Liebe

Jab, Punch, Kick, Knie, Block – das sind klare Anweisungen, mit denen ich umgehen kann. Klare Anweisungen, die dafür sorgen, dass weder mein Trainer noch ich selbst verletzt werden, während wir aufeinander einschlagen und -treten. Ich mehr, er weniger. Das gebietet die Fairness. Seine Fairness. Manchmal missverstehen wir uns, da er solider Linksausleger ist, während ich versuche, mich als dreckige Southpaw durchzumogeln. Heißt, er will dann und wann die Rechte, bekommt aber die Linke. Die Quittung ist, dass ich im Anschluss üben darf, Kicks nicht zu blocken, sondern mit dem Körper abzufangen. Nette Kicks, keine die ernsthaft weh tun. Das alles passiert mit dem größten Respekt. Wir verbeugen uns vor dem Training voreinander, klatschen während dessen ab, lachen über Fehler und reden in den Ringpausen über Dinge, die nichts mit dem Sparring zu tun haben. Wir wechseln das Thema, um den Kopf frei zu kriegen, der in der Trainingssituation auf Hochtouren laufen muss. Er muss den Körper des Gegenübers lesen, Bewegungen antizipieren und blitzschnell geeignete Defensiv- oder Kontermanöver ausführen können.

Muay Thai ist gleichermaßen eine Belastung für Körper und Geist. Nach klaren Regeln. Auf Basis von sportlicher Kameraderie. Schnell weiß man, was die Mittel der Wahl des Gegners sind, wann ein Jab auf Distanz halten und wann ein Knie oder ein Ellenbogen im Infight Wirkung zeigen soll. Schnell merkt man, dass der Kampf nicht trennt, sondern verbindet. Dass Kontaktsport nicht nur im Wortsinn Nähe herstellt.

Beim Thai Boxen bekommt nicht nur derjenige Punkte gut geschrieben, der seinen Gegner am Kopf oder am Körper trifft. Es gibt auch Punkte für gelungene Defensiv-Manöver, dafür einen Kick mit dem Schienbein zu blocken oder den Arm des Gegners in der Bewegung abzufangen. Theoretisch ist es also möglich, durch reine Defensivarbeit einen Kampf zu gewinnen. Aggression und Angriffe sind nicht zwingend notwendig, um am Ende derjenige zu sein, dessen Arm der Referee gen Himmel hebt. Es reicht, den Kampf technisch sauber mit wenigen genommenen Treffern zu überstehen. Man muss sein Gegenüber nicht verletzen, um zu gewinnen. Man muss, um seinen Standpunkt zu verteidigen, nicht den Standpunkt des Gegners angreifen. Es geht nicht um Bodengewinn, sondern um Kunstfertigkeit.

Ein Kampf mit Fäusten, Ellbogen, Knien und Schienbeinen ist daher nicht destruktiv, sondern in höchstem Maße konstruktiv. Das Bestreben der Kontrahenten ist zwar zu gewinnen, das Preisgeld wird jedoch dem zu Teil wird, der es besser versteht, auf Basis von Regelwerk und sportlicher Fairness einen Tanz zu führen, der Publikum und Tänzern maximal viel Freude bereitet. Einen Tanz, der herausfordernd und ästhetisch zugleich ist. Einen Tanz, der im Idealfall Liebe und Respekt erschafft. Liebe für den Rhythmus, Liebe für die Inszenierung, Respekt für die Kämpfer seitens des Publikums und – noch viel wichtiger – Respekt der Rivalen füreinander.

Muay Thai ist ein schöpferischer Akt. An seinem Ende stehen Blessuren. Cuts, die geklammert, Rippen die wieder zusammenwachsen müssen, Muskeln, die übersäuert sind. Nichts desto trotz schafft er Nähe, Liebe und Respekt. Er trennt nicht, er vereint in der Leidenschaft für das gemeinsame Ziel: den besten Tanz aufzuführen und auf Augenhöhe auseinander zu gehen – egal, wie das Ergebnis ausfällt.

„Sticks and stones may break my bones, but words can never hurt me“. Das wird englischen Kindern gepredigt, um sie für den Schulalltag zu wappnen. Kurze Zeit später stellen sie alle fest, dass es genau andersherum ist. Stöcke, Steine und Fäuste gegen den Körper gerichtet sorgen für kurzzeitigen Schmerz. Sie verursachen blaue Flecken und Blutergüsse, die bald wieder vergessen sind. Das, was so richtig weh tut – über Wochen, Monate, vielleicht Jahre – das sind die Worte, die uns treffen. Nicht ins Gesicht oder auf den Rücken, sondern in unsere Herzen. Ähnlich wie fürs Thai-Boxen gibt es auch für Schulhofschlägereien Regeln. Ungeschriebene in diesem Fall. Sie sagen aus, dass man niemanden tritt oder schlägt, der bereits am Boden liegt. Sie sagen aus, dass man aufhört, wenn einer heult. Sie sagen aus, dass es nicht vorgesehen ist, dass einer blutet.

Bei der Domestizierung von körperlichen Auseinandersetzung haben wir ganze Arbeit geleistet. Wir haben Sticks and Stones stigmatisiert und Worte zu den bourgeoisen Waffen unserer Wahl auserkoren. Allein für die verbale Prügelei haben wir keine Regeln aufgestellt. Worte tun ja nicht weh. Es müssen die Regeln reichen, die stets dafür gesorgt haben, dass die Anzahl der Todesopfer nach Pausenwemmserei im Rahmen bleibt. Wir gehen nicht mehr „vor die Tür“, um Dinge zu regeln, wir diskutieren uns die Köpfe heiß. Und wir dürfen weiter wortmächtig zuschlagen, solange kein Blut zu sehen ist und keiner am Boden liegt. Psychologische Kriegsführung plus Laserschwerter plus skalpellfreie Lobotomie auf dem Regelwerk von „Chantalle, hau Kevin nicht mit der Schippe auf den Kopf“.

Wir alle wissen, wie tiefgreifend und zum Teil unheilbar Worte verletzen können. Trotzdem setzen wir sie ein, um unseren Sieg davon zu tragen. Setzen sie ein, solange kein Blut fließt. Setzen sie ein, um nach Punkten zu gewinnen.

Punkte gibt es im Wortgefecht nur für Treffer nicht für Verteidigung. Verbale Schlachten erschaffen weder Respekt noch Liebe, sie zerstören beides.

Jab, Punch, Kick, Knie, Block – das sind klare Anweisungen mit denen ich umgehen kann. In der Defensive und in der Offensive. Würden wir Wortgefechte nach ähnlichen Regeln führen, würden wir sie nach der Maßgabe führen, dass sie schöpferische aber keine destruktiven Akte sein dürfen. Wir würden uns vorher verbeugen und zwischendrin abklatschen. Wir gäben und erführen mehr Respekt und Liebe und würden an ihnen wachsen, anstatt an ihnen zu zerbrechen.

Words may break me, but sticks and stones will never hurt me.

Den Text habe ich am 1. September 2020 geschrieben und gerade wieder heraus gekramt. Ich habe ihn leicht überarbeitet, doch nach wie vor ist jedes Wort wahr.

Heute – zwei Jahre und acht Wochen Muay Thai später – hat Eva-Lotte mich zum ersten Mal zum Training begleitet. Wir haben zusammen trainiert. Ich habe ihr in die Handschuhe geschlagen, sie hat mir in die Seite gekickt. Ich konnte dabei zusehen, wie ihre Freude und ihr Verständnis für den Sport wuchsen, während wir Schläge und Tritte austauschten. Wie sie gewachsen ist, wenn sie mich mit ihren Frontkicks zurückgedrängt hat. Wie sie meine Korrekturen angenommen, Sicherheit gewonnen und kontrollierter zugeschlagen hat. Nach jeder Runde haben wir abgeklatscht. Seit dem Cool Down und dem Abgrüßen haben wir uns nur noch gegenseitig angestrahlt.

Wir sind uns näher gekommen, indem wir uns „geschlagen“ haben. Die üblichen Wortgefechte laufen in der Regel anders ab.

Morgen gehen wir wieder gemeinsam trainieren. Sie Boxen, ich Athletik Auf der Rückfahrt werden wir wieder Kontra K hören und Thaibox-Technik diskutieren. Ich freue mich riesig darauf.

Danke, Max!

3 Gedanken zu “Liebe

  1. Wer Respekt und Achtung dem Gegenüber entgegen bringt, wird immer ein guter Kämpfer im Spiel des Lebens sein. Die wahre Stärke ist Geisteshaltung und das Bewusstsein für das eigene Verhalten. Einfach gesagt und schwierig gelebt im täglichen Leben und Alltagskarusell.
    Vielleicht geht ja Punch Kick Knie Block auch im Kopf ….

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  2. „Die Domestizierung von körperlicher Auseinandersetzung“ ist ein sehr feiner und treffender AUsdruck. Gefällt mir. Lieber Christian Jonas Lea, ich nominiere Dich für den #AwesomeBloggerAward, weil mir das Lesen Deiner Texte sehr viel Freude bereitet. In einem Blogbeitrag, den ich heute im Wurstzeitblog veröffentlichen werde, findest Du Deine „amtliche“ Nominierung. 🙂 Viel Spaß damit!

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