Das kleine Haus hinterm Deich: Self-Publishing und Selbstzweifel

„Hey, heute ist wieder einer der verdammten Tage
Die ich kaum ertrage, und mich ständig selber frage
Warum mich all diese Gefühle plagen, die ich nicht kannte“

Die Fantastischen Vier

Der Stand der Sonne wird nur von meinem aktuellen Selbstwertniveau unterschritten. Lange Schatten strecken sich auf dem ausnahmsweise trockenen Asphalt dem nahen Abend entgegen. Ich möchte mir vorstellen, dass sie von Ereignissen voraus geworfen werden. Doch hier werfen gerade nur Bäume und Straßenlaternen. Lotti und Henry kommen den Fersenweg herunter. Kleine, schnelle Schatten. Gehüpft, nicht geworfen. Henry ist der Hund, der vor einiger Zeit bei uns eingezogen ist. Projekt „Zoo“ schreitet unaufhaltsam voran.

Ebenso voran, wenn auch weit davon entfernt unaufhaltsam zu sein, schreitet die Veröffentlichung des ersten Bands von „Das kleine Haus hinterm Deich“ auf Amazon. Band ist zu viel versprochen. Es ist eher ein Bändchen. Acht Geschichten, 30 Seiten, ein Siegfried Lenz Zitat und null Ahnung, wie das alles funktioniert. Gerade fällt mir auf, dass ich vergessen habe, eine Geschichte in das E-Book hinein zu kopieren. Schreiben als Spiegel des Lebens. Das Manuskript ist bereits in der Rezension. Auf der Habenseite: die erste Geschichte für Band 2. Einen weiteren Text habe ich ebenfalls nicht mit aufgenommen. In diesem Fall allerdings vorsätzlich. Die Gedanken, die mich nach meinem Besuch des Konzentrationslagers Neuengamme verfolgt haben, schienen mir zu düster zu sein für ein Story-Compilation, die man in maximal zwei Kategorien indexieren kann. Sieben lustige Banger über Insekten und Handwerker und eine deprimierende Industrial-Ballade über die deutsche Effizienz in Vernichtungsfragen. Wie sortiert man das ins strukturell limitierte Amazon-Regal ein? Kategorie 1: Humor – Kategorie 2: Schwarzer Humor? Not sure about this one.

Sicher bin ich mir bei der ganzen Unternehmung ohnehin nicht. Dass Wissen darum, dass Sicherheit generell überbewertet wird, hilft mir nur bedingt weiter. Sie ist gemeinhin trügerisch und äußerst flüchtig. Das habe ich inzwischen begriffen. Sie ist ein schlechter Ratgeber, wenn man es darauf anlegt, neue Wege zu gehen. Ups, die Binse ist bereits mit einer geschlossenen Staubdecke überzogen. Sie ist die Freundin, die dich in Saal 1 gehen lässt, um deine Kenntnis des Schweighöfer-Oeuvres zu vertiefen, während in Saal 4 der neue auf 8mm gefilmte Lynch killt. Auch eine mittelmäßige Analogie, aber ich denke, ich konnte meinen Punkt deutlich machen: Ich bin mega unsicher, ob es eine gute Idee war, das Haus-Bändchen zu veröffentlichen.

Die Geschichten sind gut und unterhaltsam, und die Nachbarn, die sie bereits gelesen haben, reden nach wie vor mit mir. Das ist beruhigend. Meine Worterfindungen treiben den Duden zur Weißglut, so dass es beinahe unmöglich war, die Texte professionell gestützt zu lektorieren. Das bewirkt eher das Gegenteil. Mach‘ dir doch am besten selbst ein Bild. Ich bin ganz offensichtlich zu wuschig, um eine stabile, werbliche Kaufempfehlung für „Das kleine Haus hinterm Deich, Band 1“ zu schreiben.

Wie immer gibt es auch hier zwei Seiten: Das elektronische Heft mag zwar nicht vollständig gemäß der gültigen deutschen Rechtschreibung formatiert sein, kostet dafür aber nur 2,70 Euro. Für den Preis kriegste kein kleines Bier. Und das bleibt längst nicht so lang frisch, wie das Bändchen. Wenn du trinkst, statt den Beginn der fulminanten Vierlanden-Chronik zu lesen, wirst du außerdem nicht in den fragwürdigen Genuss kommen, mehr über Kai-Pflaume-Spinnen, chinesische Wollhandkrabben und dreifarbige Katzen zu erfahren. Die Fauna hier in den Elbmarschen ist gehirnsprengend, trust me.

Ralf klingelt. Denke, es ist an der Zeit, ihm zu beichten, dass ich die Story um seine Kirchwerder Shellfish Corporation auf meiner kleinen EP verwurschtelt habe. Er hat sich immer noch nicht vollständig von dem Trauma erholt. Statt die Scheiß-Krabben zu kochen, nimmt er sie jetzt mit zum Sonntagsgottesdienst in St. Severin, damit unser lokales Discount-Öl sündenfrei gefrackt wird. Was für eine Zeit, um am Leben zu sein. Sie ist zu kurz, um „Das kleine Haus hinterm Deich, Band 1“ nicht zu lesen.

Amazon braucht bis zu 72 Stunden, um neue E-Books zu verifizieren. Sobald ich weiß, ob Ralf, Anja, Klempner Schröder, Torgen, Thorben und Leif neue Identitäten brauchen, poste ich den Link, der sie postwendend ins Zeugenschutzprogramm befördert.

Alles. Wird. Gut.

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