Das kleine Haus hinterm Deich: Die Sache mit dem Graben

Die Grabenschau ist überstanden. So denke ich zumindest. Am vorvergangenen Samstag bin ich dem Schilf zu Leibe gerückt. Die Bastion ist mit Hilfe des Einsatzes von schwerem Gerät endlich gefallen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachte ich seitdem den nun sichtbaren Wasserlauf an der Grundstücksgrenze und die beeindruckenden Berge aus Schilf, Schlick und Unrat, die sich rechts und links auf der Wiese an seinen Gestaden gen Himmel recken. Ich habe eine Bio-Tonne. Ich werde sie nutzen. Wenn Sie wieder leer ist. Nachdem ich, wie ich gerade gesehen habe, die heutige Leerung erfolgreich verpasst habe, wird das in zwei Wochen der Fall sein. Bis dahin sind die Berge sicher nur noch halb so groß.

Aber zurück zum Fall, will heißen zum Graben: Bewaffnet mit Harke, Breitblatthacke, Spaten, Rechen und einem alten Besenstiel – der nicht zum Einsatz kam, aber mein Arsenal adäquat zu vervollständigen schien – rückte ich also aus, um dem Gewucher zu Gunsten eines wieder erstarkenden Geplätschers Herr zu werden. Unterstützt von meiner Tochter, die, getrieben von der Angst, ihr Vater würde bei Missachtung der Kirchwerder Fließgewässer Verordnung an den Curslacker Pranger gestellt werden, sowohl seelisch-moralische Motivation („Oh, Papa, voll peinlich!“), als auch tatkräftige Unterstützung beisteuerte, fielen 20 Meter Schilf in 120 Minuten.

Was für ein Gemetzel. Mit der Breitblatthacke zogen wir kindskopfgroße Wurzelballen aus dem morastigen Grund des knietief dahin-mäandernden, fauligen Stroms. Mit der Harke zerrten und zogen wir an Rohren, Halmen, Blättern und Stauden wie Delilah einst an Samsons Haupthaar. Per Rechen klaubten wir die gewaltsam abgetrennten Pflanzenglieder und die, dem fruchtbaren Schoß entrissenen, Schlick-verklebten Wurzelballen zu Bioabfall-Türmen zusammen, die den eifrigen Himmelstürmern zu Babel kühlende Schatten geworfen hätten. Wir rackerten und plagten uns, wateten durch Schlamm, der in unsere Gummistiefel schwappte, krochen durch verdreckte Abwasserrohre, rutschten von der Böschung, rissen uns Hände und Knie blutig, und dann sahen wir ihn zum ersten Mal in seiner ganzen silbern glänzenden, neues Leben verheißenden Monumenz: den Graben. Wir hatten ihn freigelegt. Lachend fielen wir uns in die Arme. Es war vollbracht.

Was kümmert uns der Schnacken Biss und des Egels übergriffige Passion im Lichte des Triumphs? Uns ficht nicht an der Bremsen Biss und der Kröte giftiger Kuss in der Dämmerung eines schilffreien Neuanfangs.

Gelöst sprangen wir auf und ab, feierten den Sieg des technischen Fortschritts über die Unbill des Naturgesetzes, jauchzten ausgelassen, schüttelten unsere Schwielen-übersäten Fäuste gen ehemals wildwuchernder, nassforscher Besatzer, die zu unseren Füßen ihre letzte Photosynthese aushauchten. Wir waren gekommen, wir hatten gesehen und wir hatten obsiegt.

In unserem Freudentaumel ganz und gar aufgehend, bemerkten wir beinahe nicht das große schwarze Fahrzeug, das auf dem Feldweg in Schrittgeschwindigkeit heran blubberte und schließlich einige Meter weiter auf der Auffahrt zum Nachbargrundstück zum Stehen kam. Der Dodge. Er war zurückgekommen.

Ein Mann stieg aus. Er trug das schwarze Zunftgewand der Maurer und Steinmetze. Sein sehniger Körper überragte das Gefährt mit dem Widderkopf auf dem Kühler um gut und gern einen halben Meter. Gemessenen Schrittes kam er auf uns zu. Ich schloss meine Finger um die Breitblatthacke und schob meine Tochter hinter meinen Rücken. Atmete ruhig und kontrolliert. Achtete darauf, sicher zu stehen, bereit die Meinen und mich bis aufs Blut zu verteidigen.

Der Kerl war ein Riese. Der Rauch, der von der selbstgedrehten Fackel in seiner Rechten aufstieg, verdunkelte die tief stehende Herbstsonne. Seine Schritte im feuchten Gras ließen Krater von der Größe eines Rehkitz und ängstlich fliehende Auerhahneltern kinderlos zurück. Seine Hände. Ich glaube, ich habe noch nie solche Hände gesehen und doch erkannte ich ihr schieres Ausmaß erst, als er eine von ihnen zum Gruß erhob:

„Moin“, donnerte es in der, den Norddeutschen eigenen, wohlfeilen Grandezza. Ein Trupp Wildgänse suchte unverhofft ertaubt die Flucht.

„Moin“, erwiderte ich und scheiterte in dem Versuche meine Stimme fest und unbeirrt klingen zu lassen.

„Das sieht ja gut aus“, dröhnte es.

„Joah..“, gab ich zurück, die richtige Betonung suchend, die eine gewisse Unbekümmertheit und zugleich die naturgegebene Gleichstellung unter in Schicksalsgemeinschaft Vernachbarten durchklingen lassen sollte, „ist doch Grabenschau jetzt. Und da dachten wir, wir hau’n mal nen Schlach ran.“

„Nich schlecht…aber du weißt schon, dass dein Graben dabei scheißegal ist, oder?“.

Ich glaubte, ein Grinsen im gemeißelten Antlitz des hünenhaften Steinbeißers zu sehen. Zum Glück hatte ich mich zuvor mit der Bodenneigung, Fließrichtung und allen anderen essentiellen Details der gutnachbarschaftlichen Entwässerung vertraut gemacht.

„Ja, klar, wir sind hier am Ende des Grabens, heißt, bei euch ist einfach trocken, wenn es sich hier staut. Wenn der Graben im Winter überläuft, ist für euch aber trotzdem nicht gut, oder?“

„Jaaaa“, brummte es inzwischen ganz offensichtlich belustigt zurück, „aber das Stück hier is’n Nebengraben. Der Hauptgraben verläuft da auf der Längsseite von deinem Grundstück, und kommt dann direkt am Abflussrohr hier an. Das Stück hat Thorben schon sauber gemacht.“

Ich folgte den Zeigen seiner Baumstammfinger. Langsam aber sicher manifestierte sich eine Erkenntnis in meinem Großhirn.

„Das heißt…?“

„Ja, aber habt ihr fein gemacht. Sieht doch sauber aus so.“

Ich ließ die Breitblatthacke sinken. Meine Tochter hatte sich bereits aus der Schutzhaft hinter meinem Rücken befreit und sich vorgestellt.

„Ich bin Sven, willst du mitkommen Heidschnucken gucken? Und wir trinken demnächst mal Bierchen!“

Das waren die letzten guttural beschleunigten Schwingungen, unter denen das sich sanft in der Abendbrise wiegende Gras erzitterte, bevor ich mein Werkzeug zusammenpackte und die weiteren diplomatischen Bemühungen in die Hände meines einzigen Kindes legte.

Da ist ein Licht am Ende des Grabens.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s