Lesen 01/2018: Lenz, Turner, Knausgård, Bradbury

Die Sonne zeichnet helle Rechtecke auf den Holzboden des Büros. Von ihrem wärmenden Licht angelockt haben sich im Garten meines Nachbarn weiße Kissen auf dem nassen Grün des Rasens ausgebreitet. Wie jedes Jahr künden die zarten Blüten der Schneeglöckchen als erste vom nahenden Frühling. Haben das Rennen herauf aus der braunen, schweren Erde an die kalte klare Luft für sich entschieden. Als nächstes werden sich Narzissen und Krokusse hervor tasten, um mit leuchtenden Farben den Beginn der neuen Jahreszeit zu markieren. Fast scheint es so, als sei schon alles vorbei. Als gehörten der Dauerregen, die schneidende Kälte, der Matsch und die tief hängenden Wolken der letzten Monate bereits heute der Vergangenheit an. Und wäre es nicht schön, wenn es tatsächlich so wäre? Wäre nicht alles vielleichter, wenn wir nicht wüssten, dass all das winterliche Sprießen und Blühen Teil eines groß angelegten Täuschungsmanövers ist, das uns kurz frohlocken lässt, nur um uns dann umso brutaler zurück ins triste Grau des Winters zu stoßen? Wahrscheinlich würden wir deutlich fröhlicher in die kommenden Tage hineinstolpern, wenn wir nur ein klein wenig ahnungs- und argloser wären. Sind wir aber nicht. Und das Wissen, das uns die jahrzehntelange Erfahrung vermittelt hat, geht auch nicht wieder weg. Wir sind verdammt dazu, zu wissen, dass die Natur uns an der Nase herumführt.

Nun, es gibt sicherlich schlimmere Schicksale. Und es gibt verschiedene Strategien, um der alljährlichen Wetterverarsche zu entkommen. Meine bevorzugte ist die geplante Realitätsflucht. Funktioniert garantiert. Dieses Mal habe ich mich zuerst in ein sommerliches Ostseebad, dann weiter nach Norwegen und schließlich mit einem soliden Umweg über Masuren und diverse nach Bier und Schweiß stinkende Backstageräume in ein dystopisches, postliterarisches Amerika fortgemacht. Letzteres beförderte mich deutlich schneller und schmerzhafter wieder in die Realität, als mir lieb gewesen wäre, aber dazu später.

 

Die Schweigeminute (Siegfried Lenz bei Hoffmann & Campe // ISBN: 978-3-455-40503-3)

Siegfried Lenz gehört zu meinen absoluten Lieblingsautoren, selbst wenn mein Weg zu seinem Werk alles andere als klassisch war. Ich kann mich nicht daran erinnern, in der Schule „Die Deutschstunde“ gelesen zu haben. Leider. Meine Lehrer prügelten mich durch die Buddenbrooks, Ansichten eines Clowns und allerlei weiteres sozialkonservatives Dörrobst. Max Frisch und Stefan Zweig waren die einzigen literarischen Lichtblicke in der Düsternis des verstaubten Curriculums, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Wie hatten wir uns zwischen Werther und dem Sandmann nach stärkerem Stoff gesehnt, der zumindest ein kleines bisschen knallt. Aber nein, Fehlanzeige. Unsere Rufe wurden nicht erhört.

Viel, viel später – genau gesagt im Jahr 2011 – entdeckte ich in der Bahnhofsbuchhandlung in Frankfurt am Main durch Zufall die in jenem Jahr veröffentlichte Kurzgeschichtensammlung „Die Maske“, griff zu und war nach fünf Seiten schockverliebt in Lenz‘ Stil, seine Sprache, seine pointierten Bilder, die Lebendigkeit seiner Erzählung und nicht zuletzt die Tiefe der Geschichten. Es war um mich geschehen. Ich arbeitete mich weiter vor, las das amerikanische Tagebuch, den Überläufer (grandios!) und dann schließlich auch die Deutschstunde. Jede Seite ließ meine Liebe für diesen großartigen Autor weiter wachsen. In „Die Schweigeminute“ geht es ebenfalls um Liebe. Allerdings nicht um die eines Leser namens Christian zu einem Autor namens Siegfried, sondern um die Liebe des Schülers Christian zu seiner Lehrerin Stella – wenn nicht gar um die Liebe eines kompletten Städtchens an der Ostsee zu eben jener Stella Petersen, die Christian, der nach der Schule in der Steinfischerei seines Vaters aushilft, an Heirat und gemeinsame Flucht in die Einsamkeit der dem Festland vorgelagerten Vogelinsel denken lässt. Die Schweigeminute wirkt als hätte der Autor einfach drauflos geschrieben und seine (Christians) Geschichte locker aus dem Gedächtnis heraus erzählt. Auf den nur 128 Seiten herrscht eine zeitlose Leichtigkeit vor, die man nur selten zwischen Buchdeckeln findet. Ein Sommerbuch? Ja, ganz bestimmt, aber noch vielmehr ein Winterbuch, das dabei hilft der grauen Tristesse zu entfliehen. Man spürt beim Lesen förmlich den Sand zwischen den Zehen und das Salz auf den Lippen. Gleichzeitig sind alle Gedanken und Gefühle derart schnörkellos auf den Punkt gebracht, dass man denken könnte, man sei es selbst, der da von seiner großen Liebe erzähle. Zumindest ging es mir so. Ich verspürte ohnehin eine große persönliche Nähe zu dem Beschriebenen – zumal sich Lenz beim Namen des Ortes Hirtshafen, in dem Christian und Stella einander begegnen, scheinbar am dänischen Städtchen Hirtshals orientiert hat. Dem Ort also, von dem aus meine Familie zu Ostern und im Sommer jeden Jahres nach Norwegen einschiffte. Selten fuhren wir auch im Herbst oder gar im Winter gen Norden, um Verwandte zu besuchen, Ski zu fahren, zu angeln, zu baden, oder was das Wetter sonst so hergab.

Heute fahre ich mit meiner Tochter zumindest einmal im Jahr ebenfalls nach Norwegen, in das Heimatland meines Vaters und meine zweite Heimat. Nach wie vor übt das Land zu jeder Jahreszeit einen besonderen unvergleichlichen Reiz auf mich aus. Ich hoffe, dass meine Tochter ähnlich empfindet und unsere Urlaube noch lange zu schätzen weiß. Den Besonderheiten der Jahreszeiten widmet sich derzeit auch ein anderer Norweger, an dem für Literaturfreunde in den letzten Jahren kein Vorbeikommen war: Karl Ove Knausgård, der Mann der vor allem durch sein autobiographisches Werk in sechs Bänden „Min Kamp“ (dt. Mein Kampf) auffällig geworden ist – knapp 4800 Seiten, die ich jedem wärmstens ans Herz lege, der viel Zeit hat und sich an wundervoller Sprache in Ermangelung von spannender Handlung ergötzen kann. Deutlich kompakter sind die vier Bücher von Kanausgårds just erschienenem Jahreszeitenzyklus, in den ich ein wenig zu spät eingestiegen bin.

 

Im Herbst (Karl Ove Knausgård bei Luchterhand // ISBN: 978-3-630-87514-9)

„Im Herbst“ liegt eine ganz und gar zauberhafte Idee zu Grunde: Ein Vater setzt sich an den Schreibtisch und beschreibt für seine ungeborene Tochter die Welt, wie er sie sieht. Der Vater heißt Karl Ove Knausgård. Er hat bereits drei Kinder. Das vierte – ein Mädchen – ist unterwegs. Der Vater nutzt die Zeit bis zu ihrer Geburt, um schriftlich über die vorbeiziehenden und hernach kommenden Jahreszeiten zu reflektieren. Dies tut er scheinbar nach dem Zufallsprinzip, ganz so, wie es ihm in den Sinn kommt. So erfährt man im ersten Band der Tetralogie näheres über Schamlippen, Schweinswale, Wespen und Pisse. Auch „die Jahreszeiten“ sind, das wird bereits nach den ersten Seiten klar, etwas für Freunde großartiger Sprache und mal unterhaltsamer, mal zum Nachdenken anregender subjektiver Reflexion. Eine beeindruckende Neuerung gegenüber „Min Kamp“ ist, dass Knausgård dieses Mal tatsächlich ohne jedwede Handlung auskommt. Ich mag’s, weil „Im Herbst“ – ebenso wie „Im Winter“, das ich kurz danach angefangen habe – wundervoll dafür geeignet ist, zwischendurch mal zehn Minuten in schöne Gedanken abzutauchen. Die kurzen Kapitel á fünf bis acht Seiten sollte man somit nicht am Stück lesen, sondern nebenbei, bzw. parallel zu einem anderen Buch, das möglicherweise die ein oder andere zwischenzeitliche Zerstreuung oder Ruhepause einfordert. Knausgårds Betrachtungen sind Pralinen, mal süß, mal salzig, aber stets nahr- und schmackhaft. Ich hoffe, dass ich mich bis zum Sommer nicht daran überesse…Glücklicherweise habe ich auch ein paar andere Snacks entdeckt, die – zumeist sauer – an grauen Wintertagen lustig machen.

 

So zärtlich war Suleyken (Siegfried Lenz bei Hoffmann & Campe // ISBN: 978-3-455-40504-0)

Wahrscheinlich bin ich der letzte Mensch mit Schulabschluss auf diesem Planeten, der feststellt, dass die „kleinen Erkundungen der masurischen Seele“ eine äußerst unterhaltsame Lektüre sind. Sollte dem nicht so sein, empfehle ich allen, die gleich mir diesbezüglich noch nicht erleuchtet worden sind, diese Sammlung zumeist absurder und stets komischer Geschichten aus der Heimat des Autors, dringend zu lesen. Beeindrucken die Knausgårdschen Snacks durch Sprachmächtigkeit und eine feine Observation der Dinge um uns herum, legen Lenz‘ Anekdoten augenzwinkernd die Seele des menschlichen Zusammenlebens offen. Das mag in meiner zugegeben ein wenig gestelzt daherkommenden Formulierung nach dröger Humanistenkost klingen, ist aber de facto ein zeitloses Bild unserer Existenz – unabhängig davon, ob wir sie in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Ostpreußen oder heute an einem x-beliebigen Ort in Deutschland fristen. Wenn die Bewohner von Suleyken und Schissomir ein ums andere Mal in vermeintlich alltäglichen Situationen aufeinandertreffen kommt keine Langeweile auf. Ganz im Gegenteil: Ich konnte das Buch, das eigentlich als Pralinenschachtel gedacht war, nicht aus der Hand legen, bevor ich es durchgelesen hatte. Die Zeichnungen und Initiale von Erich Behrendt steigern zusätzlich den Lesegenuss, so dass ich das Buch gern wieder zur Hand nehme, um das ein oder andere Kapitel noch einmal zu erleben.

Zugegeben, auch wenn ich „So zärtlich war Suleyken“ als zeitlos beschreibe, ist es auf Grund des Settings der Geschichten eher Volksmusik als Rock’n’Roll. Und ja, dies wird eine arg zurechtgebogene moderative Brücke zu meinem nächsten Januar-Highlight. Um jenes ordentlich würdigen zu können, sollte man idealerweise Frank Turner kennen. Wobei…das stimmt nicht. Selbst wenn man Frank Turner nicht kennt, so wird man ihn spätestens nach der Lektüre seines autobiographischen Buches heiß und innig lieben. Heißt, selbst jemand, der besagten Herrn Turner nicht kennt, aber sich auch nur das klitzekleinste Bisschen für Gitarrenmusik begeistern kann, kommt an dem hier nicht vorbei:

 

The Road Beneath My Feet (Frank Turner bei The Overlook Press // ISBN: 978-1-4683-1267-6)

Also: Wer zur Hölle ist dieser Frank Turner? Frank Turner ist ein begnadeter (um nicht zu sagen sensationeller) 36jähriger Musiker aus England. Bis 2005 war er als Sänger der Punk/Hardcore-Kombo Million Dead aktiv, um sich nach Auflösung der Band als Singer/ Songwriter zu versuchen. Das tut er bis heute und hoffentlich noch viele weitere Jahre. Seine Texte erzählen Geschichten, lassen Bilder im Kopf entstehen, Tränen fließen und motivieren in großen Teilen dazu, sie mit einem Pint Ale in der Hand lauthals mitzusingen. In seinem Heimatland hat er 2012 die Wembley Arena gefüllt, in Deutschland ist er einem breiteren Publikum spätestens seit dem 2013 erschienenen Album „Tape Deck Heart“ bekannt. Jeder, der nicht zu jenem breiteren Publikum gehört, sollte jetzt bitte direkt bei Spotify, Apple Music oder sonstwo nach Frank Turner suchen und LAUT machen.

In „The Road Beneath My Feet“ nimmt uns Turner mit auf den langen Weg vom Start seiner Solokarriere bis hin zum umjubelten Auftritt in Wembley. Er teilt alle Zweifel, alle Niederschläge, den Auftritt vor den zwei Betrunkenen, die sich durch Zufall in den Laden verirr haben, genauso wie die Lichtblicke, die ersten Erfolge in Russland und den USA und schließlich die Erleichterung über die Anerkennung zu Hause. Das Buch ist wirklich ein Roadtrip, atemlos, ohne Pause. Turner spielt zwischen 2005 und 2012 offenbar hunderte Shows in Clubs, Kneipen, Wohnzimmern und auf Festivals, lässt nicht nach in seinem Willen, immer mehr Menschen für sich und seine Musik einzunehmen. Man spürt, dass er das Buch selbst geschrieben und darauf verzichtet hat, einen Ghostwriter einzuspannen. Aus den Seiten atmet sein Leidensweg zum Erfolg. Er ist ein fantastischer Lyriker und Geschichtenerzähler, jedoch beileibe kein brillanter Autor und das ist in genau diesem Fall auch verdammt gut so. „The Road“ ist echt, packend, emotional. Gedruckter Rock’n’Roll. Lesen, lieben und direkt Tickets für die Tour 2018 – ohne Buch, aber mit Band – kaufen!

Zu meinem vierten und letzten Highlight des Monats Januar, fällt mir ehrlich gesagt keine galante Überleitung ein. Nehmt es einfach als Zugabe. Frank Turner und die Sleeping Souls sind abgegangen, Jubel brandet durch den Club und dann kommt…

 

Fahrenheit 451 (Ray Bradbury bei HarperVoyager // ISBN: 978-0-00-749156-8)

Noch ein Klassiker, der mir bislang verborgen geblieben war. Auf „Fahrenheit 451“ bin ich zugegebenermaßen durch Zufall gestoßen, als ich auf der Suche nach einer schönen originalsprachlichen Ausgabe von Orwells Animal Farm war. Bradbury malt eine Dystopie in deren Zentrum der Feuerwehrmann Guy Montag steht. In seiner düsteren Zukunft ist die Aufgabe von Feuerwehrleuten nicht mehr, Feuer zu löschen, sondern dafür zu sorgen, dass Bücher (und ihre Besitzer) restlos vernichtet werden. Bücher sind verboten, erlaubte Ablenkung und Gehirnwäsche finden die Bewohner der postliterarischen USA in interaktiven Bewegtbildübertragungen, die idealerweise von vier Wänden des Wohnzimmers gleichzeitig auf sie einballern. So leben sie ein Leben zwischen Gleichgültigkeit, Selbstmordversuchen und Freude an der Denunziation der Nachbarn. Ein brennendes Haus in der Straße ist noch deutlich spannender, als Multiscreen-Sitcoms. Montag spürt, dass das was er tagtäglich tut, nicht richtig sein kann und dass an diesen Büchern, die er angehalten ist, mit dem Flammenwerfer in Asche zu verwandeln, mehr dran sein muss, als man ihm erzählt. Er beginnt, heimlich Bücher vor den Flammen zu retten…und damit sei genug des Inhalts verraten. Ich lese nicht wahnsinnig viel englischsprachige Literatur, doch die Lektüre von Fahrenheit 451 war irgendwie anders, besser. Vielleicht lese ich ansonsten nur Schund, aber ich hatte erstmalig das Gefühl, dass ein amerikanisches Buch poetisch daherkommt. Bradburys Sprache ist zauberhaft und fesselnd, er beschreibt die Hölle einer Welt ohne Bücher äußerst „verbose“ und mit einem feinen Gespür für die richtigen, die berührenden Formulierungen. Möglicherweise macht just dieser scheinbare Gegensatz zwischen Schreibe und Beschriebenem die Faszination des Buches aus. Unabhängig davon ist es einfach eine tolle, erschreckende, faszinierende Story, die viel zu oft nicht an eine dystopische Zukunft, sondern unsere Gegenwart gemahnt.

 

So, das war’s. Literaturkritiker werde ich in diesem Leben auch nicht mehr – ebensowenig wie Musikkritiker. So ich jedoch den ein oder anderen dazu inspiriert haben sollte, eines der oben stehenden Bücher zu kaufen und zu lesen ist ein erster Schritt in Richtung einer literarischen Zukunft gemacht. Ziel ist, Ray Bradbury Lügen zu strafen! #LESENROCKT

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