Heimat 1

Hinter unserem Haus verlief ein Graben. Er hieß „Die Maade“. Die Maade war ungefähr anderthalb oder zwei Meter breit. So genau weiß ich das nicht mehr. Was ich weiß ist, dass sie für uns als Kinder zu breit war, um trockenen oder nicht-gebrochenen Fußes drüber zu springen. In der Maade haben wir mit Keschern, die wir aus alten Nylonstrümpfen meiner Mutter, Rosendraht und Bambusstäben hergestellt haben, Stichlinge gefangen.

Mit den gleichen Keschern haben wir auf dem benachbarten Altenburger Friedhof Molche und Gelbrandkäfer gefangen. Die gesamte Beute haben wir dann in unserem kleinen Gartenteich mit angeschlossenem Mini-Gebirgsbach, der sich von der Terrasse in Richtung Maade hinunterschlängelte, ausgesetzt. Die Stichlinge standen, schön anzusehen und vermeintlich zufrieden, in der Strömung des von meinem Vater sorgsam angelegten, sprudelnden Rinnsals. Die Molche haben sich unter den Wasserpflanzenkörben im Schlamm verbuddelt. Die Gelbrandkäfer haben alles gefressen, was sich bewegt hat. Stichlinge, Molche und jeden anderen Wasserkäfer. Gelbrandkäfer sind fette schwarze Kampfmaschinen, deren gepanzerter Leib von einem signalgelben Rand eingefasst ist. Ihr Name scheint Programm zu sein, müsste aber eigentlich „All-you-can-eat-Käfer“ lauten.

„Du bist doppelt so groß, wie ich? – Scheißegal, ich fress dich.“

Die Hobby-Biologen, also das „wir“ waren meine Schwester Kathrin und ich. Als Kathrin ihre Expertise eher in Richtung Musik und gleichaltrige Freundinnen verlegte, sprangen mir jäh vereinsamtem Ahtos Uli und Markus als D’Artagnan und Porthos zur Seite. Fortan machten wir drei den Friedhof unsicher. Waren mit Holzschwertern und Taschenlampen, nicht mehr mit Keschern unterwegs. Auf der Maade haben wir alle Schlittschuhlaufen gelernt. Auf der Maade und auf dem Wehrgraben der Burg Kniphausen. Da war Eishockey angesagt. Jeder der sich da hin wagte, musste schon einigermaßen laufen können, um nicht über Schläger und Puck zu stolpern und sich zum Gespött der Gleichaltrigen zu machen.

Im Sommer sind wir an den Strand gefahren, auf die Geniusbank. Wir sind mit dem Fahrrad gefahren. Oben am Deich gab es eine Bude mit Eis, Heißer Hexe und Pommes. Frisch eingedeckt ging’s runter auf den Sand. Hunderte Meter breit, viele Kilometer weit. Begrenzt war das Paradies nur vom Ölpier Heppenser Groden zur Rechten und der ewig diesigen Ausfahrt gen deutscher Bucht zur Linken. Ein Ende des Glücks war zu erahnen, nicht zu greifen und für uns ohnehin belanglos. Jeden Tag von April bis September haben wir im Wasser und im Watt verbracht. Die Nasen verbrannt von der Sonne, Hände und Füße schwarz von Teer.

Erdöl war unsere Lebensader, genauso wie Marine und Maschinenbau. Das hatten wir früh verstanden, war es doch das, wofür unsere Väter jeden Morgen aufstanden und viel zu spät nach Hause kamen. Unsere Väter bauten Schiffe, führten Schiffe, bauten Krane, bauten Panzer, beschützten unsere Familien. Unsere Pfarrer waren Soldaten, unsere Lehrer waren Wattführer. Unsere Augen waren stets auf die Nordsee gerichtet. Wir hatten ein Meerwasseraquarium am Südstrand. Mit der Tide kannten wir uns aus. Am Wochenende fuhren wir nach Langeoog, Wangerooge, Borkum und Spiekeroog, weil Füße und Hände da nicht schwarz wurden. Am Wochenende, wenn unsere Väter Zeit hatten. Am Wochenende, wenn unsere Väter keine Maschinen bauen und steuern oder das Land verteidigen mussten. Gummibärchen in der obersten, gute Gründe für Abwesenheit in der untersten Schublade.

Unsere Mütter waren Krankenschwestern, Lehrerinnen, städtische Angestellte – bezahlt von Öl, Marine und Maschinenbau. Deutsche, Griechinnen, Vietnamesinnen, Jugoslawinnen. Heute ist da nichts mehr. Nur noch der Jade-Weser-Port. Die A29 endete früher am Strand, dicht bei heiße Hexe und Pommes. Heute endet sie an einem Wendehammer und einer Schranke. Einfahrt nur für Port-Authorities. Bin ich nicht, waren wir nie.

Don’t cry over spilt milk, sagt ein englisches Sprichwort. Trotzdem frage ich mich, warum man so viel wunderschöne Natur mit Zukunft, für einen Hafen, der ohne jedwede Zukunft stabil mittig zwischen Rotterdam und Hamburg liegt, zerstören muss.

Damals war sicher nicht alles gut, aber damals konnte man das Gute zumindest zwischen den Zehen und im Gesicht spüren, wenn man ins Watt rausgelaufen ist. Heute kann man nicht mehr ins Watt rauslaufen. Man kann auf dem Deich Fahrradfahren und auf kilometerlange Piers schauen, die ins Watt betoniert wurden, um die Ladung der wenigen Containerschiffe und Tanker, die es überhaupt hierhin verschlägt, löschen zu können. Es ist eine Schande. Es ist eine Schande, und die Hoffnung war groß.

Hoffnung war das Einzige, was geblieben war, nachdem Erdöl, Marine und Maschinenbau nicht das einhalten konnten, was sie versprochen hatten. Am Südstrand wurden Hotels, Pensionen und Eiscafés gebaut. Roter Klinker, maximal authentisch. Im Restaurant Columbus gab’s irgendwann Gin Tonic statt Jever, das Marinemuseum blieb.

Ich bin weg gegangen. Markus hat den Betrieb seines Vaters übernommen. Uli ist jetzt hoffentlich Rockstar in Oldenburg. Kathrin ist Mutter von drei zauberhaften Kindern und wohnt in Bottrop.

Was bleibt, ist die Erinnerung und die Frage, was passiert wäre, wenn wir alle da geblieben wären – ohne Erdöl, ohne Marine, ohne Maschinenbau.

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