Bewegte Jugend #2: Rage against the machine

Vor einigen Wochen habe ich ein Video gesehen, das zeigt, wie ein Typ im Auto zum ersten Mal Rage against the machine hört. Zwei Fragen drängten sich mir sofort auf:

1. Wie kann es bitte passieren, dass irgendjemand im Jahr 2017 zum ersten Mal Rage against the machine hört?!

2. Wann habe ich eigentlich zum ersten Mal Rage against the machine gehört, und wo war ich währenddessen und was hat das mit mir gemacht?

Zugegeben. Das sind vier Fragen, die ich einigermaßen hilflos versucht habe, als zwei zu tarnen. Darüber hinaus würde mir auch noch eine fünfte einfallen: Wie genau hat der Typ in dem Auto im Video eigentlich sein bisheriges Leben verschwendet? Das soll hier jedoch nicht das Thema sein, da ich mich zwangsläufig in wilden Spekulationen und ehrabschneidenden Mutmaßungen verlieren würde. Deutlich lieber wende ich mich den Fragen zwei bis vier zu.

Mein Jahr 1992 zeichnete sich durch verschiedene mehr oder minder prägende Ereignisse aus. Ich wurde 16. Die Sommerferien verbrachte ich mit meinen Freunden Mickey und Benny und einem Typen, der darauf bestand, dass wir in Bono Vox nannten, auf einem Campingplatz an der Costa Brava. Ich erhielt einen stabilen Korb von einem wunderschönen Mädchen aus Frankreich, spielte mit meiner Band einige Konzerte, zu denen tatsächlich zahlenden Besucher kamen und saugte mehr neue Musik in mich auf, als jemals zuvor in meinem Leben. Außerdem gab es da noch den bedauerlichen Unfall in der Halfpipe, auf den ich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen werde. Jetzt soll es um Musik gehen!

Die Jahre 1991 – 1995 waren entgegen ihrer landläufigen Beurteilung durch inzwischen ergraute Popmusikkritiker, die  in den späten 60ern von bekifften Fremden im Vorbeigehen auf abgewetzten Biedermeiersofas gezeugt wurden, musikhistorisch eine extrem wichtige und am Rande bemerkt äußerst aufregende Zeit. Besagte Kritiker halfen in ihrer späten Jugend und frühen Adoleszenz tatkräftig dabei mit, den gerade erst aufgekeimten Punkrock der späten 70er zu Grabe zu tragen, der – Johnny Rotten sei’s gedankt – das Flower-Power-Schalala ablöste, zu dem ihre Eltern auf besagtem Sofa ergebnisoffen gerammelt hatten. Direkt im Anschluss zerrten sie belanglosen Synthie-Pop aus dem antiseptischen Geburtskanal einer Technokraten-Bumspuppe und erzählen bis heute allen, die es nicht wissen wollen, dass sie der Welt damit einen Gefallen getan hätten. Am Arsch! Ihr habt uns 80er Partys gebracht. Eine der größten Geißeln der Menschheit neben Helene Fischer und alkoholfreiem Prosecco.  Zum Glück haben wir die Nummer wieder gerade gebogen. In den 90ern. Da wart ihr abgelenkt, weil ihr auf den stellvertretenden Fillialleiterposten scharf wart. Und wir, wir haben ganz nonchalant den Punk zurückgebracht.

Die Plastikpopherrlichkeit der 80er wurde mit Beginn des nächsten Jahrzehnts auf verschiedenen Ebenen attackiert. Nevermind von Nirvana war 1991 nur ein Einschlag – wenn auch einer der entscheidenden – der den Mainstream erschütterte. Tatsächlich ging es um mehr, als darum, dass plötzlich wieder Dilettanten mit verzerrten Gitarren in den Charts waren. Ja, Grunge kam mit Macht, mit Badmotorfinger und Ten noch im selben Jahr. Gleichzeitig öffnete sich HipHop den Indie Kids (Beastie Boys, Cypress Hill, House of Pain) und suchte die Nähe zu Metal und Hardcore, während Bands wie die Red Hot Chili Peppers, Jane’s Addiction und Suicidal Tendencies von der anderen Seite die Genremauern einrissen. NY Hardcore-Bands wie Gorilla Biscuits und Youth of Today hatten jenseits des Teichs bereits für eine Wiederbelebung harter, schneller Musik abseits der Charts gesorgt, kombinierten Punk, Metal und HipHop-Einflüsse und bereiten den Boden für Hardcore-Rap-Hybriden wir Biohazard. Das alles passierte gleichzeitig und innerhalb kürzester Zeit. Gefühlt gab es jeden Tag “das neue Ding” zu hören. Und jedes Mal war es neu, anders und aufregend.

Als das Debut von Rage against the machine auf den Markt kam, gab es bereits im Vorfeld ein Riesen-Trara. Kritiker überschlugen sich. Musikerfachmagazine jubilierten, Legendenbildung setzte ein, bevor wir überhaupt einen Ton gehört hatten. Fabian hatte die CD als erster meines Freundeskreises. Ich fuhr mit dem Fahrrad zu ihm, um sie gemeinsam mit ihm zu hören. Fabian war ein begnadeter Pianist, der inzwischen auf Schlagzeug umgeschult hatte und auf dem neuen Instrument ähnliche Kunstfertigkeit wie an den Tasten entwickelte. Er war damals schon deutlich mehr auf Funk und HipHop, während ich Helmet verfallen war und immer noch mit einem Bein im Grunge stand. Als er die Tür öffnete war er völlig geflasht – er hatte vorgehört – und bugsierte mich so schnell wie möglich durch Ess- und Wohnbereich in sein Zimmer. Die Vorschusslorbeeren, die er der neuen “Wunderband”, von der alle sprachen, auf dem kurzen Weg gab, waren gewaltig. Möglicherweise war das auch der Grund dafür, dass ich erst einmal ziemlich gefasst blieb, als die ersten Noten von Bombtrack aus den Yamaha-Boxen tropften. Ich fand das, was ich hörte, ehrlich gesagt ziemlich “hiphop”, dafür das alle sagten und schrieben, sie wären so hart. Mein erster Kontakt mit Rage kam also nicht im geringsten einem Erweckungserlebnis gleich. Als ich dann jedoch nach Killing in the name und Take the power back endlich begriffen hatte, wie unfassbar tight Drummer und Bassist zusammenspielten und dass all diese merkwürdigen Geräusche aus einer Gitarre kamen und die Lyrics aber sowas von Punk waren, war es auch um mich geschehen. Was genau das war, was wir da hörten, wussten wir indes nicht. War das jetzt HipHop, war es Hardcore, war es Punk, Funk, Rock? Die Kombination aus gerappten Vocals und harten Gitarren war zu dem Zeitpunkt nicht neu. Biohazards “Urban Discipline” war bereits im Sommer erschienen. Eine so kompromisslose Platte, eine solche Einheit aus Musik und Lyrics, hatten wir jedoch noch nicht gehört, darin wurden Fabian und ich uns recht schnell einig.

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