Schreiben: Neues aus Frydgard #1

Dieses Mal ziehe ich es durch. Ich habe im letzten Jahr ein Buchprojekt wieder zur Hand genommen, das ich wahrscheinlich mich 16 oder 17 begonnen und nie fertiggestellt habe. Nach ein paar Monaten Schreibpause, in denen ich mich um Hauptberufliches gekümmert habe, sitze ich seit einigen Wochen wieder dran. Ich blocke mir Schreibzeit im Kalender und strukturiere meine Wochen so, dass ich mal am Vormittag, mal am Nachmittag an dem Buch arbeite und in der jeweils andere Hälfte des Tages bezahlte Arbeit erledige. „Nach der Arbeit“ schreiben funktioniert nicht. Schreiben muss man angehen, wie einen Job. Alles andere ist Mumpitz. Tatsächlich überlege ich gerade, ein Schreibbüro anzumieten, das mir erlaubt, die Welt meiner Geschichte um mich herum zu bauen, alles andere auszublenden und noch tiefer darin zu versinken. Das Projekt, an dem ich arbeite, ist ein Fantasy-Kinderbuch, das in einer Welt spielt, die mit der unseren wenig gemein hat, außer das es in ihr auch Eichhörnchen, Pferde, eine Sonne, Berge und Wasser gibt. Und Menschen. Die gibt es auch. Allerdings sind sie nicht die einzigen Zweibeiner, die in Frydgard rumlaufen. Sie müssen sich den Titel „Krone der Schöpfung“ mit Sardons, Trollen, Skaden, Hexen, Katzenmenschen und anderen aufrecht gehenden Wesen teilen. Zumindest, wenn die Drachen gerade nicht da sind.

Streng genommen spielt die Nahrungskette in Frydgard für das, was ich eigentlich erzählen wollte, aber gar kein Rolle. Was ich erzählen wollte ist, dass ich es dieses Mal durchziehe. Schreibbüro hin oder her, wieder einmal stelle ich fest, dass mir keine Arbeit so viel und so tiefe Befriedigung verschafft, wie das Schreiben. Oder besser gesagt, das Erschaffen von Szenen, Orten und Welten mit Worten. Heute habe ich eine wirklich gute Szene zu Papier gebracht. Niemand wird sie erleben, bevor ich es tatsächlich durchgezogen und das Buch fertig gestellt habe. Ich bekomme keinen Applaus, keine Instant-Gratification, wie sie mir ein Social Media Post einbringen könnte. Es genügt mir voll und ganz, dass ich nach meinen Maßstäben gute Arbeit geleistet habe. Mehr noch: Ich bin davon überzeugt, dass niemand anderes außer mir die Szene so geschrieben hätte, wie ich sie geschrieben habe – inhaltlich und stilistisch. Natürlich heißt das noch lange nicht, dass sie objektiv (sic!) gut ist, und ich weiß auch, dass ich sie zusammen mit dem Rest des Buches noch mindestens zwei Mal komplett überarbeiten werde, aber ich habe das Gefühl, dass ich etwas wirklich gutes erschaffen habe. Das Gefühl ist ähnlich dem, das ein Musiker hat, wenn er allein im Keller einen Song geschrieben hat, von dem er weiß, dass er gut ist, ohne dass er ihn seinen Freunden vorspielen muss. Der Song ist gut für ihn, weil er das, was in dem Musiker drin ist, nach draußen transportiert. Weil er die Gefühle und Gedanken seines Schöpfers hör- und nacherlebbar macht. Weil er echt ist. Weil kein anderer ihn hätte schreiben können. Darüber wird der Musiker tiefe Befriedigung erfahren unabhängig davon, ob der Song in den Ohren der Öffentlichkeit als guter oder schlechter Song wahrgenommen wird. Ja, sogar unabhängig davon, ob der Musiker selbst ein herausragender oder mittelmäßiger Künstler ist. Ich wage zu behaupten, dass ein brillanter Musiker sogar deutlich seltener tiefe Befriedigung aus dem eigenen Schaffen zieht, so wie er es noch in seinen Anfangszeiten im Keller getan hat, da der Backkatalog und die steigende Erwartungen an das eigene Tun dem entgegen stehen.

Das Beispiel des Musikers habe ich gewählt, da ich den schöpferischen Prozess des Songschreibens als gescheiterter Rockstar nachempfinden und am ehesten mit dem Schreibprozess in Verbindung setzen kann. Genauso gut hätte ich einen Maler, Zeichner, Schneider, Töpfer oder Bildhauer heranziehen können, um meinen Punkt zu verdeutlichen: Aus der eigenen Wertschätzung, der eigenen Begeisterung, dem eigenen Interesse für seine kreative Arbeit erwächst sowohl die größte Befriedigung als auch die größte Motivation des Schöpfers. Kurz: es gibt wenig Schöneres, als zu wissen, dass man was wirklich Gutes gemacht hat, ohne das man es jemandem zeigen muss. Es ist noch nicht einmal wichtig, ob es überhaupt jemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Es ist da, es ist von mir, es ist gut. Let’s call it a day.

Dieses Mal ziehe ich es durch.

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