Utopien für eine Lange Nacht: 1. Scheitern

Wenn man das Wort “Scheitern” im Duden nachschlägt, findet man das folgende:

“scheitern”

– schwaches Verb

Bedeutungen:

Ein angestrebtes Ziel o.Ä. nicht erreichen, keinen Erfolg haben

misslingen, missglücken, fehlschlagen

Neben der Tatsache, dass nach meinem Empfinden “scheitern” unabhängig von seiner Konjugation ein sehr starkes, vielfältig aufgeladenes Verb ist, das sich substantiviert ohrenscheinlich nur in einem so unangenehmen Ding wie dem “Scheiterhaufen” wieder findet, widerstrebt es mir, Scheitern mit “keinen Erfolg haben” gleich zu setzen. Ich behaupte nicht, Christoph Schlingensief verstanden zu haben. Den Slogan “Scheitern als Chance” habe ich verstanden.

Zu meinem Job gehört es, in schöner Regelmäßigkeit, Bewerbungsgespräche zu führen. Neben dem gemeinhin bekannten Standardrepertoire, stelle ich jedes Mal die Frage nach “dem Scheitern”.

Also, “Wann haben Sie mal so richtig was vor die Wand gefahren? Was war ihre größte Niederlage?”

Die meisten Bewerber reagieren perplex, drucksen rum, genieren sich, eine Antwort zu geben. Die meisten von ihnen – das sei ihnen zu Gute gehalten – sind auch eindeutig zu jung, um schon einmal in den Genuss einer grundsoliden Bruchlandung gekommen zu sein. Genuss möchte ich in diesem Zusammenhang bitte in Anführungsstriche gesetzt wissen. Ein Genuss ist Scheitern wahrlich nicht. Ich habe bereits diverse Chancen dazu gehabt, und ich habe sie alle genutzt.

Mein stets folgender Versuch, den- oder diejenige, der oder die mit mehr oder weniger großem Selbstbewusstsein ausgestattet, vor mir sitzt, zu beruhigen, läuft gemeinhin ins Leere.

“Keine Sorge, du wirst noch früh genug scheitern”, sage ich und entnehme den pikierten Blicken, dass das eher als Drohung, denn als Zuspruch gewertet wird. Scheitern wird offenbar als Katastrophe, als Unding, als menschliches Versagen, ja, als Defekt, wahrgenommen. Unsere Gesellschaft lässt keinen Raum für Scheitern. Unsere Erziehung kennt nur Erfolg. Mit Häme wird auf die geblickt, die im Kampf um große Träume zu Boden gehen. Nach dem Grund wird nicht gefragt, es heißt nur: “Guck mal, da hat er sich wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt.” So werden aus großen Träumen kleine, allgemein verdauliche Träumchen, wie “für eine handvolle Wochen Deutschlands Superstar zu werden” oder “einmal neben Kai Pflaume zu sitzen”. Echte Träumer scheitern. Wieder und wieder.

Ideen, deren Haltbarkeit über die eines leidlich erfolgreichen YouTube-Filmchens hinaus gehen, werden nicht über Nacht verwirklicht. Aus Scheitern entsteht Größe. Aus Scheitern entsteht Menschlichkeit. Menschlichkeit im Sinne von “Mensch-sein”. Im Sinne von verstehen, was “Mensch-sein” ausmacht – in guten, wie in Scheiß-Zeiten. Wenn ich also meinem Gegenüber prophezeie, dass es noch früh genug scheitern wird, so heißt das mitnichten, dass ich ihm schlechtes wünsche, sondern das genaue Gegenteil: Ich wünsche ihm von Herzen, mehr Mensch zu werden. Am Scheitern zu wachsen. So viele Erfahrungen zu sammeln, wie möglich. Seinen eigenen Weg zu gehen. Vom ausgetretenen Pfad abzubiegen, wenn das Verfolgen seiner Träume dies erfordert. Dinge vor die Wand zu fahren. Scheiße zu bauen. Auf die Fresse zu fallen. Geld, Freunde und vermeintlich Reputation zu verlieren, aber vor allem: immer wieder aufzustehen. Das Aufstehen ist in diesem Prozess deutlich schwieriger als das Hinfallen. Oft schafft man das aus eigener Kraft. Manchmal braucht man eine helfende Hand. Die helfende Hand von einem, der steht. Die Crux: Viele “Steher” sind nicht gewillt einem “Lieger” auf zu helfen, da sie ja bereits in der Schule gelernt haben, dass Scheitern “pfui” ist. Hochmut kommt vor dem Fall. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Was Hänschen nicht lernt…und so weiter und so fort. Mit Menschen, die gescheitert sind, wollen wir ohne Schutzkleidung, -impfung und -bunker so wenig wie möglich zu tun haben. Am Ende ist solch übler Misserfolg noch ansteckend…

Glücklicherweise gibt es sie aber doch, die Steher, die ihre Hand nach unten ausstrecken. Oft sind sie in der Wahrnehmung der Allgemeinheit “erfolgreich”. Oft werden sie in der großen, der öffentlichen Handreichung geschmäht dafür, dass sie anderen auf die Füße helfen.

“Ja, klar, das macht er, weil er nicht weiß, wohin mit seinem Geld, der privilegierte Arsch”, sagen wir und ziehen uns zurück in unsere ach so bedauernswerte 40-Stunden-Wochen-Lohnsklaven-Lethargie.

Dass “die Hand ausstrecken” einkommensunabhängig passiert, kommt uns dabei nicht in den Sinn. Die “Aufhelfer” sind gemeinhin die, die selbst ihre Erfahrungen mit Scheitern gesammelt haben. Die, die “Mensch-sein” verstanden haben. Scheitern als Chance. Die Chance, als Individuum zu wachsen und gleichzeitig unser Gemeinwesen aus der preussischen Finsternis, die unser G8-Schulwesen und unsere auf Gehorsam ausgelegte Arbeitswelt dominiert, heraus zu führen. Stück für Stück. Ein weiterer Schritt mit jedem Scheitern und jedem Aufstehen.

Das ernüchternde Paradoxon in dieser vermeintlich simplen Gleichung ist, dass die, die sich für die aufrechtesten Steher halten, seit Jahren am Boden liegen, ohne es zu merken. Diejenigen, die fortwährend laut schreien, um sich selbst vorzugaukeln, dass sie “fest gemauert in der Erde, wie die Form aus Lehm gebrannt” aufrecht im Sturm stehen. Diejenigen, die weder mit dem vorangegangen Zitat, noch mit “Mensch-sein” etwas anfangen können. Diejenigen, die anderen Träume neiden. Diejenigen, die anderen Möglichkeiten neiden. Diejenigen, die den Neid, der sich Tag für Tag an ihrer verkrüppelten Seele labt, mit Angst verwechseln. Mit der Angst, die sie zwingt, liegen zu bleiben. Der Angst, die sie in Hass umwandeln, da sie nichts anderes gelernt haben. Sie verstehen nicht, was um sie herum passiert, verwechseln unten mit oben. Jesus aber spricht: “Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.”

Gut, ich bin (offenkundig) nicht Jesus, und ich war im Handausstrecken bislang nicht allzu erfolgreich. Aber ich habe ein paar Dinge gelernt.

1. Wir brauchen Träumer, die Scheitern und wieder auf die Füße kommen – so viele, wie wir kriegen können. Scheitern macht aus Lehm menschliche Wesen.

2. Die Phrase “die da oben” muss sofort aus unserem Wortschatz gestrichen werden – hätte nie in unseren Wortschatz auftauchen dürfen. Gleiches gilt für “Lügenpresse”, “Islamisierung”, “Laktose-Intoleranz” und “Scheiterhaufen”.

3. “Wir schaffen das” nur gemeinsam. Die Stehenden. Die, die keine Angst haben. Die, die wissen, dass Scheitern Chance bedeutet. Entscheide selbst, ob du einer von denen bist.

4. Wenn wir “das” geschafft haben, müssen wir daran arbeiten, das wir unser Bildungssystem und unsere Einstellung zu Nationalstaaten ändern.

5. Je kleiner die Träume, desto kleiner das, was realistisch erreicht werden kann. Wollte Carl Benz eine Lindenblüten-verklebte, unsportliche Zweiliter-Diesel-Familienkutsche mit selbsthaftenden Hello-Kitty-Sonnenblenden im Fond erfinden? NEIN! Carl Benz wollte nicht weniger als eine verdammte Revolution im Personenverkehr.

Puh…so viel zum Gap zwischen Traum und Wirklichkeit. Stellt euch einfach vor, was herausgekommen wäre, wenn olle Carl sich den guten Stern auf allen Straßen von vornherein als rollende Wickelkommode mit Getränkehalter vorgestellt hätte. Stellt euch das vor und urteilt dann noch einmal über scheiternde Träumer.

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