Das kleine Haus hinterm Deich: Wind und Weite

„Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.“ (Hanno Herbst)

Diese Zeilen durfte ich in meiner kurzen, aber dennoch leidlich erfolgreichen Karriere als Messdiener in der Militärpfarrei St. Ansgar in Wilhelmshaven des Öfteren singen. „Herr deine Liebe“ von Ernst Hansen ist eines der besseren Kirchenlieder. Eines, das Freude ausdrückt. Eines, das lyrisch nicht zwischen Heilsversprechen im Jenseits und Selbstgeißelung für maximale Unwürdigkeit stecken geblieben ist. Ein Lied, das – in den 70er Jahren veröffentlicht – heute noch zeitgemäß ist. 

„Und dennoch sind da, Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.“

Ich bin nicht religiös. Der Text kam mir wieder in den Sinn, als meine Tochter und ich heute einen dreistündigen Spaziergang von den Kirchwerder Wiesen runter zum Deich, weiter zum Zollenspieker Fährhaus und zurück durch die Wiesen nach Hause machten. Es blies ein ordentlicher Wind und die Angler, die geistesgegenwärtig genug waren, ihre Pilker mit Wind und Strömung auszuwerfen, hatten das leichtere Leben. Am Kirchwerder Deich wurden an unbesetzten kleinen Verkaufsständen mit aus Teedosen gefertigten Vertrauenskassen Spielzeug, Kinderkleidung, Kürbisse, Blumen, Tomaten und Birnen feilgeboten. Die Elbe ist nicht die Nordsee und doch fühlt sie sich in Vierlanden so an, als könne Siggi Jepsen jederzeit um die nächste Ecke gespurtet kommen, um mit wattverkrusteten Stiefeln Nansens Atelier zu stürmen. Zumindest, wenn man die kleinen Straßen nimmt. Wenn man mit einer Aloe Vera für zwei Euro in der Linken, einem Zierkürbis für drei Euro in der Rechten und einer grenzenlos begeisterungsfähigen Tochter im Schlepptau durch die Marschen nach Hause marschiert. 

Das Gras so grün bis zum Horizont, das Schilf so geschmeidig im Wind, die Erde so schwer und fruchtbar unter den Füßen. Wer ist da nicht offen für Träume, „wo Baum und Blume wurzeln schlagen kann“?

Ist das Freiheit? Ich weiß es nicht. Es ist schön, es ist echt, es riecht nach Leben. Es gibt keine Betonmauern, die den Blick verstellen. Keine Schmeichlereien, die die Ohren verkleben. Kein Larifari, kein Chichi. Keine nicht enden wollende Grauzone, sondern klare Kontraste: Himmel, Wolken, Wiese, Wasser.

„Was haben wir hier draußen schon auszuhalten wegen Corona“, sagte heute ein Nachbar, „da können wir doch’n büsschen vorsichtig sein für die annern.“ 

Nur Wind und Weite. Und ein Zuhaus. 

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