Short Cuts: New Orleans (Dichter #2)

Sie lag immer noch auf seiner Zunge wie ein süßer Tropfen Honig. Genüsslich ließ der Dichter einen Schluck kalten Rockshandy über den köstlichen Nachgeschmack der letzten Nacht rinnen. Die Laken waren noch feucht und die schwere Luft, die durch die weit geöffneten Flügel der Verandatür hereinrollte, brachte weder Trocknung noch Abkühlung. Über dem Bett des Mississippi hatte sich dichter weißer Dunst breit gemacht. Das wenige Wasser, das wie ein schmutzig brauner Lindwurm ächzend an seinen Ufern entlang kroch, stank nach Leben. Der Dichter drückte sein Gesicht tief in die Matratze und inhalierte ein letztes Mal ihren kleinen Tod. Er war mit ihr gestorben, zweimal, dreimal, fünfmal, bis sie vor Erschöpfung Arm in Arm eingeschlafen waren. Für einen kurzen Augenblick, Sekunden bevor die Kraft der Leidenschaft sie hatte entwässert übereinander zusammenbrechen lassen, war noch ein verwegener kleiner Gedanke durch seinen Kopf geschossen. Dieses Mädchen – sie hieß vielleicht Sue, Betty oder Rachel – dieses Mädchen war sein Schicksal. Gleich morgen würde er um ihre Hand anhalten, vor ihr niederknien, ihre zarten frivolen Finger in seinen Händen halten und sie bitten, seine Frau zu werden. Doch nun war sie fort. Er wusste nicht, wann sie gegangen war. Nie hinterließ sie eine Nachricht oder irgendein anderes Zeichen dafür, dass sie da gewesen war und wiederkommen würde. Manchmal vergaß sie sogar ihr Geld auf dem Nachttisch. Sie wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte, dass er es aufheben und in der nächsten Nacht der doppelte Betrag bereit liegen würde. Der Dichter drehte sich auf die Seite und sah auf die Veranda hinaus. Summer in the City – es waren schon beinahe vierzig Grad und dabei hatte noch nicht einmal die Mittagsstunde geschlagen. Oh, wie er diese Stadt hasste. Ihre schmutzigen engen Gassen, die aufdringlichen Gerüche, die bunten lauten Menschen und diese erbarmungslose Hitze.

Das French Quarter machte ihn krank, und doch zog ihn der brodelnde Schlund dieses farbenprächtigen Molochs aus Fleisch und Dreck, dessen exotisch gewürzter Atem ihm Tag um Tag entgegenschlug, magisch an. Wie eine willfährige Fliege krabbelte er der lockenden Lust entgegen, tiefer und tiefer hinein in den klebrigen Kelch, gierig suchend nach dem Quell des aphrodisierenden Duftes, der die, vom baldigen Tod kündenden, Ausdünstungen zu durchdringen vermochte. Ja, er war ein Suchender. Einer von denen, die der Venusfalle nicht schmeckten, einer, den sie ausspuckte, im hohen Bogen hinaus aus der trügerischen Wärme auf die Straße spie, weil er einfach nicht stillhalten und seine Reise beenden wollte. Keine hatte ihm bisher das gegeben, wonach er verlangte, das, wonach sein Körper und seine Seele lauthals schrieen. Und keine hatte bisher vermocht ihm das zu nehmen, was ihn weiter und weiter trieb: den Glauben an die Liebe. Langsam und sichtlich erschöpft von der letzten Nacht erhob er sich aus dem stumpfen Gestell des Messingbettes. Der Dielenboden war feucht und klebrig. Was für eine Nacht! Einen kurzen Augenblick lang verharrte der Dichter vor dem großen Wandspiegel und versuchte, sich an der Nacktheit seines Gegenübers zu erfreuen. Ein großer drahtiger Athlet musterte ihn mit wachen Augen, die gleichwohl schelmisch blitzend, in einer unergründlichen Trauer gefangen zu sein schienen. Leicht errötend verdeckte der Dichter mit den Händen seine Scham, als sie forschend über seine Brust an ihm herab schlichen. Der Fremde sah ihn fordernd an. Er war ein wenig kleiner als er selbst, nicht unattraktiv und doch von einer dunklen Tiefe, die den Dichter in seinem Innersten erschauern ließ. So sehr er es sich auch gewünscht hätte und so lange er auch schon an seiner Seite reiste, nie hatte er es geschafft irgendeine Beziehung zu seinem mysteriösen Begleiter aufzubauen. Ihn womöglich aus der Dunkelheit ins Licht zu locken, oder zumindest zu verstehen, aus welchem Grund er so gut wie nie von seiner Seite wich. Manchmal sprach der Fremde zu ihm, ganz leise, kaum hörbar und der Dichter erschrak, wenn er die raue Stimme hörte, die ihm stets dieselben Worte flüsterte. Er streckte seine Hand aus, um die Lippen zu berühren, über deren sanften blassen Schwung das beunruhigende Mantra zu ihm herüber schlich, versuchte es zu greifen, zu ertasten und zu verstehen. Doch jedes Mal schloss sich der Mund des Fremden und die Stimme verstummte.

Der Dichter riss sich vom Spiegel los und wandte sich dem, mit feinen Rissen überzogenen, Keramikkrug zu, der neben der Verandatür auf einem wackeligen Holzschemel stand. Ein übergewichtiger Gelbrandkäfer hatte sich in das Gefäß verirrt und taumelte schwerfällig durch das milchige Wasser, das der morgendlichen Hygiene dienen sollte. Vorsichtig tauchte der Dichter die Hände in das lauwarme Nass und benetzte sein Gesicht. Er musste Lachen. Welchen Sinn machte es schon, sich in dieser drückenden Hitze zu waschen. Seit er in New Orleans eingetroffen war, schwitzte er unablässig. Es war nicht so, als sei er derartige klimatische Bedingungen nicht gewohnt. In Lima hatte er drei Monate unter den riesigen Deckenventilatoren einer weißgetünchten Stadtvilla gelebt. Bereits nach zwei Tagen hatte er sie abgestellt, da sie keine Linderung brachten. Von dem Geräusch mit dem die hölzernen Blätter die peruanische Luft in stickige Scheiben schnitten, war er beinahe wahnsinnig geworden. In Port au Prince war es ihm auch nicht besser ergangen. Ein halbes klebriges Jahr war er durch die Gassen der Hafenstadt gezogen, um sich über die wunderschönen Frauen, die ausschließlich Augen für englische Matrosen und französische Offiziere hatten, nur noch weiter zu echauffieren.

Und jetzt also New Orleans. Der Dichter wickelte sich ein Handtuch um die Hüften und trat auf die Veranda hinaus. Ein innig im Liebesspiel umschlungenes Libellenpärchen tanzte in der flirrenden Luft über dem Geländer zu einer Melodie, die er nicht hören konnte. Zur Melodie dieser Stadt deren Wohlklang sich ihm bislang nicht erschließen wollte. Jahrelang hatte man ihm davon erzählt, von den beschwingten luftigen Tönen berichtet, die in Dur und Moll von der Liebe erzählten. Doch alles, was er vernahm, war die Kakophonie des Untergangs, ein dissonanter Wirrwarr aus Wahnsinn und Selbstzerstörung, äolischen Entartungen und phrygischen Anmaßungen. Ratlos setzte sich der Dichter auf das wacklige Holzgeländer, das die Veranda vom Rest der Welt abgrenzte. Er ließ seinen Blick über das Tal wandern, suchte missmutig nach weiterer Bestätigung für seine tiefe Abscheu gegen diesen gottlosen Sündenpfuhl, als seine Augen auf einer Frau haften blieben, die unten am Fluss einen mit Wasser gefüllten Tonkrug auf dem Kopf balancierte. Ihre nackten Füße schlugen hart auf den brüchigen grauen Lehm, der den zäh dahinfließenden Strom zu beiden Seiten säumte. Drei tollpatschige Mohrenkinder hingen an ihren Rocksäumen, stolperten, weinten, neckten sich, doch ihre Mutter ließ sich nicht aus dem Tritt bringen, strebte unbeeindruckt den stinkenden Bretterhütten entgegen, die einige hundert Meter flussaufwärts am Ufer standen. Eine dünne Rauchfahne stieg aus der Armensiedlung kerzengerade gen Himmel empor. Wahrscheinlich warteten dort am Feuer ihr Mann und ihre Schwestern auf sie. Sie hatten Maisbrot gebacken, wollten zusammen mit ihr und den Kindern Essen zubereiten – eine Handvoll Reis für jeden, vielleicht einen Fisch, der sich des Nachts in eine der unzähligen Reusen verirrt hatte, deren löchrige Netze vielmehr aus Hoffnung denn aus Garn gestrickt waren. Hoffnung – der Dichter sprang auf. Wenige Meter vor seinem Haus ging sie vorbei, und auf ein Haar hätte er sie nicht gesehen. Hoch erhobenen Hauptes lief sie gegen den Strom, stolz, unbeeindruckt von Hitze und Trockenheit. Ihr Gesicht glich dem einer griechischen Venus. Die Zeit hatte es hart gemacht, und doch vermochte man ein mildes Lächeln zu erkennen, dass hin und wieder ihre Mundwinkel umspielte, wenn eines der Kinder hinfiel, um sogleich unter glucksendem Gelächter wieder aufzuspringen. Kein Zweifel, es war die Hoffnung, die den schweren Krug flussaufwärts balancierte, stets darauf bedacht nichts zu verschütten. Für sie und ihre Lieben würde der Krug immer halb voll sein, egal, wie viel Wasser den Weg zurück ins Delta fand oder unter der sengenden Gewalt der Sonne verdunstete. Plötzlich konnte der Dichter wieder die Worte des Fremden hören, völlig klar und lauter als je zuvor. Er erschrak nicht, als er die Lippen ganz deutlich vor sich sah, sie berührte und spürte, wie die Zeilen warm und weich in seine Finger flossen, die Arme hinaufkrochen, bis sie schließlich sein Herz erreichten. Und der Dichter verstand. Zum ersten Mal, seit er in New Orleans angekommen war, fühlte er so etwas wie Glück. Der Wind wehte eine leise Melodie vom French Quarter herüber, engelsgleiche Stimmen besangen die Liebe. Ihr Name war Sue, Betty oder Rachel.

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