Schreiben: Die Maschinen übernehmen

Niemals können Maschinen oder Code-Pieces kreative Aufgaben übernehmen. Menschen, die repetitive Tätigkeiten ausführen, können easy ersetzt werden, klar. Aber doch nicht schöpferische Freigeister, die aus dem Nichts etwas Neues erschaffen.

Schon 2020 hat mich die Telekom mit dem Projekt BeethovenX eines Besseren belehrt. Ich habe abgewunken. Natürlich kann eine künstliche Intelligenz, die man lange genug mit Beethoven-Werken füttert, irgendwann eine Sinfonie im Stile des Vorbilds schreiben. Ist ja klar. Das kommt aber ja auch nicht aus dem Nichts. Das ist streng genommen eine Kopie. Wenn man den programmierten Plagiator vorne nicht mit Noten füttert, kommen hinten auch keine raus. Wohlfeil vergessen habe ich bei dem verächtlichen Abtun des magentafarbenen Musikexperiments, dass auch der menschliche schöpferische Freigeist über Jahre gefüttert wird. Musiker hören Musik, Schriftsteller lesen, Maler interessieren sich in der Regel für Kunst. Auch wenn sie es nicht täten, so würden sie fortlaufend andere künstlerische Ausdrucksformen konsumieren. Sie können es gar nicht verhindern. Keiner von uns kann das, so lange er sich nicht in die einsamste aller einsamen Höhlen abseits sogar von Alphörnern und Höhlenmalerei zurückzieht. Und selbst da, in der alpinen Einöde, wäre er dennoch ständig der größten aller Inspirationsquellen ausgesetzt, die Menschen (und vielleicht auch Maschinen) aufnehmen, interpretieren und in ihr kreatives Werk einfließen lassen: der Natur.

Ich muss also zähneknirschend eingestehen, dass Mensch und künstliche Intelligenz die gleichen Startvoraussetzungen für ein Dasein als Künstler mitbringen. Eigentlich sind die des Menschen sogar deutlich besser, da er über Jahre hinweg Eindrücke aufnimmt und verarbeitet. Die KI hat dafür mangels Vorleben nur wenige Wochen, vielleicht Monate, bevor sie ihre kreative Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen muss.

Nein, das ist sicher kein Werbetext für computergestützte Kreativität, auch wenn sie in vielen Bereichen faszinierende neue Möglichkeiten eröffnet. Dies ist vielmehr ein kurzes Blog gewordenes Kopfschütteln, dass mit einem verschämt gemurmelten „Scheiße“ einhergeht.

Ein Freund hat mir heute jede Menge Informationen zu KI-Text-Generatoren geschickt, also Programmen, die auf Basis von selbstlernenden neuronalen Netzen oder anderen Techniken der künstlichen Intelligenz Textbausteine oder ganze Artikel über vom Nutzer vorgegebene Themen schreiben. Ich gehe davon aus, dass die Motivation des Freunde nicht die war, mich zu frustrieren. Dennoch hätte er genau das beinahe erreicht. Natürlich hatte ich bereits von derartigen Wunderprogrammen gehört. Wahrscheinlich lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass über 50% der tränenrührigen Beiträge in sozialen Netzwerken wie Facebook oder LinkedIn mittlerweile von Software geschrieben werden. Ganz ehrlich: So einen Blödsinn kann sich doch kein Mensch ausdenken.

Nach interessierter Lektüre der bereitgestellten Infos konnte ich selbstverständlich nicht die Finger von der verbotenen Frucht lassen. Da ich ohnehin gerade im Begriff war, einen Artikel über meine Einflüsse und Lieblingsbücher aus dem Bereich der Fantastikliteratur zu beginnen, dachte ich mir, ich lasse einfach mal die KI ran. Vielleicht könne ich mir das Selbstschreiben ja sparen, schoss es es mir durch den Kopf, und gewänne so Effizienz, Reputation und Millionen von Followern. Ich zauderte also nicht allzu lang, öffnete neuro-flash.com und gab „die besten Fantasy Romane“ als Briefing für meinen künstlich erzeugten Blogbeitrag ein. Hier ist die Einleitung, die die App für mich verfasst hat:

„Als ich damals das erste Mal „Harry Potter“las, war ich sofort hin und weg. Dieses Gefühl von Freiheit, Magie und Abenteuer – ich konnte es kaum glauben! Seitdem bin ich ein riesiger Fan von Fantasy Romanen und habe viele tolle Bücher in diesem Genre gelesen. In diesem Artikel stelle ich meine absoluten Lieblinge vor und zwar die besten Fantasy Romane aller Zeiten!“

Gut, ich wäre anders eingestiegen, aber schämen würde ich mich für den Absatz nicht. Die Dopplung von „in diesem“ im dritten und vierten Satz ist unschön, aber das könnte ich ja noch korrigieren. Weiter ging es wie folgt:

„Es gibt unzählige Fantasy Romane, doch welche sind wirklich die besten aller Zeiten? Die folgenden drei Bücher gehören auf jeden Fall in diese Kategorie und sollten von allen Fantasy Fans gelesen werden. Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien ist nicht nur ein Klassiker der Fantasy Literatur, sondern auch eines der meistgelesenen Bücher überhaupt. In diesem Epos wird die Geschichte vom Ringkrieg erzählt, in dem es um Macht und Gut gegen Böse geht. Der Herr der Ringe ist atemberaubend und lässt den Leser in eine völlig andere Welt eintauchen. Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin ist ebenfalls sehr beliebt…“

Ja, das ist es in der Tat. Bei groß und klein. Dass der zweite Absatz sich liest, wie der Schulaufsatz einer Zehnjährigen, hat mich fürs erste beruhigt und davon überzeugt, die nächsten Artikel vorerst weiter selbst zu schreiben.

Wenn man sich bewusst macht, dass der Text nicht aus dem Internet kopiert, sondern von der Software auf Eingabe meines Kurzbriefings originär erschaffen wurde, ist das Ergebnis jedoch durchaus beeindruckend. Ich behalte den Vormarsch der Maschinen mal weiter im Auge. Wer weiß, vielleicht hänge ich die Schreiberei doch noch an den Nagel und werde Prinzessin.

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