Bewegte Jugend #5: Soundgarden

Soundgarden hatte für uns Jungs im Pott eine doppelte Bedeutung: Auf der einen Seite waren da die Recken aus Seattle, die sich um unser aller optisches wie musikalisches Idol Chris Cornell geschart hatten – auf der anderen Seite war da die Großraumdisko an den Bahngleisen des schäbigen Industriegebietes im Osten von Dortmund. Aus Husen und Wickede jeweils in zwanzig Minuten zu erreichen. Aus Aplerbeck konnteste hinspucken.

Das geile am Soundgarden, der Disse (kurz für Disko), war, dass es unten einen Mainfloor und oben drüber einen kleineren Tanzsaal gab. Im großen Raum lief das, was damals Mainstream war: Whale, Machinehead, Nine Inch Nails, Smashing Pumpkins, VAST, Nirvana, New Model Army, Blur. Oben wurde HipHop oder DarkWave gespielt, je nachdem, was gerade als Ergänzungsnahrung zuzuführen war, um die Revolution weiterhin erfolgreich ihre Kinder fressen zu lassen: House of Pain, Silke Bischoff, Cypress Hill, Sisters of Mercy. Unten, am Rande der großen Tanzfläche stand ein Air-Hockey-Tisch, an dem man das damals höchst populäre Computerspiel „Shufflepuck Cafe“ ins echte Leben übersetzen konnte.

Der Weg ins Soundgarden war für uns Mädels und Jungs vom Lande (sprich: aus Unna und Kamen) lang und beschwerlich. Es musste ein Fahrer gefunden werden, der nüchtern blieb. Das war einfach, da wir uns ohnehin jeweils nur an maximal einem Bier und danach jeder Menge Sprite fest geklammert haben. Es musste ein Fahrer gefunden werden, der sowohl einen Untersatz für die Nacht, als auch einen Führerschein und ausreichende Motivation hatte, um das Ding durchzuziehen.

Das war schwieriger. Unsere Antwort hieß Jan. Jan holte Benny, Mickey, Fabian und mich eines denkwürdigen Abends in einem handverflexten Trabi-Cabrio ohne Türen ab, in dem wir zu fünft – so sagt meine Erinnerung – auf dem Westenhellweg gen Air-Hockey-Headbanging-Elysium fuhren. Immer ein Bein knapp über der Straße, den Kopf voller Flausen, das Herz voller Sehnsucht nach geiler Mucke, Tresenkräften mit Brüsten und der Aussicht, den geilsten Song des Jahrhunderts in maximaler Lautstärke über die GROSSEN Boxen zu hören.

Let freedom ring with a shotgun blast!

Der verdammte 5/4-Takt, wo man immer an der falschen Stelle mosht.

Despite of my rage, I am still just a rat in a cage.

Der eine Song, bei dem du nur die Hook mitschreien kannst, weil der Sänger so hart nuschelt und dein English bei Weitem nicht gut genug ist, um seinem Gesabbele zu folgen.

I didn’t want to hurt you, baby, I didn’t want to hurt you, I didn’t want to hurt you, but you’re pretty when you cry.

Die Zeile von der wir damals nicht verstanden haben, was sie bedeutet, auf die wir aber hart abgegangen sind, weil der Beat einfach so fett war.

Leichte Opfer, adrenalisiert von Strobo, Schweiß und fetten Bässen. Insane in the membrane, the roof is on fire, exit life as a friend. Alter! This was our church. This was where we’ve healed our hurts. Jan hat uns sicher wieder heim gebracht. Im verflexten Trabi. Here we are now, entertain us.

1991: The year that punk broke. Im Lichte von Nirvanas kometenhaftem Aufstiegs durchbrachen unfassbar tolle, faszinierende, geheimnisvolle, gefährliche Bands den Kohlenstaub über dem Revier: Pearl Jam mit ihrer vermeintlich poppigeren Leichtigkeit, Alice in Chains mit ihrer deterministisch schönen Verzweiflung, Soundgarden mit ihrer, eigentlich im verpönten Metal beheimateten, theatralisch-wuchtigen, unerschöpflichen, tragischen Energie: Kim Tahil, Mat Cameron, Ben Shepherd und – definitiv nicht zuletzt – Chris Cornell.

And you stare at me in your Jesus Christ pose

Arms held out

Like you’ve been carrying a load

Wir haben sie spielen gesehen. Jan ist nicht gefahren. Fabian oder ich waren dran, ich weiß es nicht mehr genau. Was ich weiß ist, dass der folgende, live dargebrachte, Wahnsinn das eine Konzert war, von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde, auch wenn die Show an sich eher unerfreulich war. Soundgarden spielten im Soundgarden. In Dortmund. Bei uns daheim. Götterdämmerung. Nachdem die Screaming Trees und TAD zu Unrecht unbeachtet das Vorprogramm bestritten hatten, kamen sie auf die Bühne. Jesus Christ Pose war der Opener. Wieder so ein krummer Takt. Chris hat sich direkt im Intro verspielt. Ben hat den ersten Fender Custom Bass an der Betonsäule rechts neben sich zerlegt, danach den zweiten und den dritten. Hätte sein Roadie das Klinkenkabel in die richtige Buchse gesteckt, wären wahrscheinlich weniger Instrumente, von denen die gierigen Finger Sprite-trinkender Rock-Jünger damals wie heute nur zu träumen wagen, zu Bruch gegangen.

Eine Stunde, drei Bässe, einen T-Shirt-Tausch mit einem Soundgarden-Dortmund-Mitarbeiter und vier nur noch knapp als heterosexuell zu bezeichnende, feuchte Wachträume später, ist Chris rückwärts ins Schlagzeug gesprungen, um das Set abrupt zu beenden.

Es wurde gebuht, Flaschen flogen, das Saallicht ging an und wieder aus, und es gab nach dreißigminütigem Line-Check eine Zugabe. Black Hole Sun. Unerfreulich. Und doch wussten wir alle, dass wir eine der größten Bands gesehen haben, die das Soundgarden jemals adeln sollten: Soundgarden.

Die Gemüter beruhigten sich, als am Air-Hockey-Tisch die Normalität wieder hergestellt wurde. Was für eine Zeit. Keine Moral, kein Mark Forster, nur tiefe Dankbarkeit.

Danke für meine Jugend, Soundgarden Dortmund.

Ruhe in Friede, Chris Cornell. Du warst der Eine.

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