Schreiben: Neues aus Frydgard #2

Ich mache gerade eine völlig neue Erfahrung. Streng genommen sogar zwei. Die erste ist, dass es ungemein meta ist, über Schreiben zu schreiben. Die zweite, die mich deutlich mehr beschäftigt, ist die, dass ich während der Überarbeitung von Frydgard eine neue Technik für mich entdeckt habe. Bislang bin ich beim Aufpolieren von Geschichten immer chronologisch vorgegangen. Dicht am Erzählstrang, dicht an den Hauptfiguren habe ich vor allem an einzelnen Formulierungen und Übergängen gewienert. Natürlich habe ich mir das ein oder andere Kapitel gesondert vorgenommen, einzelne Szenen bearbeitet und hier und da mal Ereignisse verschoben, um den Spannungsbogen stärker zu spannen oder Inkonsistenzen auszubügeln. Vor einigen Tagen kam mir, einer Eingebung gleich, erstmals in den Sinn, den Stoff weniger als Buch, sondern mehr wie einen Film zu betrachten und bestehende Szenen aus anderen Perspektiven, also mit neuen Kameraeinstellungen zu schreiben.

Es kann gut sein, dass diese Herangehensweise für alle anderen Autoren ein völlig verstaubter alter Hut ist, mir hat sie jedoch völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Allein die Beschäftigung mit der Fragestellung, ob man Szene A nicht spannender aus der Sicht eines Beobachters oder eines Insekts, aber eben nicht aus der des auktorialen Erzählers schreiben könnte, bereitet mit unfassbar viel Freude. Ebenso spannend finde ich es, den Text während des Lesens in einen Film umzuwandeln und vor meinem inneren Auge ablaufen zu lassen. Bei der Lektüre eines guten Buches macht man das ohnehin, aber eben unbewusst. Die bewusste kritische Auseinandersetzung mit der visuelle Ebene des Textes erlaubt mir, neben dem üblichen Feilen an der besten Formulierung, andere Eingriffe vorzunehmen, wie zum Beispiel Schnitte einzufügen oder loszuwerden, Kameraperspektiven zu verändern, Lichtstimmungen anzupassen und so weiter. Jetzt gerade bin ich zum Beispiel dabei, eine komplett neue Nebenhandlung einzuführen, die parallel zur Haupthandlung angesiedelt ist. Auch wenn die Idee technisch alles andere als revolutionär ist, kam sie mir nur, weil ich mir das Buch beim Lesen als Film vorgestellt und mich immer wieder gefragt habe, was in verschiedenen Szenen meine Erwartungshaltung an eine spannende cineastische Umsetzung wäre.

Wie schon gesagt: Es mag sein, dass das genau das ist, was man eben so macht, wenn man einen Roman schreibt. Ich fühle mich derzeit aber wie Charlie in der Schokoladenfabrik. Von überall kommen neue aufregende Leckereien angeflogen. Im Kern ist die besagte neue Erfahrung jedoch die, dass ich endlich das Gefühl habe, dass ich weiß, was ich tue und warum ich es tue, wenn ich schreibe. Das hat auch und vor allem damit zu tun, dass ich mich seit einigen Monaten so intensiv wie seit 20 Jahren nicht mehr mit „Schreiben als Job“ beschäftige.

Ein interessanter Nebeneffekt der neuentdeckten nicht-chronologischen Schreiberei ist, dass ich Skizzen von Szenen entwickele, die gut funktionieren könnten, aber mit großer Sicherheit in der Kinofassung keine Berücksichtigung finden werden. So habe ich später ordentlich Material für einen Director’s Cut. Das hier ist eine dieser Skizzen. In der FSK10-Version wird sie nicht enthalten sein, und ich werde sie wohl auch gar nicht erst drehen.

Wölfe

Der Fausthieb traf ihn völlig unvorbereitet. Er nahm seltsam bewusst wahr, wie sein Kiefer sich unter dem Aufprall des stahlbewehrten Handschuhs verformte. Heißer Schmerz fuhr gleißend in seinen Kopf, blendete seine Gedanken. Seine Knie knickten ein. Er sehnte sich nach der rettenden Schwärze der nahen Bewusstlosigkeit. Der Besucher packte ihn grob am Kragen und zog ihn wieder auf die Füße. Er würde ihm keine Erlösung gewähren. 

“Bleib schön bei mir, Krämer”, kitzelte die kalte Stimme sein Ohr. Sie jagte ihm einen Schauer über den Rücken, ließ seinen Puls in die Höhe schnellen, fror den Schmerz ein. Starke Hände zwangen seinen Kopf auf den Verkaufstresen, drehten ihm den rechten Arm auf den Rücken. Das seitenverkehrte Bild der Tiegel und Töpfe verschwamm, als die Tränen kamen. 

“Ich frage dich noch einmal”, setzte die Stimme wieder ein, “wo ist er?” Der Druck auf seinen Kopf wurde größer, während sein rechter Handrücken so weit nach oben gezogen wurde, dass er das linke Schulterblatt berührte. Ein neuer Schmerz fuhr in seinen Körper, ließ ihn aufschreien und um Gnade flehen. “Aaaaah…hört auf damit! Bitte!”, presste er hervor, während er versuchte, sich dem stählernen Griff zu entwinden. Das hämische Kichern in seinem Rücken verriet dem Kräuterhändler, was der Besucher von der Gegenwehr hielt. Als die Stimme weiter sprach, packten die Hände fester zu: 

“Sag mir, was ich wissen will, und wir können das ganz schnell beenden.” 

“Ich…ich weiß nicht, wo er ist”, stammelte der Ladenbesitzer, “vielleicht…”.

“Vielleicht was…?”, bohrte die Stimmer weiter, “meine Herrin ist krank vor Sorge um ihren Sohn. Dir fällt also besser schnell etwas ein, das ihr hilft, ihn zu finden.” 

“Bitte…ich…”, keuchte er, vor Schmerzen kaum noch in der Lage, verständlich zu sprechen, “vielleicht… fragt ihr besser… jemand anderen…ich…” Mit einem lauten Knall sprang sein rechter Arm aus dem Schultergelenk.

Als der hochgewachsene Besucher mit der weißen Wolfsmaske den Laden verließ, wurde dem Händler endlich die Gnade der Bewusstlosigkeit zuteil. 

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