ZUGZWANG: ICE 771, Hamburg – Frankfurt

Ach, Hamburch, jetzt sind wir endlich so richtig zusammen. Nicht mehr nur Quickies im Hinterhaus am Schulterblatt. Nicht mehr nur ein One-Night-Stand dann und wann zwischen den grauen Laken eines Hipster-Hostels in St. Georg. Keine flüchtigen Küsse zum Abschied, keine unerfüllte Sehnsucht während der langen Monate der Trennung. Seit ich in meinem Kinderzimmer deine schwarz-blau-weiße Raute an die Korkpinnwand neben der Tür geheftet habe, träume ich von dir. Damals, als ich noch nichts von Fußball verstand, hat sie angefangen, unsere On-Off-Beziehung. Die Karl-May-Bücher, die mein Vater mir am Wochenende im Levantenhaus gekauft hat, begleiten mich seit 30 Jahren kreuz und quer durch die Republik, stehen in jeder neuen Wohnung auf jedem neuen Bücherregal, erinnern mich daran, wie viel du mir gegeben hast. Du bist die einzige Stadt in Deutschland, mit der ich ausschließlich schöne Erinnerungen verknüpfe. Vielleicht, weil ich nie wirklich lange in dir geblieben bin, mich stets zurückgezogen habe, bevor es kompliziert werden konnte. Vielleicht hatte ich Angst, dich zu enttäuschen. Vielleicht hatte ich Angst, dass du mich enttäuschen könntest, wenn ich dir nur die Chance dazu gebe. Jetzt hält der Zug gleich in Göttingen, und du fehlst mir bereits.

Es ist so, als würde die Arschlochdichte im Erste-Klasse-Abteil von Wagen 11 mit jedem Meter Bahnstrecke und jedem Halt weiter zu nehmen. In Hannover hat sich ein blasser Mann mit weißen Haaren und einem großen Leberfleck auf der rechten Wange zu mir gesetzt. Er besteht darauf, dass ich die Jalousie vollständig geschlossen hatte. Vermutlich befürchtet er zurecht, bei Kontakt mit Sonnenlicht zu Staub zu zerfallen. Zwischen Hannover und Hanau erwarte ich natürlich nichts anderes, aber hier in der Ersten sind nochmal deutlich instabilere Vollidioten unterwegs als auf der anderen Seite des Demarkationsbistros.

„Sehr verehrte Fahrgäste, ich bereits sie langsam darauf vor, dass vor uns eine Streckensperrung liegt und zwar zwischen Wächtersbach und Gelnhausen. Das ist schlecht, denn da müssen wir normalerweise lang und die Oberleitung brauchen wir zum Fahren. Die gute Nachricht: Wir werden ab Kassel umgeleitet und kommen voraussichtlich nach Frankfurt durch. Nur wie lange das dauert, das kann ich Ihnen noch nicht sagen.“

Na prima, jetzt hat Fratzoferatu mit rotgeädertem bösen Blick die Strippe vom Mast gestarrt. Frage mich, ob Gelo-Earbudo, die schnuffelige Excel-Fee mit dem Vidal-Sassoon-Bärtchen, etwas dagegen unternehmen möchte. Möglicherweise hat er die Situation aber auch noch nicht vollständig mitgeschnitten, da ihm Robert Palmer nicht nur die Frise, sondern auch die Ohren verschmalzt. „Die Oberleitung brauchen wir zum Fahren“ – was ist das überhaupt für ein Klugscheißerspruch?

„Die Oberleitung brauchen wir zum Fahren.“

„Ach zum Fahren braucht ihr die, die Oberleitung. Da schaumaleinerguck, Prinzesschen und wofür braucht ihr den Kühlschrank?“

„Den Kühlschrank brauchen wir zum Kühlen.“

„Nein?“

„Doch“

„Oooh.“

„Jaha!“

„Das ist aber fein. Und wofür brauchst du deine Beine?“

„Meine Beine brauche ich zum Laufen.“

„Na, das ist aber ein Ding.“

„Nicht wahr?“

„Ja, klar. Dann lauf doch mal flink mit deinen Beinen zum Kühlschrank und hol mir ein kaltes Bier.“

„Aber gern doch.“

„Und wo’s ´ne Oberleitung gibt, darf’s ruhig schnell gehen!“

„Tuuut, tuut!“

Da tutet sie von dannen, während das rollende Irrenhaus in Kassel zum Stehen kommt. Scheiße, da zieht noch einer an der Abteiltür. Ich improvisiere spontan eine Aliengeburt.

„Argh…geh…geh weg…ich weiß nicht, wie lange ich es noch… in mir halten kann!“

„Aber…“

„Hol‘ Ripley…schnell!“

„Sie…“

„Uargh….“

Ich drücke die Faust meiner linken Hand nach außen gegen das Hemd, und zerquetsche zeitgleich die vier Ketchup-Packungen, die ich vorhin geistesgegenwärtig bei McDonald’s in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs eingesteckt habe.

„Lauf…verschwinde, solange du…noch kannst!“

Dass ich es in diesem Augenblick schaffe, einen großen Teil der Chicken McNuggets mit Barbecue-Soße wieder hoch zu würgen, macht die Darbietung perfekt.

Hemd und Jeans sind reif für die Tonne, aber dafür habe ich das Abteil wieder für mich allein. Manchmal habe ich Angst vor mir selbst.

Ach, Hamburch, warum hast du mich nur gehen lassen? Ich schwelge in Erinnerungen und Halbverdautem. Wie schön ist es, endlich wieder tschüüüüüß sagen zu dürfen. Tschüüüüß mit 12 Ü – mindestens. Nicht tschö, ciao oder rinjehauen – einfach nur tschüüüüß. Mit nem „s“ schärfer als die kleine Blonde aus dem Dollhaus mit Löwensenf extra.

„Wie bereits angedeutet haben wir eine Streckensperrung vor uns, die wir auf einer landschaftlich äußerst reizvollen Nebenstrecke umfahren dürfen. Das bedeute leider auch, dass wir etwas später in Frankfurt ankommen werden…“

…hat aber den angenehmen Nebeneffekt, dass ich Fulda und Hanau heute nicht mehr sehen muss. Immerhin etwas. Wo ist denn jetzt die mit den Beinen und dem Bier abgeblieben. So weit kann das doch gar nicht sein bis zum Kühlschrank. Wahrscheinlich hat sie rausgefunden, dass ich Sparpreis gebucht habe und lässt sich das Weizen gerade von unserem wortakrobatischen MC von den Sneakers lecken. Obere Mittelschicht ist auch nicht mehr so geil, wie alle erzählen. Völlig überschätzt. Während ich hier vollgekotzt verdurste, plant Salma Laufebein schon eitel lächelnd den landschaftlich reizvollen Paarritt auf dem DB Fahrrad in den Sonnenuntergang. Boah, habe ich Durst. Ob ich einfach…selbst ins Bistro gehe? Na gut, hilft ja nichts. Fratzeratu und Gelo-Earbud sind übrigens inzwischen wieder zurück, da die Rummelbude ansonsten voll besetzt ist. Sie sind beide zu dämlich, um ihre Rollkoffer in die Gepäckablage zu hieven und schieben so ihr Gepäck auf dem Abteilboden ständig von rechts nach links, um ihre Beine ausstrecken zu können. Ich bahne mir einen Weg Richtung Gang durch die Plörren der Edel-Tramps.

„Wie bei den grünen, homosexuellen, Hippie-Kommunisten sieht das hier aus, ihr links-liberalen Radfahrer. Und es stinkt nach Kotze.“

So, macht was draus. Meine Fresse ist das Nebengleich holperig. Wie heißt das hier? Stadtallendorf? Hier musste als Hase lange suchen, bis du nen Fuchs zum Gute-Nacht-Sagen findest. Und dann geht der noch ständig in die Eisen wie Vettel. Ehrlich, wenn nur ein Tropfen von meinem Weizen…, dann haue ich dem Fahrer auf die Nuss. Aggressiv werde ich, mein lieber Mann. Das liegt bestimmt daran, dass wir inzwischen so weit von Hamburg entfernt sind.

Ach, Hamburch… vorhin am Bahnhof war noch alles in Ordnung. Ich habe mir das LTB „Tatort Entenhausen“ gekauft.

„Aber nech, dass sie mir vom Lesen Alpträume bekommen“, hat die dralle staatlich geprüfte Buchhandelsfachangestellte in Teilzeit geschnurrt.

Ich habe nur gelacht, verzaubert von ihrer rauen Sanftheit.

„Und wenn dann n schönes heißes Glas Milch.“

Ihr Blick rührte ohne zu fragen den Honig ein. Ich zahlte sprachlos, wissend, dass jedes weitere Wort den Augenblick zerstört hätte. Das Erdinger Weißbier glänzt golden in der Abendsonne. Wir passieren einen Tümpel mit Entengrütze und ein Gartenlokal.

Ach, Hamburch…

// Zuerst erschienen bei: Zugzwang

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