Utopien für eine lange Nacht: 2. Ankommen

Meine Bilanz gescheiterter Beziehungen reicht in DIN A4 ausgedruckt, chronologisch sortiert und entsprechend hochkant aneinandergereiht von Dortmund nach Berlin und zurück westwärts von Berlin nach Frankfurt. 846 Kilometer. Luftlinie. Das habe ich gerade berechnet. Im Kopf. Ganz ohne Hilfe. Dabei liegt mir Rechnen eigentlich nicht. Rechnen liegt mir genauso wenig wie Lügen. Ich kann nicht rechnen. Lügen kann ich. Manchmal. Selten. Aber es liegt mir nicht.

Streng genommen ist Lügen eine deutlich größere Fähigkeit als Rechnen. Für Rechnen gibt es Excel. Für Lügen gibt es nichts. Keine unterstützende Software, kein MS Lie, kein Lügenkalkulationsprogramm, das unten, unter dem Strich, eine Auto-Summe zieht, die die Konsequenzen des zuvor getanen sicht- und überprüfbar macht. Das ist definitiv eine Marktlücke – lenkt aber massiv vom eigentlichen Thema ab.

Das Thema ist “Ankommen”. Ein schönes Thema. Ein Thema, das mich seit (fast) 40 Jahren beschäftigt. Ankommen ist wichtig. Das wurde mir von meinen Eltern so mitgegeben. Irgendwann musst du irgendwo ankommen. Je früher, desto besser. Seit diesem gut gemeinten  – und sicherlich richtigen – Rat bin ich auf der Reise. Unentwegt. Immer Bewegung. Immer Veränderung. Ich reiste von Dortmund nach Berlin. Ich reiste von Berlin nach Halle an der Saale und zweieinhalb Jahre später wieder zurück in die Hauptstadt. Gerade angekommen stellte ich fest, dass ich das schon einmal hatte und zog nach Frankfurt am Main. Da blieb ich eine ganze Weile. Dann verschlug es mich wieder nach Berlin, aber Berlin wollte, dass ich ganz woanders bin. In Folge ging ich nach San Francisco, New York, Los Angeles, Las Vegas und Düsseldorf. Düsseldorf…der Name allein hätte alle Alarmglocken zum Schrillen bringen sollen. Gerade noch bei den Engeln, jetzt schon in einem Dorf, das an einem Rinnsal liegt, das so langweilig ist, dass sich selbst gattungsintrinsisch wasserbegeisterte Enten ob der träge dahinfließenden 1,20 Meter breiten Fluten täglich das Leben nehmen.

Das ist tragisch. Noch tragischer ist jedoch die Tatsache, dass ich, wann immer ich reinen Herzens nach Ankommen strebte, lediglich eine weitere Fernreise geschenkt bekam. Gut. Den ganzen Mist habe ich mir selbst eingebrockt. Das würden zumindest böse Zungen behaupten. Allein Menschen, die in Zungen reden, sind alles andere als en vogue. Recht haben einige von ihnen trotzdem.

Glücklicherweise geht es hier nicht um mich. Es geht darum, anzukommen. Aber was heißt das eigentlich?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Aber ich habe eine Ahnung. Ich habe eine Theorie, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat, seitdem ich nach Schulabschluss zu Hause ausgezogen bin, um das Fürchten zu lernen. Fürchten kann ich mich wie kein zweiter, so viel steht fest.

Hier meine Theorie: Dem Wunsch anzukommen liegt das Bedürfnis zu Grunde, irgendwie, irgendwo, irgendwann eine Heimat zu finden. So weit, so einfach. Die Crux ist aber, das Heimat kein Ort ist. Das kann jeder bestätigen, der jemals die Chuzpe hatte, das Wort ins Navi einzutippen.

Heimat ist von Menschen geprägt. Keine Frage. Heimat ist von den Menschen geprägt, die dir das Gefühl geben, dass du dich fallen lassen kannst. Dass du du selbst sein kannst. Dass du eins bist mit deiner Idee von dir und dem, was du verkörperst. Diese Menschen sind ein essentieller Teil von Heimat. Diese Menschen sind mehr Heimat, als ein Fenster mit Blick auf Entengrütze, die auf besonders “poshe” Weise vor sich hin dümpelt, jemals sein kann. Was ist aber, wenn diese Menschen furchtbar weit weg sind? Und wie viele dieser Menschen gibt es überhaupt für jeden von uns? Da ist der jemand, den du liebst. Da sind deine Mutter, dein Vater, deine Geschwister. Da sind Freunde, die Ersatzdienst leisten, wenn die ersten Reihen gefallen sind. Da ist die Arbeitskollegin mit dem befremdlichen Dialekt, die erstaunlicherweise ähnlich tickt wie du. Da ist der Typ aus der Kneipe, der den selben Verein mag. Da ist dein alter Schulfreund, mit dem du dreimal im Jahr telefonierst. 10 Menschen. Maximal. Für jeden von uns. Immerhin.

Ich glaube, Heimat ist etwas anderes. Heimat ist da, wo du dir keine Gedanken darüber machst, wie der Kassierer beim Kaisers über deine zerstörte Frisur denkt. Heimat ist da, wo du keine Zukunftsangst hast. Heimat ist da, wo du traumlos schläfst, um am nächsten Morgen voll Tatendrang aufzuwachen. Heimat ist da, wo deine Dämonen nicht rein dürfen, selbst wenn sie Lackschuhe tragen. Heimat ist da, wo du dich abends einfach hinsetzt und ein Buch liest ohne darüber nachzudenken, dass du dich einfach hinsetzt und ein Buch liest. Heimat ist da, wo das Jetzt zählt, während Geschichte und Zukunft irrelevant sind. Heimat ist da, wo du mit dir im Reinen bist. Heimat ist Frieden. Heimat ist in dir. Heimat is just a ten letter word: Willkommen!

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