Das kleine Haus hinterm Deich: Wollhandkrabben und Vierlandenöl #1

Es ist kalt geworden in Vierlanden. Ein frischer Südwestwind weht von Niedersachsen über die Elbe. Das Zähneklappern der wenigen Spaziergänger, die sich in das frostig feuchte Hamburger Herbstwetter hinaus trauen, ist in meinem Arbeitszimmer im ersten Stock deutlich zu hören. Mühsam schleppen sie sich die knöcheltief unter Wasser stehende Hauptstraße entlang, reden laut mit sich selbst über einst bessere Zeiten. Der Maltipoo der Nachbarn zur Linken läuft, wenn er ausgeführt wird, in einem speziell entwickelten Hunderhönrad neben seinem Frauchen her. Er erzeugt beim Gassi gehen Strom, um die Powerbank für die Wärmelampe im Badezimmer aufzuladen. Er wird dieser Tage häufig ausgeführt.

Kälter als draußen ist es derzeit nur drinnen. Der Russe hat Gas und Öl teuer gemacht. Mein Nachbar zur Rechten hat in weiser Voraussicht alle Obstbäume des weitläufigen Grundstücks abgeholzt, um noch genug Brennstoff für den langen Winter zu haben, wenn Gartenhütte und Terrassenmöbel bereits verfeuert sind. Das wird in drei bis vier Wochen der Fall sein. Ich selbst bin dazu übergangen Unmengen fettiges Schweinefleisch und Vodka zu mir zu nehmen und mich nur noch ganz schnell zu bewegen, um meinen Körper in einen Heizkörper umzufunktionieren. Eigenkörperwärme scheint mir kurzfristig die nachhaltigste Quelle für thermische Strahlung zu sein.

Die einzigen, die von der frostigen Lage gänzlich unbeeindruckt zu sein scheinen, sind die warm eingepackten Neozoten, die hier seit einigen Wochen des Öfteren fröhlich winkend über die Straße laufen. In den Gräben, die zwischen den Häusern verlaufen, haben sich Chinesische Wollhandkrabben wohnlich eingerichtet. Anfangs haben wir fröhlich zurückgewinkt. Schließlich sind wir Leute hinterm Deich erst einmal offen für alles Neue und Fremde. Dann aber fiel uns auf, dass die Krabben immer mehr werden, und dass sie auch gar nicht fröhlich winken, sondern – ganz im Gegenteil – reichlich überhebliche Drohgebärden mit ihren dicken Zangen machen. Dem passionierten Sportfischer Ralf, der zwei Häuser weiter wohnt, platzte folglich irgendwann die pilkerbehangene Schlapphutschnur. Ohne viel Federlesens fixierte er einen der vollverschalten Expats mit dem Gummistiefel, brach ihm die Scheren heraus und schmiss alle noch brauchbaren Teile in einen Kochtopf. Leif und ich wurden zum Probeessen geladen. Schnell waren wir uns einig, dass der Wintergast aus Fernost ganz vorzüglich schmeckt. Derart bestätigt gründete Ralf noch am selben Abend die Kirchwerder Shellfish Corporation. Leif stellte ihm großzügig eine Schweizer Aktiengesellschaft als rechtliche Hülle für die Unternehmung zur Verfügung, die er noch aus seiner Zeit in der Hamburger Lokalpolitik über hatte. Wir begossen die Gründung mit ein paar Korn. Dann rannte ich so schnell wie ich konnte nach Hause, um meiner Aufgabe als Badezimmerradiator nachzukommen.

In den folgenden Wochen kam ich ins Grübeln. Ich freute mich für Ralf, keine Frage. Und ich freute mich auch für Leif, der endlich die lästige AG losgeworden war. Das Geschäftsmodell schien solide zu sein. Der Nachschub an Wollhandkrabben riss nicht ab, und Ralf konnte schon bald die erste Charge Kirchwerder Shellfish an die Bullerei verkaufen. Tim hatte wohl vor, das zuletzt ungeniessbare Entrecote von der Karte zu nehmen und durch chinesischen Marschenkrebs an dreierlei Kartoffelknödeln zu ersetzen. Alles sah also nach einem äußerst einträglichen Geschäft für Ralf aus. Irgendetwas wollte jedoch einfach nicht ins Bild passen. Die Bestätigung, dass ich mit meiner Ahnung richtig lag, sollte nicht lange auf sich warten lassen.

Es war an einem Mittwoch Abend, ich bemühte mich wieder einmal, unserem Zwergpudel das Rhönradfahren beizubringen, als ein schwarzer Lieferwagen auf der anderen Straßenseite hielt. „Neptune Drilling“ stand in hellblauen Buchstaben auf den Fahrertüren. Eine ganze Weile passierte nichts. Dann fuhr der Sprinter langsam an und bog in den schmalen Feldweg ein, auf dem Ralf wie immer um jene Zeit mit der Ernte beschäftigt war. Von hier an sind meine Erinnerungen undeutlich, da alles rasend schnell ging. Ralf ging zur Seite, um Platz zu machen, als das Fahrzeug plötzlich Gas gab. Der Fahrer brachte es neben dem Krabbensammler abrupt zum Stehen, die Schiebetür wurde aufgerissen, Ralf hineingezogen, und der Lieferwagen brauste davon. Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich aus meiner Schockstarre zu lösen. Hinterm Deich passiert eine ganze Menge, aber Entführungen sind wahrlich nicht an der Tagesordnung. Denn das war es doch, was ich gerade gesehen hatte: eine Entführung. Oder?

Was sollte ich tun? Die Polizei rufen? Nein, dafür war es zu früh. Vielleicht würden die Entführer ja anrufen und sagen „keine Polizei“, so wie sie es im Tatort immer machen, und dann wäre ich der Depp der schon die Polizei gerufen hätte, bevor die Kidnapper die Chance gehabt hatten, zu artikulieren, ob sie überhaupt Polizei haben wollten. Das ging nun wirklich nicht. Blieb mir also nur, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Ich verstaute Rhönrad und Pudel wieder im Schuppen und betrat die Zentrale durch Geheimgang 2, der hinter einem Stapel modriger Schiffsplanken und einem ausgestopften Clown versteckt ist. Meine treuer Papagei Heinz, der wie so oft während des Telefondienstes eingenickt war, schreckte hoch und begrüßte mich mit einem fröhlich gekrächzten „Komm doch liebe Kleine, sei die meine“. Komischer Vogel.

Noch aufgewühlt von den jüngsten Ereignissen ließ ich mich in einen der taupefarbenen Sitzsäcke fallen und ordnete meine Gedanken. Ich musste etwas finden, womit ich arbeiten konnte. Immer wieder tauchten zwei Worte vor meinem inneren Auge auf: Neptune Drilling. Mir war so, als hätte ich sie auf der Tür des Sprinters nicht zum ersten Mal gesehen. Sie kamen mir merkwürdig vertraut vor. Als die Erkenntnis mich hart und ohne Vorwarnung traf, schleuderte sie mich aus der faulen Behaglichkeit des Fatboys auf den harten Boden der Gewissheit. Ich kannte diese Firma. Ich wusste, wo ich den Namen schon einmal gesehen hatte. Er steht an den Toren, die die Zufahrt zu den stillgelegten Erdölpumpen versperren, keine 1000 Meter die Straße runter. Neptune Drilling steht da. In hellblau. Direkt über dem in schwarz gedruckten „Betreten verboten“.

Eilig packte ich Seil, Taschenlampe und Schweizer Messer in einen Rucksack und verließ die Zentrale. Mittlerweile hatte sich Dunkelheit über das Marschland gesenkt. Einzig der Ruf eines Waldkauzes und ein vorbeidonnernder Vierzigtonner störten die stille Heimlichkeit der Nacht. Ich schulterte den Rucksack und ließ die kalte Luft in meine Lungen strömen. Es war an der Zeit, Gerechtigkeit walten zu lassen.

Fortsetzung folgt…

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