Das kleine Haus hinterm Deich: Katzen und Katzachresen

Letzte Woche sind Loki und Bjørk bei uns eingezogen. Selbstverständlich hießen sie zum Zeitpunkt des Einzugs noch nicht so. Loki und Bjørk sind Bauernhofkatzen. Sie hießen Schwarze Katze und Dreifarbige Katze, bevor sie von Eva-Lotte und mir mit grundsoliden Wikingernamen bedacht wurden. Loki und Bjørk sind in Winsen an Luhe geboren. Das ist auf der anderen Seite der Elbe. Für gute Schwimmer 15, mit dem Auto in Geesthacht über die Brücke oder aus Zollenspieken mit der Fähre ungefähr 30 Minuten vom kleinen Haus hinterm Deich entfernt. Torge hatte die beiden bei Ebay Kleinanzeigen inseriert. Gleich mal vorweg: Torge ist ein dufter Typ, der einen kleinen Hof mit Töpfer- und Tischlerwerkstatt, Ponys und Familie bestellt. Wenn es mehr Torges gäbe, wäre diese Welt ein besserer Ort. Da kann es keine zwei Meinungen geben.

Einhellig beschließen Lotti und ich also am vergangenen Freitag rüberzumachen über den großen Strom, überzeugt von Torge in Schrift- und Schwarzer Katze und Dreifarbiger Katze in Bildform. Wir fahren über Geesthacht, da ab Fähranleger Lütjenburg die Elbuferstraße Richtung Lassrönne gesperrt ist. Das nur am Rande. Tut nichts zur Sache, ist aber äußerst lästig, wenn man da lang muss. Andere Geschichte. Anderes Mal.

An Torges Bullerbü angekommen, springen wir aus dem Fahrzeug, reißen uns zusammen, um nicht zum Wohnhaus zu rennen, öffnen die Pforte zum Vorgarten, atmen tief durch und drücken wenige Sekunden später auf den Klingelknopf. Also ich drücke. Wir drücken nicht gleichzeitig. Das wäre albern.

Nichts passiert. Wir drücken gleichzeitig auf den Klingelknopf. Albern, aber aus ritueller Sicht möglicherweise entscheidend. Nichts passiert. Ich wähle Torges Nummer, sage, nachdem er abgenommen hat, dass wir wegen der Katzen da seien und vor verschlossener Türe und augenscheinlich menschenleerem Hof ständen. Torge sagt, er sei in Lübeck im Krankenhaus, hätte den Termin völlig vergessen, es sei aber alles okay, und wir sollten doch bitte einfach durch das Tor aufs Grundstück, am großen Fenster nach links und dann in die Abseite, die als Schuppen dient, gehen. Die Katzen würden uns dann entgegenkommen. Wir möchten uns einfach zwei einpacken, das wäre ihm ganz recht. Gesagt getan stehlen wir uns aufs Grundstück, durchmessen den Garten vorbei an Palettenmöbeln, bunt bemalten Holzskulpturen und allerlei Keramik, und finden die Tür zum Schuppen, die nur angelehnt ist.

Auf sanften Zug gibt das scharniergelagerte Holz quietschend den Zugang zu Torges Katzenparadies zwischen Drehbank und Töpferscheibe frei. Vier kleine und zwei große Fellbündeln kullern, torkeln, springen uns entgegen, fallen hinaus auf die Wiese. Balgen sich, beißen sich, spielen Verstecken in den Ginsterbüschen und Lorbeersträuchern. Die Schwarze Katze und die Dreifarbige Katze könnten wir nehmen, hat Torge gesagt. Zwei weitere rot getigerte Babys möchte er behalten.

In wilden, fauchenden Farbstrudeln miteinander ringend, sind die Kitten eins, scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Fell, Krallen, Zähne, Ohren, Tatzen. Junge Raubtiere, die ihre Position im Rudel ausfechten. Unsere Aufgabe soll es also sein, das Rudel auseinander zu reißen. Schwarze Katze und Dreifarbige Katze ihren übermütigen, kämpfenden Geschwistern und ihren liebenden, patrouillierenden Eltern zu entreißen. Wir haben keine Erfahrung wie das geht und keine Idee wie das gehen soll. Und wir fühlen uns schlecht. Wir sind Kindsräuber. Kindsräuber ohne Transportbox. Eigentlich wollten wir nur mal gucken, nicht mitnehmen. Nachdem Lotti das Rudel in seiner ganzen wilden, herzerweichenden Schönheit gesehen hat, ist es damit jedoch vorbei. Wir können Torges Hof nicht ohne Katzen verlassen.

Ich mache mich also auf die Suche nach einem geeigneten Transportboxersatz und finde eine alte hölzerne Obstkiste, ein Geschirrtuch zum Auspolstern und einen Futterkorb aus Plastik, der als Deckel dienen könnte, um Schwarze Katze und Dreifarbige Katze daran zu hindern, aktiv am Fahrgeschehen gen Nordufer teilzunehmen. Einige Kratzer, viel Katzengeschrei und einen Stop am Mega Zoo in Bergedorf später, bin ich völlig unverhofft Vater einer Katze und eines Katers.

Jetzt gerade prügeln sich die beiden wie auf Torges Hof, mit dem Unterschied, dass sie zwischendurch vorbeikommen, um meine Beine streichen und schnurren. Oder zumindest kurz hochschauen, wenn ich sie anspreche. Und wenn sie nicht hochschauen, dann gehe ich zu ihnen rüber und kraule sie am Bauch. Dann schnurren sie. Schnurren ist das völlig falsche Wort für dieses Geräusch, das man nicht über die Ohren aufnimmt, sondern im ganzen Körper spürt. Die Frequenz geht mir durch Mark und Bein. Ich bin nur noch Resonanzraum, kein sorgenvoller Gedankenträger, kein komplexes Zweifelbündel. Ich bin schwingende Saite, im Gleichklang brummender Korpus. Wer auch immer für dieses Sounddesign zuständig ist, ist ein Meister seines Fachs. Du bist es nicht, Torge. Trotzdem, danke.

P.S.: Katzachrese: In der Nacht sind alle Katzen König.

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