Bewegte Jugend #3: HipHop, Teil 1

Wie genau es mir in den Sinn kam, gerade über HipHop zu schreiben, entzieht sich meiner Kenntnis. Es muss wohl eine unterbewusste Eingebung gewesen sein, die möglicherweise dem Umstand geschuldet war, dass ich vor einigen Tagen über Rage Against The Machine im Speziellen und Musik in den 90ern im Allgemeinen geschrieben habe. Anders kann ich es mir nicht erklären, denn streng genommen habe ich überhaupt keine Ahnung von HipHop. Ich kann nicht von mir behaupten, ein B-Boy der ersten Stunde gewesen zu sein, habe mich niemals daran versucht zu scratchen oder zu rappen oder gar zu breakdancen. Run DMC fanden Ende der 80er so nebenbei am Rande meines Hörfeldes statt, und ich schenkte ihnen ehrlich gesagt nicht groß Beachtung. Zwar sollte ich in durchaus intensiven Kontakt mit der damals noch jungen Dortmunder HipHop-Szene kommen, aber das war deutlich später

Wie bereits an früherer Stelle erwähnt, waren die 90er musikalisch ein extrem spannendes Jahrzehnt, in dem sich irgendwann alles mit allem vermischte. Für mich stellte es sich als äußerst schwierig heraus, ein eindeutiges Glaubensbekenntnis abzugeben. Ich mochte NOFX und die Black Crowes. Ich stand auf Pearl Jam und die Manic Street Preachers – auf letztere zugegebenermaßen mit Abstrichen. Bei der Black-Album-Tour habe ich wie hypnotisiert in der Westfalenhalle gestanden und ungläubig James Hetfield angestarrt, während im CD-Regal meines Jugendzimmers R.E.M.s “Out of Time”, “Innuendo” von Queen, KLFs “The White Room”, Skid Rows “Slave to the grind”, “Blood Sugar Sex Magik” und natürlich “Nevermind” friedlich nebeneinander stehend ihres nächsten Einsatzes harrten. Ja, ich begann eindeutig eine Vorliebe für harte Gitarrenmusik zu entwickeln, die ab 1992 auch gerne schneller sein durfte – Favoriten dieses Jahrgangs waren unter anderen Social Distortion “Somewhere between heaven and hell” und NOFX “White Trash, two heebs and a bean”. Aber, und das ist definitiv der Zeit geschuldet, es gab so viel anderes, das neu und unmöglich zu ignorieren war. Einmal kurz nicht aufgepasst und schon stand aller zart keimenden Punkrock Credibility zum Trotz “De La Soul is dead” im Schrank. Fabian führte mir noch vor unserer bereits beschriebenen RATM-Listening Session außerdem A Tribe Called Quest, Public Enemy und Arrested Development zu. Ich meine, ehrlich, wie sollte ich mich für eine Seite entscheiden? Glücklicherweise ging das vielen meiner Freunde so. Möglicherweise war das auch der Grund dafür, dass im allgemeinen Spannungsfeld zwischen Beats und Riffs so großartige Dinge wie der Judgement-Night-Soundtrack und Body Count oder auch eher fragwürdige Experimente a la Dog Eat Dog passierten. Alles lief gleichzeitig und durcheinander und eigentlich hätten wir total verwirrt sein müssen, waren wir aber nicht, da das Chaos ja unsere Normalität war.

Allein die Wahl der korrekten Uniform stellte ein Problem dar. Puristen hatten es da deutlich einfacher. HipHopper waren damals noch Baggy unterwegs, nach Erscheinen von “Die da” 1991 auch gern in Klamotten der Marke Home Boy – die blaue Jacke sah an Hausmeister Thomas D einfach hervorragend aus. Gruftis gingen in schwarz und Metalheads in Kutte. Für uns, die wir in der Hardcore-Crossover-Grunge-Skatepunk-Hippie-Szene unterwegs waren, gestaltete sich die Demonstration der Zugehörigkeit zu irgendeiner Form von Jugendkultur deutlich schwieriger. Outfitesque liefen alle Fäden in der Brückstraße zusammen. Von der Reinoldikirche kommend, ließ man die Popper-Boutique Coast rechts liegen und arbeitete sich an Moon Boots, Erwachsenen Kinos und dem Kartoffel-Lord, der zumindest damals brutal leckere vegane Teigtaschen verkaufte, vorbei zu einer kleinen Passage linker Hand vor. Links des Eingangs war der DocMartens Store, hinter dem Eingang rechts ein Laden namens “Dressed to kill” und am Ende des kurzen gefliesten Flurs der Skateboardshop. In diesem Epizentrum des erlesenen Geschmacks gab es praktisch alles, was den jungen, musikalisch verwirrten Crossover-Recken kleidete. Gut, für gebrauchte Bundeswehr-Hosen musste man zum Army Store auf dem Hellweg, aber ansonsten blieben keine Wünsche offen. Auf Basis der vorhandenen Auswahl wurde nunmehr fröhlich alles kombiniert, was bezahlbar war, und schon bald sollte dieser rasante Stilmix prägend sein für die gymnasiale Straßen-Couture der 90er Jahre.

Wir schwammen gegen den Strom, alle zusammen und das zeigten wir. Naja, eigentlich schwammen wir quer durch verschiedene Ströme hindurch, aber egal. Wir passten uns keiner einzelnen Jugendkultur an. Wir nahmen uns aus jeder das, was uns gefiel und schmissen die Einzelteile mehr oder weniger sinnvoll wieder zusammen. Musik für uns Freischwimmer gab’s am Westentor bei Idiots Records. Hier gehe ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht weiter in die Tiefe, da die Geschichten über den Laden von Sir Hannes und das daneben liegende Café Banane Stoff für einen eigenen Text liefern würden und – wenn ich es mir recht überlege – auch werden.

Was das alles mit HipHop zu tun hat? Bislang nicht allzu viel, aber wir befinden uns ja auch immer noch im Jahr 1992. Advanced Chemistry und Too Strong waren noch nicht auf der Bildfläche erschienen, HipHop war entweder englischsprachig, Fanta4 oder so nischig, dass er (noch) an uns vorbei ging. Underground hin oder her, musikalische Hauptinformationsquellen waren das nachschulische Zappen zwischen Viva und MTV und eben Sir Hannes – wobei uns letzterer deutlich lieber mit Sepultura und Sick Of It All, als mit State Of Departments oder den Stieber Twins versorgte. Außerdem steht im Titel laut und deutlich “Teil 1”. Somit kann es doch wohl nicht zu viel verlangt sein, sich noch ein wenig in Geduld zu üben, bevor ich in Sachen HipHop auf den Punkt komme. Vielleicht komme ich auch gar nicht mehr auf den Punkt, weil ich keinen Bock habe, einen zweiten Teil zu schreiben. Vielleicht schreibe ich das nächste Mal viel lieber über Idiots Records oder die eingemachte Rote Beete unserer Nachbarin. Vielleicht habe ich auch einfach den Faden verloren und weiß gar nicht mehr, was ich eigentlich erzählen wollte. Na und?! Ist doch völlig egal, oder? HipHop – komisches Wort…

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