Live: Skript „Hotel Europa Tour 2006“

Gerade gefunden: das Original-Skript für die Lesungen der Hotel Europa Tour 2006. Großartige Musik, großartige Jungs und Mädels im Bandbus, großer Spaß.

Schöne Zeiten war’n dit jewesen.

Nach Fertigstellung des Romans wurde mir von der Lektorin des Verlags Frauenfeindlichkeit und emotionale Unreife vorgeworfen. Ich denke, sie hatte Recht. Außerdem trug sie, als sie meinem Verleger und mir ihren geballten Zorn und Gin Tonic ins Gesicht schleuderte, eine äußerst bezaubernde Jeans-Latzhose. Am selben Abend stellte sie ihre Lektorinnen-Tätigkeit für das Projekt ein. Bis heute haben wir keinen Draht zueinander gefunden. Ihre Schuld. Ich war und bin diesbezüglich völlig offen.

Was ich eigentlich sagen wollte: Das Buch wurde nie ordentlich von einem Menschen lektoriert, der Nächstenliebe und Rechtschreibung über Style und Körperhygiene stellt.

So gehört es sich nämlich eigentlich – hat aber nicht sollen sein, weil Latzhose anti war.

Daher ist das folgende Skript seit 14 Jahren ungehörig: politisch, sprachlich und von wegen dem Komma- und Grammatik-Gedöns.

Trotzdem erschien der vollständige Text auf 192 Seiten im Mitteldeutschen Verlag unter der ISBN 9783898123907 und wurde von mir, meiner Mutter und einer mir unbekannten Café-Besucherin gelesen, die offenbar nicht auf Hangover-Sex unter der Dusche steht und sich demzufolge genötigt sah, die einzige und vernichtende Kritik auf Amazon zu schreiben.

Meine Mutter und ich haben noch Kontakt.

Das Buch ist das Buch.

Rhythm is a Dancer.


 

Thin Lizzy – „Boys Are Back in Town“

 

Martin

Mit einem hastigen Schluck leerte ich meine Kaffeetasse. Es war die dritte an diesem Morgen und in der Redaktion würde ich mir noch eine genehmigen müssen. Ich hatte schlecht geschlafen, teils, weil ich bei Vollmond sowieso nie richtig pennen konnte, teils, weil meine Zimmernachbarn die halbe Nacht lautstark gevögelt hatten. Ein letzter Blick in den Politikteil der Tageszeitung und los ging’s. Um es rechtzeitig zur Konferenz zu schaffen, musste ich ordentlich Gas geben. Ich nahm die Autoschlüssel vom Tisch, steckte die halb volle Schachtel Prince ein und stand auf. Die vormals blütenweiße Tischdecke war rings um den Aschenbecher mit schwarz-grauen Flecken und Streifen übersät. Was meine Zielgenauigkeit anging spielte ich in einer Liga mit Helmut Schmidt, soviel war klar. Nur dass sie dem in den Talkshows immer größere Ascher hingestellt hatten. In eine Talkshow würde ich es auch eines Tages schaffen, keine Frage. Früher oder später würde man mich einladen, nein, würde man mich einladen müssen…

„Sehr geehrter Herr Bergen, ich würde vor Freude unter mich machen, wenn sie uns nächste Woche die Ehre gäben. Ihre Reportage über die deutschen KFOR-Truppen im Hindukusch hat mich so beeindruckt, dass ich kurzerhand Wolfgang Schäuble, Guido Westerwelle und Heiner Geißler ausgeladen haben. Bitte erzählen Sie mir zu diesem Anlass auch von Ihrem Treffen mit Götz Alsmann in Bad Zwischenahn. Ihre äußerst bildreiche Schilderung der „ammerländischen Räucheraal-Exzesse“ hat mich mit einer Gewalt zum Höhepunkt getrieben, dich ich bislang nur bei der Lektüre von Papillon erfahren habe. Herr Bergen, ich flehe Sie an: Seien Sie am kommenden Donnerstag mein Steve McQueen – und ich werde Ihre Sandra Maischberger sein.

In aufrichtiger, tiefempfundener Verehrung,

Ihre Sabine Christiansen“

Jetzt nur noch das Auto finden. Normalerweise parkte ich meinen schwarzen Golf 5 direkt vor der Eingangstür des gegenüberliegenden Bordells. Triple X-Club – was für ein Scheiß-Name. „Uschis Resterampe“ wäre wohl um einiges passender. Suchend sah ich mich um. Wo hatte ich die Karre bloß abgestellt? Es war spät geworden gestern Nacht. Aller guten Vorsätze zum Trotz, war ich wieder einmal unterwegs gewesen, hatte mich davor gedrückt, ins Hotel zurückzugehen. Ich hasste Hotels. Klar, irgendwie war es cool, immer auf dem Sprung zu sein, aus dem Koffer zu leben und gespannt darauf zu warten, wohin mich das Leben als Nächstes verschlagen würde – wäre da nur nicht dieses Gefühl, immer und überall ein Fremder zu sein. Ich hatte schon überlegt, mir eine Bibel mit meinen Initialen auf dem Einband zu kaufen. Die könnte ich dann immer in die Nachttischschublade legen, nach zwei Tagen nachsehen und mich darüber freuen, dass man mir einen persönlichen Gegenstand aufs Zimmer gebracht hatte. Ganz so, als hätte man mich erwartet. Von jemandem erwartet zu werden musste etwas Schönes sein. Nach Hause kommen. So richtig nach Hause. Jetzt nicht so „mein Haus – meine Yacht – mein Pferd-mäßig“, aber, na ja, irgendwie schon. Wer soll dich vermissen, wenn keiner auf dich wartet? Wow, wie tiefsinnig. Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich mir am Vorabend mehr als alles andere gewünscht, zu ficken. So viel zu meinem sentimentalen Geschwafel! Als ich dann schließlich doch an der verlogen glänzenden Kirschholzimitat-Theke des Hotels angekommen war, hatte da natürlich kein blondes Model auch mich gewartet, um mich mit den Worten „darf ich dir einen blasen?“ zu begrüßen. So weit im Osten lag dieses Kaff dann wohl doch nicht. Wie in der letzten und vorletzten Nacht saßen lediglich Jonas und Christian am Tresen, und wie in der letzten und vorletzten Nacht waren sie schon ziemlich breit. Jonas hatte ne dunkelhaarige Schnalle dabei, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Sie war ein richtiger Feger. Hatte ich ihm gar nicht zugetraut. Hatte ich doch auf dem Hof geparkt? Ich bin mir sicher, dass die Hälfte der Autos, die als gestohlen gemeldet werden, in Wirklichkeit im Suff verloren gehen. „Ups, gerade eben hatte ich es doch noch!“ Ich habe mal von einem Typen gehört, der in Berlin sein Auto verloren hat und dann drei Jahre mit einem Metalldetektor durch die Stadt gerannt ist, um es wiederzufinden. Heute ist er, wenn mich nicht alles täuscht, zweiter Vorsitzender der Initiative „Pro Dosenpfand“ und Eintänzer in einem Heim für Gehörlose, aber das nur am Rande.

Als ich auf den Hof kam, fiel mir ein Stein vom Herzen: Der Golf steckte ordnungsgemäß in einer Parktasche. Oder sagen wir in zwei Parktaschen – es sah ganz so aus, als hätte ich es am Vorabend mit dem Einparken nicht ganz so genau genommen. In ziemlich genau vier Minuten würde ich in der Redaktion sein, aufgeweckt, ideenreich, topfit und hungrig die nächste große Story aufzudecken. Hatte der Präsident des Hallenhalmaverbandes Dölau-Nord 1966 e.V. tatsächlich die Vereinskasse veruntreut? Versagte der Geschäftsführer des Kaufhofs seinen weiblichen Angestellten, die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten? Gab es in der Stadtchronik Beweise dafür, dass Händel eine Lese-/ Rechtschreibschwäche hatte? Ließ sich Schwester Mandy vom St. Elisabeth Hospital für kleines Geld nackt fotografieren und – was noch viel wichtiger war – wusste Sie, dass mit ihrer Handynummer irgendwas nicht stimmte? Fragen über Fragen und es war an mir, die Antworten zu finden. Ich würde wohl erst einmal diese Mandy-Geschichte weiterverfolgen, da steckte definitiv die meiste Brisanz drin…

 

Elvis Costello – This Is Hell

 

Jonas

Wo war ich? Wie spät war es? Welcher Vollidiot hatte mir dieses Monstrum von einem Schädel auf den Hals geschraubt? Oh Mann, ich sage dir, das zweite Erwachen ist definitiv schlimmer als das erste. Zugegeben: Bei meinem ersten Versuch, die Welt der Lebenden wieder zu betreten, hatte ich mehrere Minuten lang ehrfurchtsvoll den Porzellangott angebetet – aber was war schon ein bisschen Schwindel und Kotzerei gegen diese brüllenden Schmerzen? Meine Augen versuchten den Wecker zu fixieren: 13.00 Uhr. Viel zu früh. Ich hatte einen off-day. Das heißt, ich musste ausnahmsweise nicht um 18 Uhr im Turm-Club sein, um meine tägliche warme Mahlzeit einzunehmen und dann zwei Stunden später vor ein- bis zweihundert Freaks einen musikalischen Seelen-Striptease hinzulegen. Fünf Konzerte spielten wir insgesamt in der Stadt. Das hatte uns eine Zigarettenfirma eingebrockt, die sich die Kommerzialisierung des Undergrounds in dicken blutigen Lettern auf die Fahnen geschrieben hatte. Der Rest der Band war bei einem Kumpel unseres Schlagzeugers David untergekommen. Nur ich nahm das Hotel in Anspruch, weil ich nicht mehr Zeit als unbedingt nötig mit den anderen verbringen wollte, und weil auch im Independent-Bereich der Genius nicht beim Fußvolk nächtigt. Was für Morrissey das Ritz, war für mich folglich die staubige Fußpilz-Grauzone zwischen Etap und Best Western. Na ja, es hatte ja auch keiner behauptet, dass es einfach werden würde. Das plötzlich einsetzende Geräusch von übermütig rauschendem Wasser ließ mich aus meinen Überlegungen aufschrecken. Viktoria schien das Bad gefunden zu haben. Vorsichtig richtete ich mich auf, zerrte meine tonnenschweren Beine über die Bettkante und setzte mich hin. Einen Augenblick lang saß ich einfach so da, atmete tief durch und starrte das Fenster an. Kopfschmerz hin oder her, die Hauptsache war jetzt, dass ich nicht noch einmal laut würgend ins Bad stolperte und meinen Mageninhalt vor den Füßen meines one-night-stands ausbreitete.

„Hey guck mal, Mais! Und da: eine rote Bohne! Dreimal darfst du raten….Richtig, Mexikanisch! Du hast einen Zungenkuss gewonnen!“

Und das war noch das Witzigste, was mir zu der Situation einfiel. Ich stand auf und schlurfte zum Bad rüber. Die Tür war nur angelehnt. Mit leichtem Druck überzeugte ich die mit Eichenholzfurnier bebügelte Pressspanplatte, die Sicht auf die Bühne freizugeben, lehnte mich in den Türrahmen und stellte zufrieden fest, dass ich zumindest unter optischen Gesichtspunkten schon schlechtere Morgen erlebt hatte. Hinter der beschlagenen Duschkabinentür, die in diesem Zusammenhang wie ein amerikanischer Porno-Weichzeichner wirkte, wusch sich Viktoria die Endorphine der Nacht von ihrem makellosen Körper. (Ich sage makellos, weil ein weiblicher Körper, den man durch eine beschlagene Duschkabinentür betrachtet, definitiv immer makellos ist!) Ungefähr eine Minute verharrte ich in der Position des Beobachters, schlich dann, meiner unübersehbar wieder erwachenden Libido gehorchend, zur Dusche und öffnete die Kabine. Lächelnd wandte sich Viktoria mir zu. Vorwitzige Wassertropfen perlten von ihren aufgerichteten Nippeln gen Boden.

„Hi.“ Ihr Blick wanderte, nachdem er kurz meine Augen gestreift hatte, geradewegs nach unten und blieb an meiner fabelhaften Erektion hängen.

„Hi.“ Ich denke, ich wurde rot.

„Sieht aus, als möchtest du reinkommen.“

Ich grinste, nickte, trat in die Duschtasse und zog die Kabinentür hinter mir zu.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen.“

Zärtlich glitten ihre Hände meinen Rücken hinab und blieben auf meinem Po liegen.

„Ich würde dich gern küssen“, sagte sie.

„Ich habe gekotzt.“

„Ich auch.“

Sanft zog ich ihren Kopf heran und schob meine Zunge in ihren, fordernd geöffneten, Mund. Wir küssten uns lange und intensiv. Es fühlte sich sehr, sehr, sehr gut an und ja, sie konnte fantastisch küssen. Sie bewegte Ihre Zunge ganz langsam und trotzdem mit diesem gewissen Druck, der einen dazu herausfordert, dagegen zu halten und einem das Gefühl gibt, man würde so ein ganz kleines bisschen miteinander verschmelzen. Ich grub meine Finger in ihre Haare und drückte sie noch fester an mich. Wow! Was für ein Kuss! Ich meine, hey, sie machte es richtig. Nicht so wie die Frauen, die einem den Lappen einfach nur in den Mund legen und dann gespannt darauf warten, dass irgendwas passiert. Oder die, die ihre Zunge mit leicht geschürzten Lippen bei 240 Umdrehungen pro Minute rotieren lassen, als hätte man ihnen einen zugekoksten Zitteraal zwischen die Kiefer getackert…

„Jonas?”

„Äh, ja?“

„Meinst du nicht auch, wir sollten langsam weitermachen?“

„Weiter? Ja, klar, ich war nur…“

„Psst. Sei still…“

Wir kamen beinahe gleichzeitig. (Ich ein bisschen später!) Dann seiften wir uns gegenseitig ab, küssten uns, sprangen pitschnass zurück ins Bett und machten es noch mal.

 

Lou Reed – Perfect Day

 

Christian

Ich hätte nie geglaubt, dass eine Zigarette so gut schmecken konnte, vor allem nach einer Nacht wie der letzten. Heute früh war ich froh gewesen, wenn auch nur mit Mühe, überhaupt gerade gehen, stehen und sprechen zu können. Zum Frühstück hatte ich mir dann einen kleinen Absolut zum Kaffee genehmigt und, siehe da: Ich war voll auf dem Posten! „Ja, Herr Beck, ich bin davon überzeugt, dass so und nicht anders die Zukunft der Medien aussehen wird. Wir müssen damit aufhören, das bislang erreichte wie einen Schild vor uns her zu tragen. Schauen Sie sich die Situation in UK an. Da geht es hin. Dieser leidige Protektionismus, mit dem die Entscheidungsträger in der Branche den Status Quo bewahren wollen, bringt uns nicht weiter. Klar kann sich der Platzhirsch auf die Bundesstraße stellen und sich einreden, er sei stärker als der bullige Sportwagen, der auf ihn zu rast, aber denken Sie wirklich…“ Hey, wer ist denn die Kleine, die da drüben die Tischdecken auflegt? Nicht schlecht, mein lieber Mann! Da fällt mir doch direkt eine hervorragende Alternative zu dem Geseiere ein. „Völlig klar: Bewegung ist immer mit Investitionen verbunden.“ Auf welche Art von Bewegung steht sie wohl? Irgendwo hatte ich sie schon mal gesehen. Mal überlegen: Groß, mindestens 1,80, blond, na klar! Wie hieß sie noch? Es war jetzt bestimmt drei bis vier Jahre her. Katja, Kathrin? Irgendwas mit K… Kirsten! Kirsten, natürlich! Wir hatten uns bei einer Modenschau in Berlin kennen gelernt. Eigentlich hatte sie in einem Ministerium als Tippse gearbeitet, die Hoffnung auf die große Modelkarriere aber noch nicht ganz aufgegeben. Wir waren zweimal zusammen aus gewesen, mehr war nicht passiert. Ihr Ex-Freund war auf einmal wieder Feuer und Flamme gewesen, als er von unseren Dates erfahren hatte. Sie hatte sich dann entschieden „es noch mal zu versuchen“. Es noch mal versuchen – was für ein Blödsinn! Später hatte sie sich dann doch wieder gemeldet und gesagt, sie hätte einen Fehler gemacht, wollte mich unbedingt sehen und so weiter und so fort. Tja, was soll ich sagen. Ich war noch nie der Typ, der auf diese heute Hü und morgen Hott-Nummer stand. „Ja, Entschuldigung, Herr Krüger, ich bin bei Ihnen. Natürlich müssen wir erst einmal konkrete Geschäftsmodelle entwickeln und die Umsatzerwartungen skizzieren. Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Aber…“ Sollte ich zu ihr rüber gehen? Meine Gesprächspartner schienen sich auch auf ihren Abgang vorzubereiten. „Ja klar sehen wir uns noch auf der Party. Da trinken wir ganz in Ruhe ein Pils, okay! Bis später, hat mich gefreut“. Es wurde wirklich Zeit, dass die Typen gingen. Von wegen Party! Ich hatte eigentlich nicht vor, noch viel länger zu bleiben. Langsam schlenderte ich in Richtung Bühne und schaute zu, wie die Ton- und Lichtanlage installiert wurde. Die Burg war wirklich eine extrem coole Location für den Kongress. Die alten Mauern aus Sandstein gepaart mit dem ganzen Elektronik-Kram, den sie gerade aufbauten, das hatte schon was. Kirsten war immer noch damit beschäftigt, die Klapptische, die der Länge nach aneinandergereiht als Buffet-Tafel dienen sollten, in weiße Laken einzukleiden. Sollte ich wirklich zu ihr rüber gehen? Was sollte ich sagen: „Hi, wie geht’s dir, lange nicht gesehen, wir haben vor drei Jahren völlig vergessen zu poppen. Lass uns das jetzt nachholen“? Oder wie wär’s mit: „Hi, wie geil ist das denn! Du hier? Ich kann’s gar nicht fassen! Irgendwas war mit deinem Handy nicht in Ordnung, ich habe dich zigmal versucht zu erreichen, bin aber nicht durchgekommen! Und jetzt treffe ich dich gerade hier… Wow, das muss Schicksal sein! Es gab in den letzten Jahren keine Nacht, in der ich nicht von dir geträumt habe, jeden Tag habe ich an dich gedacht, und daran, was wohl aus uns geworden wäre, wenn wir’s probiert hätten. Ich habe mich so nach dir gesehnt. Lass es uns doch noch mal versuchen, ja“? Beide Ansätze konnte ich wohl getrost verwerfen. Wobei sie ja an anderer Stelle für „lass es uns noch mal probieren“ extrem empfänglich gewesen war. Zur Zeit lief alles so dermaßen hervorragend, warum sollte nicht auch etwas derart simples, wie eine Frau aufzureißen funktionieren? Ich hatte einen prima Job, traf mich mit den richtigen Leuten, networkte hier ein wenig, brillierte da mit visionären Konzepten und gewichtig klingenden Worten, kurz: Ich war auf dem Weg nach oben. Keine Frau, die auch nur ein klitzekleines Bisschen, einen Hauch, eine Ahnung von Verstand hatte, würde mich abblitzen lassen. Ich meine, hey, sie deckte Tische! Auch ohne stattlichen Schimmel und blitzende Rüstung war ich ganz klar der mutige Ritter, der sie aus dem Moloch der Unterschicht in die Welt des Glamours, der Cocktail-Partys, Vermögenswirksamen Leistungen, Eigenheimzulagen und Steuerabschreibungen entführte. Halt aus, holde Maid, ich komme!

 

Placebo – Every You And Every Me

 

Martin

„Fick dich, du Penner! Echt, Martin, vergiss es. Für wen hältst du dich?“

Die Situation schien ziemlich verfahren zu sein. Okay, unser Kennenlernen hatte nicht gerade unter einem guten Stern gestanden, aber ihre Reaktion war meiner Ansicht nach echt überzogen. Na ja, was sollte man auch von einer erwarten, die den geistigen Horizont einer Bettpfanne hatte. Eigentlich war ich froh, dass unser Date letzte Woche geplatzt war. Wahrscheinlich hätte sie im Café ihren Bleistift gezückt und versucht, meine Latte Macchiato auf Espressogröße runterzuklopfen.

„Wie oft soll ich’s dir denn noch sagen: Ich wollte absagen, aber du hast mir eine falsche Handynummer gegeben. The person you’ve called is temporarily not available…tuuut. Das mit den Fotos ist was komplett anderes. Kaffeetrinken gleich privat – Fotos machen gleich Job. Vielleicht habe ich mich auch vertippt, als ich die Nummer eingegeben hab, keine Ahnung. Komm schon, es tut mir leid…“

„Auf die Gefahr, dass ich’s schon gesagt habe: Fick dich! Ich muss jetzt weiterarbeiten. Schönes Leben noch!“

Da ging sie hin. Nicht ohne mich noch mit einem äußerst geringschätzigen Blick zu bedenken, drehte sie sich laut quietschend auf ihrem imaginären Birkenstock-Absatz um und trug ihren süßen Arsch in Richtung Ambulanz. Vielleicht war es gut so. Ich hatte mein Selbsterniedrigungspotenzial bis auf den letzten Krümel Stolz ausgeschöpft – mehr war einfach nicht drin. Und – sind wir mal ehrlich – so toll waren ihre Titten dann auch wieder nicht. Hastig kippte ich den letzten Schluck Cappuccino runter, beförderte den braunen Plastikbecher mit einem gezielten Wurf in den Mülleimer und verließ das Hospital durch den Haupteingang.

„Na dann auf zum Kaninchenzüchterverband.“

Ich steckte mir eine Prince ins Gesicht, nahm einen tiefen Zug und schlenderte zurück zum Auto. Eigentlich hatte ich den Golf in der Auffahrt für Liegendtransporte parken wollen, hatte es mir dann aber doch anders überlegt. Jetzt musste ich den ganzen Weg zum Rannischen Platz laufen. Naja, als Menschenfreund hat man’s auch nicht leicht. Die Mandy-Geschichte wollte mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Scheiß auf die Fotos – es findet sich immer irgendein blondes Dummchen, das sich für `nen Fuffi nackig macht – aber gepoppt hätte ich sie schon gerne, keine Frage. Wahrscheinlich zierte sie sich nur, wollte mich noch etwas zappeln lassen und verzehrte sich im Grunde ihres Herzens danach, ihren verschwitzten Körper an mir zu reiben. Ich beschloss, es in der nächsten Woche einfach noch einmal zu probieren. Vielleicht würde ich ihr Blumen mitbringen.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits nach zwei war. Ich musste mir wirklich etwas einfallen lassen, wollte ich noch eine Geschichte im Blatt unterbringen. Bei dem Gedanken, in die Heide rauszufahren und mich mit Karnickeln und korrupten Teilzeit-Sodomisten rumzuschlagen, drehte sich mir der Magen um. Jeder Mensch, der seine Freizeit damit verbringt, schlappohrigen Nagern beim Rammeln zuzusehen und sie im Zweifelsfall auch noch dazu ermutigt, ist und bleibt ein widerliches perverses Schwein. Ich meine, was denken sich die Typen? Dass sie, wenn sie lange genug besamen, aufziehen und auswählen, irgendwann aus Meister Lampe eine Miss November machen, sich eine fette Villa in Hollywood kaufen und mit Fred Durst Cocktails schlürfen? Aufwachen, Leute! Nicht jeder, der beim Anblick von Hasenohren und Puschelschwänzchen einen Harten kriegt ist Hugh Heffner!

 

Christian

Ich bin also auf meinem stattlichen Schimmel und in voller Montur zu ihr rüber getrabt, habe ihr von hinten auf die Schulter getippt und sie, als sie sich umdrehte, erst einmal mit meinem breitesten Ritterlächeln angestrahlt. Und jetzt kommt’s. In den folgenden Minuten hätte jeder, der weniger als fünf Meter entfernt gestanden hätte, genüsslich verfolgen können, wie sich Ritter Unwiderstehlich so richtig zum Horst macht. Glücklicherweise waren Kirsten und ich allein, zumindest so allein, wie man es auf einem Burghof auf dem noch circa 50 weitere Menschen umherirren sein kann. Und so bleibt das, was ich jetzt erzähle, ein Geheimnis zwischen Ihnen, ihr und mir, okay? Ich tippte ihr also von hinten auf die Schulter, sie drehte sich um, ich grinste und sagte: „Oh, Entschuldigung, ich muss Sie wohl verwechselt haben. Tut mir leid!“ Dann habe ich stehenden Hufes mein Schlachtross gewendet und wollte eigentlich möglichst unauffällig in Richtung Tor davon traben, als mich Kirsten am Arm zurückhielt.

„Christian, bist du das?“

„Nein, ich bin’s nicht. Sie müssen sich irren.“

„Hör auf mit dem Quatsch!“

Ich riss mich los und gab meinem Hengst die Sporen. Nichts wie raus aus der Unheil verheißenden Feste.

„Hey! Wo willst du denn hin? Christian, bleib hier!!!“

Schnell wie der Wind rauschte ich über die heruntergelassene Zugbrücke vom Hof, dann nach rechts und runter auf die Straße. Erst als ich mich vor einer reichlich verfallen aussehenden Schenke namens „Objekt 5“ in Sicherheit wähnte, hielt ich an, um dem völlig verschwitzten Tier eine Pause zu gönnen. Was soll ich Ihnen sagen? Sie hatte eine Zahnspange. Eine feste Zahnspange. Sie hat mich angelächelt, sie hat mich sofort wiedererkannt, ich bin mir sicher, dass was gelaufen wäre, wenn ich gewollt hätte, aber – und das habe ich mir hoch und heilig geschworen – ich werde nie, nie, nie, nie ein Mädchen mit Zahnspange küssen. Zungen-Piercing okay, aber Zahnspange? Auf gar keinen Fall! Kirsten war inzwischen so ungefähr 25. Trägt man mit 25 eine Zahnspange? Nein, das tut man nicht. Ich trug mit meinen 29 Jahren ja auch keine Klettverschluss-Schuhe oder Spreizhosen oder so ’ne Brille, bei der ein Glas abgeklebt ist.

Das war dann übrigens ziemlich genau der Moment, in dem ich mir überlegte, Martin anzurufen. Ich hatte es verbockt, ich würde davon absehen, mir an anderer Stelle einen Korb einzufangen, ich würde den Abend ohne weibliche Gesellschaft verbringen. Die Summe dieser Tatsachen machte ziemlich genau drei bis sieben große Bier und optimalerweise ebenso viele doppelte Whiskey und das möglichst schnell. Klar, Sie werden jetzt sagen: Na und, dann hat sie eben eine Zahnspange. Wenn Sie ansonsten dufte aussieht und auch noch ganz nett ist, steht einer zweckgerichteten körperlichen Vereinigung doch nichts im Wege. Wissen Sie was? Sie haben keine Ahnung. Es war gar nicht mal die Furcht davor, dass ich mir an ihren Schneeketten einen irreparablen Zungenschaden zuziehen könnte. Nein, Frauen, die mit 25 Jahren eine Zahnspange tragen sind schlichtweg nicht in der Lage, einfach eine Nacht lang Spaß zu haben, ohne am nächsten Morgen direkt an Frühstück im Bett, feste Beziehung, Heirat und mittelständische Kleinfamilie zu denken. Derlei metallische Accessoires, die vermeintlich der Gebisskorrektur dienen, sind vielmehr Ausdruck einer stark ausgeprägten Girlie-bis-in-den-Tod-Ich-so-froh-dass-ich-ein-Mädchen-bin-Macke, die ihren ultimativen Gipfel in der kultischen Verehrung von Pippi Langstrumpf, den Spice Girls, dem kleinen Prinzen und Filmen wie „Edward mit den Scherenhänden“ findet. Ein konsequenzfreier Fick mit Snowchain-Spice? Vergessen Sie’s! Zumindest ist das meine Erfahrung. Wenn Sie’s probieren wollen – nur zu!

 

Lucilectric – „Mädchen“

 

Jonas

„Lieber Jonas, vielen Dank für den lustigen Abend, die schöne Nacht und den sehr speziellen Morgen ;-). Ich habe mir deine Telefonnummer aus deinem Handy abgeschrieben. Du weißt ja: Life is short and love is always over in the morning… Kisses, V.“

Die kurze Nachricht füllte nicht einmal die ganze Fläche des, hastig vom Block gerissenen, hoteleigenen Din A5-Notizbogens aus. Lustig, schön, speziell. Na, wenn das mal keine Attribute sind, die das Selbstbewusstsein Purzelbäume schlagen lassen. Mit ein bisschen Mühe, hätte sie sicherlich auch noch ‚nett’, ‚unterhaltsam’ und ‚freundlich’ unterbringen können. Alles übrigens Worte, die bitte definitiv in meiner Grabrede Verwendung finden sollten:

„Jonas war irgendwie ein sehr spezieller Typ. Er hatte schöne Augen und lustige Haare. Seine nette Art und sein freundliches Wesen haben uns allen viele unterhaltsame Stunden beschert.“

Mit einem zynischen Lachen und einem gezielten Wurf beförderte ich den Zettel in den Papierkorb. Jetzt galt es erst einmal, die tiefe Wunde zu versorgen, die sie meinem Stolz beigebracht hatte. Ich fühlte mich irgendwie so billig – so benutzt. Weggeworfen, wie ein ungeliebtes Spielzeug, das seine Schuldigkeit getan hatte… AM ARSCH!!! Der Fick des Jahrhunderts war sie ohnehin nicht gewesen und außerdem stehe ich gar nicht auf brünett. Eines musste ich ihr allerdings lassen: Einen „Schönes-Leben-noch-ich-bin-weg-Brief“ mit eben jenem Sisters of Mercy-Zitat zu beenden, hatte durchaus Stil. Das würde ich mir zur eigenen Verwendung bei ähnlicher Gelegenheit merken.

Ohne einen weiteren Gedanken an die letzte Nacht und den „sehr speziellen Morgen“ zu verschwenden stand ich auf und ging ins Bad. Nichts half besser, die Schutzschilde wieder hochzufahren als eine kalte Dusche. Na ja, lauwarm würde es heute vielleicht auch tun. Über eine Viertelstunde ließ ich den Massagestrahl auf meinen entwässerten Körper einwirken und verbrauchte dabei den kompletten Inhalt des an der Kachelwand befestigten Duschgelspenders. Das Zeug roch zwar äußerst fragwürdig, aber ich verspürte das dringende Bedürfnis mich zu säubern. Säubern jetzt nicht so esomäßig im Sinne von Reinigen, Buddhismus und Seelenheil, sondern ganz wörtlich gemeint: Waschen, sauber werden. Erst als meine Haut schon ganz runzelig war und sich zwischen den Fingern langsam Schwimmhäute zu bilden begannen, stellte ich das Wasser ab, stieg aus der Duschtasse auf den kalten Badezimmerboden und rubbelte mich mit dem großen Frotteehandtuch, dass ich mir griffbereit auf den Klodeckel gelegt hatte, ordentlich ab. Gloria, Viktoria, widdewiddewid – juchheirassa! Gloria, Viktoria, widdewiddewid – bumm bumm! Eigentlich war es ganz cool, dass sie sich verzogen hatte. So stand einer anderweitigen Abendplanung nichts mehr im Wege. Off Days waren eigentlich immer ätzend. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit mir anfangen sollte und meine Lust, mich näher mit diesem öden Kaff zu befassen hielt sich außerordentlich in Grenzen. Die berühmt berüchtigte und viel beschworene Kneipenmeile des Ortes, die Kleine Ullrichstraße, hatte ich bereits am ersten Abend abgehakt – Wiederholung nicht zwingend erforderlich. Viele der Typen, die da rumrannten und sich wahlweise über die Schwierigkeiten mit ihrer neuesten CAD-Software oder die Vorzüge tschechischen Biers unterhielten, sahen tatsächlich so aus, als hätten sie kleine Ullrichs. Auf den ersten Blick dachte ich, mir könnte dieser Umstand zum Vorteil gereichen, musste jedoch wenig später feststellen, dass die Mädels eher auf Typen standen, deren Ullrich-Verlängerung im Idealfall fette Schlappen und nen Subwoofer hatte. Kein Rock’n’Roll weit und breit – ich schwör’s bei der unsterblichen Seele von Joe Strummer!

C/M: „Jonas!“

M: „Hallo, Erde an Jonas!“

J: „Ja, was denn.“

M. „Wie, was denn? Du starrst seit geschlagenen zehn Minuten dein Scheiß-Glas an und träumst.“

J: „Ich…was? Entschuldigung, ich…“

M: „Komm zu dir, Alter! Oder ist jetzt Melancholie angesagt? Du siehst aus, als wenn du gleich anfängst zu heulen.“

C: „Jetzt lass ihn doch“

M: „Lass ihn doch, lass ihn doch! Der Typ flennt gleich los!“

J: „Ist ja schon gut. Prost!“

M: „Dein Scheiß-Glas ist leer, Mann. Was geht denn mit dir – Depri,

oder was?“

J: „Ach nichts. Ich musste nur gerade an was denken.“

C: „Nehmen wir noch eins?“.

M: „Na komm schon, Jonas, was macht das Rockstarleben?“

J: „Sucker Love, I always find someone to bruise and leave 

behind.“

M: „Und bist du glücklich damit?“

C: „Was?“

J: „Naja, was heißt schon glücklich…“

M: „Alter, glücklich eben. Jeden Tag auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Frauen, Drogen, schicke Hotels, dicke Autos…“

J: „Genau. Du sieht’s doch wie’s aussieht… Ob ich glücklich bin? Keine Ahnung. Denke schon. Manchmal. Irgendwie… Ach, was erzähl ich dir das überhaupt. Es interessiert dich ja doch nicht.“

M: „Ey, na klar interessiert’s mich!“

C: „Also, ich bin glücklich.“

M: „Du? Glücklich? Verarschen kann ich mich allein!“

J: „Wisst ihr, ich habe mir das alles anders vorgestellt. Ich dachte mir, hey geil, jeden Abend auf der Bühne, heute hier, morgen da, keine Verantwortung, in den Bus steigen, wieder aussteigen, meine Gitarre umhängen, Soundcheck, ein paar Bier, ne fette Show, noch’n bisschen Bier, ins Hotel gehen, n bisschen Sex, Frühstücken, in den Bus steigen…und so weiter und so fort. Die totale Freiheit eben. Nur das tun, was ich wirklich will. Irgendwann habe ich festgestellt, das ich eigentlich gar nicht weiß, was ich will. Ich treibe so vor mich hin, ohne Anker, ohne Ziel…

M: „Ohne Anker ohne Ziel! Mir kommen gleich die Tränen!“

C: „Ich weiß, was du meinst!“

M: „Stop jetzt! Bevor unser Besäufnis hier zum Kirchentag mutiert: Christian, du hältst die Klappe. Jonas, was willst du mir erzählen? Das du lieber jeden Tag ins Büro gehen würdest, um abends mit Frau und Kind lecker Mikrowellenfraß in dich reinzustopfen. Blödsinn!“

J: „Nein, ich meine doch nur, Freiheit wiegt genauso schwer wie Verantwortung. Weil Freiheit – na ja, Freiheit ist Unsicherheit. Genau, ich hätte einfach nur gerne ein bisschen Sicherheit. Ich möchte wissen, wo mich die Reise hinführt.“

M: „Na, das siehst du doch: Ins Hotel Europa, das Ziel deiner Träume! Also, wenn du denkst, ich hätte jetzt Mitleid mit dir, hast du dich geschnitten.“

J:    „Auf dein Mitleid kann ich verzichten, Martin.“

C: „Martin, jetzt tu doch nicht so, als würdest du das Gefühl nicht

      kennen!“

M: „Nein, Christian, ich habe keinen Schimmer, wovon ihr redet. Scheiße…“

M. „Okay, ihr habt Recht. Ich weiß, wovon ihr sprecht. Es ist ja nicht so, als wäre bei mir immer alles eitel Sonnenschein. Manchmal – und ich betone MANCHMAL – habe ich auch schon so ein Gefühl innerer Leere gehabt. Das ist es doch, worauf ihr hinaus wollt, oder?“

J: „Ja, also prinzipiell, irgendwie schon.“

C: „Na also, geht doch“

M: „Was heißt hier „geht doch“? Ich habe nur gesagt, dass ich das Gefühl, dass ihr hier rumstotternderweise zu beschreiben versucht, zu kennen glaube. That’s it. Das heißt noch lange nicht, dass ich auch so ne verzweifelte Weichei-Schwuchtel bin, wie ihr!“

C: „Ja doch, Martin, aber es ist doch irgendwie nett, dass du wenigstens versuchst eine gemeinsame Gesprächsebene zu schaffen. Ich hätte nicht geglaubt, dass wir es überhaupt noch auf die Reihe kriegen, uns ordentlich zu unterhalten – so frustriert wie du bist…“

M: „Fick…“

C: „Ja doch.“

M: „Scheiße, Jonas! Kann ich auch was von dem Zeug haben, das du dir einklinkst?“

J: „Was? Hey, ich habe nur mal nachgedacht, okay?“

M: „Kein Problem. Magst du deine düsteren Gedanken vielleicht mit uns teilen oder soll ich lieber raten? Als kleine Hilfe: Wir waren gerade dabei uns dem Themenkomplex „innere Leere“ anzunähern. Damit kennst du dich doch aus, oder nicht?“

J: „Ist ja schon gut. Ich habe gerade versucht herauszufinden, was mir fehlt oder wie du sagst „was mich glücklich machen würde.“

C: „Hey, gute Idee! Vielleicht sollten wir das alle mal tun.“

M: „Was?“

C: „Na, versuchen zu beschreiben, was uns glücklich macht.“

M: „Scheiße, ich hab doch gesagt, ich bin glücklich.“

C: „Blödsinn, Martin! Du und glücklich, das ich nicht lache! Du bist wahrscheinlich der frustrierteste Mensch, denn ich je getroffen habe. Kaninchenzüchter, Kegelclubs und Korruption im Rathaus – jetzt erzähl mir bitte nicht, dass dich das befriedigt.“

M: „Nein, du Arsch, aber es zahlt meine Miete. Okay, wenn ihr’s so haben wollt, dann sprechen wir halt über Glück. Mir doch egal! Wer von euch Versagern will anfangen, hä? Ich kann’s kaum erwarten, mir eure armseligen Ausflüchte und Kleine-Mädchen-Träume an zu hören. Also los!“

M: Landläufig herrscht wahrscheinlich die Meinung vor, Männer würden sich an einer Hotelbar über nichts unterhalten, das tiefschürfender ist als das letzte Bundesligaspiel oder Schumis Dreher in Spa. Weit gefehlt! Ab und zu werden auch mal richtig heiße philosophische Eisen angepackt, wenn es nach drei Bier und zwei Whiskey ans Eingemachte geht. Zumindest war es an diesem Abend so. Wir waren drauf und dran, voreinander die Hosen runterzulassen. Erstaunlicherweise war es mir völlig egal. Ich konnte die beiden sowieso nicht bremsen, also warum nicht?

C:„Okay, wer fängt an? Was fehlt uns?“

J: „Liebe“

M: „Scheiße“

 

Musikbett: THE THE – Bluer Than Midnight (nur Klavier) <START>

 

Jonas

Liebe ist das einzige, was zählt. Ihr findet das jetzt wahrscheinlich kitschig, aber ich wollte schon immer einmal mit einem Backdrop, auf dem groß „love is the answer“ draufsteht, auftreten. Was sind wir denn ohne Liebe? Klar, das ist ein großes Wort, das man schnell dahinsagt. Ich meine, hey, wie viele Songs gibt es, in denen es nicht um Liebe geht? Das hat seinen Grund, Leute, glaubt mir. Ich zum Beispiel, ich verliebe mich sehr schnell – eigentlich ständig. Sobald ich eine Frau küsse oder mit ihr im Bett lande, bin ich unsterblich in sie verliebt. Ich glaube, nicht ohne sie leben zu können und dieses Gefühl ist jedes Mal aufs Neue das größte und stärkste, was ich je erlebt habe. Anfangs hab ich mich tatsächlich dazu hinreißen lassen, jeder neuen love of my life ewige Treue zu schwören und ihr zu versprechen, alles für sie zu tun. Hey, und wenn ich alles sagte, dann meinte ich alles. Mit der Zeit ist mir aufgegangen, dass die wenigsten Frauen für meine Schwärmereien empfänglich sind und so habe ich gelernt, mich zurückzuhalten. Doch das Gefühl, dieser wohltuend schmerzhafte Stromschlag aus Endorphin und Adrenalin oder was auch immer, der mir immer wieder vor Augen führt, dass ich noch am Leben bin, dass ich empfinden und leiden kann, der bleibt. Leider – das hat ein Schlag wohl so an sich – immer nur für kurze Zeit. Und da ist sie dann wieder die „innere Leere“. Die Leere, die sich in mir breit macht, wenn sie mir mein Herz erst heraus- und dann in Fetzen reißt. Die Leere, wenn sie geht. Die Leere, wenn sie nicht wieder kommt. Die Leere, wenn sie mich mit meinem erbärmlichen Leben und meinen dunklen Träumen auf einem zerwühlten Hotelbett allein lässt. Diese Leere macht mir Angst und frisst mich langsam auf, während die verräterische Liebe mit der Dame meines Herzens zusammen zur Tür rausgeht. Angst, das kann ich euch sagen, ist eine denkbar schlechte Gefährtin. Lässt mich nachts schweißgebadet aufstehen, treibt mich aus der vermeintlichen Sicherheit meines Zimmers an Hotelbars und schenkt mir ein Glas nach dem anderen ein. Why can’t love ever touch my heart like fear does? Matt Johnson wusste, was er singt. Ich bin ein Getriebener, rastlos, verängstigt, unsicher. Ein Getriebener auf der Suche. Jeden Tag. Jeden Tag aufs neue. Auf der Suche nach der Liebe. Der Liebe, die das Frühstück übersteht – oder zumindest das Morgengrauen. Ich habe keinen Bock mehr auf Angst. Ich möchte Liebe, jeden Tag, dauerhaft. Liebe, die stärker ist als die Angst. Liebe, die mich ruhig schlafen lässt. Liebe, die mich lachen lässt. Liebe, die mich leben lässt. Leben. Ja, das würde ich gern mal probieren – soll ziemlich cool sein.

Hm, ja ich denke, das ist es. Wer will als nächster?

 

<STOP>

 

Christian

Wow, okay. Was fehlt mir zum Glück? Gar nicht so einfach. Lass mal überlegen: Ich bin jung, ich habe nen Job, der mir Spaß macht. Ich komme rum in der Welt, verdiene gutes Geld, spätestens in zwei Jahren kann ich mir endlich den 911er Turbo leisten. Ich lerne viele interessante Menschen kennen, bin ein begehrter Gesprächspartner und sehe ganz anständig aus. Was Frauen angeht mangelt es nicht an Gelegenheiten, die ich auch viel öfter wahrnehmen würde, wenn ich… Na klar! Mir fehlt Zeit! Zeit und na ja, Lene. Lene fehlt mir. Lene fehlt mir mehr, als ich sagen kann. Das wäre eine Kombination, das sage ich euch! Wenn mein Job mich nicht ganz so arg einspannen würde und Lene zu mir zurückkäme– das wär’ der Hammer! Ich würde nach Hause kommen und sie würde auf mich warten, hätte vielleicht was zu Essen gekocht. Wir würden uns gegenseitig erzählen, wie unser Tag war, ein zwei Mal die Woche ausgehen, in die kleine Bar an der Uhlandstraße, wo wir früher so oft zusammen waren, und einen Metropolitan oder eine Bloody Mary schlürfen. Ich hätte meinen Porsche und sie könnte den Passat fahren, wir würden uns, wenn wir ein bisschen was getrunken haben, Kindernamen auf einem kleinen Zettel notieren. Den würde sie dann mit einem Magneten an den Kühlschrank heften, solange, bis uns bessere Namen einfallen. Ein Haus, wir würden ein Haus kaufen oder bauen, wie auch immer. Ich verdiene genug für uns beide. Lene müsste nicht arbeiten gehen. Na klar, sie könnte, wenn sie wollte, aber sie müsste nicht. Echt, Leute, das wär’s! Keine langweiligen Bar-Abende und Discowochenenden an denen man dann doch meistens allein nach Hause fährt – in das Apartment, das viel zu groß ist. Keine 22jährigen Studentinnen mehr, die den Espresso und die Kippe am Morgen irgendwie so ungemütlich finden, viel lieber nett frühstücken gehen wollen und nach spätestens zwei Tagen anfangen, die Wohnung umzuräumen. Keine Telefonkonferenzen und Briefings bis in die Nacht. Keine einsamen Sonntagabende mit Sabine Christiansen. Keine Hektik, weil ich den Flieger kriegen muss. Kein Quad Band-Handy, keine Verpflichtungen, keine Scheiß-Meetings, keine Samstage im Büro. Kein Bock abends in die leere Wohnung zu kommen. Kein Bock allein zu sein. Ich möchte einfach irgendwo zu Hause sein, wissen, wo ich nach der Arbeit erwartet werde. Wissen, dass jemand wartet. Wissen, dass Lene wartet. Dass Lene da ist. Dass Lene mir verzeiht. Dass Lene mich noch liebt. Mich liebt. Mich liebt, wie ich bin. Wenn ich doch nur mehr Zeit hätte. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich wieder lieben. Ja, ich glaube, Zeit ist das, was mir am meisten fehlt. Zeit und…okay: Zeit und Lene.

Du bist dran, Martin.

 

Musikbett: U2 – I Still Haven’t Found  (instrumental) <start>

 

Martin

Alter, ihr habt doch beide den Schuss nicht gehört! Was mir fehlt? Was mir fehlt, sind andere Gesprächspartner! Thorsten, bring mir mal zwei neue Gäste! Fuck, ihr seid doch beide komplett gaga! Wenn ich ihr wäre, würde ich mich auf der Stelle erschießen. Scheiße, seid ihr krank. Dieses dämliche Schwuchtel-Gefasel hält echt keine Sau aus! Aber gut: Da ich ein höflicher Mensch und euch noch dazu rhetorisch haushoch überlegen bin, spiele ich mal mit. Mir fehlt erst mal mehr Bier und noch so’n Whiskey. Okay, danke, Thorsten. Das war’s. Mehr fehlt mir nicht. Echt nicht. Eigentlich wäre ich jetzt rundum zufrieden, wenn mir nicht so viele Dinge so derbe auf den Sack gehen würden. Erstens: Mir geht auf den Sack, dass mein Genie, meine prosaische Kunstfertigkeit, meine Fähigkeit, das unbeschreibliche in Worte zu fassen, nicht gewürdigt wird. Zweitens: Mir geht auf den Sack, dass ich in diesem Dreckskaff festsitze und den Lokalredakteur gebe, anstatt mir ganz entspannt mit einem Glas Moet-Chandon an den Lippen meine Laudatio für den Literatur-Nobelpreis reinzufahren. Drittens: Mir geht auf den Sack, dass Kathi, die dumme Gans mich vor wildfremden Leuten lächerlich macht, anstatt offen zuzugeben, dass noch keiner sie so gefickt hat, wie ich sie ficke. Viertens: Mir geht diese ganze Verlogenheit auf den Sack, die Art und Weise, wie alle um den heißen Brei rumreden und nicht zum Punkt kommen. Das blöde Geschwafel, das Geseiere, die Laberei, das blöde Getue, all diese beschissenen Konjunktive, Komparative, Graustufen, Möglichkeiten und Abwägungen. Würde, hätte, könnte, vielleicht, schöner, besser…Scheiße! Das interessiert mich nicht. Ich will alles. Jetzt. Sofort. Entweder du bist oben oder du bist unten. Ich bin unten und darauf habe ich absolut keinen Bock! Ich gehöre nicht nach unten. Die Versager, die sich hier im Bodensatz abstrampeln, wissen gar nicht, was sie mit mir anfangen sollen. Ob ich glücklich bin? Nein, ich bin ganz und gar nicht glücklich. Ich hab’ nen Hals von hier bis…FUCK! Das hab ich noch nie jemandem erzählt. Ihr Typen seid echt die ersten, mit denen ich über den ganzen Scheiß spreche. Keine Ahnung…Mann, vielleicht hätte ich schon früher mal das Maul aufmachen sollen. Ist irgendwie ein gutes Gefühl, das alles mal loszuwerden. Jemandem mit dem ganzen Rotz voll zu texten… Mit jemandem reden. Gar nicht mal so schlecht. Fragt sich nur mit wem. Kathi? Wohl kaum. Ich bin halt ein Einzelkämpfer. Im Team ist es sicherlich manchmal leichter, oder? So inner starken Mannschaft im Sturm, gute Flanken bekommen und so… Naja, ein gemischtes Doppel würde es vielleicht auch tun. Scheiße.

 

Musikbett <Stopp>

 

C: „Mmmh, und was machen wir jetzt daraus?“

M: „Pfff.“

J: „Keine Ahnung.“

M: „Was heißt überhaupt, was machen wir daraus?“

C: „Na ja, wir haben festgestellt, was uns fehlt oder – entschuldige Martin – was uns auf den Sack geht, und jetzt müssen wir mit den Erkenntnissen doch was anfangen. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, okay! Doch was ist Schritt zwei?“

Alle drei denken einen Augenblick nach.

C: „Wir schließen eine Wette ab!“

M: „Was machen wir?“

C: „Eine Wette.“

J: „Scheiße“

C: „Wie euch möglicherweise bereits aufgefallen ist, fehlt uns im Endeffekt – wenn auch aus verschiedenen Gründen – das selbe: Eine Frau. In meinem Fall eine Frau, die wenig zeitintensiv ist, beziehungsweise eine Frau in Kombination mit mehr Zeit, aber egal. Alles läuft darauf hinaus, dass es uns ankotzt, allein zu sein, richtig?

J/M: „Mmmpf.“

C: „Na prima! Nichts leichter als das. Also, passt auf…Okay, was macht ihr beiden morgen?“

M: „Was soll ich schon machen, Alter. Same shit, different day. Ich fahre in die Redaktion, höre mir das Geseiere vom Chef an und versuche dann irgendwelche Scheiß-Geschichten aufzureißen.“

C: „Und du, Jonas?“

J: „Na ja, keine Ahnung. Ich hab’ nen Off Day, also, na ja, Fernsehen oder so. Auf jeden Fall lange pennen und von irgendwas träumen, das besser ist, als das hier.“

C: „Hervorragend! Also ich werde mir morgen einen Tag frei nehmen. Denke, die können auch ohne mich konferieren, oder? Na ja, wie auch immer. Sieht aus, als hätte keiner von uns morgen irgendwas dringendes zu tun und…“

M: „Augenblick mal!“

C: „Ja, ja. Ich weiß, ich weiß. Natürlich wartet die Welt darauf, dass du morgen schwer investigativ den mysteriösen Sexual-Delikten in der Senioren-Tanzgruppe nachgehst, aber…“

M: „Arschloch!“

C: „Aber die Welt geht mit Sicherheit nicht unter, wenn du morgen nicht zur Arbeit gehst, oder? Korrigiert mich, wenn ich was falsches sage, aber wenn wir alle drei morgen nicht arbeiten – Jonas muss ja eh nicht – dann wird weder seine, noch deine, noch meine Welt untergehen. Ist das soweit richtig?“

M/J: „Mmmmh…“

C: „Worauf ich hinaus will, ist, dass ich eine Idee habe, wie wir alle unseren morgigen Tag sinnvoll nutzen und noch dazu in unserem Leben einen Schritt weiter kommen können. Oder sagen wir mal, eine wichtige Erfahrung machen können. Das reicht auch schon. Jeder von uns bekommt für morgen die folgende Tagesaufgabe: Ziel ist, dass jeder von uns zu unserer geselligen Runde morgen Abend eine weibliche Begleitung mitbringt. Nicht mehr und nicht weniger. Wer das nicht auf die Reihe kriegt, hat verloren und zahlt die Drinks.“

M: „Okay, alles klar.“

Jonas blickt Martin entgeistert an. Er kann es nicht fassen, dass er in diese hirnrissige Geschichte einwilligen will.

M: „Kein Problem! Du Spinner denkst, ich bin nicht in der Lage, ne Schnecke klar zu machen? Morgen Abend? In Begleitung? Hier? Ha! Ist das okay, wenn wir zu dritt kommen? Eine blond, eine schwarz und ich geb’ die Sandwich-Creme? Voulez vous eine petite Menage a trois? Alter, klar, kein Thema! Ich zeig euch, was geht.“

J:      „Martin, ich glaube nicht, dass…“

C: „Warte, Jonas.“

Christian legt Jonas beschwichtigend die Hand auf den Arm.

C: „So einfach soll es nun auch wieder nicht sein. Jeder von uns bringt eine weibliche Begleitung mit, die er liebt. Eine Frau, in die er unsterblich verliebt ist. Eine Frau, mit der sich vorstellen könnten, den Rest seines Lebens zu verbringen.“

M: „Was ist los?“

M: „Wir sollen morgen rausgehen und uns verlieben? Einfach so?“

C; „Ja, einfach so.“

M: „Und das Entscheidungs-Kriterium ist einfach, dass ich sage, ich sei unsterblich verliebt?“

C: „Ja.“

J: „Nein!“

M: „Okay, ich bin dabei. Ich werd euch Pfeifen schon zeigen, wer hier der Mack ist. Los, schlag ein!“

C: „Die Wette gilt. Jonas?“

VP “Jonas”: Sie meinten es wirklich ernst. Diese beiden Spinner wollten tatsächlich eine Wette darüber abschließen, wer es schaffte, sich am nächsten Tag zu verlieben und dann auch noch seine Traumfrau, die er so mir nichts dir nichts völlig unverhofft irgendwo im nirgendwo getroffen hatte, zur allgemeinen Begutachtung in die schäbigste Hotelbar östlich von Lissabon zu schleppen. Was sollte ich tun? Aufstehen und gehen? Die beiden Verrückten mit ihren aberwitzigen und noch dazu völlig kindischen Ideen einfach sich selbst überlassen? Ich hätte nach oben auf mein Zimmer gehen und mir einen ansprechenden französischen Fickfilm im Pay-TV anschauen können. Ich hätte Christian und Martin jeweils zu gerechten Teilen mein restliches Weizen in die Fresse schütten und dann rausrennen können. Raus in eine andere Bar, zu anderen Spinnern in ein anderes Leben. Ich hätte laut lachen, austrinken und ganz gesittet zur Rezeption gehen können, um das nächste Irrenhaus anzurufen. Ich hätte. Ich hätte so vieles tun können. Ich hatte jede Möglichkeit der Welt und jede von ihnen war besser, vernünftiger und rational begreifbarer als das, was ich schließlich tat.

J: „Okay, na gut. Ich bin dabei.“

M: „Na also“, brummte Martin.

C: „Prost!“

 

Nirvana – „Rape Me“

 

– PAUSE –

 

Elvis Costello – “I Want You” oder “She” (wie ihr wollt)

 

Martin

Studentinnen waren so leicht zu kriegen. Ein bisschen „große weite Welt“ hier, ein bisschen Schriftsteller-Geschwafel da, eine billige Flasche Chianti und die Sache sollte geritzt sein. Die Chancen standen gut. Für Studentinnen gibt es schließlich nichts Schlimmeres, als für verklemmt und nicht weltoffen gehalten zu werden. Alle sind total open minded und liberal und experimentierfreudig ja sowieso. Scheiße, wie ich Stundenten hasse! Diese verlogenen, engstirnigen, arroganten Pisser. Soviel Weltfremdheit kann eigentlich nur durch ein ordentliches Paar Titten und einen süßen Arsch ausgeglichen werden. Architektinnen waren was das angeht dicht gefolgt von Amerikanistik-Schnitten erfahrungsgemäß ganz weit vorne. Unter optischen Gesichtspunkten kamen in der Regel zwei weitere Fachrichtungen in Frage, aber Medizinerinnen wollten eh nur mit Ärzten vögeln und Pädagoginnen waren defintiv zu anstrengend:

„Du, ich weiß echt nicht, ob ich mich mit deinem Lebensentwurf auf Dauer anfreunden kann. Du bist, na ja, irgendwie so destruktiv, weißt du…“

Ist mir schlecht! Wenn ich Lebenshilfe brauche gehe ich zu den Anonymen Alkoholikern oder in die Kirche. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, irgendwas von „Dauer“ gesagt zu haben. Oh, bei Dauer fällt mir ein, dass ich beinahe eine Spezies unterschlagen hätte: Die Sportstudentin. Meistens gut gebaut, oft hübsch, gut im Bett, nicht zu schlau – insofern eigentlich prädestiniert, wäre da nicht diese Hochleistungsmacke. Es gibt wenig Schlimmeres, als eine Frau, die nach dem Sex erst mal 100 Sit Ups macht, weil sie bemerkt hat, dass ihr Bauch in der Missionarsstellung leichte Falten wirft. Außerdem kann ich gut und gerne darauf verzichten, dass mir irgendeine Sprinterin, in der Absicht durch leichten Schenkeldruck die Lust noch zu steigern, die Eingeweide aus dem Leib quetscht. Mein Hauptaugenmerk würde also auf den beiden großen As liegen: Architektur und Amerikanistik. Ich zog den Zündschlüssel ab, stieg aus und schlug die Tür zu. Schon von Weitem sah ich sie über den Campus schlurfen. Das Wintersemester hatte gerade begonnen. Die Stadt wurde überschwemmt von Studenten, die originalverpackte Bosch-Schlagbohrmaschinen aus Papas Werkstatt in schmutzigen Neuform- Jutesäcken mit sich herumtrugen. Die meisten von ihnen waren zugezogen, umgezogen oder schlecht angezogen. Auf viele trafen zumindest zwei dieser Attribute zu. Warum nur existiert für Studenten der Geisteswissenschaften die ungeschriebene Regel, sich beschissen kleiden zu müssen? Nicht dass das jemand falsch versteht. Ich finde Parkas echt toll. Sowohl die von der Bundeswehr, als auch polnische, österreichische und jedwede andere Form der paramilitärischen Haute-Couture. Warum einen frischen Pullover anziehen, wenn man den Dreck aus der Rollkragen-Rentierbildtapete doch jeden Abend prima rausklopfen kann. Ich stehe auch total auf kleine Glöckchen an Munitionstaschen oder an den Schnürbändern von mit Plakafarben bemalten Doc Marten’s. Und ja, Schauspielstudenten müssen bauschige Seidentücher in den Kragen ihrer zartblauen H&M-Oberhemden tragen, ansonsten wären sie zu schwer zu erkennen und ich könnte Ihnen auf Parties nicht schnell genug aus dem Weg gehen.

„Jahaa, ich bin – räusper – Schauspieler. Nein – affektiertes Lachen – meine Eltern sind nicht begeistert, aber ich hatte keine andere Wahl. Die darstellende Kunst ist eine Berufung, weißt du..“

Danke! Schön, dass wir darüber gesprochen haben. So wie es aussah, musste ich mich durch eine ziemlich große Eau de Toilette- und parfumfreie Zone kämpfen, um an die glück- und siegverheißenden Honigtöpfchen zu gelangen. Aber ohne Fleiß, kein Preis. Sicheren Schrittes betrat ich Feindesland und hielt Ausschau nach geeignetem Material. Der erste Blick war mehr als ernüchternd. Es schienen tatsächlich nur Nerds und deren weibliche Pendants unterwegs zu sein. Nerdetten? Nerdeusen? Nertricen? Keine Ahnung.

Ich steuerte einen halbwegs mittig stehenden Tisch vor dem Café im Neuen Theater an, zog einen der hölzernen Klappstühle zurück und pflanzte mich. Eine Kellnerin, die offensichtlich bereits hinter einer der dekorativ über den Freisitz verstreuten Säulen auf ihr erstes Opfer gewartet hatte, eilte im Stechschritt heran.

„Hallo!“

„Hallo.“

„Wissen Sie schon was sie trinken möchten?“

„Darf ich erst mal in die Karte schauen?“

„Mmmh…“ Ihr aufgesetztes Lächeln fror schlagartig ein.

Ohne irgendwelche Anstalten zu machen hineinzugehen, um mir eine Getränkekarte zu bringen, verdrehte sie die Augen und ließ mich mit einem beiläufigen Schütteln ihrer langen schwarzen Haare wissen, dass sie definitiv nicht in der Stimmung war, ihre Rolle als Servicekraft überzeugender als unbedingt notwendig zu spielen.

„Oh, da müsste ich erst eine holen“, sagte sie.

„Oh, dass wollen wir natürlich nicht“, gab ich zurück.

Es war wirklich erstaunlich, welche Bewegungen sie mit ihren Pupillen ausführen konnte.

„Du weißt schon, dass die irgendwann mal so stehen bleiben, wenn du so weiter machst.”

„Bitte?“

„Das hat meine Mutter immer gesagt.“

„Hä?“

„Wenn ich Fratzen geschnitten habe.“

„Wie?“

Oh, Herr, gib Hirn!

„Schon gut.“

„Wollen Sie jetzt was bestellen?“

„Ein Alster, bitte.”

„Mit Sprite oder mit Fanta?“

„Mit Bier.“

„Hä? Wollen Sie mich…“

„Sprite.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand genauso schnell, wie sie gekommen war. Für einen kurzen Augenblick war ich unsicher, ob ich sie jemals wieder sehen würde – ihr Abgang hatte irgendwie etwas sehr endgültiges. Verlieben würde ich mich in die Trulla jedenfalls garantiert nicht. Und so tun? Naja, ich hatte ehrlich gesagt nicht einmal Bock, sie zu ficken. Sie sah ja ganz passabel aus, aber die markerschütternden Hilfeschreie der einsamen Gehirnzelle, die hinter den mit zwei Tonnen Wimperntusche vergitterten rehbraunen Augenfenstern ums Überleben kämpfte, konnten einem echt die Laune verderben. Ich zündete mir eine Prince an. Es galt, zu spähen, zu sondieren, Kontakt aufzunehmen und schließlich zuzuschlagen. Aber immer schön eins nach dem anderen. Also gut, was hatten wir hier: Ein junges Ding, Anfang bis Mitte Zwanzig, verließ das Löwengebäude und schlenderte fröhlich auf die breite Treppe zu. So weit ich die Originalhaarfarbe aus der Entfernung und unter den, in einem offensichtlich mehrere Jahre andauernden Prozess kreativen Schaffens, auf- und wieder abgetragenen Farbschichten, erkennen konnte, war sie dunkelbraun bis schwarz. In ihrem geblümten Kleid, dass sie über einer ausgewaschenen Jeans trug, war mächtig viel Platz für Luft und Spekulation. Aus der Ferne schien es so, als wäre auf der Bergenschen Figurskala von 0 bis 10 eine glatte 8 unter dem wehenden Leinenstoff verborgen, aber der Eindruck konnte täuschen. Ich hatte keine Zeit, der Wahrheit bis heute Abend auf den Grund zu gehen und so beschloss ich, mich nicht näher mit Kandidatin 1 zu beschäftigen.

„Ein Alster.“

Die Kellnerin knallte das große Glas auf den Tisch, als würde sie im Auftrag des TÜV Rheinland die Widerstandsfähigkeit von Restaurant-Mobiliar testen.

„Danke.“

„Ich muss sofort kassieren, macht 2,50.“

„Hier, stimmt so.“

Ihre Freude über die 20 Cent Trinkgeld, die ich ihr zusätzlich in die Hand drückte, hielt sich in Grenzen. Trotzdem bedachte sie mich, nachdem sie wieder den Rückwärtsgang eingelegt hatte, mit einem gequälten Lächeln.

„Ist hier noch frei?“

Die Stimme kam aus der anderen Richtung. Ich drehte mich langsam um. Das Blumenkleid. Ich konnte es nicht fassen. Kandidatin 1 stand an meinem Tisch und deutete fragend auf den Stuhl zu meiner Rechten. Sie war eine Schönheit. Von Nahem betrachtet lösten sich all meine Vorbehalte in Luft auf. Diese Augen! Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich nie zuvor in solche Augen geschaut hatte. Sie waren von einem hellen blau mit einem klitzekleinen Schuss grün darin. Wenn es nicht völlig gegen meine Natur wäre, würde ich jetzt anfangen von kristallklaren Gebirgsseen, in denen sich die ersten Strahlen den Sonne brechen, zu schwadronieren, aber in Wirklichkeit könnten auch die poetischsten Worte das, was ich empfand nicht beschreiben. Liebe auf den ersten Blick? Sicherlich nicht. Verlangen? Aber hallo! Doch da war noch was anderes, etwas viel zarteres, ehrlicheres und na ja tieferes. Diese Frau hatte mich mit dem ersten Blick völlig in ihren Bann geschlagen, keine Frage. Mir war es völlig schnuppe, ob sich eine 8 oder nur eine 7 unter dem wallenden Stoff verbarg – und das will schon was heißen.

Pass bloß auf, dass du’s nicht vermasselst, Martin Bergen! Der Sieg ist dein und die Belohnung sitzt dir gegenüber. Ich wusste, ich konnte es schaffen. Sie war zu mir gekommen. Das war bereits die halbe Miete.

 

The Clash – London Calling

 

Jonas

„Orange Punk & Gothic“ stand in großen weißen Lettern auf dem schmutzigen Türsturz, der mit seiner Höhe von einem Meter achtzig True Believers und Fashion Victims gleichermaßen zum demütigen Eintreten zwang. Eine beißende Geruchsmelange aus Opium-Räucherkerzen, chinesischem Essen und Mottenkugeln surfte auf den Schallwellen der Revolution in die Freiheit. Ich lächelte. Genauso hatte ich mir das vorgestellt! Hier war ich zu Hause, das war mein Spiel, mein Stadion, meine Liga. Warum ich ausgerechnet einen schäbigen Second Hand-Laden in der Innenstadt zu meinem Jagdrevier auserkoren hatte? Völlig klar: Hierhin würde sich in tausend Jahren keine Schicki-Micki-Tusse oder irgendeine aufgebrezelte New Economy-„Mein Gott ist das geil, wenn der Dax sich ganz langsam vertikal bewegt“-Schlampe verirren. Hier gab es die Mädchen, die wussten, was zählt: Punkrock, Freiheit, heiße Nächte und kühle Drinks. Die Mädels, die hier einkauften, waren cool, sexy, ehrlich, romantisch wild und tiefsinnig. Na ja, zumindest hoffte ich das.

Ich machte ein paar Schritte auf dir Tür zu und versuchte einen Blick ins Innere zu erhaschen. Rechts am Rahmen klebte ein Zeitungsausschnitt:

„New York – Jugendlicher erschoss 14 Menschen. Ein 19jähriger aus Brooklyn, der einen Kapuzenpullover mit der Aufschrift „Sick of it all“ trug und mit einer 44er Magnum bewaffnet war, hat gestern…“

Darunter hatte jemand mit Edding vermerkt:

„Sick of it all“-Hoodie gibt’s hier, Wumme woanders besorgen!

Yes! Hier war ich richtig! Ich zog den Kopf ein und stieg drei Stufen hinab mitten hinein in die übelriechenden Gedärme des Rock’n’Roll. Als meine Augen sich an das Halbdunkel des Souterrains gewöhnt hatten, sah ich ziemlich genau das, was ich erwartet hatte. Die rohen Klinkerwände waren mit Postern von den Sex Pistols, Ramones, Dead Kennedys, Sisters of Mercy, The Clash und Social Distortion vollgeklebt.

Auf klapprigen Kleiderstangen hingen Band T-Shirts, Cargo-Hosen, Lederjacken, Nietengürtel und Grufti-Fummel.

Ganz hinten führten Treppen in weitere Stockwerke ober- und unterhalb der komplett in schwarz gehaltenen Baumwoll-Herrlichkeit. Rechts neben der Eingangstür hockte ein klobiger mit Blech beschlagener Tresen, hinter dem sich eine circa 45jährige pummelige Asiatin verschanzt hatte. Mit demonstrativer Langsamkeit hob sie ihren Kopf und maß mich eines abschätzigen Blickes.

„Ihnen helfen?“

Ja, klar, ich suche meine Traumfrau und wollte mal kurz fragen, ob sie zur Verfügung ständen…

„Danke, ich sehe mich nur um.“

„Mmmh, wenn sie blauchen, ich hiel.“

„Alles klar.“

„Anfassen nichts! Hölen sie?“

„Sie oder die Klamotten?“

„Wenn welden flech – laus! Velsteh?“

„Ja doch, war nur Spaß…“

„Wenn nichts wolle kaufe – auch laus!“

„Ja – ha!“

Meine Fresse, war die Alte nervig. Leider war der Laden ansonsten leer. Zumindest in diesem Stockwerk war außer Yoda keine Menschenseele zu sehen. Nachdem Sie mich noch ein wenig böse angeschaut und wahrscheinlich kurz darüber nachgedacht hatte, die „Fünf-Punkte-Pressur-Herz-Explosions-Technik“ an mir auszuprobieren, die ihr Pai Mei, der oberste Priester des weißen Lotus-Klans, beigebracht hatte, senkte sie ihren Blick wieder und stocherte weiter in ihrem Bami Goreng herum. Ich hatte echt keinen Schimmer, was die Tante an einem Ort wie diesem verloren hatte. Entweder sie machte im Hinterzimmer noch ein wenig Import/ Export oder der Inhaber hatte einen sehr skurrilen Sinn für Humor. Wie auch immer. Nichts wie hin zur Treppe. Die Vorstellung mich noch länger auf einem Stockwerk mit dem übellaunigen Jedi-Meister aufzuhalten machte mich ganz schön nervös. Ich ging runter in den Keller des Kellers, ins 2. UG sozusagen. Unten gab’s zusätzlich zu dem Zeug, das auch oben hing, Schuhe und Sado-Maso-Kostüme. Die komplette Längsseite des Geschosses war Lack, Leder, Latex und Co gewidmet. Nichts hochwertiges, aber für den Hausgebrauch der ambitionierten Kleinstadt-Domina sollte es reichen. Ich schlenderte zu dem Ständer mit den Band-Shirts hinüber und fing gerade an das Angebot durchzublättern, als in meinem Rücken ein ohrenbetäubender Lärm losbrach. Erschrocken fuhr ich herum. Zuerst konnte ich die Geräuschquelle nicht ausmachen. Ich kniff meine Augen zusammen, ließ meinen Blick schweifen und entdeckte schließlich hinter der Treppe zwei Füße, die in weinroten Chucks steckten und im Takt der Musik das rostige Pedal einer alten Nähmaschine auf und ab bewegten. Noch in derselben Sekunde erstarb das Geräusch genauso schnell, wie es gekommen war.

„Schuldije“, ertönte eine Stimme oberhalb der Chucks, „ick hoffe, du hast dir nicht allzu dolle erschrocken!“

„Schon okay, kein Problem!“

Hey, es gab also doch menschliches Leben in dieser Bruchbude. Und – was mich noch viel mehr erregte – der Stimme nach zu urteilen, bestand eine reelle Chance, dass es sich nicht nur um menschliches, sondern noch dazu um äußerst attraktives Leben handelte. Ich musste es unbedingt herausfinden! Schnell schnappte ich mir ein Shirt der Turbo ACs und bahnte mir einen Weg auf die andere Seite der Stufen.

„Sag mal, habt ihr das auch in….oh wow…äh, hi!“

„Hi!“

Was soll ich sagen – es war um mich geschehen! Ich sah in Paar strahlend blaue Augen, die mitten in dem definitiv süßesten Gesicht steckten, das ich jemals gesehen hatte. Sie hatte schulterlange blonde Haare und ihre ungeschminkten Lippen entblößen zwei makellos weiße Zahnreihen. Ihre Beine, die unter dem Nähtisch verschwanden steckten in ausgewaschenen Baggy-Jeans. Zwischen Hosenbund und einem hautengen Ramones-Shirt lugte vorwitzig ein braungebrannter Hautstreifen hervor. Weiter oben zeichneten sich zwei extrem wohlgeformte feste Rundungen unter dem schwarzen Stoff ab. Mein Gott, was für Titten! Endlich verstand ich, wie das mit dem „Rock’n’Roll Highschool“-Schriftzug gemeint war: Rechts Rock und links Roll! Beide zusammen: ROCK’N’ROLL!!! Joey hätte sich im Grab umgedreht, hätte er gewusst, was er verpasst. Mein Mittwochsmädchen war mir in der Inkarnation des blonden Punkrock-Vamps erschienen – und das an einem Donnerstag. Halleluja!

 

Ramones – Rock’n’Roll-Highschool

 

Christian

Ich hatte mich durch meine todesmutige Offenbarung, durch die „neue Ehrlichkeit“, die ich aus unerklärlichen Gründen plötzlich für mich entdeckt hatte, von Anfang an komplett lächerlich gemacht. Nina war Architektin, eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Klare Sache. Und dann komme ich des Weges gestolpert und lalle irgendeinen Stuss von „unsterblich verlieben“ und „Wette an der Hotelbar“. Es war wirklich nicht weiter verwunderlich, dass sie von Beginn an zwar amüsiert und fröhlich, aber dennoch reichlich skeptisch war. Also nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Wir amüsierten uns prächtig. Ja, wirklich. Wir lachten und scherzten, waren von Latte Macchiato inzwischen auf Weißwein umgestiegen und sie hatte sich für den Rest des Tages freigenommen. Alles prima, könnte man meinen. Wenn da nur nicht dieses leicht spöttische Lächeln wäre, mit dem sie mich die ganze Zeit alles andere als sparsam bedachte. Ich war witzig, ich war charmant, ich war, in Relation zum Verlauf der vorherigen Nacht, sogar halbwegs intelligent und schlagfertig. Doch bestimmt: Ich war in Hochform! Gerade war ich dabei, sie mit einfachen Worten in die Geheimnisse der digitalen Übertragungstechnologien und die damit verbundenen hochspannenden Business-Opportunities einzuweihen, und es schien sie auch tatsächlich zu interessieren. Ich erklärte den reichlich komplexen Themenbereich in einfachen Worten, dosierte Fachwörter und technische Details sehr sparsam – und da war es wieder: Das Lächeln. Es umspielte ihre Lippen wie ein leichter Sommerwind. Kaum merklich, aber doch deutlich kühler als die normale Umgebungstemperatur. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich musste sie darauf ansprechen, sonst war der Abend verloren.

„Nina?“

„Ja, was denn?“

„Ich muss…ähm, es ist vielleicht blöd, aber ich muss da was wissen.“

„Na klar, leg los.“

„Okay, gut. Aber sei nicht sauer, ja? Ist einfach nur ne Frage.“

„Ja, kein Problem. Was willst du wissen?“

„Mir ist aufgefallen, dass du zwischendurch, also, wenn ich dir was erzähle, dass du dann manchmal, oder na ja, ziemlich regelmäßig, so ganz leicht lächelst. So ungefähr. Schau! Also nicht so, wie wenn du lachst, sondern so, na ja, so ein bisschen spöttisch. Weißt du, was ich meine?“

Jetzt lächelte sie ganz ausgeprägt genau so, wie ich es ihr vorgemacht hatte. Das war kein Sommerwind, das war eine handfeste Bö. Sie zog den linken Mundwinkel nach oben, und hob noch dazu die dazugehörige Augenbraue an. Es war nicht zu übersehen, sie machte sich über mich lustig.

„Meinst du ungefähr so?“, fragte sie.

„Äh, ja, ziemlich exakt, ja, genau so…“

„Dann weiß ich, was du meinst.“

„Prima. Magst du mich einweihen? Ich werde nämlich irgendwie das Gefühl nicht los, dass du dich über mich lustig machst.“

„Was? Über dich lustig machen? Blödsinn, warum sollte ich. Ich finde dich einfach nur süß.“

„Bitte?“

„Ich lächle dich zwischendurch an, weil ich dich süß finde.“

Nein! Das war der Todesstoß! Sie fand mich süß! S-Ü-ß! Wenn ich irgendwas nie sein wollte, dann süß. Cool, okay. Charmant, okay. Schön, stark und mutig – klar doch! Aber süß? Auf gar keinen Fall!!!

„Männer sind nicht süß!“

„Oh doch, sind sie.“

„Nein, sind sie nicht!“

„Do – hoch!“

„Ja, aber…“

„Glaub mir, ich muss es wissen, ich bin eine Frau.“

Diskussion beendet. Ich gebe zu, das Argument war nicht schlecht. Was sollte ich tun? Aufstehen und schmollen oder mich damit abfinden, süß zu sein?

Die Wahl fiel nicht wirklich schwer. Natürlich blieb ich sitzen, auch wenn mich diese „Süß-Geschichte“ ziemlich wurmte.

Ich war definitiv nicht süß. Oder doch? Scheiße, jetzt ließ ich mich komplett durcheinander bringen. Ich musste die Fassung bewahren und die Sache hier straight durchziehen. Ich würde ihr schon zeigen, wer hier süß war und wer nicht! Okay, es gab nur einen Weg, aus dieser Nummer einigermaßen erhobenen Hauptes herauszukommen. Es war an der Zeit, meine bis dato viel zu weiße Weste kräftig mit Schmutz zu beschmieren. Sollte ich ihr zuerst erzählen, wie oft ich meine Ex-Freundin betrogen hatte oder doch eher, wie ich meinen Mitbewerber im Job ausgebootet hatte. Es galt zu handeln. Ich war nicht süß. Ich war ein dreckiges rücksichtsloses Schwein. Ich war der Stecher von Berlin, der John Wayne vom Niederrhein. Gegen mich sah der Genpool von Clint Eastwood, Steve McQueen, James Dean, Robert de Niro und Robert Vaughn aus wie eine Kelle verkochte Buchstabensuppe. So, jetzt war ich warm. Jetzt würde Nina-Baby den wahren Christian kennen lernen. Den Mann. Den Macher. Den Macho. Okay, wie sollte ich’s anfangen? Geht gleich los. Einen Augenblick noch sammeln, tief Luft holen. Zuerst die Nummer mit der Betrügerei. Die würde garantiert einschlagen. Ich…

„Du schmollst doch jetzt nicht, oder?“

„Was? Äh, ich, schmollen? Keine Spur, schon okay, ich, nee, ist doch total okay und ich meine, ist doch nicht schlimm, so, also…“„HA! Du schmollst! Wie süß…“

„Nina?“

„Ja.“

„Wenn du noch einmal sagst, dass ich süß bin, dann muss ich dich töten.“

„Okay. Du bist nicht süß.“

„Wie?“

„Du bist nicht süß.“

„Wie jetzt? Einfach so oder was?“

„Klar. Bevor ich mich töten lasse.“

„Ja, aber du kannst doch nicht in einem Augenblick sagen, ich sei süß und dann bin ich’s wieder nicht.“

„Klar kann ich.“

„Okay, was gefällt dir nicht an mir?“

„Christian…“

„Nein, echt. Sind’s die Klamotten oder die Brille? Findest du vielleicht die Brille doof? Ich kann sie abnehmen, hier guck…“

„Nein, die Brille ist okay. Es ist alles okay.“

„Oder hier, guck! Ich kann die Haare auch so, hier, so ganz struwellig, Brad Pitt-mäßig, siehst du?

Nina hielt sich vor Lachen den Bauch. Ich hatte wirklich nicht den Hauch einer Idee, was an der Situation so komisch sein sollte. Das hier war blanker Ernst. Es ging um Hopp oder Topp, um Gewinnen oder Verlieren, um Leben und Tod.

Sie prustete jedwede Kinderstube vergessend los und verteilte den Schluck Weinschorle, den sie sich gerade unvorsichtigerweise hatte in den Mund laufen lassen, gleichmäßig über ihr Kostüm, den Tisch und mein Ralph Lauren-Hemd. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach mitlachen. Wir krümmten uns unter Lachattacken und brüllten unsere alberne Freude kreuz und quer durch die Straße. Ihre Augen tränten wie zwei Wasserfälle und ich reichte ihr meine Serviette. Ich kann mich nicht daran erinnern, überhaupt irgendwann in meinem Leben schon einmal so gelacht zu haben. Mein Gott, war sie süß!

M:    „Mein Gott war sie süß!“

C: „Auf das Leben und die Liebe!“

M: „Scheiße, jetzt geht das schon wieder los. Alter, trink! Dieses Liebesgefasel kann sich ja keine Sau anhören!“

J: „Die Liebe und das Leben? Du bist gar nicht der Typ für solche Sprüche!“

Christian zwinkert Jonas zu.

C: „Stimmt! Ich will ja auch nur unserem Super-Hengst hier ein bisschen auf den Sack gehen…“

M: „Schwuchtel“

C: „Falsch. Jonas ist die Schwuchtel, ich bin die Nutte. Wenn du jeden Abend die Beschimpfungen wechselst, kommen wir noch ganz durcheinander.“

M: „Ach, fickt euch doch beide!“

 

The Cure – Boys Don’t cry

 

Martin

„War ja klar! Frauen mögen Hornby prinzipiell lieber, weil er netter ist. Frauen stehen auf nette Typen. Auf diese Waschmittelwerbungs-Luschen, die bevor sie die Kinder zur Schule fahren, eben mal schnell den kompletten Haushalt schmeißen, damit Mutti ihre Karriereträume verwirklichen kann. Ist doch so, oder?“

Anette sah mich aus ihren großen blauen Augen geringschätzig an. Bislang war das Gespräch mehr als hervorragend gelaufen: Sie hatte sich eindeutig pro Bon Scott. Beck’s und Liam entschieden (die Stellungsthematik würden wir möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt erörtern). Ich war nicht nur erstaunt, sondern im höchsten Maße positiv überrascht. Anette war wirklich cool, daran bestand kein Zweifel. Der Blick, dem ich jetzt beim besten Willen nicht ausweichen konnte, bedeutete mir jedoch, dass sie sich noch nicht so ganz sicher war, ob sie dasselbe über mich denken sollte. Pah! Martin Bergen war der Erfinder der Coolness! Möglicherweise hatte ich jetzt auch einfach einen Gesprächskorridor betreten, in dem die ein oder andere Falltür lauerte.

„Es ist doch so, oder nicht? Frauen wollen weichgespülte nette Jungs, die das Mittagessen schon fertig haben, wenn sie von einem harten Tag in der Agentur nach Hause kommen. Im Idealfall ist der Waschbrettbauch das härteste, was sie zu bieten haben. Bloß keine Ecken und Kanten…“

„Ach ja, was ist denn bei dir das härteste, was du zu bieten hast?“

„…keine eigene…Ich, äh, was?“

„Du redest Blödsinn, Martin. Und – nimm’s mir nicht übel, aber du hast echt keine Ahnung von Frauen. Ich mag Hornby lieber, weil Boyle mir einfach zu viel labert. Bis der zum Punkt kommt, können schon mal 200 bis 300 Seiten ins Land gehen. Ich mag Männer, die schnell auf den Punkt kommen, wissen, was sie wollen. Direkt ohne überflüssiges Gefasel und Rumgeplänkel.“

„Ohne Gefasel, ja?“

„Du sagst es.“

„Fasele ich jetzt auch schon zu viel?“

„Schon okay. Du kannst dir noch ein bisschen Zeit lassen.“

Diese Frau schaffte mich echt. Kein Scheiß, die Dame war echt eine Klasse für sich. Sie erinnerte mich ein wenig an ein Mädchen, das ich vor vielen Jahren – genau genommen waren es 9 gekannt hatte. Ihr Name war Conny und wir haben uns alles in allem fünf bis sechs Mal gesehen. Alles begann, als sie aus Kanada wiederkam. Ich hatte gerade mein Abi gemacht, sie war an der Nachbarschule eine Stufe unter mir und hatte ein knappes Jahr in Toronto verbracht. Als Au Pair nehme ich an, habe aber, wenn ich ehrlich sein soll, nie wirklich gefragt. Wir kannten uns schon vorher eine ganze Weile und dann– ich habe keine Ahnung warum und aus welchem Anlass – ergab es sich, dass ich sie kurz nach ihrer Wiederkehr in den heimeligen Schoß der westfälischen Kleinstadt zu Hause besuchte. Sie hatte das zweite Album von Tool mitgebracht oder zumindest den ein oder anderen Song auf einem Mixtape. So genau weiß ich das nicht mehr. Auf jeden Fall saßen wir auf dem Fußboden ihres Kinderzimmers und hörten „Sober“ rauf und runter.

Irgendwann – es war schon dunkel draußen – zündete sie ein paar Kerzen an und holte ihre Bettdecke von der schmalen Matratze unter der Dachschräge. Ich dachte, die Heizung wäre ausgefallen und das Licht gleich dazu. Nein, Quatsch. Natürlich hatte es schon den ganzen Abend mächtig geknistert und ich fand sie sowieso scharf, weil sie, na ja, weil sie cool war. Nicht das ich auf dieses klassische „Ich war in de Staaten“-Geseiere, das zumeist in stark akzentbehaftetem Deutsch und reichlich „Oh, Shit, wie war the word“-Wortfindungsstörungen vorgetragen wird, stünde. Auf gar keinen Fall! Aber sie war halt cool. Sie war eines der Mädchen, die eigentlich in jeder Situation toll aussahen. Sie konnte sich einen Kartoffelsack überstreifen und war trotzdem sexy. Ihre Haare brauchten keine Frisur und noch heute verliere ich komplett die Fassung, wenn ihr Parfüm auf der Straße an mir vorbei wandert. Kurz: Sie war ein extrem heißer Feger! Wie dem auch sei: Sie holte also die Decke von ihrem Bett, wir quatschten und rauchten und tranken Bier. Maynard James Keenan sang, stöhnte, hauchte und schrie, dass es nur so eine Freude war. Conny schlüpfte unter die warmen, weichen, in geblümtes Leinen eingesperrten Daunen und erzählte mir von der großen weiten Welt. Ihre Augen strahlten, ihre Finger tanzten und ihre Haare wehten in einem Wind, der nicht da war. „Magst du nicht auch unter die Decke kommen“, fragte sie ganz beiläufig. Ich zögerte einen Augenblick. Mein Gewissen schlug mir von hinten mit einer gefalteten Zeitschrift auf den Kopf. „Geh weg“, zischte ich ihm zu und wich dem nächsten Schlag gekonnt aus. „Tu’s nicht, du wirst es bereuen“, insistierte der Quälgeist. Warum mein Gewissen so einen Ärger mache? Oh, das hätte ich ja beinahe vergessen, zu erzählen: Conny war die Freundin meines besten Freundes, aber das ist hier nicht das Thema.

Der Sex war kurz und heftig – wobei ersteres an mir und letzteres an ihr lag. Zu meiner Ehrenrettung muss ich allerdings anmerken, dass ich, wäre sie mit dem Mund nicht ganz so gut gewesen, später im Normalfall besser performt hätte – aber das nur am Rande. Worauf ich hinaus wollte, ist:

Anettes Ähnlichkeit mit Conny war frappierend. Zumindest optisch und von der Art, wie sie sich gab, denn mehr konnte ich ja bislang nicht beurteilen.

Es ist nicht immer einfach, eine guter Freund zu sein.

Ja, ich habe ein Problem damit, auf den Punkt zu kommen.

 

Christian

Inzwischen hatten wir das Cafe verlassen und waren auf eine kleine Stichstraße eingebogen, die auf den Friedemann-Bach-Platz führte. Dort, direkt auf der großen Parkfläche vor der Moritzburg, hatte sie ihr Auto abgestellt. Ich tippte auf einen schwarzen Alfa Spider oder ein 3er Coupé – irgendwas rassiges, das trotzdem noch als Vernunftkauf durchgehen konnte. Als sie ihren Schlüssel zückte und die Fernbedienung für die Zentralverriegelung betätigte, staunte ich nicht schlecht. Zu unserer rechten leuchteten die Blinker eines anthrazitfarbenen VW Touareg auf. Nina, die meine Verwunderung bereits vorausgeahnt zu haben schien, quittierte meinen verduzten Blick mit einem überlegenen Lächeln. An sie würde ich meinen Passat nach Kauf des Porsches wohl nicht abtreten können, so viel war mal sicher.

„Süß, oder?“ „Ja, nicht schlecht…ist der 10-Zylinder, oder?“

„Ja klar. Der kleine zieht doch keine Wurst vom Brot.“

„Ne, das stimmt allerdings.“

„Der kleine zieht doch keine Wurst vom Brot!“ Sprechen Frauen so? Nein, tun sie nicht. Zumindest sollten sie so nicht sprechen. In meiner Phantasie sprachen Frauen jedenfalls nie so. Sie unterhielten sich über Designerklamotten und Frisuren, Stars, Musik und Bücher. Vielleicht mal über das schicke neue Motorola-Handy oder das neue iBook, aber definitiv nicht über die Leistung von Geländewagen und wenn, dann schon gar nicht in diesem Wortlaut. Männer sagten so was. Männer kauften sich das Topmodel, weil bei dem ganzen sonstigen TDI-Rotz sowieso nur heiße Luft kam. Aber Frauen? Nein, Frauen sprachen nicht so. Nina tat es. Während ich auf der Beifahrerseite in den bulligen Volkswagen hineinkletterte, überlegte ich, ob ich das cool finden sollte oder nicht, kam jedoch zu keinem brauchbaren Ergebnis. Das Wageninnere war aufgeräumt und sauber. Es lagen weder Taschentücher, Frauenzeitschriften, CDs, Lippenstifte oder sonstige Kosmetika herum. Ich checkte unauffällig den Aschenbecher, aber auch da faulten weder eine Apfelkiepe noch klebrige Bonbonpapiere vor sich hin. Das alles kam mir sehr dubios vor. Ich stand auf aufgeräumte Autos, aber auch das war Männersache.

„Nina, kann ich dich was fragen?“

„Klar, schieß los!“

„Das ist dein Auto, oder?“

„Ja, klar. Oder findest du, dass Frauen keine dicken Schlitten fahren dürfen?“

„Ach, so n Quatsch! Wie lange hast du ihn schon?“

„Mmmh, lass mal überlegen… Knapp anderthalb Jahre, glaube ich.“

Anderthalb Jahre! Die Karre sah Außen und Innen aus wie geleckt!

„Wow, doch schon so lange, ja?“

„Christian, worauf willst du hinaus?“

Sie sagte Chris – ti – an, so wie meine Mutter es immer gesagt hatte, wenn sie ungeduldig wurde oder mich zur Vernunft mahnen wollte.

„Och, nix. Sieht nur nicht so aus, weißt du. Wirkt irgendwie so „unbewohnt“, also so als ob, er gerade vom Band gerollt wäre.“

„Ja und?“

„Mann, Nina, Frauen haben doch normalerweise überall irgendwelches Zeug rumliegen. Du weißt schon: Taschentücher, Tchibo-Prospekte, Schminkzeug, Schmierzettel und so.“

„Tja, ich bin halt keine normale Frau.“

Stimmt. Sie hatte Recht. Das war’s, was mich stutzig machte. Alles ließ sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: Sie war keine normale Frau. Punkt, Ende, aus. Ich meine das jetzt gar nicht irgendwie wertend oder so, echt nicht. Klar, ihre Art verunsicherte mich schon ein wenig, aber na ja, es konnten ja auch nicht alle Frauen gleich sein, oder? Wahrscheinlich war das der Preis, den ich für meine sehr speziellen Ansprüche zahlen musste. Gestatten, meine Frau! Sie ist blond, wenig zeitintensiv, fährt einen Geländewagen und pinkelt im Stehen.

Ich fühlte mich in dem großen Auto neben der großen Frau ziemlich klein und unwichtig. Mit beiden Gefühlen war ich weder sonderlich vertraut, noch legte ich Wert darauf, sie kennen zu lernen. Die Tatsache, dass der CD-Wechsler im Drei-Minuten-Takt Songperlen von Marc Cohn, Simply Red, Genesis und Richard Marx ausspuckte, tat ihr übriges dazu, dass ich immer weiter in den beigefarbenen Ledersitz hineinrutschte und versuchte, nicht weiter aufzufallen. Über Musikgeschmack konnte man sicherlich streiten, und natürlich sollte die CD-Sammlung des potentiellen Partners nicht das Hauptentscheidungskriterium für weitere Schritte sein, aber mein Gott, was für Kack-Mucke! Ich kannte mal eine Frau – die mit dem vermeintlich besseren Lebensentwurf, mit der ich in der ersten Post-Lene-Phase zusammen gewesen war – die sich die Gehörgänge mit ähnlichem Rotz verschmutzt hat. Was soll ich sagen, die Beziehung hat nicht lange gehalten und der Soundtrack taugte zumindest nicht als lebensverlängernde Maßnahme. Anderseits war sie ziemlich gut im Bett gewesen. Mmmh. Gab es da möglicherweise einen Causal-Zusammenhang? Standen intolerable Hörgewohnheiten und sexuelle Fähigkeiten vielleicht in irgendeinem reziproken Verhältnis zueinander? Sollte man einen ordentlichen Fick am Ende mit Ohrenkrebs bezahlen müssen? Nach einem verstohlenen Blick auf Ninas Beine, entschied ich, dass ich dieser Theorie schon allein aus einer streng wissenschaftlichen Motivation heraus, weiter auf den Grund gehen sollte.

 

THE THE – The Dogs Of Lust

 

Jonas

..here they come the dogs of lust…Was für geile Mucke! Was für ein Arsch! Mein Gott, war das Leben schön! Meine schwarzen Doc Marten’s wippten im Takt und ich genoss die Aussicht. Sie drehte sich zu mir um. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich war mir nicht sicher, ob sie belustigt oder in Anbetracht der Situation einfach etwas verunsichert war. Auf jeden Fall war sie süß. Sie war süß und sie stand auf mich. Na klar, stand sie auf mich. In jeder Hand ein Shirt in die Höhe haltend kam sie auf mich zu. Ein Social D-Nachthemd und ein weitaus kleineres mit „Turbojugend St. Pauli“-Aufdruck. Ihre Titten wippten im Takt und ich genoss die Aussicht. In wenigen Sekunden würde ich etwas sagen müssen. Vielleicht würde sie ja auch was sagen, dann konnte ich weiter wippen und genießen, während sie wippte, genoss und sprach. Ich war kein großer Sprecher. Ich war ein großer Genießer. Unsere Fußspitzen berührten sich beinahe. Wir wippten im Gleichklang, sie oben, ich unten. Die Luft war elektrisch, etwas würde passieren. Jetzt. Jetzt gleich. Sie oben, ich unten.

Sie öffnete ihre Lippen. Ganz leicht, nur ein kleines bisschen. Gerade so, dass ich den kleinen silbernen Knopf sehen konnte, der auf ihrer Zunge saß. Sprich zu mir, Supergirl. Sprich zu mir. Jetzt.

„Dit oder dit?“

„Äh, was?“

„Na, shirtmäßig. Dit oder dit?“

„Das in der Mitte.“

„Oh! Jar keen schlechter Versuch.“

„Was soll ich machen, ich steh halt auf die Ramones.“

Plötzlich veränderte sich etwas in ihrem Blick – so als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Sie schaute jetzt gar nicht mehr frech oder süß, nein, innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte etwas anderes ihre Pupillen erobert. Etwas wildes, herausforderndes, das ich nur zu gut kannte.

Das Social Distortion- und das Turbnonegro-Shirt flogen in hohem Bogen in die Ecke, und ihre rechte Hand legte sich sanft auf meine Brust. Gerade als ich mich aus meiner Genießer-Starre lösen wollte, ließ sie mich wieder los und streckte ihre Arme über den Kopf.

„Dann hol et dir, Jonas.“

Das brauchte sie mir nicht zweimal zu sagen. Ich legte meine Hände auf ihre Hüften, packte das Shirt links und rechts am Saum und zog es ihr langsam über den Kopf. Ihre Brüste hüpften aus der Baumwollverpackung heraus wie, na ja, wie Brüste halt. Wie verdammt perfekte Brüste. Ich schmiss das Shirt wage in die Richtung, in der auch die anderen gelandet sein mussten und fuhr mit meinen Händen an ihren immer noch nach oben ausgestreckten Armen entlang abwärts. Mein Gott, fühlte sie sich gut an. Auch wenn ich mich kaum beherrschen konnte, strich ich knapp an ihren Titten vorbei, dann über den Rücken weiter, verharrte kurz an den beiden Dellen über dem Steißbein – Mann, Sie hatte diese Dellen! Ich stehe so dermaßen auf diese beiden Dellen, habe aber leider absolut keine Ahnung, wie die Dinger anatomisch korrekt heißen – bis ich an ihrem Po angekommen war, kräftig zupackte und sie an mich ranzog. Sie roch nach Pfirsich. Ohne ihren Blick von meinen Augen abzuwenden legte sie ihre Arme um meinen Hals.

„Und, jekooft?“

„Ja, gekauft, wie gesehen.“

„Wie? Ohne Anprobieren?“

Kein Quatsch, der Dialog spielte sich auch im weiteren Verlauf auf dem Niveau eines preisgünstigen Pornos ab. Manchmal sind die Streifen viel dichter an der Realität, als sich Akteure, Produzenten und der Großteil der Konsumenten vorstellen können. Zumindest entsprach das meinen Erfahrungen.

„Na ja, ein paar weitere Produktinformationen könnten sicherlich nicht schaden.“

„Na also, jeht doch, meen Jroßer.“

Ich hätte sie wirklich früher nach ihrem Namen fragen sollen. So langsam kam ich in arge Nöte, wie ich sie wohl ansprechen sollte. Ich entschied mich dafür, dass sie eigentlich nur Melissa heißen konnte, wie die Bassistin von den Smashing Pumpkins. Das erschien mir irgendwie passend.

Melissa glitt an mir herunter, ging auf die Knie und öffnete meinen Gürtel. Wir hatten uns noch nicht mal geküsst und sie war drauf und dran mir einen zu Blasen. Ich werde den Teufel tun und mich nachträglich beschweren, immerhin stehe ich auf Frauen, die Sinn fürs Wesentliche haben, aber so ein klein bisschen strange fand ich die Situation schon. Strange und geil.

Ihre Hände ruhten auf meinen Hüften, alles, was sie machte, machte sie nur mit ihrer Zunge und ihren Lippen. Es war der totale Wahnsinn! Plötzlich, mitten im Song, verstummte die Musik.

Stille. Die einzigen Geräusche, die das Geschäft erfüllten, waren Melissas leises Schmatzen, mein schnelles erregtes Atmen – und die schweren Schritte, die sich auf dem Dielenboden über unseren Köpfen der Treppe näherten. Zuerst sah ich ein paar ausgelatschte braune Halbschuhe auf dem obersten Absatz, dann Beine, einen runden Bauch und schließlich das dazugehörige Gesicht.

„Claile?“

Fuck! Yoda kam direkt auf uns zu. Melissa oder Claire oder wie auch immer das blonde Ding, das meine Lenden in Besitz genommen hatte, heißen mochte, schien das nicht weiter zu stören. Sie lutschte, saugte und küsste, als gäbe es kein Morgen.

„Claile?“ „Mmmmh?“ „Alle in Oldnung?“ „Mmmh… Allef fuper…“

„Claile! Wie oft ich gesagt, nicht splechen mit volle Mund?“

„Fuldium…“

„Sie da!“

„Ja, bitte?“

Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und möglichst natürlich und entspannt rüberzukommen. War ja auch nichts dabei, nackt in einem Second Hand-Store zu stehen und sich einen blasen zu lassen, während eine alte fette Chinesin sich keine drei Meter entfernt in der Perfektionierung des bösen Blicks versuchte.

„Wo sie sein?“

„Sie, uuuh , sie ist nur kurz abgetaucht.

„Was?“

Sie, oooh, sie…Oh Gott, ich komme gleich…äh sie kommt gleich!“„Wie? Nix velsteh! Wenn welde flech – laus!“

„Jaaaaa, uuuh, ja doch. Ich…aahhhh….JAAAA!“

„Claile?“

„Sie muss, uuuh, sie muss… erst noch runter schlucken.“

„Seien luhig sie! Claile?!“

„Ja, Ming?“

„Was los? Macht flecherl Mann Älgel?“

„Nein, Ming, allet super. Wir ham nur kurz wat probiert.“

„Klingst du seltsam. Alle in Oldnung?“

„Ja, allet jut. Jeh ruhig wieder hoch.“

Ich sah zu Melissa runter. Sie hatte sich auf den Hintern fallen lassen und konnte sich kaum beherrschen, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Sie war komplett verrückt und ich fand es großartig. Ming stiefelte wieder die Treppe hoch und ich ließ mich zu Melissa auf den Boden sinken.

„Küss mich…“, blubberte sie. „Weißt du was?“ „Ja, ick bin komplett verrückt!“ „Ja, auch das. „Und watt noch?“

„Ich glaube, ich habe mich gerade in dich verliebt…“ „Na dann küss mich endlich!“

 

U2 – One

 

Christian

Die Situation war uns komplett entglitten. Ich hatte die Katastrophe kommen sehen, tief in meinem Inneren jedoch gehofft, dass sich doch noch alles zum Guten wenden würde. Ninas Spaßmaß schien inzwischen auch überschritten zu sein. Das alles entwickelte sich offensichtlich nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie machte sich bereit, die Bar und somit die traurige Existenz der Hotel Europa-Boys ein für alle mal zu verlassen. Ob ich traurig war? Ein wenig vielleicht. Andererseits war sie nicht wirklich das, was ich gesucht hatte. Möglicherweise wäre sie es noch geworden. Möglicherweise hätte uns eine strahlende Zukunft mir weißem Holzhaus, einer Handvoll blonder glücklicher Kinder und einem Golden Retriever bevorgestanden. Möglicherweise. Ja. Hatte ich die Zeit, das herauszufinden? Hatte ich überhaupt die Chance, das herauszufinden? Selbst wenn ich wollte, würden mir Martin und Jonas an einem anderen Ort in einer anderen Bar einen Strich durch die Rechnung machen. Ich musste mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich musste mich durchsetzen. Musste meinen Weg gehen, komme was wolle. Liebe? Ich glaube nicht, dass das was für mich ist.

 

Jonas

Ich konnte nicht mit ihr gehen. Wie sollte das funktionieren? Na klar, ich liebte sie. Ich liebe sie immer noch. Sie war und ist die fantastischste Frau, die ich jemals getroffen habe. Sie ist mein Perfect Match, aber der Jonas, den sie liebt, der existiert nicht. Sie konnte mich nicht haben. Nicht so. Nicht im Hotel Europa. Wahrscheinlich nie.

Das war’s also. Rock’n’Roll is dead. Wahrscheinlich war es besser so. Ich meine, immerhin war ich inzwischen fast dreißig – höchste Zeit, sich mit dem Ernst des Lebens auseinander zu setzen, oder? Träume bezahlen keine Rechnungen. So ist das eben.

 

Martin

Ein richtiger Mann wäre längst aufgestanden und gegangen, hätte sich verabschiedet und sein eigenes Ding durchgezogen. Aber ich? Ich blieb sitzen und trank. Ich blieb sitzen, trank und verschwendete meine intellektuellen Ressourcen darauf, mich mit Christian und Jonas auseinander zu setzen. Rockmusiker?! Was für ein Schwachsinn! Fernseh-Futzi?! Was für eine verlogene konservative Spießer-Scheiße! Schlimm genug, dass Christian mit diesem Dünnschiss auch noch Geld verdiente.

Schauen Sie mich an! Da sitze in meinem spießigen 99-Euro Joop-Polo an einer schäbigen Hotelbar und begieße meinen eigenen Untergang. Seit Wochen habe ich keine einzige sinnvolle Zeile mehr zu Papier gebracht. Martin Bergen- die Zauberfeder. Ha! So eine gequirlte Scheiße. Ich war ein nichts, ein niemand, ein Phantasiegebilde, eine Idee, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Vielleicht war für mich auch einfach die Zeit gekommen, mich zu verabschieden. Vielleicht sollte ich endlich aufgeben, den Weg frei machen für Christian. Andererseits konnte er die Entscheidung ja auch übernehmen. Er war doch derjenige mit den großen Plänen, den Ambitionen und den tollen Karriereaussichten. Ich würde ihm noch ein Bier Zeit geben, sich darüber klar zu werden, was er wollte. Ein Bier und einen Whiskey – das war mehr als fair.

 

The Smiths – Please Please Please Let me Get What I Want

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