Das kleine Haus hinterm Deich: Handwerk und Hauswinkelspinnen

Hier in den Vier- und Marschlanden hat das Handwerk noch den Stellenwert, den es andernorts in Studentenstädten und Akademikermetropolen längst verloren hat. Ehrliche Arbeit hat hier noch goldenen Boden. Das Gemachte definiert das Gesagte und nicht andersherum. Am Freitag kam, nach telefonischer Erinnerung am Donnerstagnachmittag, tatsächlich der Klempner vorbei. Um 10 Uhr. Pünktlich. Wie verabredet. Völlig unerwartet brachte er sogar einen Co-Klempner mit, der beim Tragen des Werkzeugkoffers hin und wieder en passant ein ganz zauberhaftes Lächeln zeigte, ansonsten aber recht still zu sein schien. Als ich dem Brigadeführer, der auf den Namen Olaf hörte, mit dem videocallschwangeren Laptop in der einen und meiner Lieblingstasse mit der Aufschrift „Don’t mess with Texas“ in der anderen Hand, vermittelte, dass sie die lange Reise aus Curslack auf sich genommen hatten, um einen Siphon anzuschrauben und dafür zur sorgen, dass der Hahn im Garten wieder Wasser statt heißer Luft spie, wich jedwedes Lächeln, das ich vorher zu erspähen geglaubt hatte, vier weit hoch gezogenen Augenbrauen und zwei ungläubig geöffneten Klempnermündern.

„Wir sollen dir einen Siphon anbauen?“

„Ja. Der liegt da rum und passt nicht, wurde mir gesagt.“

„Und sonst?“

„Der Wasserhahn im Garten geht nicht. Wenn was ist, bin ich im Wohnzimmer. Sorry, muss telefonieren.“

Fünf Minuten später standen die beiden ebenda neben mir, um mir zu sagen, dass sie noch Teile für den Siphon besorgen müssten (sag ich doch, passt nicht) und gleich wieder da wären. Vor Abreise sollte ich ihnen jedoch den Weg zum Außenkran weisen, was ich wohlfeil tat. Ich gab ihnen mit auf den Weg, das die Haustür außen eine Klinke habe und sie nicht klingeln müssten, da ich ja nach wie vor ein Telefonat zu führen habe, deren Teilnehmern von meiner Rumrennerei mit Handwerkern im Nacken bei eingeschalteter Kamera schon ganz schwindelig war. Kurze Zeit später standen Mario und Luigi wieder am Esstisch, um mich wissen zu lassen, dass sie fertig seien.

„Siphon is‘ dran, für Wasser musst du den Haupthahn im Keller aufdrehen.“

„Ach, der Haupthahn war einfach zugedreht?“

„Ja.“

„Das war ja einfach.“

„Ja.“

„Solltest du im Winter zudrehen, damit die Leitung‘ nich‘ in Arsch gehen.“

„Ja, logo. Der Hahn ist im Keller, ja?“

„Ja.“

„Danke.“

„Dafür nich‘.“

„Tschüs.“

„Tschüs.“

Die Jungs waren viel zu nett, um weiter auf meiner Unfähigkeit rumzureiten. Das „dafür nich'“ war weit davon entfernt die klassische Hamburger Floskel zu sein. Das „dafür nich'“ war genauso gemeint, wie es gesagt wurde: „Für so’n Pillepalle mussu nich‘ danke sagen. Wir gehen jetz‘ ma‘ was Ordentliches arbeiten.“ Ich hoffe, die Jungs sind verschwiegen, wenn sich das rumspricht, bin ich schneller aus der Dorfgemeinschaft raus, als der kahlköpfige Pastor mit offenkundiger Begeisterung für Katechismus und Kälber, den sie 92 in traktoraler Rückwärtsfahrt unter Zuhilfenahme eines Heuwenders vom Hof gejagt haben. (Anmerkung der Redaktion: Arbeiten gerade an der Rekonstruktion der Gemeindechronik. Läuft.)

Voll Sorge ob meiner dörflichen Reputation habe ich mich in meinen enttäuschend lautlosen Kupferspulenwender gesetzt, um beim Bäcker zwei kreislaufbelebende Backen voll Weißmehl und Zucker zu erstehen. Das nächste Bäckereifachgeschäft befindet sich entweder knappe drei Kilometer entfernt Richtung Ochsenwerder, oder gen Osten gute vier Kilometer entfernt Richtung Zollenspieker. Ich entschied mich für letztere Variante, da ich während der vom Landarbeiter belächelten Schleichfahrt Zeit zum Nachdenken brauchte.

Die Entscheidung schien richtig zu sein, da ich, frisch aus meinen Gedanken erwacht, mit prachtvollem Bienenstich in der Auslage konfrontiert wurde. Das Wasser lief aus meinem Gehirn nach unten und im Mund zusammen, und ich formulierte den einen, den wahren, zielführenden Satz, der mir den Eintritt ins kohlenhydratreiche, kälberfreie Himmelreich sichern sollte:

„Moin. Können Sie mir von dem Bienenstich ein Stück abschneiden bitte?“

„Den verkauf‘ ich nur als Viertelblech.“

„Ja, aber so viel kann ich doch gar nicht essen.“

„Kannst schon noch büsschen was aufn Rippen vertragen…“

„Ein Stück geht ehrlich nicht?“

„Viertelblech.“

„Okay, dann nehme ich ein Franzbrötchen, bitte.“

Handwerk hat hier so hart das Sagen. Keine Cremefüllung für mich. Die Gilden-Gabys sind die Targaryens in Vierlanden. Die Tage checke ich mal, ob die hiesigen Ackerbauern ein Herz für einen urban verweichlichten, in Ermangelung von Bienenstich erschlankten, Samuel Tali haben.

Ach, und die Hauswinkelspinnen, die sind hier handtellergroß und hängen gern komplett gechillt von der Decke runter und gucken dich aus großen blauen Augen an, wenn du zum Beispiel vom Flur in die Küche gehst, um Waterkant-Weißwein nachzufüllen oder Dinkelbrot zu toasten. Ich habe mir angewöhnt, ihnen spontan Ehrenpflaume-Interviews zu geben und sie für ihre Adidas zu loben. Vier Paar pro Pflaume – beeindruckendes Endorsement. Und – kein Scheiß – sie können übers Wasser gehen. Die Oberflächenspannung des Leitungswassers ist hier so krass, dass Iphone-11-große Arachniden in Turnschuhen drüber sprinten, wie Bolt auf Tartan.

Wenn wir bei der nächsten Sturmflut alle absaufen, überleben uns die scheiß Kai-Pflaume-Spinnen. Auf dem Wasser ohne Brett oder Boot. Links nen Viertelblech Bienenstich auf dem Vorderbein, rechts den Siphon als umgedrehtes Periskop, um unter der Oberfläche den verlorenen Standbein-Sneaker zu suchen.

Morgen ist Kürbismarkt. Ich bügele den Blaumann.

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