Zugzwang: Die Göttingen-Chroniken (Deleted Scenes)

Auf vielfach unausgesprochenen Wunsch hier einige Highlights meiner besonderen Beziehung zu Göttingen. Die Szenen haben es 2016 nicht in die finale Fassung des Hörbuchs geschafft. Das kann man jetzt übrigens als Amazon-Prime-Kunde kostenlos hören. Und zwar hier. Viel Spaß!

11. Januar 2012

Da, wo sich auf dem Bahnsteig Mischlingshundebesitzer gegenseitig die Zunge in den Hals stecken und 3G einfach nur Reis mit Gemüse ist.

24 Januar 2012 

Überlege, ob es Sinn macht, für ein ordentliches Mobilfunknetz im Raum Göttingen zusammenzulegen und zu diesem Zweck die Deutsche Göttingenhilfe e.V. zu gründen. Vielleicht habe ich aber auch einfach ein zu weiches Herz.

2. Oktober 2012

Das Folgende beobachte ich seit nunmehr zehn Monaten zweimal pro Woche: In Göttingen steigen stets mehr Menschen in den Zug ein, als Menschen aus dem Zug aus. Wie lange kann das gut gehen? Irgendwann muss die Stadt doch leer sein. Kommen die in ungeraden Jahren alle wieder zurück? Fahren die mit dem Zug raus, kaufen/ klauen irgendwo ein Fahrzeug, kommen wieder zurück, und hinter dem Gottesacker ist der größte Autofriedhof der Welt? Mysteriös…

17. Oktober 2012 

GÖTTINGEN!!! Gib die armen Seelen frei, die aus deinem Schlund auf den Bahnsteig drängen und nimm mich an ihrer Statt!

23. Oktober 2012

Lieber Gott, ich bin weit davon entfernt, deinen Ratschluss in Zweifel zu ziehen. Nichts desto trotz möchte ich dich bitten, noch einmal über den Sinn von Göttingen nachzudenken. Ansonsten finde ich deine Schöpfung ziemlich dufte. Danke und bis bald!

Viele Grüße,

Christian

25. Oktober 2012

Göttingen is on my mind. Versuche die schmutzigen Gedanken zu verscheuchen, während auf der anderen Seite der Scheibe Tristesse neu definiert wird. Ich sollte nicht White Lies hören, wenn ich durch diese Stadt fahre: „Driver, what’s happened to these buildings? They all look rundown and so forlorn.“

30. Oktober 2012

Every cheerleader’s nightmare: Gimme a „G“! Gimme an „Ö“! Gimme a „T“! Gimme a „T“! Gimme an „I“! Gimme an „N“! Gimme a „G“! Gimme an „E“! Gimme an „N“!

Die uncheerbare Stadt. Die Stadt in der der Pendelzug „Metronom“ heißt und auch Humor mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betrieben wird. Ein einsames Banner auf dem Dach eines Bürogebäudes nahe des Bahnhofs schreit verzweifelt: „Hier gibt es offene IT- und SAP-Stellen!“ Sind wahrscheinlich die hübschesten, offenen Stellen der Stadt, in der sich die perversen Eingeborenen bis ins hohe Alter gegenseitig an der Leine spazieren führen. Was ist das überhaupt, I-Tea? Trink gefälligst Kaffee und sprich in ganzen Sätzen, Jürgen.

11. Dezember 2012

Eine Stadt auf der verzweifelten Suche nach dem Göttin-Gen. 

Durchforstet die eigene DNA, lässt Forscher von der Leine, Wissen schaffen.

Und übersieht doch das Offensichtliche: Dies ist der falsche Ort für die Suche nach Göttlichem. Die Genealogie der Göttin ist Göttingen-frei.

Ein von ungeübter Ernteburschenhand hastig dahin gesprühtes Wild Style Graffiti neben der Hochgeschwindigkeitstrasse offenbart die Wahrheit: TMNTSFPCRW.

Und der Rest ist Schweigen.

17. Dezember 2012

Unabhängigen Quellen zufolge hat sich heute früh eine größere Gruppe Männer in der St-Paulus Kirche in Göttingen verschanzt. Sie benutzen die Lautsprecheranlage des Glockenturmes, um die Stadt mit Wolfgang Meyer-feindlichen Liedern zu beschallen. Angeführt wird die Gruppe offenbar von Aktivisten des Göttingen Human Rights Center (GHRC) und Rebellen der St. Godehard Miliz. Es scheint, als wollten die Aufständischen mit dieser Aktion Gleichgesinnte motivieren, die bereits seit Monaten in der Stadt schwelende Gewalt, endgültig eskalieren zu lassen. Meyer wird von seinen Gegnern und mehreren Menschenrechtsorganisationen vorgeworfen, seit der Machtergreifung 2006 einen gnadenlosen Parkticketkrieg gegen die eigene Bevölkerung zu führen. Flüchtlinge im nahe gelegenen Heidelberg berichten von systematischen Angriffen der meyertreuen Stadtpolizei auf Zivilisten.

21. Dezember 2012

I got a question for you. What does this city know about education? What does a town that’s been to hell and back know about the finer things in life? I’ll tell you, more than most! You see, it’s the hottest libraries that make the deepest knowledge. Add hard studies and conviction and the know how that runs generations deep in every last one of us. That’s who we are. That’s our story. Now it’s probably not the one you’ve been reading in the papers. The one being written by folks who have never even been here and don’t know what we’re capable of. Because when it comes to wisdom, it’s as much about where it’s from as who it’s for. Now we’re from Lower Saxony, but this isn’t Hannover City. Or the Auto City. Or Horse City. And we’re certainly no one’s Schlicktown. This is the Boring City. And this is what we do 

27. März 2013, zwischen Wolfsburg und Kassel

Skandal: Nothalt zwischen Wolfsburg und Kassel über Nacht von Göttingen in Hildesheim umbenannt. Außer die Schilder am Bahnsteig auszutauschen, hat man offenbar keine größeren Veränderungen vorgenommen. Frage mich, ob die Namensänderung eine Reaktion auf den größer werdenden sozialmedialen Druck oder bloß die Mittwochsübersprungshandlung eines eingeborenen Sozialdemokraten war. Werde der Sache nachgehen. Fest steht, der neue Name ist noch deutlich beschissener als der alte. Stand Göttingen noch in großer Tradition der bewegten Frühgeschichte Niedersachsens (ich berichtete), offenbart sich in Hildesheim die geballte Kreativität der torfstechenden Lokalintelligenzia. Hilde Maschnik, die mit 296 Jahren älteste Einwohnerin Göttingens, betreibt seit ihrem Hauptschulabschluss 1810 die Frittenbude am Hauptbahnhof. Bis heute gilt sie als jüngste Asolventin der Insidern auch als „Gazprom Kaderschmiede“ bekannten Gärhartt Schroedä-Haupptschulle. Nun muss sie also auch noch als Namenspatin herhalten. Hildes Heim steht somit maximal in der Tradition niedersächsischer Einfallslosigkeit bei der Benennung mehr oder minder bedeutsamer Marktflecken wie Wolfs Burg, Wilhelms Haven oder Jever (ganz ehrlich: Wie bräsig muss man bitte sein, um eine Stadt nach einem Bier zu benennen?!). Ich fordere die Verantwortlichen hiermit dazu auf, die unsinnige Umbenennung sofort rückgängig zu machen. Lasst Hilde aus dem Spiel und steht dazu, wer ihr seid. Ihr seid Göttinger! In den Dönerläden der Republik haben sich eure Mütter vor Schreck aufgehört zu drehen. Ihr seid Göttinger! Wenn ihr ein Glas auf den Boden schmeißt, braucht ihr drei Versuche, um zu treffen. Göttinger! Innere Werte heißen bei euch Bandwürmer. Göttinger! Kämpft für eure Identität! Kämpft für eure Stadt! Macht mich stolz. Bitte.

P.S.: Komme nächste Woche vorbei, um den Projektfortschritt zu beurteilen.

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