Schreiben: Blockade? Welche Blockade?

Kaum ein Thema wird in Artikeln über das Schreiben öfter behandelt, als die legendäre Schreibblockade. Die temporäre Unfähigkeit von Autoren, Worte – geschweige denn sinnvolle Sätze – zu Papier zu bringen hat bereits Heerscharen von Schriftstellern, Journalisten, Kritikern und Schreibtrainern beschäftigt und tut es noch. Ich stelle mal eine steile These in den Raum: Es gibt sie überhaupt nicht. Es gibt innere Widerstände, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Es gibt Tage, an denen brauchen gute Ideen länger, um sich als solche zu erkennen zu geben. Es gibt Stunden, in denen die perfekte Formulierung nicht gelingen will. Und es gibt auch diese tiefe Lustlosigkeit, sich an den Rechner zu setzen, um wieder für die nächsten Stunden die Tastatur zu traktieren. Das alles gibt es. Nichts davon hat etwas damit zu tun, nicht schreiben zu können.

Ja, mir ist bewusst, dass ich mit dieser Einschätzung nicht allein dastehe. Auch, dass ich weit davon entfernt bin, eine wissenschaftliche Entdeckung zu machen oder ein gesellschaftsveränderndes Insight zu formulieren. Ich praktiziere gerade einfach nur eines der Dinge, die ich gemeinhin mache, wenn mein Kopf blockiert ist. Nämlich Schreiben. Meinen Fingern geht’s wunderbar. Sie huschen über die Tastatur, treffen in den meisten Fällen die Buchstaben und Zeichen, die sie treffen sollen und formulieren einen passablen Text. Allein mein Kopf möchte sich gerade nicht mit dem Projekt beschäftigen, an dem ich eigentlich arbeite. Das kommt vor. Nicht oft, aber oft genug, um Strategien zu entwickeln, mit solchen Situationen umzugehen. Streng genommen sind es keine Strategien, sondern Taktiken, aber Strategien klingt schlauer. Tipps sind es auch nicht. Es folgt schlichtweg eine Auflistung von Sachen, die ich gemeinhin mache, um im Falle eines Falles meinen störrischen Kopf zu entblocken:

  1. Sitzen bleiben und arbeiten. In den häufigsten Fällen kann ich meinen Kopf dazu zwingen, mit mir zusammen zu arbeiten. Das nimmt ein wenig Zeit in Anspruch, zeitigt aber nach zwei bis drei Stunden des zähen Ringen oft gute Ergebnisse. Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, ist Schreiben Arbeit. Lieber schreibe ich ein, zwei Seiten mittelmäßiges Gedöns, um es später zu überarbeiten, als beim ersten Widerstand aufzugeben. Manchmal schreibe ich auch zwei bis drei Stunden nichts, bleibe aber in der Situation und fokussiere mich wieder und wieder bis der Knoten platzt.
  2. Das genau Gegenteil: Rechner zumachen, Sportklamotten an, Kopf aus, rausgehen, 10 Kilometer rennen. Der Schlüssel ist „Kopf aus“. So wenig wie möglich denken. Vor allem nicht an das zu Schreibende. Klappt auch mit kürzerer Strecke und Fahrrad oder Ski und ist zugegebenermaßen eine Binse: Fokussieren auf eine andere Challenge kann die Rettung sein, wenn das Re-Fokussieren (siehe 1) zum Teufelskreis wird. Es nimmt Druck raus, weil auf (völlig) anderem Gebiet etwas erreicht wird und so der Erfolg beim Schreiben nicht mehr alles entscheidend ist.
  3. Nach Re- und Neu-Fokussieren folgt natürlich De-Fokussieren. Den Kopf aufmachen und neue Impulse hereinlassen. Auch das klappt für mich am Besten draußen. Mit einem Chai Latte auf der Hand durch die Schanze zu gehen erfüllt genauso seinen Zweck wie sich drei Stunden im Watt vor Sankt Peter-Ording nasse Füße zu holen. Nur altbekannt sollte die Umgebung nicht sein. Mein Feldweg hier am Haus öffnet meinen Kopf nicht mehr. Es sei denn, mir rennen Wollhandkrabben, Nutrias oder Rehe über die Füße.
  4. Okay, das ist jetzt tatsächlich ein Tipp, und er kommt ursprünglich von dem besten Arbeitskollegen, den ich je hatte. Seine Name ist Mats. Mats hat zu Brainstormings stets Rory’s Story Cubes mitgebracht. Rory’s Story Cubes sind wahrscheinlich das beste Produkt, das je das Licht der Konsumwelt erblickt hat. Mittlerweile gibt es mindestens acht unterschiedliche Versionen dieses Wundermittels. Kaufe dir alle! Oder zumindest zwei. Ich empfehle die Ur-Version und „Actions“. Wie in diesem Blog bereits demonstriert, sind die kleinen Würfel formidable Helferlein, wenn man seine Gedanken in neue Bahnen lenken möchte. Ich nehme normalerweise nur einen von ihnen, werfe ihn und schreibe dann etwas über das Symbol, das nach dem Wurf auf der Oberseite zu sehen ist. Egal was. Zuletzt Baseball. Macht Spaß und verdrahtet die Synapsen neu, um die kreative Karre hernach aus dem Dreck zu ziehen. Props an Mats!
  5. Musik! Auf jeden Fall ohne Text. Es mag ein wenig kindisch klingen, aber wenn die Arbeit an „Das verbotene Land“ zu stocken droht, mache ich mir hin und wieder Musik an, die mich tiefer in die anstehende Szene hineinzieht. In diesem speziellen Fall vor allem Fantasy-Filmsoundtracks oder klassische Musik. Je nachdem, wie die nächste Sequenz aussehen soll, wähle ich etwas Mystisches, Erhabenes, eine eher actiongeladene Untermalung oder ganz einfach Minimal-Techno, der mir dabei hilft, mich bei Überarbeitungen zu konzentrieren.

Zack, das war’s schon. Meine Kopfblockade ist jetzt weg. Mit Punkt 6: Einfach was völlig anderes schreiben, aber die Griffel schön am Laufen halten. Wenn du auch noch ein oder zwei Anregungen mitnehmen konntest – umso besser. Was machst du, wenn dein Kopf die Zusammenarbeit verweigert?

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