Der Würfel ist gefallen: Baseball

Rory’s Story Story Cubes sind die perfekte Hilfe in Situationen, in denen man gern schreiben möchte, aber keine Ahnung hat, worüber man schreiben könnte. So Situationen wie diese hier. Ich habe den ganzen Tag versucht zu arbeiten und den tropischen Temperaturen aus dem Weg zu gehen. Beides hat leidlich gut funktioniert. Jetzt am Abend ist mir danach, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen, um das Gehirn ein wenig locker zu machen. Allein ich habe nicht die leiseste Idee, was. Zum Glück habe ich mir genau für diesen Ernstfall vor ein paar Wochen eine Schachtel mit Story Cubes neben meinen Schreibtisch auf das Fensterbrett gelegt. Die Vorgehensweise ist die folgende: ich würfle mit einem Würfel und schreibe über das, was auf der Seite abgebildet ist, die oben liegen bleibt. In diesem Fall ist es ein Strichmännchen, das Baseball spielt. Challenge accepted – ich schreibe über Baseball.

Die Giants liegen im fünften Inning drei Runs vorn. Der Heimsieg gegen die Dodgers scheint zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Formsache zu sein. Gerade ist die Sonne untergegangen und ein kühler Wind drückt über die Bay in den ausverkauften AT&T Park. Ich kuschle mich in den Giants Hoodie, den ich vor dem Spiel an einem Merchandising-Stand gekauft habe und rutsche ein wenig tiefer in den Hartschalensitz, der mir seit 90 Minuten böse Kreuzschmerzen bereitet. Mein Sitznachbar lächelt wissend und bietet mir an, mich an der riesigen Portion Churros zu bedienen, vor der seine Kinder längst kapituliert haben. Ich lehne dankend ab. Die mexikanischen Großfamilien, in deren Mitte ich sitze, haben mich schon den ganzen Abend liebevoll mit Burritos, Nachos, Tacos und Churros versorgt. Auf keinen Fall kann ich noch mehr essen. Eigentlich wollte ich nach der nahrhaften Pre-Game-Bloody-Mary, die ich mir am frühen Nachmittag an der Bar des Pier 23 gegönnt hatte, nichts weiteres mir zu mir nehmen. Dem Vorhaben kamen jedoch mit voller Wucht der Cinco de Mayo und die mexikanische Gastfreundschaft in die Quere. So sitze ich jetzt also kugelrund und glücklich links neben der Home Plate und lasse meinen Blick über eine der schönsten Sportstätten der Welt schweifen. Der AT&T Park, der heute Oracle Park heißt, liegt an der Mission Bay in San Francisco. Das Outfield öffnet sich in Richtung Osten. Heißt, man kann von allen Plätzen aus den Hafen und das Wasser sehen. Heißt auch, dass die Versuchung groß ist, ab und zu mal nicht ganz bei der Sache, sprich beim Spiel, zu sein und einfach mal den fantastischen Ausblick zu genießen. Heute geht’s hier ohnehin um viel mehr, als um Sport. Es ist der mexikanische Nationalfeiertag. Vor dem Spiel hat eine Mariachi-Band aufgespielt, die Spieler sind heute in Sonder-Jerseys als Los Gigantes aufgelaufen, es wird mehr gesungen, gelacht und vor allem gegessen, als Baseball geguckt. Ich liebe es. Und es ist nicht so, als könnte ich mit Baseball nichts anfangen. Ganz im Gegenteil. Ich finde Baseball einen hochspannenden Sport und freue mich riesig, jetzt endlich mit 37 Jahren mein erstes Spiel live im Stadion zu sehen. Und dann noch dazu dieses Spiel in diesem Stadion an diesem Tag. Das „El Classico“ der Westküste in San Francisco am 5. Mai. Wäre es geplant gewesen, hätte man es besser nicht aufmalen können. Aber es war nicht geplant. Ich bin zum Arbeiten in der Stadt. Morgen ist Montag. Nach dem Spiel geht es zügig ins Hotel und dann früh ins Büro in den Mission District. Für heute war nur die Bloody Mary eingeplant. Nicht als Pre-Game-Bloody-Mary, sondern als spätes kalifornisches Frühstück ohne anschließendes Baseball-Spiel. Wie kam es also dazu, dass ich jetzt hier sitze, mich meines Lebens freue und kurz davor bin, von Angel Miguel und Maria Fernanda adoptiert zu werden? Ganz einfach: Purer Zufall, oder sagen wir lieber, eine Reihe alles andere als betrüblicher, schicksalhafter Ereignisse. Ich bin gestern aus New York in San Francisco angekommen. In New York hatte ich mehrere Termine, unter anderem Bewerberinterviews für vakante Stellen im Sales-Bereich. Einer der Bewerber, seinen Namen habe ich leider vergessen, arbeitete derzeit im Vertrieb der MLB, also der Major League Baseball. Ich erzählte ihm, dass ich am Wochenende nach San Francisco weiterreisen würde, und – schwups – flatterte am nächsten Morgen ein Ticket für das Spiel, das ich mir jetzt gerade ansehe, in meinen Mail-Eingang. Wie gesagt, eine Reihe schicksalhafter Ereignisse.

Die Geschichte von Baseball und mir fing jedoch schon einige Jahre früher an, nämlich im Jahr 1986. Ich war zehn Jahre alt und sollte in diesem Sommer das erste – und bislang leider auch letzte – Mal Baseball spielen. Auch zu diesem Geschehnis kam es durch eine unvorhersehbare Verkettung obskurer Zufälle.

Mein musikalisches Talent früh pflegend sang ich damals im Kirchenchor der evangelischen Jakobi-Gemeinde in Wilhelmshaven. Der Pastor, ein Amerikaner mit Namen Charles Glandorf, hatte – wenn ich mich recht entsinne – Wurzeln in Long Island. So begab es sich, dass wir im Sommer 1986 auf Konzerttournee in die USA aufbrachen. Unsere erste Station: New York. Wir waren bei Gastfamilien in Forest Hills, einem sehr schicken Teil von Queens, untergebracht. Auch hier könnte mir meine Erinnerung einen Streich spielen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es so war. Mein Freund Ansgar und ich hatten das Glück, bei einer unfassbar freundlichen Familie mit zwei Kindern in einem riesigen Haus mit weitläufigem Garten unter zu kommen. Im Souterrain, in dem wir unser Lager aufschlagen durften, gab es ein Spielzimmer, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Es gab einfach alles. Einen Atari, Transformers, die komplette Star Wars Welt inklusive Millennium Falken, kurz: Es war genauso, wie ich mir als Zehnjähriger das gelobte Land Amerika vorgestellt habe. Tagsüber ging es aus dem Keller in den Garten und wir haben Baseball, genauer gesagt Softball, gespielt. Auch dafür gab es jedwede Ausrüstung, die notwendig war – sogar einen Fanghandschuh für meine Rechte, obwohl niemand in der Familie wie ich Linkshänder war. Am späten Nachmittag kam der Vater der Familie nach Hause und ist direkt mit ins Spiel eingestiegen. Er hat erklärt, Tipps gegeben und vor allem viel gelacht und mit uns rumgealbert. Der perfekte amerikanische Kinderfilm. Er sagte auch, er hätte uns gern zu einem Spiel mitgenommen, aber es sei gerade Sommerpause. Was er also eigentlich sagte war, dass er uns gern zur Arbeit mitgenommen hätte. Wie sich herausstellte war er der Manager der New York Mets. Das heißt – und ich bitte um einen Trommelwirbel – ich habe vom Manager der New York Mets Softball spielen gelernt. Da hätte ich wahrscheinlich auch mehr draus machen können.

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