Das versteh‘ ich nicht: Tomaten aus Neuseeland

Am Freitag war ich bei meinem Edeka. Mein Edeka ist eine kleine feine Lebensmittel-Apotheke auf der Papenhuder Straße in Hamburg-Uhlenhorst, einem etwas verschlafenen, aber sympathischen Stadtteil östlich der Alster. Die Papenhuder Straße ist eine beinahe dörflich anmutende Einkaufsstraße mit Modeboutiquen, Änderungsschneidereien, gleich zwei Blumenläden, einem hervorragenden Gemüse-Mann, einer gut sortierten Vinothek, einem anthroposophisch geprägten Spielwarenladen und eben einem Edeka. Kurz: Es gibt alles, was das Herz begehrt in Laufweite; Auswahl und Preise sind auf die entspannt zahlungsfreudige Kundschaft der Gegend angepasst. Neben dem Gemüsemann, der neben Grünzeug den cremigsten Schafskäse der westlichen Hemisphäre feilbietet, betreibt Benjamin Waalkes seinen Ottifanten-Shop. Daher muss ich bei jedem Einkaufsbummel an einen alten Otto-Witz denken, der ungefähr so geht:

 

„Neulich kaufte ich Brot und Butter,

da traf ich im Laden Martin Luther,

was auch nicht weiter verwunderlich war,

weil’s ja ein Reformhaus war.“

 

So auch diesen Freitag, als ich, wie bereits erwähnt, in Sören Lades Edeka-Pharmacie Tomaten und Büffelmozarella als Beilage für Salsiccia und Bratkartoffeln, für die sich die benötigten Rohstoffe bereits in meinem Besitz befanden, jagte.

Nachdem mir der freundliche Mitarbeiter einer Security-Firma, der mich für mein Hellacopters-Shirt lobte, am Eingang mit einem vierrädrigen Personentrenner versorgt hatte, inspizierte ich die Obst- und Gemüseauslage rechter Hand. Das bevorstehende Essen war on-a-budget geplant, daher verzichtete ich auf den Besuch des stabil beschlangten und noch einmal deutlich teureren Gemüsemanns gegenüber. Sören hatte drei verschiedene Tomatensorten im Angebot. Rispentomaten aus Holland, Strauchtomaten aus Deutschland und vorzüglich aussehende Roma-Tomaten, deren fruchtig duftende, rot-zylindrige Koketterie sofort meine Aufmerksamkeit hatte. Ich beugte mich hinunter, um über den Rand meines Mund-Nasen-Schutzes einen Blick auf Auszeichung und vor allem Herkunftsland zu erhaschen und stutze: 3,99 Euro/ Kilo, New Zealand. Neuseeland? Die haben Tomaten? Müsste es nicht eigentlich Netherlands heißen? Wahrscheinlich hatte sich Sören verschrieben. Er ist beeindruckend fit, wenn es um Schweizer Käse, italienische Wurstwaren und französischen Schauwein geht, hat aber möglicherweise in Erdkunde nicht so gut aufgepasst. Ein Kilo Roma-Tomaten aus Neuseeland für 3,99 das Kilo.

Fein. Den Preis fand ich prinzipiell okay. korrelierte er doch mit dem Invest, das ich regulär für ein Kilo italienische Ware bei besagtem Gemüsemann tätigen müsste – aber Neuseeland? Sogar in Skandinavien kann man im Gewächshaus Tomaten anbauen. Muss man die Caprese-Vervollständigungspetitesse also wirklich aus Übersee einfliegen? Ein paar Regalmeter zurück Richtung Eingang entdeckte ich beim Sinnieren über Sinn und Unsinn von Miles&More-Gemüse Äpfel aus Südafrika. Hä? Äpfel aus Südafrika direkt an Herrn von Ribbecks Gartenzaun? Der hat doch sicher nicht nur Birnen im Angebot. Wenn die Deern gerade lieber ’nen Apfel will, hat der noch immer zufrieden stellendes rotbackiges Kernobst über die weißgetünchte Lattenbarriere gereicht – selbst im Frühsommer. In Erwartung vitamin-cravender Frutarierschnecken, die durch ihre Community-Masken „boskopbraeburnjongaoldjetzt-oderichsterbe“ nuscheln, hat er die süßen Früchte seit Herbst in einem sandbedeckten Regal im Keller eingelagert und dann richtig einen rausgetan. Total serviceorientiert, total regional, immer an die Esser denkend. Herr von Ribbeck, so haben wir’s gelernt, war der Helmut Markwort der Landwirtschaft. Und jetzt: Äpfel aus Südafrika. Warum? Google erleuchtet.

Die Einlagerung von deutschen Äpfeln nach der Ernte bis ins Frühjahr des Folgejahres verbraucht mehr CO2, als das Einfliegen von diversen Oma Smiths vom Kap der Guten Hoffnung. Ebenso macht es nach dieser einfachen Bilanzrechnung wahrscheinlich Sinn, Kiwi-Tomaten per Luftfracht her zu schicken. Die heimischen Lebensmittel liegen derweil in großen klimatisierten Lagerhallen und harren dort wohl betuchten Blödelbardensöhnen und nostalgischen Reedern, die auf Fontane steil gehen.

Es bleibt die Frage, warum die Kelleridee nicht skalierte. Löss, Tuff und Kalk untenrum, ein ordentlicher Spaten und ’ne Runde Sand, fertig ist die Apfel-Vorratshaltungs-Laube. Das muss doch gehen. Ohne Strom. Ohne Klimageräte. Wir müssen Deutschland unterkellern. Wir müssen in den Untergrund gehen. Obenrum sind wir mittlerweile zu hot. Zuviel Wachstum, zuviel Klima, zuviel Temperatur. Last uns einen großen Keller bauen, lasst uns zurückgehen zu Herrn von Ribbeck und Schneewittchens Mutter. Die wussten, was geht.

Ich habe die Strauchtomaten gekauft. Waren lecker.

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