Lesen: Zusammenfassung 2019 (1/2)

2019 war ein Kackjahr. Viele Rückschläge, wenig Erfolge. Viel Tränen, wenig Freude. Viel Buhs, wenig Applaus. Viel Job, wenig Freizeit. Viel nachts vorm Rechner sitzen, wenig Lesen. Leider. Zumindest habe ich nicht das Pensum geschafft, das ich mir Anfang des letzten Jahres vorgenommen hatte.

In einer Randnotiz möchte ich anmerken, dass mir durchaus bewusst ist, dass mehr Lesen und weniger nachts vorm Rechner sitzen, meinen beruflichen Output deutlich verbessern würde, aber manchmal soll es eben einfach nicht sein.

Zurück zum Fall: 42 Bücher habe ich im letzten Jahr gelesen. Goodreads sagt, dass sie zusammen auf 15.526 Seiten kommen. Qualitativ gab es s Licht und Schatten, sprachlich einen soliden Mix aus Deutschem und Englischem Material. Ich habe mir angewöhnt, soweit wie möglich Originalversionen zu lesen, auch um mich stärker mit stilistischen und sprachlichen Mitteln englischer, amerikanischer, irischer (…) Literatur zu befassen. Ich kann die Herangehensweise sehr empfehlen, wäre ich weiterer Fremdsprachen mächtig, würde ich das komplett durchziehen. Wie gern würde ich zum Beispiel „Suburra“ von Carlo Bonini auf Italienisch lesen können… Aber ich schweife ab.

2019. Licht. Der Schatten bleibt im Dunkeln.

Stephen King

Ein titel-übergreifendes Highlight war, dass ich Stephen King entdeckt habe. Besser spät als nie, mag mancher denken. Allein, ich war stets der Auffassung, Herr King sei ein weitestgehend belangloser Horror-Schmierfink. Wie viel Gelächter habe ich folglich von Freunden und Bekannten geerntet, als ich mit den Worten „Der kann ja Schreiben (!!!)“ meiner Erleuchtung hinsichtlich der Kunstfertigkeit des Autors Luft machte. Peinlich, ich weiß. „Carrie“ hat mich zutiefst beeindruckt, ebenso „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary), „Needful Things“ und „Im Hohen Gras“ (In The Tall Grass – und ja, das geschriebene Wort ist noch deutlich krasser, als die Netflix-Verfilmung). Was mich aber wirklich weggeblasen hat, war die Novellensammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ (Different Seasons), die unter anderem die literarischen Vorlagen zu „Shawshank Redemption“ und „Stand By Me“ enthält. Jede(r) der vier Kurzromane, bzw. Langgeschichten ist ein kleines Meisterwerk, das von seinem Schöpfer eine eigene Sprache sowie die Macht den Leser sofort in seinen Bann zu ziehen bekommen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass die Sammlung einen guten Einstieg in die Welt von Stephen King darstellt, auch wenn ich mich dafür entschied, mit seinem ersten Roman „Carrie“ loszulegen. Also, an alle Ignoranten, die King bislang verschmäht haben: Ändert das!

 

Jeff Gordinier: „Hungry: Eating, Road-Tripping, and Risking It All with the Greatest Chef in the World“

Food-Journalist Jeff Gordinier begibt sich mit NOMA-Chef René Redzepi auf einen mehrjährigen Trip durch Küchen und Kulturen der Welt. Was mit der Suche nach den besten Tacos Al Pastor im mexikanischen Dschungel beginnt, wird zu einer spirituellen Reise durch die Emotionswelten zweier Getriebener. Redzepi, stets auf der Suche nach dem neuen, dem unerwarteten abseits der ausgetretenen Pfade verliert seinen Nimbus als Chef des besten Restaurants der Welt, als sich 2013 63 Gäste im Noma mit dem Norovirus infizieren. Schon ein Jahr später holt er sich die Krone zurück, schloss das Restaurant 2016 und ging mit seiner Mannschaft aus Starköchen auf Tour durch Japan, Australien und wieder Mexiko. Gordinier, auf der Flucht vor seiner zerbrechenden Ehe, ist ständig dabei, lässt sich mitreißen von dem Tsunami Redzepi und lernt ebenso viel über Food, wie über sich selbst. Kurz: Das Buch ist eine Offenbarung. Für jeden, der sich auch nur ein ganz klein wenig für Essen, die Zubereitung desselben oder gar New Nordic Cuisine interessiert, ist es keine Option, dieses Buch nicht zu lesen. Gordiniers Sprache ist bildreich, pointiert und temporeich, „Hungry“ zu lesen, fühlt sich an wie live bei diesem irrsinnigen Roadtrip dabei zu sein.

 

Olivier Guez: „Das Verschwinden des Josef Mengele“

Der Tatsachenroman inszeniert die Flucht von Josef Mengele von Auschwitz nach Argentinien und sein späteres Versteckspiel vor Nazi-Jäger Wiesenthal, Generalstaatsanwalt Bauer und dem Mossad als fesselnden Politthriller. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, da Guez es schafft, Geschichte zum Leben zu erwecken, anstatt in Reportage-Form zu berichten. Erschreckend greifbar beschreibt er das engmaschige, Netzwerk aus ehemaligen Funktionären und Unterstützern, das protegiert von Diktator Peron und finanziert von Freunden und Familien in Deutschland, NS-Ideologie und Kriegsverbrecher in Südamerika dreißig Jahre lang am Leben erhält. Auch Adolf Eichmann lebt bis zu seiner Verhaftung 1960 in Buenos Aires. Mengele trifft ihn und erfährt die größte Enttäuschung seiner Zeit im Exil: Der bewunderte Organisator von Deportation und Vernichtung kennt ihn, den genialen Arzt, nicht einmal. Die kurze Begegnung verdeutlicht eindringlich, aus welchem Holz, die Männer geschnitzt sind, die es sich da im sonnigen Süden gut gehen lassen. Das ist erschreckend, äußerst eindringlich beschrieben, hochgradig spannend und nicht nur für Geschichts-Nerds ein filmreifes Lese-Erlebnis.

 

John le Carré: „Agent Running In The Field“

Vor diesem Buch, das im Deutschen schlicht „Federball“ heißt, wahr ich ehrlich gesagt kein großer le Carré Fan. Ich habe „Das Russlandhaus“ angefangen und nach wenigen Seiten weggelegt und auch beim ewigen Gärtner bin ich nicht über Seite 50 hinaus gekommen. Nun werde ich sicher auch in Zukunft nicht vor Aufregung ausrasten, wenn ich den Namen des Autors höre – schließlich bin ich ja jetzt schon King-Fanboy – aber „Agent Running In The Field“ fühlte sich bereits auf der ersten Seite anders an, als alles was ich bislang von Le Carré´gelesen hatte. Es fühlte sich zeitgemäß an, nicht wie eine Reise zurück in die Wirren des Kalten Krieges. Im Zentrum von „Federball“ steht ein Match um Macht und Gewissen, Vaterlandsliebe und Brexit, Russland und Europa. Ausgetragen wird es von Nat, einem Agenten am Ende seiner Laufbahn, und seinem neuen Badminton-Partner Ed, einem jungen Mitarbeiter einer Medienagentur. Ja, le Carré bezieht in diesem Roman politisch Stellung, beleuchtet aber in erster Linie in einem doppelbödigen Spiel voller Verstrickungen und Intrigen die politische Weltlage. Das tut er auf leichte, temporeiche Art, die keine Langeweile aufkommen lässt. Die Figuren sind mehrdimensional angelegt und kontrastreich gezeichnet, die Story ist so spannend wie unvorhersehbar. Mein Thriller-Tipp 2019.

 

Jean Ziegler: „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“

Da wir schon bei aktueller Politik angekommen sind, hier meine Empfehlung für die kurze, erleuchtende Lektüre zwischendurch. Jean Ziegler erklärt seiner Enkeltochter in Worten, die in der Tat jedes Kind versteht, welchen Preis wir für das System, in dem wir leben, zahlen und warum es nicht nur reformiert, sondern „zerstört“ werden muss. „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ ist eine kraftvolle Streitschrift, die jeden, der sich gern mit klugen Gedanken auseinandersetzt, zumindest zum Nachdenken bringen sollte.

 

Stephan Grünewald: „Wie tickt Deutschland?“

Ich habe es verschlungen! Stephan Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold Instituts hat die Erkenntnisse aus tausenden tiefenpsychologischen Interviews zu einer Bestandsaufnahme der Deutschen Volksseele zusammengeführt. Das ist erschütternd, einleuchtend und hat bei mir zu etlichen Aha-Momenten im Bezug auf mein eigenes Denken und Handeln geführt. Grünewald beleuchtet unter anderem die Gründe für das Erstarken extremer Parteien, die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das wachsende Misstrauen gegenüber Politik und Eliten, die zunehmende Angst vor einer Zukunft, in der ohnehin nur alles noch schlechter werden kann und nicht zuletzt die Xenophobie, die nach Merkels „Wir schaffen das!“ scheinbar von Deutschland Besitz ergriffen hat. Grünewald schreibt pointiert, wahnsinnig unterhaltsam und macht psychologische Zusammenhänge mit nachvollziehbaren Bildern einfach begreifbar. Da ich mich gern und oft mit (Käufer-)Psychologie beschäftigen darf, ist mir bei der Lektüre von „Wie tickt Deutschland?“ nicht nur ein Licht, sondern insgesamt ein kompletter Kronleuchter aufgegangen. Ich denke, dass ich nicht übertreibe, wenn ich behaupte, dass, wir uns selbst und unser gegenüber besser verstehen und sorgsamer miteinander umgingen, wenn jeder der 65 Millionen wahlberechtigten Deutschen – und gerne auch jedes Kind – dieses Buch lesen würde. Und bitte!

 

Rüdiger Barth und Hauke Friedrichs: „Die Totengräber“

Barth und Friedrichs – beide Historiker, die als Journalisten tätig sind – haben mit „Die Totengräber“ eine hochspannende, lebendige Reportage über die letzten zehn Wochen der Weimarer Republik vorgelegt. Der historische Stoff liest sich wie ein Thriller, mit dem leider großen Manko, dass man das schreckliche Ende bereits kennt. Von Papen, Schleicher, Hindenburg, Hitler, Goebbels – so heißen die Hauptakteure, die um die Zukunft eines Landes schachern, intrigieren und kämpfen, das am Boden liegt. Massenarbeitslosigkeit, Straßenkämpfe und ein macht- und ahnungsloser politischer Apparat zerreißen die Gesellschaft. Am Ende steht die Machtübernahme Hitlers, das Ende der Weimarer Republik und der Anfang der größten Katastrophe, die diesen Planeten je ereilte. Die Autoren zeigen, dass die Herrschaft Hitlers vermeidbar gewesen wäre, eben keine zwingende Folge aus den wirtschaftlichen Zuständen und dem Zeitgeist war. Erschreckend ist die Naivität mit der die altgedienten adligen Politiker mit Hitler umgehen und ihm schließlich den Weg zur Macht ebnen. Beruhigend ist die Aussicht, dass es einen anderen Weg gegeben hätte und auch zukünftig geben wird, in der heutigen Zeit, die im Erstarken der Extreme und der Verrohung der Sprache durchaus an den Vorabend der dunkelsten Stunden dieses Landes erinnert. Zeitschriften und TV-Sender feiern gerade beschwingt die Wiederkehr der „Roaring 20s“ in Deutschland. Scheinbar vergessen sie dabei, wie das Ende dieser Dekade vor 100 Jahren ausgesehen hat.

 

Neil Gaiman & Terry Pratchett: „Good Omens“

Noch etwas Leichtes zum Abschluss von Teil Eins meines Lese-Reviews 2019: „Good Omens“ lesen ist für Fans von Terry Pratchett („Discworld) und Neil Gaiman („American Gods“) wie Weihnachten, Silvester, Geburtstag und Fasching auf einmal. Jeder, der bislang noch nicht Fan von Terry Pratchett oder Neil Gaiman ist, sollte es schleunigst werden. Die Story in Kürze: Ein Engel und ein Dämon wurden von ihrem jeweiligen Vorgesetzten zum Dienst auf der Erde verdonnert, um für ihre jeweilige Partei Einfluss zu nehmen und für einen ordnungsgemäßen Lauf der Dinge zu sorgen, wenn die Apokalypse kommt. Da die beiden sich jedoch über Jahrhunderte der Rivalität an sich und ihr Erdenleben gewöhnt haben, liegt ihnen gar nicht mehr so viel an Froschregen, apokalyptischen Reitern und der Ankunft des Antichristen. Letzterer ist zu allem Übel auch noch verschwunden, da ihn schusselige Satanisten-Nonnen im Entbindungsheim vertauscht haben. Es beginnt eine urkomisches Rennen gegen die Uhr, das mich in hoher Frequenz laut auflachen ließ. Immer wieder schön im Bus. Die Prime-Video-Serie ist übrigens auch ganz hervorragend, ersetzt aber nicht das Buch, das in seiner skurrilen Vielschichtigkeit auch kaum zu verfilmen ist.

 

So, das war’s mit Teil Eins. Da ich lange nichts mehr geschrieben habe, sind Finger und Hirn leicht eingerostet. Ich hoffe, Teil Zwei wird fluffiger und 2020 wird nicht auch ein Kackjahr. Weniger kacke wäre es schon, wenn ich in den nächsten Wochen mal wieder Zeit zum Schreiben hätte, zu „zweckfreier Kreativität“ also. Ich arbeite daran…

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