Bewegte Jugend #4: HipHop, Teil 2

„HipHop braucht kein Mensch, aber Mensch braucht HipHop“  Fünf Sterne Deluxe

 

Auf in hunderten Hälsen stecken gebliebenen Wunsch hin, möchte ich mich heute anschicken, tatsächlich ein paar Worte über HipHop zu verlieren. Nachdem der erste Versuch, mich des Themas schriftlich anzunehmen, kläglich an jugendduseligen Schilderungen von 90er Klamotten- und Musikshopping scheiterte, fühle ich mich heute bereit, den Payoff auf den Tease zu liefern. Oder zumindest bereiter. Mal sehen, was passiert. HipHop passierte mir, wie bereits erwähnt, durch Fabian, die allgegenwärtige Verquickung von elektrischen Gitarren und 808 Beats im Allgemeinen und Rage Against The Machine im Besonderen. Retrospektiv war ich für den rockenden Part unserer musikalischen Beziehung zuständig und Fabian für den groovenden. So schleppte ich Helmet und anderen Lärm von Amphetamine Reptile Records und SubPop an, während Fabian meinen Geschmack mit Scheiben von DefJam und Ruffhouse zu infiltrieren versuchte. Seine musikalische Entdeckung, die mich am meisten beeindruckt hat, war übrigens Keziah Jones, aber der würde uns thematisch wieder von der HiphHop-Fährte abbringen. Wir spielten uns also Woche für Woche nach der Schule (und später nach dem Zivildienst – ich habe nie wieder soviel Geld für Musik ausgegeben, wie in dieser Zeit) unsere aktuellen Favoriten und Diskussionsvorlagen vor. Hierbei ging es selbstverständlich nicht nur um Genuss, sondern vor allem um konstruktiven Diskurs. Der besondere Reiz lag in unseren Einflugschneisen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Wie sonst hätten wir zum Beispiel herausfinden können, dass das Drumintro von Helmets “In The Meantime” schwer nach “Rhymin’ And Stealin’” von den Beastie Boys klingt und tatsächlich beide den großartigen John Bonham (“When The Levee Breaks”) zitieren. Das hatte definitiv nur nur über einen stilistisch maximal weit gefassten Ansatz funktionieren können…und ich muss jetzt direkt SEHR LAUT Led Zeppelin anmachen. Aber zurück zum Fall: Fabian und ich brachten uns also gegenseitig unsere neuesten Errungenschaften nahe und verlegten unsere Diskussionen schon bald mit schöner Regelmäßigkeit in das Kellerzimmer in dem Fabians Schlagzeug stand. Um die Diskussion hier nicht mit Worten, sondern mit Taten fortzuführen, hatten wir in der Regel im Vorfeld aus meinem Keller meinen Bass und den kleinen Fender-Übungsverstärker in dem roten Astra von Fabians Mutter herangeschafft. Aus den musikalischen Experimenten, dem Nachspielen und Kombinieren von zuvor gehörten Beats und Basslines entwickelte sich recht zügig die Idee, unsere eigenen Ideen, beziehungsweise Stilwelten zusammenzuführen. Ich spielte zu der Zeit bereits in einer (wenn nicht DER) Trash-Funkband mit dem fantastischen Namen Killefit, und wir hatten uns so etwas wie einen Local Hero-Status in unserer Altersklasse erspielt. Fabian hatte sich in kürzester Zeit neben dem Klavierspielen auch noch das Trommeln beigebracht und beide waren wir offen dafür, Wege in bislang unbekannte musikalische Galaxien einzuschlagen. Fabian aus echtem Interesse und mit professionellem Verve (er war mit Abstand der bessere Musiker). Ich, weil ich Bock auf dieses Rockstarding hatte. Sehr verkürzt kam es so also dazu, dass wir zusammen mit Albert (MC), Michel (Gitarre) und Chris (DJ) eine HipHop-Band gründeten. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies die finale Besetzung darstellte und ob der DJ tatsächlich Chris hieß. Mir ist jedoch so, als hätte genauso geheißen wir DJ (Funky) Chris von TooStrong. Identisch waren die beiden Personen indes nicht, glaube ich. Wie dem auch sei. Wir hatten einen großartigen Schallplattenunterhalter aus dem Umfeld der Silonation aufgetan, einen unfassbar versierten Rock-Gitarristen, der den ganzen krassen Scheiß von Living Color, Extreme, Mr. Big und Co mal eben so aus dem Handgelenk schüttelte, für uns gewinnen können, in unserem Schulfreund Albert, den wir bislang nur als äußert effektiven Center auf dem Basketballfeld erlebt hatten, einen Poeten und sensationell flowenden Reimakrobaten entdeckt und in Fabians Keller geschrieben und geprobt. Schon bald reichten Platz, technische Ausstattung und Nerven der übrigen Hausbewohner jedoch nicht mehr aus, um auf diese Weise weiterzumachen.

Meine “Hauptband” Killefit probte zu der Zeit im Keller der altehrwürdigen Lindenbrauerei zu Unna. Da ich in jenem von einer Bierfabrik in eine Kulturstätte umfunktionierten Etablissement als Zivildienstleistender für die Beaufsichtigung des Seniorentanzes, Licht-, Ton- und Roadie-Dienste sowie diverse Bürotätigkeiten zuständig war, konnten wir uns glücklicherweise kurzfristig ebenfalls in dem Bandraum einnisten. Mit Hilfe von Mikrofonen, eines kleinen Mischpults und einem Minidisc-Recorder – zur Verfügung gestellt aus dem technischen Fundus der Einrichtung – war es uns möglich, unser Repertoire ebenda in diversen Mittagspausen- und Abendsessions aufzunehmen. Das Ergebnis war wirklich gut. Zumindest erinnere ich mich immer noch mit Freude daran. Highlights unserer folgenden, kurzen Karriere, die damit endete, das sowohl Fabian als auch ich zum Studium nach Berlin zogen, waren das Vorspielen für einen Live-Auftritt bei einer Fernsehshow in Köln und ein nachmittäglicher Support-Gig für die Armen Ritter und Fettes Brot in Unna.

An das Vorspielen waren wir gekommen, weil Fabian unser Tape zu einem Fernsehsender geschickt hatte. In der geplanten Show ging es, wenn ich mich recht entsinne, im weitesten Sinne um aktuelle Jugendkultur. Da wir HipHop machten – was damals noch neu war – aus der Region kamen, gut klangen und aussahen, lud man uns ein, am Bandcasting teilzunehmen. Die Abneigung gegen Köln, die ich während der Fahrt zum Vorspielen in einer ebenerdigen Industrieetage in der Innenstadt entwickelte, hält bis heute an. Es gibt in dieser Stadt ausschließlich Einbahnstraßen. Autofahren ist schier unmöglich. Bis zur Ankunft an unserem Ziel haben wir dreimal den Dom, den Hauptbahnhof und das Wallraff-Richartz-Museum aus jeweils mindestens fünf unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Mit knapper Not kamen wir pünktlich, lieferten ab und erhielten wenige Tage später einen Brief mit der freudigen Nachricht, dass sie uns nahmen. Dass sie UNS NAHMEN. Dass wir also live in der Show im Fernsehen spielen würden. Wir rasteten aus. Wir waren mit 200 Sachen auf der Überholspur der kürzesten Strecke ins Superstarland unterwegs. Wir. Im Fernsehen. MIT RECHT! Ein paar weitere Tage später erhielten wir einen Anruf, dass die Show wegen schlechter Quoten des Piloten nicht auf Sendung gehen würde. Mit 200 Sachen. IN DIE LEITPLANKE! HipHop Hooray…

Das rühmlichere und versöhnlichere Highlight folgte im Zuge des Streetlife Day 1996 in der Lindenbrauerei Unna – einer Veranstaltung, die ich als “Abschlussarbeit” meines Zivildienstes organisieren durfte. Wir spielten hinten auf der LKW-Rampe neben der Halfpipe und fühlten uns, als wären wir auf der Vans-Warped-Tour. Mir ging es zumindest so. Vielleicht bringe ich einiges durcheinander, da der Tag einer der spektakulärsten meines jungen Lebens war (und noch immer ist) und weil einige der besten Sprayer aus Dortmund und Umgebung die lange Mauer, die das Brauereigelände vom Friedhof abgrenzt, verschönerten, während wir spielten; vor uns unsere Freunde durch die Pipe flogen, und in der Mitte des Sets König Boris, Doktor Renz und Schiffmeister an den Bühnenrand kamen und wie alle anderen fröhlich mit den Köpfen nickten. Vielleicht hat all das meine Wahrnehmung etwas getrübt, die Dinge verklärt, aber sei’s drum. Wir waren mittendrin, Teil der Bewegung, sahen abends im Saal Dende und die Ritter (damals noch auf Sauerländisch, nicht Hamburgerisch) für die Brote eröffnen, haben nach dem Konzert alle zusammen im Backstage Kräuterzigaretten geraucht und Brüderschaft getrunken und schlaflos mit Frikadelle am Ohr über Musik gequatscht bis es hell wurde. Ja klar, wir waren vorher und nachher auf Jams in Bochum, Essen und Dortmund mit ganz viel Street Credibility, Bomberjacken und Ruhrpottgangstern mit Gaswummen, aber dieser Abend in Unna mit alten und neuen Freunden vereint in der Liebe zur Musik, dieser Abend war mein HipHop.

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