Punk is dead – long live Punk 1/2

Ich sitze zu Hause, zerdrücke einen Möhren-Spinat-Flohsamen-Puffer mit der Gabel und frage mich, wann ich damit aufgehört habe, „dagegen“ zu sein. Es muss irgendwann zwischen Studium, Praktikum und erstem Job passiert sein. Wahrscheinlich war es sogar pünktlich mit dem ersten festen Job. Exakt zu dem Zeitpunkt, als ich die Arbeit als freier Autor für den Berliner Verlag zu Gunsten eines festen Jobs beim Radio an den Nagel gehängt habe. Als ich Freiheit für Sicherheit geopfert habe. Als ich dachte, verlässlich monatlich frisches Geld auf dem Konto zu haben, würde alle meine Probleme lösen. Oder zumindest die meisten. Dagegen zu sein, hatte bis dahin zum guten Ton gehört. Jugend am Rande des Ruhrpotts, frühe Adoleszenz im Berlin der späten 90er. Es gab schlichtweg keine andere Wahl, als gegen Steinkohleabbau und Waffenproduktion zu sein, allein um sich gegen die Eltern und diejenigen aufzulehnen, die dem Weg, der vorangegangen Generation, der schon damals keine Zukunft mehr hatte, blind folgten. Ich gebe zu, die Waffenproduktion erlebte unerwartet einen zweiten und dritten Frühling, nichts desto trotz brachte sie mittelbar Unbill, auch wenn keiner von uns damals in seinem juvenil-überlegenen Protest Millionen von Heimatlosen vor Augen hatte, die auf der Flucht vor Krieg Unmenschliches auf sich nehmen und zu Tausenden vor den Küsten Europas sterben.

In Berlin waren die Feindbilder auch klar. Faschos, Nazis, Polizisten und ganz allgemein Menschen, die Weißbrot Croque nannten, obwohl sie Französisch maximal von den Bläck Föös kannten. Wir rannten raus zum revolutionären 1. Mai, den wir mit gewaltfreiem Picknick an einem Sixpack Kindl zelebrierten und Platzverweis-Diskussionen mit gestressten Polizisten aus Stuttgart maximal in die Länge zogen, um dann doch darauf zu verzichten, uns wegtragen zu lassen. Revolutionär war das nicht, aber immerhin vom Grundsatz „dagegen“. Gegen Polizeiwillkür, gegen die damals schon einsetzende Gentrifizierung von Kreuzberg und Prenzlauer Berg, gegen Nazi Skins aus Hohenschönhausen, die für Ska-Konzerte nach 36 kamen, gegen Nachbarn, die ihren Gemüsemann gewohnheitsgemäß als Fidschi bezeichneten, gegen eine neue Regierung, die wieder Wirtschaftsinteressen über das Allgemeinwohl stellte, nachdem Sie im Wahlkampf die Politikwende versprochen hatte. Gerhard Schröder hat mehr zu meiner Desillusionierung als Linker beigetragen, als es eine Hundertschaft Stuttgarter Bereitschaftspolizisten mit Helmut-Kohl-Masken jemals vermocht hätten.

Die eigentliche Abkehr vom Dagegen-Sein kam jedoch mit dem festen Job. Nicht sofort, Stück für Stück, kaum merklich. Auf einmal war ich in einem neuen System, einem das keine demokratische Partizipation vorsieht. Ich wusste, ich musste mich mit diesem System bis zu einem gewissen Grad arrangieren, da „dagegen“ nicht das war, wofür sie mich bezahlten. Zumindest glaubte ich das. Ich fing an, stolz auf die Firma zu sein, für dich ich arbeitete. Wie absurd ist das bitte? Die Buben waren maximal weit davon entfernt, in der Krebsforschung oder Ozeanrettung aktiv zu sein. Ich fing an, mein Dasein als Arbeitnehmer mit Aufstiegschancen zu genießen. Habe mich über meinen ersten Dienstwagen gefreut, auf Branchenveranstaltungen Croques mit Perlwein heruntergespült und sexistische Altherrenwitze im besten Fall ignoriert. Liberale Politik kam mir auf einmal gar nicht mehr so absurd vor. Musste ich nicht doch darauf schauen, wieviele Steuern ich zahlte, und sollte es nicht tatsächlich weniger von dem Staat geben, der mich so enttäuscht hatte? Ich gab zu, als Teil der arbeitenden Bevölkerung politisch weiter nach rechts gerutscht zu sein, da es ja galt, nicht zuletzt meine bereits greifbare, zukünftige Prosperität, zu schützen. Was für ein Bullshit…

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich es geschafft habe, meinen Kopf wieder aus dem selbstgesponnenen Kokon herauszustrecken. Ich hatte mir halbwegs meine Integrität bewahrt. Das war sicher keine schlechte Voraussetzung, um dem Gespinst aus „Unbedingter-Funktionstüchtigkeit“, „Höher-Schneller-Weiter“, „Wirtschaft-sorgt-dafür-dass-dass-es-uns-allen-gut-geht“ zu entkommen. Das und die Tatsache, dass ich wieder angefangen habe, zu lesen. Jean Ziegler, Douglas Rushkoff, Richard David Precht, Noam Chomsky, Jakob Augstein, Michael Sandler, Hannah Arendt, Robert Habeck und viele mehr, die sich damit beschäftigen, wie Gesellschaft anders, gerechter, funktionieren kann. In der Tat hat mir die Lektüre von Robert Habecks „Wer wir sein könnten“ die Augen geöffnet hinsichtlich Sprache und deren Missbrauch für politische Ziele. Er mag nicht der beste Grünen-Vorsitzenden aller Zeiten gewesen sein, aber er ist ein kluger Mensch mit einer Stimme, die etwas zu sagen hat. Jean Ziegler hat mir erklärt, warum Kapitalismus, wie wir ihn gerade leben geradewegs in den Untergang führt. Richard David Precht hat sehr kluge Ideen zu unserem Bildungssystem niedergeschrieben, die beyond Markus Lanz deutlich zu wenig Beachtung gefunden haben.

Die Lektüre hat mich an die positiven Aspekte meiner Studienzeit erinnert. Damals waren sich erstaunlicherweise konservative wie progressive Autoren darin einig, dass das System, für das wir uns wählend und ansonsten stillschweigend entschieden hatten, zweifelsohne mit Vorsicht zu genießen wäre, würden wir nicht danach streben, uns selbst zu vernichten.

Heute sind Hippies die neuen Punks. Heute ist Auflehnung, das Fleisch zu verweigern, dessen Produktion den Planeten krank macht, das Anti-Establishment. Heute koche ich Möhren-Spinat-Flohsamen-Puffer und kaufe eine vegane Fleischwurst, und es fühlt sich gut an.

Die Zusammenhänge von Globalisierung, der systematischen Zerstörung des Planeten und  einer Pandemie, die uns über Monate lahm gelegt hat und legen wird, sind allzu offensichtlich, um sie zu ignorieren,

Das Interesse des Nordens an der Ausbeutung des Südens, um Lebensstandards zu sichern und Gewinnerwartung in absurden Hockeystick-Kurven zu prognostizieren ist allzu ofensichtlich, um es zu ignorieren.

Die Scharaden der Auto- und Energie-Lobby sind viel zu fadenscheinig, um sie zu ignorieren.

Ignoranz ist Establishment. Zerstörung ist Establishment. Unreflektiertes Gewinnstreben ist Establishment. Ellbogen sind Establishment, Lügen sind Establishment. Haben wir die Chance umzukehren? Ja. Ist es zu spät? Wahrscheinlich schon, aber wir wissen es nicht, bis wir es versuchen.

Hippies sind die neuen Punks. Sie erinnern uns daran, wogegen wir waren, indem sie für das eintreten, wofür wir jetzt sein sollten.

Liebe ist Anti-Establishment. Gerechtigkeit ist Anti-Establishment. Gleichheit is Anti-Establishment. Verzicht ist Anti-Establishment. Demut ist Anti-Establishment. Aufrichtigkeit ist Anti-Establishment.

Holy fuck. Ich bin wieder dagegen. Gegen das Establishment.

To be continued…

 

 

2 Gedanken zu “Punk is dead – long live Punk 1/2

  1. Ist das dagegen sein eine Frage der Lebenserfahrung ?
    Dagegen sein , das ist Jugend und Rebellion, neue Generation, neue Kultur – ohne Dagegen sein, kein neues Denken …Aber das Leben lehrt mit zunehmenden Jahren- das private Leben, der Beruf es ändert sich und ja auch die Aufbruchstimmung , das Dagegen Sein ..aber vielmehr wandelt es sich zum Dafür-Sein . Dafür Sein, die Erfahrung in Taten umzusetzen, Dafür Sein für die Welt und sich selbst, Verantwortung zu übernehmen, den Weitblick zu haben. Rebellion ist keine Frage des Alters, es ist ein Haltung. Man verlernt es nicht (wie Fahrrad Fahren :-)) ..sie geht nur manchmal im Alltragstrott verloren und das Gute ist, man findet sie wieder – in den Zeiten des Nachdenkens, Innehaltens und Neudenken.
    Wir haben mit Corona einen Reset, nutzen wir ihn …die Jugend mit Dagegen Sein und mit Dafür Sein – die Menschlichkeit zu retten und die Welt besser zu machen…

    Gefällt 1 Person

  2. Das ist ein sehr schöner Gedanke. Das Dagegen-Sein wird mit zunehmenden grauen Haaren zum Dafür-Sein für Werte, die auf dem Weg nicht verschütt gegangen sind und vereint sich so wieder mit dem essentiellen Dagegen-Sein der Jugend im gemeinsamen Kampf für Menschlichkeit und das Überleben des Planeten. Ich bin in der Tat froh, dass nicht zuletzt Corona mir wieder klarer gemacht hat, wofür ich einstehen und wogegen ich im Weg stehen möchte. Wenn die Krise zum Turbo-Boost für Nach- und Neudenken und wieder mehr Fahrrad fahren wird… J

    Gefällt 2 Personen

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