Lesen: Highlights 2021

Mit Bestürzen stellte ich vor nunmehr einer Woche fest, dass ich noch keinen Artikel zu meinen Lese-Highlights 2021 gepostet und somit beinahe mit einer der großen Traditionen dieses Blogs gebrochen habe. Die andere Tradition ist die, dass der jährliche Lese-Rückblick unter einem spektakulären Header-Bild steht, auf dem die empfohlenen Bücher und einige mehr künstlerisch auf meinem Esstisch angeordnet zu sehen sind. Mit letzterer Tradition muss ich brechen, da ich gerade weit entfernt von Tisch und Büchern in einem Flugzeug sitze. Erstere führe ich im Folgenden fort. Tatsächlich ist so eine Leserückblick kurz vor Weihnachten deutlich besser platziert als im Januar. Ich will versuchen, möglichst zeitlose Tipps auszusuchen.

Und ein Titelbild gibt es jetzt wider Erwarten auch, da ich den Artikel weder im Flugzeug noch in der dem Flug nachfolgenden Woche fern der Heimat fertig gestellt habe.

Das Aussuchen wird mir nicht schwer fallen, da ich im letzten Jahr erschreckend wenig gelesen habe. Nur 26 Bücher stehen auf meiner Lektüreliste. In einem regulären Jahr sind es um die 40. Das Spektrum war wie immer denkbar breit, reichte von Theodor Storm bis Ken Follett, von Thees Uhlmann bis Rudyard Kipling. Wieder einmal versuchte ich, mit Heinz Strunk warm zu werden. Ich möchte so so gern Heinz Strunks Bücher toll finden, da ich ihn in Interviews, als Typ, als Hamburger mega gut, smart und sympathisch finde. Es will mir aber einfach nicht gelingen. „Der Goldene Handschuh“ war toll, keine Frage. Bizarrekelhaftbrutalwiderlichtoll. Große Kunst, aber sicher kein Lesevergnügen. Der besagte nächste Versuch im letzten Jahr: „Es ist immer so schön mit dir“. Hochgelobt von allen, geliebt, gefeiert, ein Riesenerfolg. An mich komplett verschwendet. Ich habe selten einen Text gelesen, der mich so deprimiert hat. Den viel zitierten Humor konnte ich nicht entdecken. Kein Zugang. Nada. Kurz habe ich überlegt, Heinz und mir mit „Ein Sommer in Niendorf“ noch eine Chance zu geben, befürchte aber, dass ich weder ihm noch mir damit einen Gefallen tue. Das Experiment Strunk-Lea scheint gescheitert, und es bricht mir das Herz.

Auch eine Weltpremiere gab es 2021: Ich habe erstmalig einen Roman nach circa zwanzig Seiten Lektüre in die Ecke gepfeffert. In der Regel lese ich jedes Buch, das ich anfange, zu Ende. Kein Witz. Ich schone mich da wirklich nicht. In diesem speziellen Fall hätte das jedoch mehr Qualen bedeutet, als ich zu ertragen bereit bin. Ich habe die höchste Wertschätzung für Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Walser. Im Doppelpack kann ich sie aber offenbar nicht ertragen. Wahrscheinlich habe ich auch bei „Alle sind so ernst geworden“ den Witz nicht verstanden, so dass bei mir nur hanebüchener, blasierter Blödsinn ankam. Selten zuvor habe ich mich jedenfalls über den Kauf eines Buches derart intensiv geärgert. Kurz, aber intensiv.

Doch nun zurück zu den erfreulichen Dingen: den Highlights. Ich habe fünf herausgepickt, von denen ich noch ungestützt weiß, dass ich sie gelesen habe und begeistert war. Unaided awareness it immer ein guter Maßstab für Qualität. Die Reihenfolge ist kein Ranking.

  1. Boris Herrmann, „Allein zwischen Himmel und Meer: Meine 80 Tage beim härtesten Segelrennen der Welt“
  2. Robin Alexander, „Machtverfall“
  3. Mieko Kowakami, „Heaven“
  4. Dave Grohl, „Der Storyteller: Tales of Life and Music“
  5. Rutger Bregman, „Human Kind: A Hopeful History“

Wie gewohnt gebe ich keine umfassenden Inhaltsangaben oder schreibe längere Einlassungen zu Bindung, Druckqualität und Cover-Illustration. Meine Rezensionen sind äußerst unprofessionell und dürften streng genommen gar nicht als solche bezeichnet werden.

  1. Boris Hermann, „Allein zwischen Himmel und Meer: Meine 80 Tage beim härtesten Segelrennen der Welt“: Deutschlands bekanntester Wassersportler lässt in seinem Bericht von der Vendée Globe nicht viel Raum für Segelromantik. Hermann kennen die meisten Nicht-Hamburger (oder Nicht-Segelfans) wahrscheinlich daher, dass er von BILD am Ring durch die Manage geführt wurde, nachdem er Greta Thunberg mit dem Boot bei der UNO abgesetzt hatte. Ebene jenes Boot brachte ihn als ersten deutschen Teilnehmer bei der härtesten Segelregatta der Welt in 80 Tagen einmal um den Globus herum. „Allein zwischen Himmel und Meer“ ist die Dokumentation diese Reise. Sie ist beklemmend, erstaunlich, spannend und äußerst beeindruckend. Schon als Kind konnte ich mich für die „letzten Abenteurer dieser Erde“ begeistern und habe Expeditionsberichte von Jacques Cousteau, Reinhold Messner, Hans Hass und anderen verschlungen. Herrmann gehört für mich eindeutig in diese Riege. Die Riege derer, die es schaffen, ihren Körper mit purer Willenskraft dazu zu bringen, Unvorstellbares zu leisten und großen Sport mit dem Sammeln wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Wohle des Planeten zu verbinden. Meine Daumen sind gedrückt für die nächste Vendée Globe…wenn er sich das wirklich noch einmal antun möchte.
  2. Robin Alexander, „Machtverfall“: Robin Alexander hat während der letzten Tage der Merkelrepublik Logbuch geführt. Das Ergebnis ist ein wahnsinnig unterhaltsames, für mich zum Teil augenöffnendes Porträt von dem endgültigen Ende einer Ära und dem (vorläufigen) einer konservativen Volkspartei. Alexander verwendet Informationen, die ihm aus Ausschüssen, Tagungen und Abstimmungen von Beteiligten aus dem inneren Kreis gesteckt wurden. Dafür stand er jüngst erst wieder in der Kritik. Das ist jedoch genau das, was dieses Buch so spannend macht. Viel mehr noch als ein Zeitdokument ist der Text eine Sittenstudie des politischen Betriebes in Berlin (und Brüssel), die sich liest wie ein Thriller. Ab und zu musste ich mich selbst daran erinnern, dass das Gelesene (leider) keine Fiktion ist.
  3. Mieko Kowakami, „Heaven“: Düster, schonungs- und hoffnungslos. Keine Attribute, die unbedingt Lust auf die Lektüre von „Heaven“ machen. Mich hat die Autorin mit ihrer direkten Sprache jedoch sofort gefesselt. Bis 2021 war Haruki Murakami der einzige japanische Autor, den ich gelesen hatte. Zuletzt „Erste Person Singular“ – ebenfalls im letzten Jahr. Japanisch scheint mir eine Sprache zu sein, die gut ins Deutsche zu übersetzen ist. Könnte das mal jemand verifizieren, bitte? Kowakamis Stil ist völlig anders als der von Murakami, wirkt aber ebenfalls so als hätte sie im Original auf Deutsch geschrieben. Sprich: natürlich, ohne Geholper und kunstvoller als manch ein von Berlinern oder Hamburgern verfasster Text. Die Geschichte von zwei jungendlichen Außenseitern ist rührt an und nimmt mit – auch wenn schnell klar ist, dass es kein Happy End geben kann.
  4. Dave Grohl, „Der Storyteller: Tales of Life and Music“: Muss ich die Wahl wirklich begründen? Neben „The road beneath my feet“ von Frank Turner und dem biographischen Buch von Flea (Michael Balzary), dessen Titel mir leider gerade entfallen ist, ist „Der Storyteller“ ein weiteres Must-Read für Fans gepflegter Rockmusik. Grohl erzählt in Anekdoten, Geschichten und Begegnungen seine Biographie. Dabei hält er sich erfreulich kurz mit Nirvana auf. Erfreulich, da er den Fokus darauf richtet, wie es für ihn nach dem Tod Kurt Cobains weiterging, und nicht auf die Dinge, auf die die Öffentlichkeit bereits immer wieder zur Genüge geblickt hat. Dabei gibt es viel Proberaum-Talk, Bandbus-Roadmovie und ein ganz klein wenig Promi-Klatsch. Vor allem aber atmet die Liebe zur Musik des Foo Fighters- Frontmanns aus jeder einzelnen Zeile. Wenn mir ein Buch in den letzten Jahren Bock gemacht hat, wieder selbst Musik zu machen, dann dieses.
  5. Rutger Bregmann, „Humankind: A Hopeful History“: In der deutschen Übersetzung lautet der Titel, wenn mich nicht alles täuscht, „Im Grunde gut“. Und genau darum geht es. Der niederländische Historiker Rutger Bregmann schreibt eine alternative Menschheitsgeschichte, die davon ausgeht, dass Menschen grundsätzlich einen guten Charakter haben. Er widerspricht Hobbes und schlägt sich auf die Seite von Rousseau, wenn er sagt, dass das Gemeinwesen nicht etwa den kriegerischen Naturzustand befriedet und in geordnete Bahnen lenkt, sondern wir in der Werkseinstellung erst einmal darauf gepolt sind, dass es unseren Nächten und unserer Spezies gut geht. Das ist natürlich arg verkürzt. Human Kind it deutlich vielschichtiger und super-spannend. Ob der Entwurf tatsächlich Hoffnung macht? Da bin ich mir nicht so ganz sicher. Ähnlich wie die von Douglas Rushkoff ist Bregmanns Gesellschaftskritik und die aus ihr folgende Utopie begeisternd und erstrebenswert. Allein eine Lösung, bzw. ein Weg hin zu einem neuen/ besseren Gemeinwesen werden nicht aufgezeigt. Wie auch? Den Kapitalismus werden wir so schnell wohl nicht wieder los.

Da ich gerade feststelle, dass mit „Heaven“ nur ein klassischer Roman, will heißen Prosa, auf der Liste steht, werfe ich schnell noch drei belletristische Bücher in den Ring, an denen ich 2021 ebenfalls viel Freude hatte. Eine ganze Weile habe ich die beiden hier vor mir hergeschoben und dann doch endlich gelesen und genossen: „Der Meister und Margarita“ von Mikhail Bulgakov und „Neunundreißigneunzig“ von Frédéric Beigbeder. Ersteres eine Empfehlung für alle, die es gern auch mal etwas skurriler mögen und Bücher wie „Naked Lunch“ oder „Der Dritte Polizist“ zu schätzen wissen. Letzteres das „Kill Your Friends“ der Werbebranche. Wobei, das ist unfair: „Neunundddreißigneunzig“ ist älter als der Erstling von John Niven. Somit ist „Kill Your Friends“ das „39,90“ der Musikbranche. So oder so, ich denke, der Punkt wird klar.

Viel Spaß bei der Lektüre!

Und nicht vergessen: Support your local book store!

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