Media-Gedanken: Die unerträgliche Langweiligkeit des Seins #2 – Ein neuer Morgen

„Ob ich bei TikTok ’nen Herzinfarkt bekomme, willst du wissen? Ich hab‘ 1997 die Voodoo Glow Skulls im SO36 gesehen. Will heißen, deine Gen-Z-Flics sind für mich entspannender als Tai Chi auf Baldrian.“

Die besten Antworten fallen mir leider immer zu spät ein. Was für ein Geschiss heute aber auch um dieses ganze Generationen-Zeug gemacht wird. Die Ys sind total Work-Life-Balance, während die Zs Work und Life mergen und ihr Life in Gänze balancen. Reflektierte Nachhaltigkeit und Sinnsuche steht bei GenY hoch im Kurs, während GenZ schon wieder deutlich spaßorientierter ist. Millennials sind digital natives und trennen nicht mehr zwischen realem und virtuellem Leben. Die unter 22jährigen sehnen sich nach echten Erlebnissen in der realen Welt und suchen den digitalen Detox und so weiter uns so fort.

Ich kann jedem Kommunikationsschaffenden nur wärmstens empfehlen, sich mit zehn halbwegs repräsentativen Millennials in in einen Raum zu sperren und sich einfach mal  mit denen zu unterhalten. Das Ergebnis: Wir lernen zehn verschiedene Persönlichkeiten kennen, mit zehn unterschiedlichen Geschichten und zehn unterschiedlichen Herangehensweisen an Leben und Konsum. Gleiches passiert, wenn man das Experiment mit GenZ-Vertretern wiederholt. Es gibt kein Mysterium. Es gibt kein Kohorten-Enigma des 21. Jahrhunderts. Es gibt Gemeinsamkeiten. Klar. Die gab es schon immer. Gaming ist populär, bei Mädels und Jungs. Jeder Slacker, der mal Summer Games mit ’nem Quickjoy II auf ’nem C64 gezockt hat, weiß warum. Will heißen: Realitätsflucht gab’s schon immer. Allein sie macht heute deutlich mehr Spaß und trägt länger, da nicht nach jedem zweiten 100-Meter-Lauf die Kontaktzungen im analogen Eingabegerät abbrechen.

Es gibt auch Trennendes. Auch das gab es schon immer. Junge Menschen werden heute und morgen nach erfolgreichem Berufseinstieg die mediocre Malässe der Sinus-Matrix ohne Kurve durchqueren und klischeegemäß postmodern-intellektuell-liberal und total post-materialistisch an der Spitze der Nahrungskette für Unruhe sorgen. Andere junge Menschen werden heute und morgen von dem direkten Weg in die weinduselige Aktienfonds-Romantik nach links abbiegen, es sich mit einer Kanne Veltins auf der Faust in der bürgerlichen Mitte bequem machen und sich in ein paar Jahren darüber beschweren, dass früher alles besser war. Alles wie immer, also.

Naja, fast alles. Anders is‘ schon heute. Und das hängt maßgeblich mit dem Input zusammen, den junge Generationen in die Gesellschaft geben. Dieser Input verändert aber nicht nur die Jungen, sondern auch die Älteren. Werte verändern sich, durch Teilhabe von Menschen, die in einer anderen Welt groß geworden und erzogen worden sind. Technischer Fortschritt verändert alles. Mein guter Freund, der Philosoph Hippolyte Taine, sagte im 19 Jahrhundert, der Mensch und seine Werke seien ein Produkt seiner Rasse, seiner Umgebung und seiner Zeit (race, environment, moment). Wenn wir den Rasse-Aspekt streichen, da sich vernunftbegabte Menschen (und von denen ging mein Buddy Hippo aus) heute immer weniger über Herkunft, Religion, Geschlecht und Alter definieren, bleiben noch zwei Denominatoren: Umgebung und Zeit. Kurz: Gesellschaft formt Menschen. Oder besser: Die gemeinsam geschaffene und gelebte Kultur formt uns und schafft Identifikation. Sie formt uns zu unserer Zeit, also jetzt. Sie formt aber nicht nur die Jungen, die neuen Generationen, die mit ihrem Beitrag dankenswerter Weise einen neuen „Twist“ hereinbringen. Nein, sie formt uns alle.

„Wer wenn nicht wir, wo wenn nicht hier, wann wenn nicht grad, wie wenn nicht hart“ (Mein Freund, der Philosoph Rektor Donz)

Heißt, neue Generationen springen nicht einfach in die Gesellschaft rein und machen ihr Ding. Manche verändern sie, andere passen sich an die aktuellen Gegebenheiten an und muddeln sich da irgendwie durch. Das Ergebnis ist jedoch in jedem Fall, dass die Gesellschaft nach jeder Frischzellenkur – oder hypothetisch nach jedem neuen Menschen, der gekommen ist, um zu bleiben – nicht mehr die selbe ist. Statt darüber zu sinnieren, was uns trennt, und was diese Generation und jene Generation mitbringt, das sie einzigartig macht, und mir vermeintlich die Möglichkeit bietet einen Hebel anzusetzen, um eine schnittig zahlungskräftige Bevölkerungskohorte von A nach B zu bewegen, in dem ich auf Basis eines bummelig runtergeschriebenen GenWTF-Insights aus der quantifizierten Opportunity gemäß der definierten Task einen demographisch motivierten Mediaplan erstelle, macht es meines Erachtens deutlich mehr Sinn, darüber nach zu denken, was uns eint. Unsere Kultur eint uns. Und das war gerade ein unfassbar langer Satz. Jeder, der ihn gelesen und verstanden hat, kriegt nach Message an mich ein Veltins auf die Faust.

Unsere Kultur eint uns. Kultur nicht im Sinne von Leitkultur a la SarrAfDzin. Kultur nicht im trennenden Sinn. Kultur im verbindenden Sinn. Kultur als ein Produkt von uns allen. Kultur als die Atmosphäre, die wir leben und atmen und selbst gestalten. Kultur, die wir verändern, mit dem Ergebnis, dass sie uns verändert. Verändert und eint – in all ihren Facetten. Die großen, alles verbindenden kulturellen Ereignisse, die Straßenfeger, gibt es nicht mehr, so viel ist klar. Wetten dass, das Lagerfeuer ausgebrannt ist.

Kultur ist heute deutlich vielschichtiger, sie bringt aber mehr denn je Menschen zusammen, bietet Plattformen, schafft Identität. Nicht für „die Masse“, klar, sondern für Menschen, die (generationsübergreifend) das gleiche Mindset haben. Menschen, die gleich ticken. Oder zumindest ähnlich. Macht es nicht viel mehr Sinn, Comms Planning an diesen kulturellen Plattformen auszurichten, anstatt auf soziodemographische Merkmale und Insights zu setzen, die trennen? Suggestivfrage. Ich glaube, ja.

Culture is the shit!

P.S.: Der positive Nebeneffekt einer kulturell und nicht soziodemographisch motivierten Kommunikationsplanung wäre, dass endlich mal wieder jemand mir altem GenX-Sack etwas verkaufen möchte. Ich habe das Geld, und ich bin willig. Leider fragt mich niemand mehr, ob aus dieser Kombination volkswirtschaftlicher Segen entstehen könnte. (Credits an dieser Stelle an meine beiden vorletzten noch nicht zitierten Philosophenfreunde Mathias R. aus B. und Steffen B. aus HH)

To be continued…

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