Das kleine Haus hinterm Deich: Einsamkeit und Elegien

Am kommenden Wochenende ist in Kirchwerder Grabenschau. Der Graben an der Grundstücksgrenze muss mindestens 15 Zentimeter tief – sprich schlammfrei – und 15 Zentimeter breit – sprich am Rand ordentlich gemäht – sein. Diese Norm soll das Abfließen des Wassers aus den Marschgebieten erst quer zur Elbe und dann in Richtung des Südlichen Kirchwerder Sammelgrabens gewährleisten. Die Gräben der Nachbarn sehen top aus. Ich glaube, ich habe noch nie so saubere Gräben gesehen. Aus den Gräben würde ich essen. Mein Graben ist voll mit Schilf. Auch schön, aber anders. Sehr wohl nehme ich die abschätzigen Blicke wahr, die vom Bock eines Dodge RAM 8-Liter-Pick-Ups auf meinen Graben geworfen werden. Scheiß Hippie, sagen die Blicke. Großstadt-Werbefuzzi, Weichei, Froschficker. Manchmal glaube ich, leichtes Verlangen aufblitzen zu sehen. Verstohlene Geilheit, die sich in den freudeverheißenden Ausmaßen meiner wohlgesprossenen Schilfkolben verliert.

Das täuscht natürlich. Die winters tiefstehende Sonne gaukelt mir solch frivoles Gelunse vor. Tatsächlich guckt man barsch-überlegen und unverhohlen verächtlich auf meinen kleinen Graben. Das kuschelige Heim von Molch, Rotfeder und Stichling. Die wildromantische Brutstätte von Bachstelze, Wiesensäbler und Schnake. Das Schilfrohr nicht nur Blickschutz, sondern eine Bastion. Ein Wall, der nicht fallen wird, bis ich selbst entscheide, ihn mit Sense und Spaten niederzustrecken, auf dass die Märzensonne ihn wieder spießen lässt.

Am Sonntag ist Grabenschau. Ich werde ihm zu Leibe rücken müssen. Man munkelt, dass auf die mangelhafte Säuberung des Grabens der Pranger steht. Dass Grabenreinigungsverweigerer auf dem Curslacker Deich den Werftarbeitern zur Belustigung in Eisen gelegt werden, bis Silberreiher, Storch und Star den Quertreibern die Gedärme aus dem Leib gepickt haben.

Den ganzen Tag schon höre ich den Wind in den Weiden. Etwas kündigt sich an. Ist es mein Martyrium oder der erste große Sturm des Winters? Ich höre Stimmen in den Wiesen. Des Mittags bin ich ich ziellos durch sie und über sie gestreift und habe ihnen zugehört. Ich versuchte zu verstehen, was sie mir mitteilen wollten und hörte doch immer nur, was der Fuchs sagt: Ring – ding – ding – ding – ding – geding – geding. Wa – pa -pa- pa- pa- pa – pow – pa – pow.

Gut. Die Botschaft ist eindeutig. Kümmere mich morgen um die korrekte Tiefe und Breite des Grabens. Dodge Ram in your face.

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