Short Cuts: Elfenbeinküste (Söldner #1), 2003

Die Wunde brennt wie Feuer. Warmes Blut rinnt in seinen linken Stiefel. Eigentlich sollte der Söldner tot sein. Er sollte im Busch verbluten, während die verdammten Kaffer schon damit beginnen, seinen Kopf zu schrumpfen. Er versucht aufzustehen, doch es gelingt ihm nicht. Seine Hose ist mit seinem und dem Blut der Rebellen getränkt. Die Trommeln kommen näher. Er reißt ein Stück Stoff aus dem Hemd und bindet es um seinen Oberschenkel. Die Schmerzen nagen an seinem Verstand. Sein Blut pulsiert im Rhythmus der Trommeln.

„Mach, dass es aufhört!“

Der Wahnsinn schleicht sich an. Auf leisen Sohlen pirscht er durch den Busch. Er lauert auf eine Unachtsamkeit. Eine einzige Unsicherheit. Doch der Söldner ist auf der Hut. Er kennt seine Feinde. Das hier ist sein Spiel. Ein Schuss peitscht durchs Unterholz. Er duckt sich reflexartig. Diese verfluchten Trommeln. Ein umgestürzter Baum verspricht Schutz. Der Söldner robbt vorwärts. Er benutzt nur die Arme und das rechte Bein. Das linke blutete immer noch. Er zieht den Stoff fester. Gleißendes Licht. Die Leuchtrakete haben sie seinen Leuten abgenommen. Haben sie im Schlaf überrascht. 30 Mann – alle tot. Er war scheißen. Verdammtes Glück. Eigentlich sollte er tot sein. Beim Rückzug haben sie ihn dann entdeckt und sofort das Feuer eröffnet.

Eine Kugel hat er genommen. Sie konnten ihn nicht zur Strecke bringen. Noch nicht.

Die Leuchtrakete ist verglüht – Dunkelheit.

Der Söldner hebt den Kopf. Seine wachen Augen taxieren jeden Zentimeter, jede Deckungsmöglichkeit. Vorsichtig richtet er sich auf. Er hechtet über den Baumstamm, rollt sich ab und wartet. Nichts. Die Blutung ist vorerst gestoppt. Von seinen Verfolgern ist nichts zu sehen. Fast lautlos kriecht er weiter. Meter für Meter. Wie lange noch bis Morgengrauen? Er weiß es nicht. Diese verdammten Schmerzen. Er hält inne und lauscht. Nichts. Ein flüchtiges Grinsen huscht über sein Gesicht.

Die Trommeln sind verstummt – Stille.

Der Söldner robbt hinter einen Felsen. Er setzt sich hin und lehnt sich an – Granit, kalt und hart. Mit zwei Fingern ertastet er das Nähzeug in seiner Feldtasche. Das Messer gleitet durch den leichten Khaki-Stoff, wie durch Butter. Er reißt das klebrige Gewebe von seinem blutverkrusteten Schenkel. Eigentlich sollte er tot sein. Die ausgefransten Wundränder sind schwarz und hart. Durchschuss. Er kann nur eine Seite nähen. Hinten kommt er nicht dran. Er sticht die Nadel tief ins Fleisch und beginnt. Die Schmerzen sind unerträglich. Wodka, warum hat er keinen Wodka dabei? Er will schreien. Der morsche Ast droht unter dem Druck seiner Kiefer zu bersten.

„Mach dass es aufhört!“

Ohnmacht übermannt ihn. Er kippt zur Seite, schlägt mit dem Kopf auf einen Stein. Dunkelheit. Noch mehr Blut. Es verklebt seine Augen und seinen Mund. Es stinkt, es stinkt nach Tod. Große rote Ameisen kriechen über sein Gesicht. Sie lutschen und lecken gierig den süßen roten Saft. Der Söldner ist bewusstlos. Später wird er nicht wissen, wie lange.

Motorenlärm durchbricht die Stille. Schüsse fallen. In der Ferne ist Scheinwerferlicht zu erkennen. Schwere Stiefel prallen auf den weichen Sandboden. Schritte – der Söldner erwacht. Männer stehen vor ihm – viele Männer, sieben oder acht. Er will sich aufrichten, doch er wird auf den Boden zurückgestoßen. Ein Gewehrlauf trifft seine rechte Schläfe.

Dunkelheit – sie bringen ihn weg.

„In den Jeep mit ihm!“.

Von weit weg, dringen Stimmen an sein Ohr. Er kann sie nicht zuordnen, versteht die Sprache nicht. Seine Zunge schmeckt nach Blut und Angst. Plötzlich wieder Trommeln. Das Pochen in seinen Schläfen vereinigt sich mit dem monotonen Dröhnen der geschabten Tierfelle. Schmerzen kriechen von seinem Kopf herab, von seinem Bein hinauf, treffen sich in der Mitte, rauben ihm den Atem.  Eigentlich sollte er tot sein. Seine Lunge rasselt und knarrt wie der Fahrstuhl zum Schafott. Die Türen öffnen sich.

Sie heben ihn an – Endstation.

Etwas kriecht vielbeinig über seinen Rücken, beißt ein schmerzhaft großes Stück heraus. Der Söldner kann sein linkes Auge jetzt öffnen. Ein scharfer Lichtblitz rammt sich in sein Großhirn.

Taschenlampen – sie leuchten ihm ins Gesicht.

Jemand schreit etwas. Er kann ihn nicht verstehen. Stiefel treffen ihn in Nieren und Magen. Der Söldner fällt mit dem Gesicht in den Staub. Er muss sich übergeben. Magensäure tropft träge gen Boden. Er hat nichts in sich, was er erbrechen könnte. Nichts außer seinem Zorn und einem großen Sack voll Furcht. Jeder muss sein Päckchen tragen, haben sie gesagt. Er hat unterschrieben, brauchte das Geld. Geld stinkt nicht, haben sie gesagt. Dieser Krieg stinkt. Er stinkt zum Himmel. Er stinkt nach Tod. Diese verdammten Kaffer. Wieder trifft ihn eine nagelbewehrte Sohle in die Seite. Er krümmt sich, versucht seinen Körper zu schützen.

Die Trommeln werden lauter – Totentanz.

Der Söldner nimmt die aufgeregten Stimmen der Männer nicht mehr wahr. Sein Bewusstsein verlässt ihn wieder. Später wird er Gott danken, dass es fortgegangen ist.

Dunkelheit – die Lampen werden gelöscht.

Grobe schwarze Hände heben ihn an, schleifen ihn unter einen großen Baum. Er verliert seine Stiefel. Als sein Kopf auf den Hackklotz prallt, wird er kurz wach. Sein Schädel dröhnt. Aus dem Augenwinkel erhascht er einen Blick auf die funkelnde Axt. Der Söldner senkt seine Lider. Er ist zu schwach, um dem Tod ins Auge zu sehen. Müdigkeit und Schmerzen haben gesiegt. Vielleicht weint er. Mücken machen sich in dem klebrigen Loch breit, das da ist, wo einmal sein Oberschenkel war. Er würde jetzt gerne beten. Er würde jetzt gerne glauben. Kalt und ehrlich streift die Klinge über seinen Nacken. Sie flüstert ihm zu:

„Ich mach’, dass es aufhört!“

Der Henker nimmt Maß. Zwei-, dreimal senkt sich der Stahl sanft auf den Hals hinab. Dann eine Pause. Es ist soweit. Der Söldner wird sterben. Warm und trügerisch nässt der Urin seine Schenkel.

Licht – Rotoren übertönen die Trommeln.

Die Axt fällt. Schwere Stiefel entfernen sich. Suchscheinwerfer und Maschinengewehrsalven zucken durch den Busch, Äste bersten. Wieder Schritte – viele Männer im Laufschritt. Sie heben den Söldner an. Er lebt. Die Männer reden mit ihm. Er kann ihre Sprache verstehen.

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