Gedanken über die Freiheit

„Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit.“ (Aldous Huxley)

“Let freedom ring with a shotgun blast.” (Machine Head)

Freiheit ist ein Gut, für das Millionen Menschen auf diesem Planeten kämpfen. Menschen sterben für Freiheit. Jeden Tag. Tausendfach.

Ich liege in einem Park. Es ist ein schöner Park. Gänseblümchen, Löwenzahn und Klatschmohn zieren das satte grün der Wiese wie naive Stickerei. Kinder spielen mit jungen Hunden, junge Hunde buhlen um die Liebe ihrer jungen Besitzer. Leichtbekleidete Liebespaare lesen leichte Literatur, trinken leichten Wein, erleichtern sich manchmal an der leicht zum Bach abfallenden Böschung. Leichte Brisen helfen in regelmäßigen Abständen die sengende Kraft der Sonne zu ertragen.

Jogger tragen Kappen mit eingestickten Polospielern. Unvorteilhaft gekleidete Frauen mittleren Alters schwingen ihre Nordic-Walking-Stöcke wie Dreschflegel, arbeiten sich Zentimeter für Zentimeter schwer atmend dem Aperol Spritz entgegen, der auf der Terrasse ihrer Jugendstil-Stadtvilla auf sie wartet. Eine Spinne rutscht auf meiner schweißfeuchten Brust aus. Ich zerquetsche sie zwischen Daumen und Zeigefinger und zünde mir eine leichte Gauloise an. Eine Gruppe Jugendlicher stößt mit Beck’s Gold Dosen auf das Wochenende an. Paul Heaton gibt mir wertvolle Tipps: Baby, let’s drink and drive. Eine mädchenhaft  gekleidete, pinkfarbene Mittdreißigerin mit Hornbrille stakst Eis essend auf mich zu, spricht mich nicht an. Taio Cruz kündigt einen auf ihrem Smartphone eingehenden Anruf an.

Alle Menschen hier sind rosabeige (wobei sie sagen würden, Bronze sei der richtige Ausdruck), blond und wirken entspannt. Nichts verbindet uns außer der allgegenwärtigen Leichtigkeit, die mit jedem Vogelzwitschern, jedem Kinderlachen, jedem 911-Turbo-Kavalierstart an der Ampel hinter den Bäumen zu rufen scheint:

„Ich bin da, ich gehe nicht weg. Ich decke dich heute Abend zu und küsse dich morgen wieder wach. Sorge dich nicht, lebe – be part of my party und bleibe in Positur, damit das wundervolle Bild der domestizierten freien Welt nicht verwackelt.“

Möglicherweise würde sich die Leichtigkeit nicht ganz so geschwollen ausdrücken, aber wir lieben die Idee, dass weise Worte auf Stelzen daherkommen – selbst, wenn sie nur von einer Sommerbrise in unseren Kopf gepustet werden. Wir lieben die Leichtigkeit des Seins, das savoire vivre der südhangschwangeren Sorglosigkeit, des inhaltsleeren Gedanken light, der in einer proteinfreien Zukunft Wirklichkeit oder zumindest Wahrheit wird. Eine Zukunft, die nichts anderes für uns bereit hält, als eine Retrospektive des bisherigen Gesamtwerkes, maximal eine leicht variierte Wiederholung altbekannter Muster. Und das ist alles, wonach wir streben, jeder für sich, für seinen Mikrokosmos, für Anerkennung, für Applaus, für Geld. Die Wiederholung besserer Tage, die Variation eines Themas, das wir kennen und mit Leichtigkeit mitsingen können. Es gibt keine Unbekannte, kein x, kein y, kein Alpha, kein Omega, nur Sein Light. Vorhersehbar. Berechenbar. Im Idealfall genießbar. Das Streben nach Höherem ist durch die Abwesenheit des Höheren von vornherein ausgeschlossen. Hier gibt es kein oben und kein unten, hier gibt es nur heute und morgen. Keine Ausfahrt, nur verschiedene Geschwindigkeiten auf  dem selben Rundkurs. Bist du schneller, gewinnst du. Bist du langsamer, verlierst du. Ganz gleich, ob Sieger oder Verlierer, der Weg ist identisch. Runde um Runde. Start ist gleich Ziel. Wir hätten die Freiheit, aus dem Kreis auszubrechen, die Bahn neu zu verlegen, aber wir tun es nicht. Freiheit ist für uns, die wir hier in der Sonne liegen, zu einer Selbstverständlichkeit verkommen, die im täglichen Leben den Stellenwert von sonntäglichem Spargel oder einer frisch aufgebrühten Tasse Crema et gusto hat.

Möglicherweise ist unsere geringschätzige Sorglosigkeit im Umgang mit der Freiheit darauf zurückzuführen, dass sie sich niemand von uns erkämpfen musste. Wir nicht, unsere Eltern nicht und auch nicht unsere Großeltern. Ihr Kampf bestand darin, einem geisteskranken Anführer folgend alle anderen Völker Europas ins Unglück zu stürzen, bis uns die größeren unter ihnen mit Hilfe aus Übersee zurückschlugen, um uns dann anschließend die Freiheit auf einem Silbertablett zu überreichen. Bitteschön. Nehmt sie und macht was draus.

Wir sind nie gegen ein System der Unterdrückung aufgestanden, wie die Franzosen, die Bürger der DDR, die Tschechen oder die Ägypter. Wir haben nie aus eigener Kraft die Hindernisse überwunden, die auf dem Weg zu einer demokratischen Verfassung stehen, wie die Amerikaner oder die Engländer. Wir haben nicht gemacht, wir wurden gemacht. Das Wort „Kampf“ ist bei uns nicht nur auf Grund eines Buchtitels negativ konnotiert, sondern weil wir nie geeint als Volk für etwas Positives gekämpft haben. Einige wenige ja. Aber nie alle zusammen für die Freiheit. Gemeinsam aktiv ein besseres Hier-und-jetzt zu gestalten, unsere geballte Kraft für die Freiheit jedes einzelnen einzusetzen, das haben wir nie gelernt. Kein Wunder also, dass wir den beinahe grenzenlos weiten Rahmen, den die Gesellschaftsordnung uns fürs freie Spiel steckt, nutzen, um möglichst kleine Hunde zu züchten und möglichst große Autos zu bauen.   

„Aber wir stellen uns eben die Zukunft wie einen in einen leeren Raum projizierten Reflex der Gegenwart vor, während sie oft das bereits ganz nahe Ergebnis von Ursachen ist, die uns zum größten Teil entgehen.“ (Marcel Proust)

Mit anderen Worten: Die Zukunft ist heute. Das Konstruieren einer besseren Zeit als potentielle Summe potentiell auftauchender Summanden ist nichts weiter als das Heilversprechen, das wir aus dem Religionsunterricht kennen. Es verleugnet die Realität, erspart die Notwendigkeit zu Handeln und beraubt uns der Chance, die Gegenwart besser zu gestalten. Es ist, als würden wir alle zusammen durch eine Höhle tauchen. Wohl wissend, dass die Atemluft nicht mehr ausreicht, um umzukehren, schwimmen wir weiter und fokussieren uns auf den Gedanken, dass irgendwo „da vorne“ Atemluft und Sonnenlicht auf uns warten müssen. Jeder Tunnel hat doch ein Ende, oder? Aber was passiert, wenn wir versuchen, statt geradeaus weiter zu tauchen, einen anderen Ausgang zu finden, Gestein aus den Wänden herauszubrechen oder den Tunnel zu sprengen? Keine Ahnung. Wahrscheinlich stürzt er ein und wir müssen alle sterben.

“Jaqueline, du sollst dem Marzel nicht mit der Schippe auf den Kopp hauen – dat is’ doch kein Fremder.” (Herbert Knebel)

“A Christian, an Anarchist slash Prostitute, figures out the true meaning of freedom, not freedom like America, freedom like a shopping cart” (Fat Mike)

Definitionen von Freiheit gibt es so viele, wie es denkende Menschen gibt. Ich versuche mich in aller Kürze anzunähern: In “Leviathan” beschreibt Thomas Hobbes die Freiheit als “die Abwesenheit von allen Hindernissen für Tätigkeiten, weil Hindernisse im Wesen des Menschen abwesend sind.” Leider führt dieses Wesen des Menschen, dessen einzige angeborene Vernunft darin besteht, dem “Gebot der Selbsterhaltung” zu folgen, zwangsläufig zu Mord und Totschlag, wenn man das Zusammenleben der egoistischen Vernunftwesen nicht reguliert. Es gilt eine universelle, nicht individuelle Vernunft zu entwickeln, die Frieden ermöglicht. Außerhalb des Naturzustandes, in dem jeder jedem “mit der Schippe auf den Kopp” haut, sieht Freiheit (dem Allgemeinwohl geschuldet) auf einmal anders aus. “Die Freiheit ist eigentlich ein Vermögen, alle willkürlichen Handlungen den Bewegungsgründen der Vernunft unterzuordnen.”, schreibt Immanuel Kant und meint damit die Vernunft, die es braucht, eine Gemeinschaft zu bilden und aufrecht zu erhalten. Hier läuft das Konstrukt dem Naturzustand des Menschen erst einmal zuwider, da es die Abwesenheit von “Hindernissen” durch einen Kompromiss ersetzt. Dieser Kompromiss ist jedoch notwendig (und vernünftig), um die mittelfristige Existenz des Menschen als top notch Säugetier sicherzustellen (Vernunft = Selbsterhaltung) und die Gültigkeit von Darwins Gesetz vom “Überleben des Stärksten” auf das Tierreich zu beschränken.

“Die Freiheit ist dein höchstes Gut. Sie kann dich nicht schön, reich, stark oder glücklich in Augen der Welt machen, aber sie kann dich frei machen. Die Freiheit macht dich nicht zum Herrn über die Sachen, sondern zum Herrn über dich selbst.” (Descartes)

Diese, bereits im 17 Jahrhundert aufgeschriebene, Definition von Freiheit ist meiner Ansicht nach universell und bis heute gültig. Sie lässt Gesellschaftsformen außer Acht und steht doch nicht im Widerspruch zu den oben zitierten neueren Begriffserklärungen. Kombiniert man “Herr über dich selbst” sein, mit der Vernunft, die uns dazu treibt, in einer regulierten Gesellschaft zusammen zu leben (und sei es nur, um den Schippen auszuweichen), kommt man meines Erachtens zu einer recht veritablen, zeitgemäßen Definition. Niedergeschrieben ist sie unter anderem im deutschen Grundgesetz, Artikel 2, §1: “Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.”

Gesetzt den Fall, dass die Verfassung (zum Sittengesetz später mehr) ebenfalls auf der reinen Vernunft gründet, sprich den Maßstäben dafür, was vernünftig ist, um ein friedliches Zusammenleben in individueller Freiheit zu gewährleisten, ist dies eigentlich eine nahezu perfekte Zusammenführung von Descartes und Kant. Deskant quasi. Allein zwei Feinde hat das Gesetz: Den Menschen und die Religion.

Der Mensch: Kant, Hobbes und Locke konnten nicht auf dem Schirm haben, dass in den mittlerweile (über)reglementierten, westlichen Gesellschaften die Vernunft des überwiegenden Teils der Bevölkerung nach und nach pervertiert ist und so Freiheit mit Konsumfähigkeit gleichgesetzt wird. Das Wohl der Gesellschaft, die mir (dem Einzelnen) ermöglicht zu überleben steht eben so wenig an erster Stelle, wie die Selbsterhaltung, die ohnehin durch den Staat gesichert ist. Diese Absicherung, die eines der vordringlichsten Ziele ist, wenn Menschen eine Gemeinschaft bilden, erschafft die Illusion, dass Staat und somit Sicherheit “gottgegeben” seien. Das Engagement des nun mehr nicht mehr zur Selbsterhaltung aufgerufenen Menschen richtet sich folglich auf andere Kriegsschauplätze, wie zum Beispiel, sich “schön, reich, stark oder glücklich (zu) machen in den Augen der Welt”. Das natürliche Streben nach persönlicher Freiheit verkommt zu dem Streben danach, durch Anhäufung materieller Güter darzustellen, “freier” zu sein, als alle anderen. “Freedom like a shopping cart” – Freiheit ist heute viel mehr Fat Mike als Descartes.

Die Religion: Den großen christlichen Religionsgemeinschaften und anderen einflussreichen Hütern über Moral, Anstand und Sitten, werden diverse Hinter- und Vordertüren zur Einflussnahme auf das Zusammenleben und das “Ausüben von Freiheit” in Deutschland offen gelassen. Die größte und am deutlichsten, als Eingangspforte für Nicht-Vernunft-Getriebene gekennzeichnete, ist das oben bereits erwähnte “Sittengesetz”. Was mag das nur sein? Wer danach sucht, sucht vergebens. Es gibt kein ausformuliertes deutsches Sittengesetz, das als gültige Norm niedergeschrieben vorliegt. Das Sittengesetz ist (lediglich) Ausdruck dessen, was von der Mehrheit der Gesellschaft als sittsam, bzw. anstößig empfunden wird. Was für Einflüsse gibt es auf dieses von der Legislative gefühlte/ erahnte Empfinden der Mehrheit? Im idealen (maximal unwahrscheinlichen) Fall Immanuel Kants Metaphysik der Sitten, die sehr offen (daher meta-…) und theoretisch stark verkürzt das Folgende sagt: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.” Im schlimmsten (wahrscheinlichen)  Fall ist Haupteinflussfaktor der KKK (Katechismus der Katholischen Kirche). Dieser zwischen 1985 von Johannes Paul II beauftragte und bis 1992 unter anderem von Joseph Ratzinger erarbeitete “Weltkatechismus” nimmt wichtige Entscheidungen des 2. Vatikanischen Konzils zurück und dreht die christliche Welt wieder in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Warum das eine Rolle spielt? Weil alle Handlungen und Entscheidungen, die nicht durch Vernunft, sondern durch Willkür (sprich: Religion) getrieben sind, unserer persönlichen Freiheit entgegenstehen. Natürlich ist allgemeine Moral und ein grundlegendes ethisches Verständnis (Naturgesetz), das vor allem auf den 10 Geboten fusst, Teil dessen, was wir (und auch Kant und Hobbes) als Vernunft beschreiben, aber: die christlichen (katholischen) Sittengesetze, wie im KKK niedergeschrieben, sind derart, altbacken und schwammig, dass sie allen Raum für Interpretation lassen. Wer interpretiert Kirchengesetze? Richtig. Kirchenvertreter.

Zugegeben, Punkt 2 ist sehr schwarz-weiß dargestellt. In den vielen Graustufen zwischen Kant und Katholizismus hat nach wie vor der reiche, durch eine bewegte (lehrreiche) Geschichte geprägte, Erfahrungsschatz Deutschlands und Europas den stärksten Einfluss darauf, was in der Gesetzgebung und -auslegung als moralisch korrekt und somit “sittlich” definiert wird. Das ist in vielen Teilen richtig und zielführend, so lange a) die Religion außen vor bleibt und b) die Gesellschaft und ihre politischen Vertreter in der Lage sind zu identifizieren, welche sittlichen Leitplanken die Mehrheit für ihre freie Entfaltung akzeptiert. Das kann sie nur, wenn möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft möglichst viel Gebrauch von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung machen und somit der Gesellschaft sagen, was sie wollen, damit die Legislative dann abwägen kann, ob eine Verschiebung der Leitplanken der Maximierung der Freiheit aller (der Mehrheit) dient. Ich halte fest, dass wie oben (arg verkürzt) dargestellt, in unserer Gesellschaft die rechtlichen Rahmenbedingungen, um persönliche Freiheit nach der aufgestellten Deskantschen Definition zu erlangen, gegeben sind. So weit, so beruhigend. Nun zurück in die Realität und zur Frage “was machen wir eigentlich mit der ganzen Freiheit”?

Im Park der rosabeigen Leichtigkeit ist inzwischen so etwas wie Ruhe eingekehrt. Die Becks Gold trinkenden Jugendlichen sind in der Sonne eingeschlafen, das Nordic Walking Bataillon starrt Aperol Spritz trunken hinter Kirschlorbeerhecken verborgen auf Gärtnerhintern und Pillendöschen. “Chabos wissen wer der Babo ist”, tönt es aus einem langsam vorbeirollenden Benz. Kurz denke ich darüber nach, mich über die ökologische Sinnlosigkeit von Hybrid-Fahrzeugen zu empören, überlege es mir dann aber anders und nehme noch einen Schluck von meiner Coke Light.

“Freiheit ist das einzige was zählt” (Marius Müller-Westernhagen)

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