Lesen: Highlights 2020

Lesen ist für mich wie Laufen. Das eine dient der körperlichen, das andere der geistigen Fitness. Wobei, eigentlich kann man das gar nicht so streng trennen. Bei genauerer Betrachtung dient beides beidem. Mens sana in corpore sano, das eine bedingt das andere, oder zumindest bleibt das Gesamtsystem besser in Schuss, wenn man Physis und und Psyche gemeinschaftlich betrachtet und dann und wann mal ein wenig pflegt. Genau wie beim Laufen, brauche ich auch beim Lesen immer eine Challenge, ein Gamification-Element. So bin ich gestrickt. Die Beurteilung, ob das auf einen Mens sana schließen lässt, überlasse ich anderen. Bereits seit einigen Jahren nutze ich daher die App „Goodreads“, die ich allen Leseratten nur wärmstens ans Herz legen kann. Hier findet man nicht nur tolle Buchempfehlungen, sondern kann sich selbst eine jährliche Lese-Challenge aufstellen. Goodreads ist also das Runtastic des leistungsorientierten Bücherwurms mit Statistik-Fetisch.

Meine Stats für 2020 sehen wir folgt aus: ich habe 43 Bücher mit insgesamt 12.925 Seiten gelesen. Das wundervoll herzerwärmende „State of the Union / Keine hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ von Nick Hornby war mit 132 Seiten das kürzeste, sagt Goodreads. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, das die Version von Sun Tzus „The Art of War“, die ich zwischendurch weggeatmet habe, noch ein wenig kompakter war. Mit 870 Seiten war „Harry Potter und der Orden des Phoenix“ der dickste Schmöker, den ich genossen habe. Eines meiner Leseziele für das letzte Jahr war, die Harry-Potter-Reihe noch einmal komplett zu lesen. Den Punkt konnte ich im Februar bereits abhaken. Wenn sich wachtraumbefeuernde Realitätsflucht so wahnsinnig flüssig liest, fällt es mir stets schwer ein Ende zu finden. Meine durchschnittliche Lektüre hatte 300 Seiten. Die bibelstärke der J.K. Rowling-Wälzer habe ich mit einigen zauberhaften Quick-Reads kompensiert. Meine Highlights für die schnelle Tages- oder Bahnfahrt-Lektüre waren im letzten Jahr

Erling Kagge „Gehen. Weiter Gehen“. Der norwegische Abenteurer und Philosoph hat aufgeschrieben, wie uns das Entdecken der Welt zu uns selbst führt. Wie „Weiterlaufen“ im Wort- und übertragenen Sinn, uns und die Welt ändern kann. Nachdem mich bereits „Stille“ von Erling Kagge tief bewegte hatte, hat mich auch „Gehen“ zum Nach- und Neudenken angeregt. Ganz nebenbei lässt er noch einige kluge Gedanken seines Freundes Arne Næss, dem Begründer der Tiefenökologischen Philosophie/ Ökosophie einfliessen. Dessen Buch „Die Zukunft in unseren Händen“ liegt neben mir und ist Teil meiner Leseliste 2021.

Jean Ziegler „Die Schande Europas“. Das Buch sollte Pflichtlektüre für jeden Europäer sein. Jean Ziegler ist Soziologieprofessor, war 20 Jahre lang hochrangiger Mitarbeiter bei der UNO und ist heute Berater des UN-Menschenrechtsrats. Im Mai 2019 hat er das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos besucht. In seine Buch berichtet er analytisch und schonungslos von den desaströsen Zuständen und eben der „Schande“, die wir auf uns laden, in dem wir nicht nur in Kauf nehmen, dass Menschen auf europäischem Boden und in europäischen Gewässern leiden und sterben, sondern dies auch noch durch falsche politische Entscheidungen, Korruption und Weggucken aktiv befördern. Auch empfehlenswert: Jean Zieglers niedergeschriebene Sendung mit der Maus „Was ist falsch am Kapitalismus?“

Nick Hornby „State of the Union / Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“. Hornby beobachtet die Paartherapie seiner Protagonisten Tom und Louise, oder vielmehr die Sitzungen ohne Therapeuten, die die beiden stets vor dem nächsten Termin im Pub gegenüber der Praxis abhalten. Das ist zum Lachen und zum Weinen, und wir alle finden uns da irgendwie wieder. Zumindest die von uns, die bereits einen soliden Track Record an gescheiterten Beziehungen aufzuweisen haben. Auch „Just like you“ habe ich im letzten Jahr gelesen. Auch diesen Hornby kann ich uneingeschränkt empfehlen. Weniger Popliterat, deutlich gereift, beobachtet und beschreibt er empathisch die Beziehung von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einem England, dass nie zerrissener war.

Karl Ove Knausgård „Im Winter“. Nachdem sich Knausgård mit seiner 5bändigen Autobiographie, die im Norwegischen den Titel „Min Kamp“ (sic!) trägt, vom Enfant Terrible des skandinavischen Literaturbetriebs zum gefeierten und an weiterführenden Schulen gepaukten, Sprache definierenden Superstar getextet hatte, veröffentlichte er vier, an den Jahreszeiten orientierte, Welterklärbände, die an seine zu diesem Zeitpunkt ungeborene Tochter adressiert waren. Das Konzept ist ebenso absurd, wie faszinierend. Ein Kapitel heißt „Stühle“, das nächste „Schnee“, das nächste „Frühstück“ und so weiter. In den Kapiteln beschreibt er exakt diese Dinge, ihre Funktion und seine Sicht auf sie. Klingt langweilig, oder? Ist es aber erstaunlicherweise nicht. Seine Fähigkeit das Leben in all seinen Dimensionen zu erfassen und zu beschreiben, ist, auch in der deutschen Übersetzung, einzigartig. Selbst meine Tante Kirsten, die in Norwegen als Lehrerin arbeitet, gibt zerknirscht zu, dass „dieser Mensch, der ein ganzes Buch darüber schreibt, wie er auf dem Klo sitzt“, ein unfassbares Talent dafür hat, Schriftsprache zu benutzen und tatsächlich inzwischen zu prägen.

So. Genug zu den Short Cuts. Jetzt meine absoluten Favoriten aus dem letzten Jahr, kurz und knackig:

Jon Krakauer „Classic Krakauer“. Ja, das ist der Typ, der den Stoff für den großartigen Film „Into the Wild“ geliefert hat. Und er hat noch andere, faszinierende, spannende, herzrasenverursachende, zu Tränen rührende Reportagen geschrieben. Neune sind in diesem Buch enthalten. Jede einzelne so geschrieben, dass man denkt, man wäre selbst dabei. Das ist großes Journalismuskino aus einer Zeit, in der noch Zeit dafür wahr, die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Es geht um Grenzerfahrungen, um Entdeckergeist, um Abenteurer, Pioniere und andere Menschen, die ihre Komfortzone verlassen, um die Grenzen unseres Daseins zu verschieben. Es geht um Surfen, Bergsteigen, Aussteigen und die dunklen Flecken in der amerikanischen Gesellschaft, die auch uns alles andere als fremd sind. Großes Lesekino. So muss Journalismus.

Kübra Gümüsay „Sprache und Sein“ ist für mich eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre. Die Hamburger Autorin beschreibt, wie Sprache Realität schafft. Wie Sprache ausgrenzt, wie Sprache unser Denken beeinflusst und den politischen/ gesellschaftlichen Diskurs bestimmt. Anders als Robert Habeck in „Wer wir sein könnten“ verharrt sie nicht in der Arena der politischen Kampfrhetorik, sondern schreibt darüber, wie wir uns zueinander verhalten. Wie wir durch das Ablegen von Stereotypen und in der Vergangenheit geprägter Sprache Zukunft gestalten können. Sie führt Beispiele an, die einleuchtend sind. Sie hält uns – den Sprechenden – den Spiegel vor den Mund, nicht belehrend, sondern erklärend und aufklärend. Ich behaupte, dass mir immer klar war, dass Sprache große Macht hat. Allerdings war mir offenbar überhaupt nicht bewusst WIE GROSS diese Macht ist. Kübra Gümüsay vermag das zu vermitteln und aufzuzeigen, wie wir gemeinsam alte Verhaltensweisen aufbrechen und gemeinsam ein besseres Jetzt schaffen können. Ich habe größten Respekt vor diesem Buch und der Autorin. Unbedingt lesen.

Matas Petrikas „The Joy of electronic music“. Mein alter SoundCloud-Kollege Matas hat die Stunden der Reflexion im Home Office unter anderem dazu genutzt ein Buch zu schreiben, dass sich mit elektronischer Musik beschäftigt. Es ist ein klein wenig Biographie, ein klein wenig Music-Nerdness und ganz, ganz viel Liebe. Wer nach Lektüre dieses zauberhaften Werks keine Lust hat, sofort den Rechner anzuschmeißen und endlich wieder kreativ zu sein, hat Musik nie geliebt. Ich sage das als jemand, der mit den meisten der Produzenten und DJs, die Matas referenziert überhaupt nichts anfangen kann, da meine musikalische Vergangenheit aus klebrigen Bassgitarren und Dosenbier besteht. Die Liebe zur Musik und zum Leben, die hier in jeder Zeile spür- und greifbar ist, ist einzigartig und zeichnet den Autor als Menschen, Vater und kreativen Kopf aus.

Stephen Greenblatt „Der Tyrann“. Kurz gefasst: Brillant. Harvard-Professor, Shakespeare-Experte und Pulitzer Preisträger Stephen Greenblatt zeigt auf, wie Shakespeare zu seiner Zeit Systemkritik verbrämte, um dem Zorn Queen Elisabeth I. zu entgehen, indem er Stücke in die Vergangenheit, nach Dänemark oder in das Reich der Phantasie verlegte. Zugleich zieht er scharfsinnige und äußerst unterhaltsame Parallelen zur heutigen Zeit und wendet somit das eingeführte Stilmittel Shakespeares an, um sich an der Regierung Trump abzuarbeiten. Ein Schelmenstreich auf unfassbar hohem Niveau – nicht nur für Fans von Richard III und King Lear.

Douglas Rushkoff „Team Human“. Ich befürchte Douglas Rushkoff entwickelt sich zu meinem Boycrush, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie er aussieht. MIT-Absolventen, Super-Brain-Nerd arbeitet sich an Artificial Intelligence und dem angelsächsischen (jetzt globalen) Kapitalismus ab. Das ist toll zu lesen, regt zum Nachdenken an und macht während der Lektüre Hoffnung, selbst wenn man weiß, dass es keine Hoffnung gibt, da fortwährende Effizienzsteigerung irreversibel ist, solange nicht die Weltgemeinschaft oder der Planet, auf dem wir leben, die Reset-Taste drücken. Der Planet hat den Finger am Abzug. Die Weltgemeinschaft weht sich mit aller Macht gegen Gemeinschaft.

Thought provoking würde ein angelsächsischer Kapitalist sagen. Im höchsten Maße alarmierend sage ich. Was auch immer wir draus machen: Lesen hilft. Egal ob Harry Potter oder Douglas Rushkoff. Lest irgendwas. Literatur beschreibt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Erweckt sie zum Leben. Hält Geist und Körper gesund und wachsam. Lesen hilft mir, die Welt besser zu verstehen.

Bitte lest all das, was ich hier empfehle und noch viel mehr. Und unterstützt bitte Verlage, Druckereien und Buchhandel, indem ihr Texte, die euch am Herzen liegen, in gedruckter Form als Hardcover kauft.

Bleibt gesund, macht Musik, setzt Sprache ein, um Gemeinschaft zu schaffen, liebt euch mehr als jemals zuvor und hört nicht auf zu gehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s