schmeckt nach Erbrochenem. Eigentlich sollte der Söldner tot sein, sollte mit einem Loch im Schädel im Busch liegen. Eigentlich sollten sie ihm jetzt das Gold aus dem Gebiss brechen und seinen Körper aufschneiden, damit die Schakale ihn bald wittern. Eigentlich. Eigentlich sollte er froh sein. Froh sein in einem Bett aufzuwachen, froh sein aufzuwachen. Sein Gesicht ist klebrig. Er kann seine Augen nicht öffnen. Es stinkt nach Fäkalien und getrocknetem Schweiß. Jeder Muskel seines Körpers schmerzt. Ihm ist schlecht. Der Söldner ertastet seine Stirn, reibt sich die Schläfen. Gedämpfte Stimmen unterhalten sich in einer fremden Sprache. Er schmeckt seine Finger: Blut. Sein rechter Arm scheint gebrochen zu sein. Es ist heiß. Die Moskitos machen ihn verrückt. Sie verbeißen sich in seinen Wunden, fliegen in seine Ohren und in seinen Mund. Eigentlich sollte der Söldner tot sein. Er versucht, sich zu bewegen, kann seine Beine nicht spüren. „Wo sind meine Beine?“ Die Stimmen werden lauter. 

Schritte – eine Tür wird geöffnet. 

Jemand schreit ihn an. Er kann ihn nicht verstehen. Jemand schlägt ihm in die Nieren. Dann mit der Faust ins Gesicht – einmal, zweimal, dreimal. Er hört sich wimmern. Seine Stimme ist ihm fremd. Er empfindet kein Mitleid. 

Schritte – die Tür wird wieder geschlossen.

Der Söldner ist allein. Die Angst hat ihn schon vor Tagen verlassen. Bald werden auch die Schmerzen gehen. Die Moskitos sind ihm egal. Er schmeckt seine Lippen: Salz. Er kann seine Augen jetzt öffnen. Die Dunkelheit bleibt. Irgendwo draußen schreit ein Vogel. Eigentlich sollte der Söldner tot sein. Er findet seine Beine wieder. Sie gehören ihm nicht mehr, er will sie nicht haben. Noch mehr Schmerzen. Ihm ist schwindelig. Durst und Hunger haben seinen Willen geraubt. Wie Diebe in der Nacht haben sie sich angeschlichen, Gefährten der Qual. Haben ihm auch das noch genommen, was die Soldaten ihm ließen. Die Schwärze vor seinen Augen weicht einem blasskalten Zwielicht.

Schritte – die Tür wird geöffnet.

Grelles Licht. Er zwingt die Lider, sich nicht zu schließen. Sonnenstrahlen bohren sich wie Pfeile in die Pupillen. Ein Mann betritt seine Zelle, spendet Schatten. Er ist sehr groß. Er kennt ihn. Wie ist sein Name? Er trägt etwas in seiner rechten Hand, einen Eimer vielleicht. Er bewegt sich schnell. Schon ist er über ihm. Eiskaltes Wasser ergießt sich über seinen geschundenen Körper. Es brennt. Wieder ein Schrei. Der Söldner schmeckt seine Lippen: Salz. Die Schmerzen sind unerträglich. Doch er ist zu schwach, um sich zu winden. 

Schritte – Dunkelheit.

Er schließt die Augen. Ist allein mit sich und dem Schmerz. Sie sagen, man sieht ein Licht, wenn man stirbt. Er sieht die Rückseiten seiner Lider. Erschöpfung. Der Söldner will schlafen. Sam sagt, Schlaf sei der kleine Bruder des Todes. Eigentlich will er tot sein. Was bleibt ihm, als auf die Erlösung zu warten. Er hat das alles nie gewollt. Keiner hat den Krieg gewollt, sagen sie. Seit dreißig Tagen dauern die Gefechte an. Er ist müde. Sie haben ihn vor fünf Nächten aufgespürt und verschleppt. Sie wollten ihn töten. Er ist ein Verräter. „Erschießt mich doch endlich!“ Er hat sie angefleht, immer und immer wieder. Das Salzwasser frisst sich erbarmungslos in seine Wunden. Wann verliert er endlich das Bewusstsein?

Schritte – Tür auf, zwei Männer.

Sie zerren den Söldner aus dem Bett, heben ihn hoch. Seine Beine schleifen taub und schwer über den Boden. Sie verlassen die Zelle. Die Sonne steht hoch am Himmel. Es ist furchtbar heiß. Sein Gesicht schlägt hart auf der Ladefläche auf. Der Motor läuft bereits, als die Männer einsteigen. Der Große heißt Albert. Er gibt Gas. Die Reifen drehen kurz durch. Blut, Schweiß, Salz und Sand. Sein Körper ist klebrig, alles juckt und brennt. Wo bringen sie ihn hin? Er will sich kratzen, kann sich aber nicht bewegen. Die Sonne hasst ihn. Sie will ihn ausdörren. „Verschwinde!“ Alles dreht sich. Dem Himmel sei Dank – er fällt in Ohnmacht! 

Schritte – der Söldner wacht auf.

Der Wagen hat angehalten. Es ist dunkel. Kühle Luft schmeichelt seiner versehrten Haut. Die Nacht ist sein Freund. Sie packen die Beute an den Hinterläufen und ziehen sie vom Jeep herunter. Die Jagd war erfolgreich. Sein waidwundes Ich erwartet den Gnadenschuss. Er frisst Staub. Schwere Stiefel bohren sich in seinen Magen, treffen seinen Kopf und seine Genitalien. Niemand schreit. Er hat es verdient. Er ist ein Verräter. Die Soldaten schleifen ihn in den Busch. Sie drehen ihn auf den Rücken. Alles dreht sich. Die Trommel dreht sich und rastet ein. Albert spannt den Hahn. Der Lauf reflektiert das Mondlicht. „Erschießt mich doch endlich!“ Er schreit wie ein trotziges Kind. Mündungsfeuer durchbricht die Schwärze der Nacht. Er sieht die Kugel auf seine Stirn zufliegen. Gleich gehen auch die Schmerzen. Das Geschoss dringt in seinen Schädel ein. Der Söldner ist tot. Albert beugt sich über ihn und zückt eine Rohrzange. 

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