Das kleine Haus hinterm Deich: Fertrauen und Fermentation

„Schade, dass du zum Winter herziehst, da sind die Freuden des Landlebens nicht so offensichtlich. Im Sommer wissen wir alle, warum wir hier leben. Im Winter ist es oft hart.“

Anja heißt meine Nachbarin, deren Garten hinter dem alten Schuppen beginnt. Annegret die, deren Yorkshire Terrier mich jenseits des Zaunes jeden Morgen fröhlich bellend auf der Terrasse willkommen heißt. Anja – ich bin mir ziemlich sicher, dass sie so heißt – richtete vorgestern die oben zitierten, mutmachenden Begrüßungsworte an mich. Anja kam mit ihrer jüngsten Tochter auf dem Arm die Auffahrt herunter gelaufen, als ich gerade im Begriff war, auf der Eingangstreppe eine gut gekühlte Dose Holsten Pilsener zu öffnen und mir eine Feierabendzigarette anzuzünden. „Bist du der Neue?“, fragte sie. Ich nickte und hob Lias Schnuller auf. Anjas Kleinste heißt Lia. Nettes Kind.

„Du musst nicht extra vorbeikommen und dich vorstellen, wir sehen uns ja eh.“, führte Anja weiter aus, „bin gespannt wie du das hinkriegst hier auf dem Land“. Anja war nicht schroff, auch wenn es jetzt so klingen mag. Sie war einfach ehrlich, denke ich. Ohnehin habe ich festgestellt, dass die Leute hier erstaunlich gerade und geradeheraus sind. Sie reden nicht viel. Ich mag das.

Zeit wird hier offenbar auch anders bemessen als in der Stadt. Gestern habe ich den Nachbarschafts-Installateur angerufen, da der Siphon im Bad nicht passen will und der Wasserhahn im Garten nicht funktioniert. Herr Schröder sagte, „ja, da komm ich dann morgen kurz vor mittach ma vorbei, nich das das was Aufwändigeres is.“ Heute um 15 Uhr erlaubte ich mir, ihn kurz anzurufen und zu fragen, was denn aus „kurz vor mittach“ geworden sei, da er bis dato nicht aufgetaucht war. „Ach, habe ich doch heute gesacht?Ich meinte morgen. Heute, morgen, das bringt mich alles total durcheinander. Bist du morgen mittach denn da?“. Ja, bin ich. Und ich werde wieder warten. Und ich weiß, dass Herr Schröder irgendwann kommt und meinen Siphon repariert. Ich habe eine Kerze im Fenster angezündet, weil man das hier so macht. Damit Herr Schröder mich findet. Die Kerze ist siphon-förmig. Hinterm Deich scheint die Sonne.

Auf dem Küchentresen fermentiert ein Weißkohl, von dem ich hoffe, dass er nach Umwandlung des organischen Materials in Gas oder Alkohol zu Krautsalat wird. Alkohol ohne Salat wäre mir auch recht. Weisskohlschnaps hat in Vierlanden eine große Tradition. Im Garten wachsen Physalis; massenweise. Staudenweise. Auch die kann man fermentieren, sagt Anja. Sagt sie nicht. Anja würde das sagen, wenn sie mich nicht mir der niederschmetternden Erkenntnis, dass auf dem Land im Winter kacke ist, zurückgelassen hätte. Ihre letzten Worte verbittern den Vorgeschmack auf das Kraut. Wintergemüse. Winter is coming.

Beim Laufen am Deich heute früh habe ich nach Wolfswelpen Ausschau gehalten. Hatte keinen Erfolg. Der Plan, hier eine lukrative Schattenwolfzucht aufzuziehen, scheint vorerst gescheitert. Sansa ist enttäuscht. Ich gehe morgen früh noch einmal laufen.

Morgen wird’s wieder sonnig, und ich werde die Graureiher und die Kanadagänse über meinem Kopf für ihren eleganten Flug bewundern. Ich werde die Schwarzmilane und Fischadler grüßen, die über der noch ungestört dahinfließenden Elbe rüttelnd Nahrung zu erspähen suchen. Ich werde dem Trecker, der den Deich mäht in größerem Radius ausweichen, um nicht bis nachmittags Gras zu husten, ich werde einen weiteren Weißkohl kaufen, weil er einfach schön aussieht.

2 Gedanken zu “Das kleine Haus hinterm Deich: Fertrauen und Fermentation

  1. Gemach gemach dachte sich der Klempner , und wenn der Milan zwei Monde lang den Deich umrundet hat, wird sich der Weg zum Siphon bahnen.
    Vielleicht dann doch die Fährte mit Küstennebel auslegen..

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  2. In der Tat war er heute da, mit Verstärkung, die den Werkzeugkoffer getragen hat. Der Milan ist schnell geflogen und das Waschbecken benutzbar. Da die Haustür außen eine Klinke hat, sind die Jungs auch einfach reingekommen und haben statt zu klingeln kurz „Moin“ gerufen. So lobe ich mir das.

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