Punk is dead – long live Punk 2/2

Ich bin in einer durchweg positiven, sonnengewärmten Post-Windsurf-Laune, die ich versuche in die vor mir liegenden lauen Nachtstunden hinein zu retten. Dieses kleine gänzlich ironiefreie Glück, das kühle Glas badischer Grauburgund auf dem Balkontisch vor mir und der Kommentar von UD auf den ersten Teil dieses Traktats, lassen meine Gedanken in eine etwas andere, konstruktivere Richtung wandern. Wieso sollte ich eigentlich gegen etwas sein, wenn ich für etwas sein kann? Dagegen-sein ist per Definition negativ. Dagegen-sein ist einfach. Eine Ablehnungshaltung einzunehmen, um das Objekt, das Thema, gegen das sich meine Ablehnung richtet, durch Nicht-Partizipation zu untergraben oder diejenigen, die für diese Sache streiten, durch Blockade oder aktiven Widerstand auszubremsen, mag ein kurzes Gefühl der Befriedigung zeitigen, da ich ja zumindest sicht-, hör und spürbar dagegen war.

Dagegen-sein verlangsamt Prozesse und bringt gegebenenfalls andere Menschen zum Nachdenken, ob der allgemeine Konsens zielführend ist. Etwas Neues schafft Dagegen-sein jedoch nicht. Dagegen-sein ist kein kreativer Prozess. Ganz im Gegenteil: Ablehnung ist in erster Linie destruktiv, wuterfüllt und grüblerisch. Was also, wenn ich statt gegen etwas zu sein, für das Gegenteil, für die bessere Alternative bin? Für etwas zu sein ist positiv, konstruktiv, idealerweise wertschöpfend und entspricht deutlich mehr der unverschämt juvenilen Larmoyanz eines ungeduschten, nach Neopren stinkenden Freizeitphilosophen der sich unter dem Sichelmond Rebensaft hinter die Binde kippt.

Ich bin für die vermehrte Verwendung des Wortes „Larmoyanz“. Ich bin für die Jugend, die endlich wieder dagegen ist. Ich bin für Netto-Null-Emissionen bis 2025. Ich bin für weniger Fleisch essen und bin nur wenige Tage davon entfernt, den Schritt vom Flexi- zum echten Vegetarier zu machen, um meine persönliche CO2-Bilanz zu verbessern. Ich bin für weniger Vortrieb durch Verbrennungsmotor, obwohl ich ein großer Autofan bin. Ein Viereinhalb-Quadratmeter-Segel bringt mich bei 14 Knoten Wind am Nachmittag zwar nur kreuz und quer über den See und nicht straight nach Lummerland, an Konzepten, die es uns erlauben, auch auf Asphalt weniger Auto zu fahren, mangelt es jedoch nicht.

Die Corona-Krise hat uns hoffentlich allen gezeigt, dass die meisten Meetings, Workshops und Lächeln-und-Winken-Get-Togethers, die wir zuvor wohlfeil mit dem Flugzeug abgerissen haben, nicht in Angesicht zu Angesicht vor Ort stattfinden müssen. Für eine Stunde Termin von Hamburg nach München zu fliegen, um bei Öffnen der Flugzeugtüren zu erfahren, dass der Termin kurzfristig abgesagt wurde, den Rückflug umzubuchen und zehn Minuten später die nächste Maschine retour zu boarden, ist auf allen rationalen und emotionalen Ebenen, die man bemühen könnte, um sich den Dreck schön zu reden, hanebüchener Mumpitz. Wir machen so nicht mehr und keine besseren Geschäfte. Wir schaden so unserer Gesundheit und der, der 55jährigen kroatischen Putzfrau, die täglich alarmgesicherte Doppelglasfenster am Sachsenshäuser Berg in Frankfurt von Kerosinschlieren befreit.

Ich bin dafür, Menschen nicht im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Ich bin dafür, Menschen im Mittelmeer nicht willen- und wissentlich dem Tod auszusetzen, in dem man ihre Schlauchboote zum Kentern bringt oder aus europäischen Gewässern zurück in türkische verbringt. Ich bin dafür, dass sich der Norden und vor allem der Nordwesten seiner Verantwortung stellt und die Menschen, die durch sein Zutun vor Krieg und Hunger aus ihrer Heimat fliehen aufnimmt und dafür Sorge trägt, dass sie wieder menschenwürdig leben können.

In diesem Zusammenhang finde ich den Gedanken spannend, zusätzlich zu einem Carbon-Footprint, der angibt, in welchem Maße jeder von uns für die Zerstörung des Planeten verantwortlich ist, einen Death-Toll-Footprint einzuführen, damit ich endlich weiß, wie viele Tote netto auf mein Konto gehen. Allein heute beim Windsurfen habe ich wahrscheinlich fünf Nordafrikaner, drei Araber und 1,5 Tibeter umgebracht. Die Bilanz eines gleichaltrigen Isländers ist da deutlich besser.

Ich bin für mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander. Für mehr Sachlichkeit. Mehr Kreativität und weniger Meckerei. Ich bin dafür, die Welt in der wir leben, grundlegend zu ändern. Das liegt daran, dass ich auch als Deutscher mit einem absurd hohen Death-Toll-Footprint dafür bin, dass wir Menschen nicht aussterben und bitte auch dieser wundervolle Planet nicht stirbt.

Wenn Douglas Adams Recht hatte – und davon ist stets auszugehen – ist die ganze Chose hier ohnehin nur ein perfides von Mäusen durchgeführtes Experiment. Nichts desto trotz bin ich schwer dafür, dass sowohl ich, als auch vor allem meine Tochter, all die Tage, die uns Labortieren vergönnt sind, gesund und halbwegs reinen Gewissens genießen können. Dafür müssen wir dafür sein. Für Wandel. Für Umdenken. Für eine neue Welt. Die Mäuse würde das sicher hart flashen.

6 Gedanken zu “Punk is dead – long live Punk 2/2

  1. Advantage: Mehr Meer 🌊
    .. so einfach geht Freiheit: Sonne, Wasser, Surf 🏄🏻‍♀️.. Für die, die sie haben, die Welle, die Zeit, die Freiheit!
    Wir, in den sicheren friedlichen freien Ländern, sollten uns jeden Tag bewusst machen, das uns das Leben auf die glückliche Erde hat fallen lassen. Wir haben nichts dazu getan, aber in der Lotterie des Lebens schon mal den Jackpot gewonnen und sind ganz vorne gestartet ..da sollte es doch möglich sein , den anderen was abzugeben . Und wenn das jeder tut, wird’s jede Minute, Stunde, Tage besser für alle
    ..lebe den Tag und teile

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    • Ein guter Freund schrieb mir heute – und ich hoffe, es ist okay, ihn ungefragt zu zitieren: „(…) es ist die Verflachung und das politische Desinteresse, die Social Media-Besoffenheit, die Egozentrik als Massenphänomen, der zerbröselte Durchschlag der meinungsführenden Medien (…) Wo fängt man an? Bei sich.“ Das ist die einzige Möglichkeit, die wir haben. Wenn Sonne, Zeit und Brandung dabei helfen, zur Besinnung zu kommen, kann die gewonnene Energie ja auch zum Wohle aller eingesetzt werden. Das, was wir verbocken, können auch nur wir lösen. Jeden Tag, Schritt für Schritt, jeder soviel wie er kann.

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  2. Larmoyanz und hanebüchener Mumputz in einem Text. Einfach herrlich. Dafür sollte man auch sein. Und abschließend schreit der Ounk in mir in die Welt hinaus: Punk’s Not Dead, obwohl No Future Starts Today…

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    • Larmoy-was ? Musste ich erstmal googeln.. ok Emotion, Rührselig.., ist das jetzt „Heul doch 4.0“ ? Französisch macht halt was her .
      Jetzt aber Mumputz – Leute was is da los ? Rechtschreibung,#Obacht an der „Sprachkante“ # Mumpitz – das isset .. Mumputz – is the Future of tomorrow! Stay agile

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      • Einmal nicht aufgepasst und schon ist eine Antwort auf einen Rechtschreibfehler entstanden. Obwohl an dieser Stelle möglicherweise sogar richtig, da Christian Jonas über sich selbst sagt, er sei ein Worterfinder. 🙂 Aber selbstverständlich stelle ich es an dieser Stelle natürlich richtig: Es muss natürlich Mumpitz und nicht Mumputz heißen. Lieber UD, dann solltest Du allerdings auch darauf achten, an den richtigen Stellen Leerzeichen zu lassen… 😉

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      • Ich mag Mumputz. Klingt größer als *pitz. So nach völlig sinnfrei auf den Putz hauen oder klamaukiges Großreinemachen. Jeder sollte sich seine Sprache so formen, dass sie für ihn passt, gerade wenn das semantische Korsett hier und da zwickt. 😉

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