Media-Gedanken: Die unerträgliche Langweiligkeit des Seins #1

Die Welt ist im Umbruch, sagen manche. Wir sehen uns einer digitalen Revolution gegenüber, sagen andere. Fakt ist, Ready Player One ist schon wieder out-of-date, bevor wir überhaupt verdaut haben, dass Alexa bei Weitem nicht so verführerisch im Regen zerfließen kann, wie Ridley Scotts Version der persönlichen Assistentin, die er Rick Deckard an die Seite gestellt hat. Wahr ist, dass wir inzwischen mit Alexas Hilfe Whiskey-Tumbler mit quadratischer Grundfläche bestellen und in den meisten Fällen ohne ihre Hilfe daraus trinken können. Wahr ist auch, dass Out-Of-Home eines der wenigen Medien ist, denen wir nicht ausweichen können.

(An dieser Stelle sei die Bemerkung erlaubt, dass ich sehr froh darüber bin, dass Ströer bislang nicht auf die Idee gekommen ist, mit audiovisuell aufgerüsteten Raumschiffen an meinem Block vorbeizufliegen, um mich von den fabulösen Möglichkeiten des Eigenheimerwerbs auf anderen Planeten zu überzeugen.)

Unwahr ist, dass wir heute in zwölf vertikal angeordneten Spuren fröhlich mit unseren fliegenden TDIs zur Arbeit jetten. Unwahr ist jedoch auch, anzunehmen, dass wir noch nicht so weit vorangeschritten sind, wie Scott es prognostiziert hat. Wir sind sogar noch weiter entwickelt, als vor 35 Jahren verfilmte Dystopien nahelegen. Flugtaxen werden zwar bis auf Weiteres ein Hirngespinst von Politikern bleiben, die bei dem Wort “Glasfaser” an Velux-Fenster denken, dennoch haben sich Entwicklungen zugetragen, die soziologisch und auch technologisch betrachtet deutlich spannender sind, als durchgeknallte humanoide KIs, die Amok laufen, weil sie’s können.

Mal ganz im Ernst: Wir haben Influencer! Durchgeknallte humanoide Natürliche-Intelligenzen, die von der Natur mal besser, mal schlechter ausgestattet, die fabulösen Möglichkeiten des Eigenheimerwerbs auf anderen Planeten mit Nuss-Nougat-Füllung anpreisen, während sie ganz entspannt in der Badewanne liegen. Wir haben Voice Assistenten, die es uns in gänzlich unkomplizierten Dialogen abnehmen, die Intervallstufe des Scheibenwischers hochzuschalten, wenn in Hamburg mal Regen ist oder das Licht im Wohnzimmer einzuschalten, wenn in Hamburg mal dunkel ist. Wir haben elektrisch angetriebene Skateboards. Wir haben Spülmaschinen, die ihr persönliches Hitzeempfinden auf unsere Smartphones kommunizieren. Wir haben Roboter, die Wäsche zusammenlegen. Wir haben Wäsche, die den Drop, wenn der Drop kommt, mittels Vibration in unsere Nieren spotified. Wir droppen das Mic hard, wenn jemand uns fragt, ob wir das Sonos-System mit korrespondierenden Hue-Szenen kurzgeschlossen haben und wir mit “Digga, was” antworten können. Wir haben eine hellwache, innovative Werbeindustrie, die all das aufnimmt, verarbeitet und das feinstaubfreie Äquivalent zu audiovisuell aufgerüsteten Raumschiffen in Hangar Cannes 20 abstellt und den Zündschlüssel stecken lässt. Digga, was?

Die gesellschaftliche Entwicklung, die wir, von Scott nicht vorhergesehen, durchmachen, ist deutlich signifikanter als jeder sexy Avatar, den wir uns wünschen, aber niemals ansprechen würden. Gleiches gilt für die exponentiell wachsende Innovationsgeschwindigkeit der technologischen Revolution.

Aufgerieben in einem evolutionären Perpetuum Mobile aus Nachfrage und (technologischem) Angebot, dessen Pole sich gegenseitig mit Energie versorgen, steckt die Werbeindustrie augenscheinlich in einer Sinnkrise. Jahrelang wurde die technologische Seite des Systems genauestens beobachtet, bewertet und kommentiert: Wir müssen KI machen, Blockchain ist der heiße Scheiß, mit VR machen wir UX bis der Frosch denkt, dass er wirklich Locken hat, Big Data ist Lt. Data nur ohne die cheesy Brille und so weiter. Was wir bei der fröhlichen Karussell-Fahrt vergessen haben, ist, dass es in unserer Profession immer noch in erster Linie darum geht, Menschen zu erreichen. Kommunikation zwischen Menschen und Marken zu ermöglichen. Emotionen zu wecken. Reaktionen heraus zu kitzeln, um Dialog herzustellen. In der Konzentration auf die schöne neue Welt und all die technologischen Möglichkeiten,  die sie uns bietet, ist das Handwerk verloren gegangen. Das, worum es eigentlich geht in Kommunikation. In Werbung.

Deutlich gewahr wird mir dieser Umstand immer wieder bei der Lektüre von Fachpostillen und jüngst beim Besuch eines wichtigen Branchen-Awards. Werbung hat vergessen, was Werbung ist. Oder vielmehr, was Werbung sein kann. Werbung sollte Entertainment sein. Werbung sollte Information sein. Werbung sollte sich nicht durch die Hintertür in die Küche schleichen und mir die schale Nougatfüllung en passant unterschieben. Werbung sollte Teil des gesellschaftlichen Lebens sein. Werbung ist Teil des gesellschaftlichen Lebens. Werbung überrascht, Werbung polarisiert, Werbung regt auf. Werbung sorgt für Gesprächsstoff, Gesprächsstoff verkauft Produkte. Die Eroberung von neuen Zielgruppen, die den Einschlag in ihrer Filterblase nicht haben kommen sehen, sorgt für wachsende Marktanteile. Werbung sollte stolz sein, Werbung zu sein, weil Werbung unser Leben genauso prägt, wie Replikantenjäger, die auf nassen Dachterrassen postapokalyptisch resignierend Single Malt kippen.

Leider – und das ist die bittere Wahrheit – hat Werbung vergessen, was sie ist. Die Werbebranche ist langweiliger als je zuvor. 16jährige “Agenturchefs” beschwören das Ende, weil Entscheider über 30 bei Nutzung von TikTok höchstwahrscheinlich einen Herzinfarkt erleiden. Petitessen wie Banner-Sichtbarkeit werden zu weißen Wanderern hochstilisiert, die das wohlfeile Marken-Winterfell wenn nicht heute, dann bestimmt morgen zu Fall bringen. Das Festhalten an “das hat noch immer so funktioniert” ist der Schlauch am Auspuff des TDI-Missverständnisses, der linker Hand zum Fenster reinlugt. Vermarkter wahren den Status Quo. Agenturen wahren den Status Quo. Kunden atmen tief ein und wundern sich.

Ich würde mir gern etwas wünschen, da bekanntlich jeder einen Wunsch frei hat. Ich wünsche mir, dass bei der nächsten großen Branchenveranstaltung darüber gesprochen wird, was wir für unsere Kunden erreichen können. Ich wünsche mir, dass darüber gesprochen wird, wie wir Menschen besser erreichen können. Ich wünsche mir Diskurs. Ich wünsche mir Provokation. Ich wünsche mir Raumschiffe, die an meinem Block vorbeifliegen und neue Möglichkeiten aufzeigen. Ich wünsche mir mehr L.A und weniger Bottrop. Mehr Vision, weniger künstlich hochstilisierter Generationenkonflikt. Mehr Mut, weniger German-Kunden-Angst. Mehr Bewegung, weniger Bestandsaufnahme. Mehr Begeisterung, weniger Entschuldigung. Mehr Selbstbewusstsein, weniger Demut. Mehr C.G.Jung, weniger M.E. Zuckerberg. Mehr Initiative, weniger Bedenken. Mehr geiler Scheiß. Mehr. Geiler. Scheiß.

To be continued.

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