Der Würfel ist gefallen: Monster #1

Monster sind so unterschiedlich und vielfältig wie Menschen. Monster sind klein, groß, dick, dünn. Es gibt kleine knuddelige Monster, wie dasTeufelchen Meffi oder den komischen grünen Kloß mit dem Zyklopenauge aus Monster AG. Es gibt große knuddelige Monster wie Elliot, das Schmunzelmonster oder den Glücksdrachen Fuchur. Es gibt kleine garstige Monster, wie die Gremlins und große abgrundtief böse Monster wie Godzilla, Clover oder H.R. Gigers Alien. Die kleinen und großen knuddeligen Monster haben uns wohlige Schauer über den Rücken gejagt, als wir Kinder waren. Die meisten von ihnen waren ohnehin lieb und bei den wenigen, die anfangs ein bisschen gruselig wirkten, stellte sich schnell heraus, dass sie eigentlich total dufte, von der Gesellschaft missverstanden und eben einfach nur “anders” waren. Man kann sie ohne weiteres als pädagogisch wertvolle Monster bezeichnen. Outlaws im Pelz, die durch Monsterkutte signalisierten, dass sie sich nicht immer so ganz an die Regeln hielten, eine schwere Kindheit hatten oder sich eines ihrer Elternteile eher im Tierreich heimisch fühlte und ihnen daher regelmäßig angebranntes Omelett vorsetzte. Völlig klar, dass man, wenn man in solch ungeordneten Verhältnissen aufwächst, auch mal die Eckzähne fletscht, um die Katze des Nachbarn anzuknabbern oder laut und übelriechend pupst. Die Monster unserer Kindheit waren streng genommen weniger gruselig als einige der realen Wesen, denen wir begegneten. Zumindest war es bei mir so. Ich gehörte nicht zu den Kindern, die ihre völlig entnervten Eltern abends zehnmal unters Bett gucken ließen, ob sich da auch ja kein pelziges, flügeliges, spitzzähniges, blutrünstiges, stachelschwanztragendes Untier versteckte. Dabei hatte ich ein Hochbett. Da hätten King Kong, der T-Rex aus Jurassic Park 1 und Mrs Ochmonek drunter gepasst. Ehrlich, ich war ziemlich cool mit Monstern. Die, die ich kannte, waren auch allesamt okay. Es gab den kleinen Vampir, der zwar Vegetarier, aber ansonsten ganz verträglich war. Es gab besagten Meffi, ein kleines Teufelchen, das für sein Leben gern Leberwurstbrote aß. Und es gab den GuRie, den guten Riesen, der – sein Name lässt es erahnen – auch nicht gerade der Schrecken der Straße war. Ansonsten war meine Kindheit, soweit ich mich erinnern kann, ziemlich frei von Monstern, zumindest von herkömmlichen, also denen, die sich durch Augenanzahl größer zwei, Fell, Stacheln und sonstige Merkmale als solche zu erkennen gaben. Ein ganz und gar andere Sache war es mit jenen, die man eben nicht auf den ersten Blick identifizieren konnte.

So gab es einen alten Collie auf dem Nachbargrundstück, der Askan hieß. Den ganzen Nachmittag rekelte er sich faul auf den sonnenwarmen Platten der Auffahrt rechts des Hauses. Ab und zu nur stand er auf, bewegte sich langsam, so als würde dem armen Kerl jeder Knochen weh tun, ging schwerfällig ein paar Schritte und legte sich erschöpft schnaubend wieder hin. Links des Hauses, gab es einen großen Gemüsegarten, sicher so lang wie ein halbes Fußballfeld, der längs der Straße verlief. Der Garten war durch eine Buchenhecke von der Straße getrennt. Hinter den Gemüsebeeten, in denen verschiedenste Kohlsorten, Rettiche, Möhren, Rhabarber, Kartoffeln, Johannis- und Stachelbeeren wuchsen, erhob sich ein Luftschutzbunker zwischen alten Bäumen, die einen kleinen Graben säumten, der das Ende des Grundstücks markierte. Auf der anderen Seite des Grabens lag der Friedhof. Auf der Straße hinter der Buchenhecke waren im Sommer zumeist Kreidelinien zu sehen, die mit ein wenig Phantasie die Form eines Fußballfeldes erkennen ließen. Die Linien waren da, weil wir sie zu Beginn des Sommers auf den Asphalt auftrugen und regelmäßig nachzogen. Nach Schule und Mittagessen standen mit schöner Regelmäßigkeit hochklassige Begegnungen zwischen uns und den Jungs vom Fort Shaar jenseits der Kurt-Schumacher-Straße an. Nur die richtig großen Spiele trugen wir auf dem Bolzplatz am Altengrodener Weg aus. Für den regulären Ligabetrieb musste unser Straßenfeld genügen. Hin und wieder kam es im Spielbetrieb natürlich vor, dass eine hochgeschlagene Flanke ihr Ziel verfehlte und im Seitenaus landete. Das war im Allgemeinen nicht weiter dramatisch. Landete sie jedoch auf der Nordseite des Feldes zu weit im Seitenaus, überflog der Ball mithin die besagte Buchenhecke, hinter der sich der Gemüsegarten zur linken Seite des Haues befand, auf dessen rechter Askan in der Sonne lag. Sobald das passierte, wurde ein Best-of-3 Schnickschnackschnuck ausgespielt. Der Verlierer wusste, dass er die ehrenvolle und brandgefährliche Aufgabe hatte, den Ball aus dem Garten zu holen. Es gab streng genommen nur einen Weg das zu tun. Der Garten war etwas höher gelegen, so dass es unmöglich war, die Hecke von der Straße aus zu überspringen. So hatte der per fairem Spiel bestimmte Abenteurer keine andere Wahl, als das Grundstück durch das Tor zur Auffahrt zu betreten. Es galt also eben jenes so leise zu öffnen, dass Askan nicht aufwachte, sich an Hund und Haus vorbei in den Garten zu schleichen, den Ball zu schnappen, über die Hecke zurück ins Feld zu werfen und … ja, dieses “Und” war das eigentliche Problem. Auch vom Garten aus, konnte selbst mit ordentlich Anlauf nur die wenigsten von uns über die Hecke springen, ohne hängen zu bleiben, einen soliden Flurschaden anzurichten oder sich gar zu verletzen. Also gab es genau zwei mögliche Rückwege: Je nachdem um welche Ecke des Hauses  Askan kam – und er würde kommen, das war so sicher, wie das Amen in der Kirche – konnte der Ballretter in die andere Richtung um das Gebäude herum zurück zum Tor rennen. Das war Möglichkeit eins. Riskant, aber machbar. Die zweite Fluchtmöglichkeit bestand darin, von der Straße weg in Richtung Bunker zu rennen und mit einem großen Satz den Graben zu überspringen, bevor sich Askans Kiefer um die Knöchel des Helden schlossen. Der Collie war nämlich alles andere als alt und lahm. Sobald er ein Kind auf dem Grundstück witterte verwandelte er sich in eine geifernde, rasende Bestie, die nichts anderes im Sinn hatte als Blut aus den Venen frisch erlegter D-Knaben zu schlürfen. Wenn sein Herrchen da war, gab sich die Töle stets lammfromm, sobald der alte Hobbygärtner jedoch nicht hinguckte und auch nur ein Hauch von Kinderschweiß in der Luft lag, war das Biest entfesselt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich beinahe mein Leben zwischen Buchenhecke und Friedhofsufer verloren habe, aber ich weiß seitdem, was Angst ist. Die wahren Monster lauern nicht unter dem Bett, sondern allzu oft im Gemüsegarten des netten Pensionärs gegenüber.

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