Neues aus Frydgard: Blármantur

Die Bewohner von Frydgard glauben nicht an Götter, die ihre Geschicke lenken. Auch gibt es keine Schöpfungsgeschichte, die allgemein anerkannt ist, weiter getragen und in der Schule gelehrt wird. Die meisten Wesen in dieser Welt nehmen ihre Existenz einfach hin. Genauso wie sie die Existenz aller anderen Wesen einfach hinnehmen.

Jede Spezies hat ihren eigenen Kanon an Sagen, Mythen und Fabeln, die man sich abends am Lagerfeuer oder am Ofen erzählt. Und natürlich gibt es auch Geschichtsschreibung. Schließlich hat Frydgard, wie jede andere Welt auch, eine Geschichte. Also eine Vergangenheit für deren Stattfinden es Beweise, Augenzeugen und Berichte eben jener gibt. Allerdings geht diese Geschichtsschreibung nicht viel weiter zurück als zum großen Krieg, in dem Zortan alle Wesen Frydgards vereint hat. Aus dieser Zeit gingen die Helden hervor, die bis heute verehrt werden. Sie kommen Göttern nach unsere Definition am nächsten. Auch wenn sie sterblich waren. Ihre überlebensgroßen, steinernen Abbilder stehen auf dem großen Platz im Zentrum von Nangfest, um an ihre Taten zu erinnern. Erinnerungen an ihre Lebzeiten haben indes nur noch Trolle und einige mächtige Skaden, die ebenfalls ein hohes Lebensalter erreicht haben.

Skaden sind die einzigen Wesen, die sich je darüber Gedanken gemacht und Forschungen dazu angestellt haben, wo die Welt und die Wesen, die auf ihr leben, ursprünglich hergekommen sind. Ihren Überlieferungen zu Folge ist Frydgard aus Blármantur, dem Licht des Lebens, entstanden. Solange es viele Drekinn tief im Kern der Welt leuchtet, besteht sie fort. Sobald es erlischt, geht sie unter. Der einzige Ort, an dem man Blármantur sehen kann, ist das Zentrum des Jaksteins. Der Jakstein ist ein mächtiger Berg, der steil und zerklüftet aus den Fluten des Meeres der Weisheit empor ragt. In seinem Inneren gibt es eine versteckte Felsenhalle, die in einem hellen blauen Licht erstrahlt. Das Licht kommt durch einen tiefen Spalt direkt aus dem Herzen der Welt. Es ist das Licht des Lebens. Blármantur.

Um sicherzustellen, dass das Licht nicht erlischt, haben die Skaden im inneren des Jaksteins in längst vergessenen Zeiten einen Wächter eingesetzt: den gütigen Vrunjak. Sein Name ist in ganz Frydgard bekannt. Seine Aufgabe jedoch nur den wenigsten. Wenn er seinen seltenen Besuchern schildert, was er in der Felsenhalle macht, klingt es ungefähr so:

„Ich bin der Wächter von Blármantur. Jeden Tag sehe ich direkt in Frydgards Herz. Es mag Dinge geben, die ich nicht weiß, aber ich weiß, wie alles zusammenhängt. Ich spüre den Puls unserer Welt. Ich freue mich mit ihr, ich leide mit ihr, ich kranke und ich heile mit ihr. Wir sind alle verbunden durch Blármantur. In Blármantur sind wir eins. Und ich passe auf, dass es so bleibt. Dass alles im Gleichgewicht bleibt.“

Eindrucksvoll, oder? Nur, was genau es mit dem Gleichgewicht auf sich hat, darauf können sich diejenigen, die diesen Monolog zu hören bekommen, in der Regel keinen Reim machen. Daher fragen sie, was er damit meine, dass alles im Gleichgewicht bleibe. Nur zu gern antwortet Vrunjak dann. Schließlich hat er nicht allzu oft einen Gesprächspartner in der Grotte.

„Es gibt Mächte in Frydgard, die die Balance des Lebens in unserer Welt zu ihren Gunsten verschieben wollen. Jede Störung des Gleichgewichts, jede Ungerechtigkeit, jede Lüge, jedes Blutvergießen trüben Blármanturs Licht. Unterdrückung, Habgier, Betrug und Gewalt schwächen seinen Puls. Über die Jahrhunderte hat Blármantur bereits viel von seiner Strahlkraft eingebüßt. Ich bin hier, um sicherzustellen, dass er nicht aus- und wir nicht untergehen. Das tue ich, indem ich jenen Rat gebe, die mit strittigen Fragen das Gleichgewicht betreffend zu mir kommen.“

Auf Nicht-Skaden können diese Aussagen äußerst verstörend wirken. Immerhin akzeptieren sie ihr Sein einfach und machen sich keine Gedanken um die „Balance des Lebens“ und die Möglichkeit, dass dieses Leben auf einmal erlöschen könnte. Gesetzt den Fall jedoch, dass die Schöpfungs- und Untergangstheorie der Nordmenschen stimmt, könnte man den Wächter Blármanturs als das Wesen mit der verantwortungsvollsten Aufgabe in ganz Frydgard bezeichnen.

Bleibt nur zu hoffen, dass es seinen Beinamen „der Gütige“ zu Recht trägt.

2 Gedanken zu “Neues aus Frydgard: Blármantur

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