Das kleine Haus hinterm Deich: Wollhandkrabben und Vierlandenöl #2

Trotz des einsetzenden Nieselregens kam ich gut voran. Ich hielt mich auf der rechten Seite der Straße im Schatten der alten Bäume, die das Naturschutzgebiet begrenzen. Im Schutz der mächtigen Kastanien, Weiden und Kiefern blieb der Boden trocken, so dass die Sohlen meiner Laufschuhe auf dem erst kürzlich erneuerten Asphalt guten Halt fanden. Ohne anzuhalten warf ich einen Blich auf meine Armbanduhr. Es war kurz nach halb elf. Mein Aufenthalt in der Zentrale hatte länger gedauert, als vermutet. Zum Glück hatte ich es nicht weit, bis zum Ausgangspunkt meiner Ermittlungen. Die stillgelegte Ölquelle, von deren Besuch ich mir aufschlussreiche Informationen zum Verbleib meines Nachbarn Ralf erhoffte, lag etwa einen Kilometer in westlicher Richtung.

Viele Male hatte ich den vier Meter hohen Stahlzaun, der neugierige Spaziergänger fern halten soll, bereits gesehen. Auf dem Weg zum Edeka komme ich an ihm vorbei. Ein schmaler Schotterweg geht kurz vorm Gestüt rechts ab, führt direkt auf das Tor zu, das immer geschlossen ist. Stets hatte das Gelände verlassen gewirkt. Nie hatte ich auch nur eine Menschenseele in der Nähe des abweisenden Areals gesehen. Die Kameras auf beiden Seiten der versperrten Einfahrt hatte ich wohl ausgemacht, mir aber nichts weiter dabei gedacht.

Als ich an jenem Mittwochabend um 22:42 Uhr die Zufahrt zum Betriebsgelände von Neptune Drilling hinauflief, fixierte ich sie umso aufmerksamer. Ich verlangsamte das Tempo, drückte mich an das hochgewachsene Schilfrohr, das den Graben rechts des Weges säumt, und gab mir alle Mühe, mich so geräuschlos wie möglich fortzubewegen. Etwa fünf Meter vor dem Tor hielt ich an, ging im Schatten der Ufervegetation in die Hocke und sondierte die Lage. Die Regenwolken waren inzwischen weitergezogen. Silbernes Mondlicht schärfte die Konturen des nächtlichen Monochroms. In rücksichtsloser Gier erstarrt beugten drei mächtige Pumpenskelette die Köpfe vor der formalinbleichen Nacktheit des Herbsthimmels. Sie erinnerten mich an Gottesanbeterinnen, von ihrem Götzen verlassen, zur Untätigkeit verdammt.

Geduckt näherte ich mich den stählernen Insekten. Dabei ließ ich äußerste Vorsicht walten und bemühte mich, außerhalb des Sichtfeldes der Überwachungsobjektive zu bleiben. Schritt für Schritt pirschte ich mich an die Verbotszone heran, ließ mich schließlich auf den Bauch fallen und robbte die letzten Meter an den Zaun heran.

Nach einer kurzen Verschnaufpause kroch ich weiter. Ich hielt mich dicht an der Demarkationslinie, spürte den kalten Stahldraht an meiner linken Schulter, als ich mich näher an den hinteren rechten Teil des Areals heranarbeitete. Das hohe Gras gab mir Deckung. Auch wenn weder Wachen noch weitere Kameras zu sehen waren, wollte ich kein Risiko eingehen. Eins, zwei, drei Zaunpfähle zählte meine Schulter, bevor ich abermals anhielt und den Rucksack absetzte. Mit klammen Fingern nestelte ich quälend lange Sekunden herum, bis die Steckschließe endlich aufsprang und mein Schweizer Messer freigab. Ich klappte die Vibranium-Klinge aus. Die Schneide durchtrennte den Draht mühelos. Eins, zwei, drei Schnitte später lag ich auf dem Betriebsgelände von Neptune Drilling. Eins. Zwei. Drei. Ich zählte die Sekunden. Ich atmete sieben ein und zehn aus. Das Zittern ließ nach. Sieben ein und zehn aus. Ruhepuls. Mich aufmerksam umsehend richtete ich mich auf. Vor mir lag das einzige Gebäude der Anlage. Ein quadratisch anmutender, fensterloser Flachdachbungalow, der offenbar nur durch eben jene Feuerschutztür zu betreten war, die mich in diesem Moment einladend anglänzte. Ich ging zu ihr hin, drückte ihre warme Kunststoffklinke und trat ins Licht.

Ralf nahm meine Hand. Meine Augen schmerzten. Ich schirmte sie mit dem freien Arm ab und blinzelte, bis ich wieder klar sehen konnte. Wir blieben an einem Geländer stehen. Vor uns führte ein Schacht hinunter in die Dunkelheit. Drei, vier, mehr Stockwerke tief. Eine Rampe umlief ihn in Schneckenform. Auf der Rampe stiegen im Krebsgang klappernd Wollhandkrabben in die Tiefe hinab. „Sieh‘ sie dir an“, sagte Ralf, und ich sah sie mir an. Ich sah, wie sie eine nach der anderen viele Meter unter uns in der Finsternis verschwanden. Ihre Scheren hoch erhoben, mit funkelnden Stilaugen. „Wo gehen sie hin“, fragte ich betäubt von dem Schauspiel und der seltsamen Erhabenheit des Augenblicks. „Sie bringen uns Erlösung“, erwiderte Ralf. Er wandte sich ab und schüttelte den Kopf. Mit zitternder Stimme fuhr er fort: „Wie konnte ich sie nur für Surf & Knödel auf der Schanze verraten?“ Er schien mir aufgewühlter zu sein, als nach einer Entführung gemeinhin notwendig. Ich gab ihm Zeit, sich wieder zu sammeln.

Er atmete, ich starrte auf Krabben. Er holte Luft, ich erstarrte in gespannter Erwartung. Er fand seine Stimme wieder, ich hörte ihm ungläubig zu, als er sagte: „Neptune Drilling hat die Krabben im Bauch von chinesischen Container-Schiffen nach Hamburg geholt. Die Frachter pumpen vor Leerfahrten Wasser in den Rumpf, damit sie auf der Reise nicht umkippen. Das Wasser lassen sie dann in der Elbe ab, bevor sie beladen werden. Da die Krabben auf Süßwasser stehen, finden sie ihren Weg hier hin quasi automatisch. Ist das nicht clever?“ Ralf strahlte über das ganze Gesicht. Ich haderte mit meinem Verstand. „Ja, clever“, presste ich hervor, „aber warum?“ „Na, weil das Fracking-Spezialisten sind“, platzte es aus Ralf heraus, als hätte er seit Jahren darauf gewartet, mich mit dieser Offenbarung zu konfrontieren, „die kommen mit ihren Scheren durch jede noch so harte Gesteinsschicht. Wir haben hier bald wieder unser eigenes Öl und lachen über den Russen! Und das alles nur Dank unserer chinesischen Krabbenfreunde. Hammer, oder?“

Als der Wecker klingelt bin ich mir sicher, dass ich erst zwei oder drei Stunden geschlafen habe. Heute ist Erntedank-Umzug. Ich quäle mich aus dem Bett und rutsche beinahe auf dem nassen Schlafzimmerboden aus. Ein fernes Klappern erinnert mich daran, dass ich den Boiler reparieren muss.

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