Gleichheit macht den Unterschied

„Erstmal, glaube ich, wäre es wichtig, da ein gutes Elternhaus zu haben…” 

Sandro Wagner

Sowohl die Gleichbehandlung von Frauen und Männern im Beruf, als auch der Kampf gegen die Diskriminierung von Menschen auf Grund ihrer sexuellen Identität sind längst Gegenstände des gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Das ist gut und wichtig. Ein Grund für Diskriminierung, der in Deutschland mittlerweile knapp 14 Millionen Menschen betrifft, wird jedoch weitestgehend totgeschwiegen: Armut. Seit Jahren ist bekannt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der sozialen Schicht, in die ein Kind hineingeboren wird, und seinen Bildungs- und Aufstiegschancen gibt. Das gilt für Mädchen und Jungs gleichermaßen. Nachlesen kann man die entsprechenden Daten unter anderem in der aktuellen Erhebung des statistischen Bundesamtes zum Bildungsstand in Deutschland. 

Doch nicht nur die Schlüssel zu Schule und gut dotiertem Job werden nach Einkommensniveau der Eltern verteilt, auch der Zugang zu Kultur und Sport ist Kindern aus prekären Verhältnissen weitestgehend verwehrt. So rühmt sich zum Beispiel die Gewerkschaft der Fußballspieler VDV damit, dass mittlerweile 49,1% der deutschen Profikicker Abitur haben. (*) Das entspräche ungefähr dem Bevölkerungsdurchschnitt, sagt man. Über die sozialen Hintergründe der Spieler indes schweigen sich DFB, DFL und VDV in trauter Einigkeit aus. Auch dazu, welche Rolle die soziale Herkunft bei der Auswahl in den Nachwuchsleistungszentren spielt, gibt es keine belastbaren Aussagen. Einig ist man sich unter Experten jedoch, dass das “Elternhaus” und somit die Schulbildung durchaus ausschlaggebend für eine Karriere im Profisport seien. Dirk Mazurkiewicz, Professor für Sportmanagement an der Hochschule Koblenz, bestätigt die oben zitierte Aussage von Sandro Wagner, sagt: “Das gibt es schon. Wissenschaftlich kaum zu erfassen, aber ich kenne es selber auch als Vorsitzender eines Fußballvereins.” (**) Wissenschaftlich belegt hat diese gefühlte Abhängigkeit eine Studie der European Business School. Sie zeigt auf, dass die Eltern von Kindern in Leistungszentren im Vergleich zur Gesamtgesellschaft häufiger in einem sicheren Arbeitsverhältnis und nicht arbeitslos sind. Ich denke, es ist nicht zu weit gesprungen, davon auszugehen, dass die Schieflage bei Sportarten, die nicht mit derselben Aufmerksamkeit und Förderintensität wie der (ehemalige?) Arbeitersport Fußball gesegnet sind, noch deutlicher ausfällt. Klar, eine größere Komplexität des Spiels erfordert höhere Spielintelligenz bei den Akteuren. Aber braucht man, um heute professionell gegen einen Ball zu treten, wirklich Abitur? Möglicherweise ist der Schulabschluss aber auch hier einfach nur Nebenprodukt des “guten Elternhauses”. Soziale Kompetenz ist wichtig, um sich erfolgreich in einer Mannschaft einzusortieren. 

So oder so heißt das, dass Kinder und Jugendliche, die qua Geburt keinen oder schlechten Zugang zu Bildung und/ oder einer stabilen sozialen Struktur im Familien- oder Freundeskreis haben, sich keine allzu großen Hoffnungen auf eine Karriere im Profisport machen sollten. Der Traum stirbt schon lange vor Besuch einer von einem Bundesliga-Club unterstützen Kaderschmiede daran, dass es keinen Kalender gibt, in dem die Trainings eingetragen sind, für die sie ihre Eltern nicht zu dem Sportverein bringen, dessen Mitgliedsbeitrag sie ohnehin nicht berappen können. Kein stabiles Umfeld bedeutet eben auch keine familiäre Infrastruktur, die organisierten Sport möglich macht. Das ist reichlich absurd, entspricht es doch so gar nicht dem Hollywood-Mythos, dass überdurchschnittliche Fähigkeiten am Ball den Weg aus dem Ghetto ebnen. Aber wir sind hier ja auch nicht in Hollywood. Und es gibt hier keine Ghettos. Oder? 

Der Begriff Ghetto kommt aus dem Italienischen, bedeutet “Gießerei” und steht, seit die jüdischen Einwohner Venedigs 1516 auf dem Gelände einer alten Gießerei zusammengepfercht wurden, für ein abgeschlossenes Wohngebiet. Mit der aktuell fortschreitenden Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich geht auch eine verstärkte soziale Segregation einher. Heißt, die räumliche Trennung von Menschen mit Geld und Menschen ohne Geld. (***) Es entstehen und wachsen abgeschlossene Wohngebiete in allen Ballungszentren zwischen Flensburg und Freiburg. Die muss man nicht Ghettos nennen, kann man aber. Migration fördert diesen Prozess zusätzlich. Im offiziell immer noch Nicht-Einwanderungsland Deutschland leben Flüchtlingsfamilien teilweise über Jahre in Gemeinschaftsunterkünften, in Container-Dörfern, die man auch mit dem größten Beschönigungswillen als Ghettos bezeichnen muss. Die Kinder kommen raus, um zur Schule zu gehen. Das war’s. Sie fahren nicht am Nachmittag in die Stadt, um Eis zu essen. Sie treffen sich nicht mit Freund:innen vor H&M zum Shoppen. Und nein, sie gehen abends nicht zum Training in einen Sportverein. 

Kurz: Sie bekommen nicht die Chance, soziale und kulturelle Kompetenzen zu entwickeln. Sie bekommen nicht die Chance, sportliche Fähigkeiten zu erlernen, sich mit Gleichaltrigen außerhalb des Ghettos zu messen und so ihre mentale und physische Gesundheit auf das “ortsübliche Niveau” zu bringen. Integration ist nicht gewünscht. Weiß ja keiner, wie lange sie bleiben. Ähnliches gilt für deutsche Kids, die in Sozialbausiedlungen aufwachsen. Da müssen wir uns keine Illusionen machen. 

“Vereine sind sozial geschlossen“, sagte die Sportpädagogin Petra Gieß-Stüber im letzten Jahr gegenüber der taz (****). Der Sportverein ist demnach nicht mehr die Keimzelle der Integration, wie einstmals im Ruhrgebiet. Das ist nicht nur unter Diskrimnierungsgesichtspunkten dramatisch. Auch muss man sich die Frage stellen, wie viel Talent unentdeckt bleibt, da niemand hinschaut. Ein gleichberechtigter Zugang zu sportlicher Förderung würde also nicht nur dazu beitragen, gesellschaftlichen Zusammenhalt durch soziale und kulturelle Integration zu fördern, sondern auch die Qualität im Nachwuchsbereich massiv steigern. Derzeit gehen den Klubs und Sportverbänden locker über den Daumen gepeilt 2,6 Millionen potentielle Superstars durch die Lappen, da sie in prekäre Verhältnisse hineingeboren oder durch Flucht und Vertreibung hineingeraten sind.

Der Hamburger Verein Teams United nimmt diese Herausforderung an. Die Mannschaft um Gründer Daniel Guest gibt mittlerweile über 500 Hamburger Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen kostenlos Fußballtraining. Sie sollen so die Möglichkeit bekommen, ein soziales Netzwerk aufzubauen, das über ihre abgeschlossenen Wohngebiete hinausreicht. Sie sollen Sprache lernen, Freundschaft erfahren, gesund bleiben. Sie bekommen die Chance gute Leader und Teamplayer zu werden. Zusätzlich zu dieser wertvollen Integrationsarbeit möchte Teams United den Kids Türen zum Leistungssport öffnen. Über Kooperationen mit Fördereinrichtungen und in naher Zukunft mit eigenen professionellen Nachwuchsteams. 

Ich habe Daniel im Herbst 2022 kennengelernt und bin seitdem Feuer und Flamme für sein Engagement. Wenn du mehr über Teams United wissen möchtest oder dich fragst, wie du dieses formidable Vorhaben unterstützen kannst, schreibe mich gern an. Hier gibt es ab jetzt regelmäßig Updates zum aktuellen Stand der Gleichheit im Sport. 

(*)https://www.deutschlandfunk.de/bildungsgrad-profi-fussball-100.html#:~:text=Seit%20rund%20zehn%20Jahren%20l%C3%A4sst,Anteil%20an%20der%20Gesamtbev%C3%B6lkerung%20entspricht.

(**)https://www.deutschlandfunk.de/elternhaus-fussballprofis-100.html

(***)https://www.weltderwunder.de/problemviertel-in-deutschland-keine-ghettos-aber-soziale-spaltung/

(****)https://taz.de/Sportpaedagogin-ueber-Ungleichheit/!5794256/

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