Lesen 02/2018: Murakami, Boyle, Springsteen, Kagge

Ich habe mir in diesem Jahr das Ziel gesetzt, 42 Bücher zu lesen. Warum gerade 42? Die Frage ist schnell beantwortet: Im vergangenen Jahr habe ich es auf 40 Wälzer gebracht. Da ich mich mit traumwandlerischer Sicherheit auf jede Gamification-Möhre stürze, die mir vor die Nase gehalten wird, versuche ich also in 2018, zwei mehr zu schaffen. Außerdem ist 42 bekanntlich die Antwort auf die “Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest”. Ich muss das sicher nicht weiter ausführen. Bislang bin ich solide auf Kurs. Die äußerst empfehlenswerte App “Goodreads” sagt mir, dass ich in den ersten beiden Monaten bereits 16 Bücher verschlungen habe. Kein schlechter Schnitt, wie ich finde.

Bei meiner Auswahl folge ich keinen rational viermittelbaren Kriterien. Ich lese zeitgenössische amerikanische und (mit Abstrichen auf Grund von Ahnungslosigkeit) deutsche Autoren ebenso gern wie den drogenschwangeren Beat-Kram von Borroughs, Thompson, Kerouac und Konsorten. Ich erschließe mir sukzessive Literatur aus dem 19. (Dostojewski, Flaubert) und frühen 20. Jahrhundert (Fallada, Musil) und entspanne zwischendurch bei übelstem Mystery-Trash von Preston & Child oder dem aktuellen Output der üblichen Krimi-Verdächtigen aus Skandinavien (Arne Dahl, Jussi Adler-Olsen etc.). Ach so: Und Kurzgeschichten haben es mir ebenfalls angetan. Wahrscheinlich beginne ich bald damit, Gebrauchsanleitungen für Haushaltsgeräte zu lesen.

Meine Lieblingsautoren sind (bislang) Siegfried Lenz, Haruki Murakami und T.C. Boyle. Auch hier ist also keine Stringenz festzustellen. Auf die Aufzählung von Kafka, Camus und allem, was man sonst noch schon zu Schulzeiten gut fand, wenn man in der Raucherecke nicht ausgelacht werden wollte (Poe, Houellebecq, Hornby etc.), verzichte ich an dieser Stelle geflissentlich. Indes kann ich nicht verhehlen, dass ich dabei bin, eine kleine Schwärmerei für Dürrenmatt zu entwickeln, aber dazu vielleicht später mehr. Jetzt erst einmal meine Lesetipp aus dem Monat Februar. Dieses Mal in nicht ganz so epischer breite kommentiert – schließlich will ich nur empfehlen und nicht kritisieren oder gar zu viel vorweg nehmen. Vertrauen heißt also das Gebot der Stunde. Eingeläutet habe ich den vergangenen Monat mit dem ersten Band des neuen Werkes von einem meiner Lieblinge:

Die Ermordung des Commendantore I (Haruki Murakami bei DUMONT)

Der Klappentext spricht von Murakamis “großem Künstlerroman” und in der Tat geht es um einen namenlosen Maler, der nach der Trennung seiner Frau in das leerstehende einsame Haus des Vaters eines Freundes zieht, um nach Jahren der auftragsmäßigen Porträtmalerei wieder zu sich und seiner Kunst zurückzufinden. Dass dieses Sujet, das Buch direkt zu einem “Künstlerroman” macht, wage ich zu bezweifeln, und auch sonst geistern unzählige irreführende Kritiken durch das Netz, wie dass das Buch ein “Murakami für Einsteiger” sei oder dass es IQ84 ähnele. Letzteres liegt für manchen möglicherweise nahe, weil der Titel ebenfalls aus zwei Büchern besteht – inhaltlich kann ich indes überhaupt keine Parallelen entdecken. Ja, “Die Ermordung” ist auch in Teilen mystisch – sonst wäre es auch kein Murakami – eine Ebene, die ich laienhaft als “japanisch” bezeichnen würde, da vielmehr im Mittelpunkt steht, was Menschen sind und nicht, was sie tun. Neben diversen amourösen Bekanntschaften und einer stabilen Schreibblockade durchlebt der Maler im ersten Band mit Hilfe eines mysteriösen Nachbarn aus der IT-Branche und eines durchaus unterhaltsamen, aufmüpfigen Geistes, eine innere Wandlung, die ihn auf die Spuren des verstorbenen Besitzers des Hauses, eines berühmten Malers, und dem Wesen seiner eigenen Kunst bringt. Das Buch hat mich extrem gefesselt – leider erscheint der zweite Teil erst am 16. April…

Good Home (T.C. Boyle bei Hanser)

T.C. Boyle ist – zumindest für mich – der Meister der amerikanischen Kurzgeschichte und ganz nebenbei sowohl in kurzen als auch in langen Formaten ein wortgewaltiger, gut beobachtender Gesellschaftsproträtist. Good Home knüpft (wenn man möchte) ein wenig an “Hart auf Hart” an, auch wenn es nicht gar so laut daher kommt, da es ebenfalls im Amerika der Gegenwart situiert ist. In insgesamt 20 Geschichten widmet sich Boyle den Einwohner seines Heimatlandes. Anders als bei früheren Short-Story-Sammlungen, wie etwas “Tod durch Ertrinken” stehen nicht aberwitzige, absurden Geschehnisse im Vordergrund, sondern Menschen in all ihrer Normalität. Man hat das Gefühl, diese Menschen zu kennen und in all ihrer skurrilen Normalität zu verstehen. Das macht die Lektüre zu einem hochemotionalen Erlebnis, das sich in etwas so anfühlt, als würde man konzentriert ein Album von Bruce Springsteen oder Bob Dylan durchhören, dabei im Booklet blättern und die Bilder, die die Musiker heraufbeschwören, vor seinen Augen entstehen lassen.

Born To Run (Bruce Springsteen bei Heyne)

Die Autobiographie vom Boss – was gibt’s dazu noch groß zu sagen. Seit dem Erscheinungstermin steht der fette Wälzer (660 Seiten) bei mir im Regal. Endlich habe ich mich angetraut – und es hat sich gelohnt. “Born To Run” liest sich flüssig, unterhaltsam, zeitgemäß, viel eher wie ein Roman, als eine Biographie. Das mag einerseits daran liegen, dass Springsteen in seinem Leben genug Stoff für zig fesselnde Bücher selbst erlebt hat, ist andererseits aber auch der Schreibe und sehr guten Übersetzung zu verdanken. Man sitzt dem Autor gegenüber, während er erzählt. Sehr offen, sehr emotional, manchmal witzig, manchmal nachdenklich, oft selbstkritisch. Springsteen ist ein guter Erzähler. Er ist reflektiert und empathisch, schonungslos, wenn es notwendig ist. Am meisten fasziniert haben mich die Kapitel, in denen es um seine Kindheit und Anfangsjahre als Musiker geht, in denen nicht nur deutlich wird, wie er zu dem Ausnahmekünstler werden konnte, der er ist, sondern auch das Leben und die gesellschaftliche Situation der USA in den 50er bis 70er Jahren beleuchtet wird. Springsteen bettet seine eigene Geschichte gekonnt in die Zeit ein, man trifft viele Bekannte und bekommt obendrauf noch ein wenig Geschichtsunterricht. Das Buch ist sicher ein Muss für jeden Springsteen-Fan, darüber hinaus jedoch ein wahres Fest für Musiker und jeden, der auch nur einmal in die Nähe einer Bühne oder eines Tonstudios gekommen ist. Das Schönste jedoch ist, dass es eine Steilvorlage dazu gibt, das komplette musikalische Oeuvre von The Boss noch einmal mit anderen Ohren zu hören.

Stille (Erling Kagge bei Insel)

Erling Kagge ist ein norwegischer Abenteurer, Verleger und Autor. “Stille” ist ein kleines, feines Buch aus dem Insel Verlag über genaue jene: Die Stille. Kagge beschreibt, wie man die erfüllende Stille, also die, in der man nachdenkt, sich mit sich selbst beschäftigt und sich eben nicht die Zeit vertreibt, im Alltag finden kann. Auf seinen Expeditionen zum Nord- und Südpol auf den Mount Everest und unter die Straßen New Yorks hat er sie stets gesucht und sich – in Ermangelung von Mobiltelefon und anderer Ablenkung – intensiv mit ihr auseinandergesetzt und sie zu schätzen gelernt. Das Büchlein – so muss man es bei einer Stärke von gerade einmal 140 Seiten wohl bezeichnen – ist eine feine Reflektion über unseren hektischen Alltag und den Zwang, sich ständig beschäftigen zu müssen, die mich gut unterhalten und zum Nachdenken angeregt hat. Sicher ein Buch, dass ich des öfteren wieder zur Hand und zum Anlass nehmen werden, mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Ganz nebenbei taugt es hervorragend als kleines Mitbringsel für gute Freunde.

So. Das war’s. Derzeit schlage ich mich durch die Rolling-Stone-Jahre von Hunter S. Thompson und kann es nicht erwarten weiter zu lesen. Einer der negativen Aspekte des “Leseratten-Modus” ist leider der, dass ich so gut wie überhaupt nicht zu Schreiben komme. Ein Umstand, für den die magere Befüllung dieses Blogs Beweis genug ist. Ich versuche mich zu bessern, kann aber nichts versprechen. Es gibt noch so viele Bücher, die ich nicht kenne. Bei einer Leseleistung von 42 Stück pro Jahr muss ich furchtbar alt werden, um alle zu schaffen. I’ll do my very best.

3 Gedanken zu “Lesen 02/2018: Murakami, Boyle, Springsteen, Kagge

  1. Du hast mich nun Restlos überzeugt mit T.C Boyle, ich habe ja bisher nur Terranauten gelesen und mochte es sehr. Bin schon ein paar mal über sein neues Buch in der Buchhandlung rum geschlichen, allein die Tatsache, dass es sich um Kurzgeschichten handelt, habe ich es nicht gekauft. Ich schrecke immer noch vor Kurzgeschichten zurück, da ich die Befürchtung habe, gerade in eine Geschichte reinzukommen, sie dann sogleich wieder verlassen muss. Wahrscheinlich ist das aber blödsinn, sicherlich kann man auch aus Kurzgeschichten, viel mitnehmen.

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    • Das freut mich sehr! Die Gefahr, dass man sich in eine Geschichte einliest und die Figuren lieb gewinnt, nur um sich dann wenige Seiten weiter direkt wieder umzugewöhnen, besteht natürlich schon. Ich finde aber, dass er es schafft, auch in aller Kürze so dichte und „vollständige“ Storys zu erzählen, dass der Abschiedsschmerz jeweils erträglich ist. Solltest du dich noch mal auf einen Roman von Boyle einlassen wollen, kann ich dir „Wassermusik“ und „Grün ist die Hoffnung“ ebenfalls ans Herz legen…und eigentlich alle anderen auch. 😉 Viel Spaß!

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