Schreiben: Time flies when you’re having fun

Fulminant behauptete ich in einem früheren Eintrag, ich würde, „das Buch“ noch „mindestens zweimal komplett überarbeiten“. Erfrischend diese Naivität, nicht wahr? In der letzten Woche habe ich den Anfang, also die ersten 50 Seiten, viermal überarbeitet, und es werden sicher nicht die letzten Durchläufe gewesen sein. Begonnen habe ich mit dem Aufpolieren des Textes, in dem ich ein neues Dokument geöffnet und die kompletten 50 Seiten noch einmal neu geschrieben habe. On Copy& Paste. Alles „from scratch“. Im ersten Augenblick gefiel mir die neue Version deutlich besser. Gerade deswegen, weil sie völlig anders war. Ich kann zwar große Teile des alten Anfangs auswendig aufsagen, habe mich aber beim Neu-Schreiben erstaunlicherweise ziemlich weit vom Ursprungstext entfernt. Das war eine spannende Erkenntnis und mehr als eine Spielerei. Mein Alles-neu hat mir dabei geholfen, wieder mehr Distanz zum Text einzunehmen und mich bei der folgenden Überarbeitung von der Ursprungsversion zu lösen. Tatsächlich habe ich alte und neue Version parallel bearbeitet, so dass das Ergebnis jetzt ein Best-of ist.

Natürlich ist das was anderes, als mit gespitzter Feder und tränennassen Augen Musenküsse aufs Papier zu kalligraphieren, während der entrückte Blick schwelgend über die vorm Fenster grasenden Fjordpferde wandert. Erstens hat Kalliope wahnsinnig viel zu tun und oft einfach keinen Bock auf Küssen. Zweitens kommt die Inspiration zu spät, wenn sie erst beim Schreiben kommt. Idealerweise kommt sie viel früher. Nämlich dann, wenn sie dir die Idee für die Geschichte/ den Roman/ das Gedicht in den Kopf pflanzt. Der Rest ist sehr viel Arbeit und ganz wenig Spaß. Wobei, das stimmt nicht ganz. Die Geschichte zum ersten Mal aufzuschreiben, die Figuren zum Leben zu erwecken, rauszufinden, wie sie in gewissen Situationen reagieren, mit wem sie gut zurecht kommen, mit wem nicht so, das macht schon großen Spaß. Ebenso wie in meinem aktuellen Fall das Erschaffen einer fantastischen Welt, in der man beim Schreiben hinter jeder Ecke etwas neues Neues entdeckt. Aber dann! Aber dann ist auch schon ziemlich zackig Schluß mit lustig. Dann wird geschraubt und gefeilt, nochmal kurz nachgeschlagen, wie genau indirekte Rede im Präteritum funktioniert und welcher Konjunktivform nur in meinem Kopf existiert. Faustregel zur Selbstkontrolle: Richtig ist, wenn es sich nach Arbeit anfühlt.

Schreiben ist sogar eine äußerst anstrengende Arbeit. Wenn ich konzentriert zu Werke gehe, schaffe ich ein bis zwei Normseiten pro Stunde. Wenn’s richtig gut flowt auch mal drei, aber das sind dann absolute Ausnahmetage. Nach vier Stunden mit jeweils 10 Minuten Pause alle 60 Minuten, bin ich solide erschöpft und nur noch bedingt sozial verwendbar. Heißt, aus einem Arbeitstag plumpsen 4-8 Seiten raus. Ich weiß, dass es Autoren gibt, die ihre erste Version deutlich rougher und somit schneller schreiben, aber ich habe mir angewöhnt mich bereits in der Genese mit Details zu beschäftigen. Den Rhythmus 4x(60+10) habe ich mir bei Heinz Strunk abgeschaut. Der hat oft recht. In der letztwöchigen Überarbeitungsphase habe ich zwei Tage am Stück jeweils acht Stunden geschrieben und überarbeitet. Das geht mal, wenn der Zeitdruck groß ist, führt aber – zumindest in meinem Fall – nicht zwingend zu mehr Qualität.

Also: Ärmel hoch und los geht’s. Und auf keinen Fall die Pausen vergessen.

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